Krieg auf der Arabischen Halbinsel Der Jemen leidet still, der Jemen stirbt still

Tausende Menschen sterben im Jemen durch Kämpfe, an Hunger und Durst. Am härtesten trifft es die Kinder. Doch der Westen guckt weg: Weil niemand flüchtet - und eine der Kriegsparteien in Deutschland Waffen kauft.

REUTERS

Von


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Mehr als 105.000 Flüchtlinge sind seit Jahresbeginn über das Meer gekommen, schon jetzt mehr als im gesamten Jahr 2015. Bei der Überfahrt riskieren sie ihr Leben und sie kommen in ein Land, das mit der Flüchtlingskrise völlig überfordert ist. Die Rede ist nicht von Italien oder Griechenland, es geht um den Jemen.

Zehntausende Menschen aus Äthiopien und Somalia reisten in den vergangenen Monaten über den Golf von Aden. Sie wollen weiterziehen in die reichen Golfstaaten und wissen meist nicht, dass sie in einem Land landen, das in einem Bürgerkrieg versinkt und in dem mehr als 80 Prozent der einheimischen Bevölkerung auf humanitäre Hilfe angewiesen sind. Da hat die Flüchtlingskrise für den Jemen nicht die oberste Priorität.

Seit mehr als 20 Monaten führt eine Militärkoalition mit Saudi-Arabien an der Spitze Krieg im Jemen. Ihr Ziel ist es, die Huthi-Rebellen, die 2014 die Hauptstadt Sanaa und große Teile des Landes unter ihre Kontrolle gebracht hatten, von der Macht zu vertreiben und Präsident Abd Rabbuh Mansur Hadi wieder einzusetzen. Seither ist es der Allianz gelungen, die Aufständischen aus der Hafenstadt Aden und dem Südjemen zu vertreiben, doch noch immer herrschen die Huthis in Hudaida, der größten Stadt am Roten Meer, in der Hauptstadt Sanaa und in der Bergstadt Taizz. Im Osten stehen ländliche Gebiete unter der Kontrolle der Terrororganisation al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel.

Die Lage im Jemen
SPIEGEL ONLINE

Die Lage im Jemen

Saudi-Arabien ist einer der wichtigsten Importeure von Rüstungsgütern aus Deutschland. Bei seiner letzten Sitzung genehmigte der Bundessicherheitsrat die Lieferung von mehr als 40.000 Artilleriezündern für das Königreich. Und Saudi-Arabien setzt Artillerie gegen die Huthi-Milizen im Norden Jemens ein.

Europa kann es sich leisten, das Leiden zu ignorieren

Innerhalb des Landes sind rund 2,2 Millionen Menschen vor den Kämpfen geflohen, mehr als 10.000 Menschen wurden nach Angaben der Vereinten Nationen getötet. Doch das sind nur die unmittelbaren Opfer des Krieges. Schon vor Beginn der Militäroffensive war Jemen das Armenhaus der Arabischen Welt, in den vergangenen Monaten hat sich die Situation noch einmal dramatisch verschärft: 21 Millionen Jemeniten benötigen Nahrungsmittel, Wasser und medizinische Hilfe, weil sie wegen des Krieges nicht selbst ihr Auskommen sichern können.

Es ist ein stilles Sterben. Der Jemenkrieg kennt keine monatelangen Schlachten wie in Aleppo oder Mossul, und kaum Aktivisten und Journalisten, die den Krieg mit ihren Kameras festhalten. Tausende Zivilisten kommen ums Leben, sterben an Unterernährung in abgelegenen Tälern und werden von ihren Angehörigen begraben, ohne dass die Welt überhaupt davon erfährt.

Fotostrecke

11  Bilder
Krieg im Jemen: Elend ohne Ende

Europa leistet es sich, das Leiden zu ignorieren - weil kaum ein Jemenit es schafft, aus dem Land zu fliehen. Saudi-Arabien hat die Grenze abgeriegelt. Die afrikanischen Staaten auf der anderen Seite des Golfs von Aden - Dschibuti, Eritrea und Somalia - sind keine Alternative.

Der Jemen leidet unter einer doppelten Blockade

Besonders hart trifft es die Kinder: 1,5 Millionen Mädchen und Jungen im Jemen sind akut unterernährt. Am schlimmsten ist die Situation in den Gebieten im Nordwesten des Landes, die unter der Kontrolle der Huthis stehen. Sie sind Opfer einer doppelten Blockade: Saudi-Arabien hat eine See- und Luftsperre gegen das Land eingerichtet, offiziell um zu verhindern, dass die Rebellen Waffen und Ausrüstung aus Iran erhalten. Tatsächlich erschwert die Abriegelung aber auch Hilfslieferungen.

Und wenn doch Lebensmittel oder Medikamente ins Land kommen, stellen sich vielerorts die Milizen quer. Unicef beklagt, dass die Huthis Hilfslieferungen in die Gebiete verhindern oder verzögern, die unter ihrer Kontrolle stehen.

Seit September ist die Lage weiter eskaliert: Damals feuerte Präsident Hadi den Gouverneur der Zentralbank und verkündete, dass das Geldhaus von der Hauptstadt Sanaa in seinen temporären Regierungssitz nach Aden verlegt würde. Bis dahin hatte die Zentralbank, obwohl in Huthi-Gebiet gelegen, Löhne an Beamte in allen Landesteilen ausgezahlt. Nun ist die Bank praktisch lahmgelegt - 1,2 Millionen Staatsbedienstete sind deshalb seit Monaten ohne Gehalt. Dabei hängen von ihrem Lohn insgesamt mehr als sechs Millionen Jemeniten ab.

Kriegsparteien warten auf Trump

Bisher sind alle Versuche gescheitert, den Konflikt auf dem Verhandlungsweg zu lösen. Friedensgespräche in Kuwait zwischen der Regierung und den Huthis waren im Sommer gescheitert. Anschließend erarbeitete US-Außenminister John Kerry einen Entwurf für ein Waffenstillstandsabkommen, das die Basis für einen dauerhaften Friedensplan bilden sollte. Der Vorschlag sah unter anderem die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit vor, an der sich Huthi-Rebellen und Hadi-Vertraute beteiligen sollten.

Doch seit der Wahl von Donald Trump zum künftigen US-Präsidenten gilt Kerry für die Konfliktparteien im Jemen als "lame duck". "Die Regierung ist nicht an dem interessiert, was Kerry verkündet", sagte Jemens Außenminister Abdulmalik Al-Mekhlafi Ende November. "Die amtierende US-Regierung kann doch keinerlei Garantien geben."

Offenbar setzt die von Saudi-Arabien unterstützte Regierung darauf, dass Trump ab Mitte Januar ihre Position weiter stärken wird. Der künftige US-Präsident und sein Nationaler Sicherheitsberater Michael Flynn haben sich als scharfe Gegner Irans positioniert. Saudi-Arabien rechtfertigt seinen Krieg im Jemen als Kampf gegen Teherans Einfluss im Nahen Osten - deshalb hofft das Königshaus fortan auf noch mehr Unterstützung für seinen Krieg gegen die Huthis.


Zusammengefasst: Seit mehr als anderthalb Jahren führt Saudi-Arabien Krieg im Jemen. Seither hat sich die humanitäre Lage im Land kontinuierlich verschlechtert. Millionen Menschen sind auf der Flucht, Zehntausende Kinder vom Hungertod bedroht. US-Außenminister John Kerry hat einen Friedensplan ausgearbeitet, doch die Kriegsparteien zeigen derzeit kein Interesse an einem Ende des Konflikts. Beide Seiten setzen darauf, dass sich die Lage nach dem Amtsantritt von Donald Trump zu ihrem Gunsten verändert.

insgesamt 108 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
achilles65 02.12.2016
1.
Was ist aus Deutschland geworden? Die Devise keine Waffen in Kriesengebiete zu liefern war sehr sinnvoll, am besten keine Waffen exportieren ist aber unrealistisch. Stattdessen wird eine Luftbrücke für Aleppo gefordert was vollkommen unrealistisch ist und der Jemen stirbt, so sind die Werte des Westens.
wannbrach 02.12.2016
2.
Alle Welt beschuldigt Russland für ihr Vorgehen in Syrien, aber was die Saudis mit Hilfe des Westen in Jemen machen ist ein Kriegsverbrechen plus drei.
i.dietz 02.12.2016
3. Deutsche Unterstützung
Dort wären die 5 Mio Euro deutsche Spende der Bundesregierung besser aufgehoben gewesen, als diese Summe der Clinton-Stiftung zu spenden !
HeinzPaul 02.12.2016
4. gut so!
Zeigt endlich die Bilder, die ein Krieg tatsächlich produziert! Erschüttert jetzt und nicht erst nach den Kriegen!
freddygrant 02.12.2016
5. Deutsche Waffenlieferungen ...
... nach Saudi Arabien - man kann es nicht anders formulieren - sind eine Schande für ein angeblich demokratisches Kulturland- und -volk in der Mitte Europas. SA führend in einer "Koalition der Willigen" die um die Durchsetzung humaner Werte kämpfen soll ist wohl ein medialer Irrläufer für wirtschaftliche und hegemoniale Interessen begründet ohne Rücksicht auf Menschenrechte.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.