Krieg im Libanon Israel will Bodenoffensive verschieben

Tag 30 des Krieges im Nahen Osten und kein Frieden in Sicht. Während die Vereinten Nationen weiter um ihre Libanon-Resolution ringen, gab Israel in der Nacht einen Vorgeschmack auf seine geplante verstärkte Bodenoffensive. Doch mit dem eigentlichen Vorstoß will Israel noch warten.


Washington/Jerusalem/Beirut - Die Entscheidung des israelischen Sicherheitskabinetts, die Bodenoffensive im Libanon massiv auszuweiten, war nur wenige Stunden alt, da meldeten die ersten Beobachter verstärkte militärische Aktivitäten von der Front. Kilometerweit seien zusätzliche israelische Truppen von der nordisraelischen Stadt Metula aus in den Südlibanon vorgerückt, Einheiten stünden vor der Stadt Chijam, so ein libanesischer Polizeioffizier.

Vor einer verstärkten Bodenoffensive: Panzer sammeln sich an der Grenze zum Libanon
REUTERS

Vor einer verstärkten Bodenoffensive: Panzer sammeln sich an der Grenze zum Libanon

Reporter des US-Nachrichtensenders CNN berichteten am frühen Morgen, seit Stunden seien im Grenzgebiet heftiges Artilleriefeuer und Schüsse aus Maschinengewehren zu hören gewesen. Auch der israelische Privatsender Kanal 10 hatte zuvor von massiven Truppenbewegungen berichtet. Ebenfalls am Morgen meldeten Nachrichtenagenturen unter Berufung auf Augenzeugen die Eroberung der Stadt Mardschajun durch israelische Soldaten. Die Stadt ist mehrheitlich von Christen bewohnt und liegt acht Kilometer hinter der libanesisch-israelischen Grenze. Auch die nahen Dörfer Burdsch al-Moluk und Klaia stünden seit heute unter Kontrolle von Israels Armee.

Doch die israelische Armee bestritt, dass die Ausweitung der Bodenoffensive bereits begonnen habe und sprach von einer "punktuellen Operation". Von Chijam aus habe die Hisbollah gestern mehr als 60 Katjuscha-Raketen abgefeuert, hieß es. Am Morgen dann teilte Kabinettsminister Rafi Eitan mit, dass Israel seine Bodenoffensive vorübergehend aussetzen wolle. Aus Regierungskreisen hieß es, die Militäraktion solle für zwei bis drei Tage gestoppt werden, um der Diplomatie eine Chance zu geben. Die Zeitung "Maariw" berichtete, Ministerpräsident Ehud Olmert habe die Entscheidung nach Mitternacht getroffen.

Der Stopp des Vormarsches könnte eine Reaktion auf kritische Töne sein, die erstmals seit Kriegsbeginn vom engsten Verbündeten Israels zu hören waren. Die USA kritisierten die israelische Führung indirekt wegen der angekündigten Ausweitung der Offensive. "Eine Eskalation ist etwas, was wir nicht sehen wollen", sagte der Sprecher des Weißen Hauses, Tony Snow, gestern auf der Ranch von US-Präsident George W. Bush im texanischen Crawford.

Die US-amerikanische Forderung nach einem Ende der Gewalt richte sich an beide Parteien, betonte Snow. Die derzeitigen diplomatischen Bemühungen zielten darauf, an die Wurzeln des Problems zu gehen. Ziel müsse es sein, dass die libanesische Regierung die militärische und politische Kontrolle Südlibanons zurück gewinne. Die USA arbeiteten derzeit hart daran, in der Uno "die Unterschiede zwischen den USA und einigen Positionen unserer Verbündeten zu überbrücken", sagte Snow.

Doch die diplomatischen Bemühungen sind bislang nicht von Erfolg gekrönt. "Es gibt noch immer einige Meinungsunterschiede, die wir schnell überbrücken müssen", sagte der französische Uno-Botschafter Jean-Marc de La Sablière gestern Abend (Ortszeit) in New York. Auch wenn die Probleme noch nicht gelöst seien, "die Diskussion war produktiv", sagte der US-Botschafter bei den Vereinten Nationen, John Bolton. Er habe das Gefühl, "dass wir uns bei den Lösungswegen annähern, aber ich möchte die Schwierigkeiten nicht unterschätzen". Heute wollen Frankreich, die USA und die anderen ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates - Großbritannien, Russland und China - weiterverhandeln.

Der Hauptstreitpunkt zwischen den USA und Frankreich ist der Zeitpunkt, zu dem die israelischen Truppen aus dem Libanon abziehen sollen. Frankreich will im Grundsatz, dass dies geschieht, sobald die libanesische Regierung wie angeboten 15.000 Soldaten in den Südlibanon entsandt hat. Die USA dagegen unterstützen die Position Israels, wonach die israelischen Soldaten so lange bleiben müssen, bis eine internationale Sicherheitstruppe im Südlibanon eingerückt ist.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier warnte nach dem israelischen Beschluss jedoch vor einem Nachlassen der diplomatischen Bemühungen. "Die diplomatischen Chancen dürfen in den nächsten Tagen nicht verschüttet werden", sagte er nach einem Treffen mit seiner israelischen Amtskollegin Zipi Livni in Jerusalem.

Nasrallah droht mit weiteren Raketen auf Haifa

Der Chef der radikalislamischen Hisbollah, Scheich Hassan Nasrallah, rief die in der israelischen Hafenstadt Haifa lebenden Araber zum Verlassen der Stadt auf. In einer Fernsehrede sagte Nasrallah gestern Abend: "Wir haben bislang wegen euch gezögert, die Stadt anzugreifen..., deswegen verlasst jetzt bitte die Stadt." Haifa wurde allerdings schon mehrfach von Raketen der Hisbollah getroffen, wobei rund ein Dutzend Menschen ums Leben kamen, darunter acht Arbeiter eines Eisenbahn-Reparaturwerks. Offenbar plant Nasrallah jetzt massivere Angriffe auf die Stadt als Reaktion auf die angekündigte Ausweitung der israelischen Bodenoffensive im Südlibanon.

Nasrallah begrüßte das Angebot der libanesischen Regierung, die ihre eigenen Soldaten in den Südlibanon entsenden will. Wenn der Libanon bereit sei, 15.000 Mann "in den gesamten Südlibanon" zu schicken, werde dies dem Land und seinen Freunden sehr helfen. Es werde dabei helfen, "Druck auszuüben", damit der Entschließungsentwurf für den Uno-Sicherheitsrat überarbeitet werde. Dies wiederum werde "den Weg für eine politische Lösung der Krise" freimachen.

TV: Iranische Soldaten im Libanon

Einem Fernsehbericht zufolge sind im Libanon-Krieg auch Mitglieder der iranischen Armee getötet worden. Zwischen getöteten Kämpfer der libanesischen Hisbollah-Miliz seien Mitglieder einer Eliteeinheit des iranischen Militärs entdeckt worden, berichtete das israelische Fernsehen. Es berief sich auf diplomatische Kreise. Während das israelische Militär den Bericht zunächst nicht kommentieren wollte, wies ihn die Hisbollah in der Nacht zu heute zurück. Es handele sich um reine Lügen. Unter ihren Kämpfern seien keine Mitglieder der iranischen Armee.

Die Soldaten der iranischen Revolutionären Garde seien an Hand von Dokumenten identifiziert worden, die sie bei sich getragen hätten, teilte der Sender weiter mit. In dem Bericht wurde nicht erläutert, wie viele Leichen und wann diese gefunden worden seien.

Iran hat stets erklärt, seine Unterstützung für die schiitische Hisbollah sei rein moralischer Natur. Israel hingegen ist der Auffassung, viele der Hisbollah-Raketen seien im Iran hergestellt worden. Zudem würden Kämpfer in Iran ausgebildet. Auch die US-Regierung beschuldigt Iran, die Hisbollah aktiv zu unterstützen. Die Revolutionäre Garde ist der Hisbollah traditionell eng verbunden. Mitglieder der Einheit wurden in den Jahren nach 1980 im Südlibanon stationiert.

Laut israelischer Armee wurden gestern 15 israelische Soldaten bei Kämpfen mit der Hisbollah getötet. Dies sei der blutigste Tag für die israelischen Streitkräfte seit Beginn der Kampfhandlungen am 12. Juli gewesen. Es seien mehr als 30 Soldaten verwundet und Dutzende Hisbollah-Milizionäre getötet worden, berichteten israelische Medien in der Nacht unter Berufung auf die Streitkräfte.

150 Angriffe in 24 Stunden

Die israelische Luftwaffe flog in der Nacht wieder zahlreiche Angriffe auf Ziele im Libanon. Binnen 24 Stunden seien 150 Angriffe geflogen worden, teilte ein Armeesprecher heute mit. Dabei seien vor allem Raketenwerfer und Einrichtungen der radikal-islamischen Hisbollah bombardiert worden. Die Hisbollah-Miliz feuerte am Morgen mindestens sechs Raketen auf Israel ab.

Das israelische Sicherheitskabinett hatte gestern beschlossen, die Bodenoffensive im Südlibanon bis zum Fluss Litani etwa 30 Kilometer nördlich der Grenze zu Israel auszuweiten. Der Plan sieht vor, insgesamt etwa 30.000 statt der bislang 10.000 Soldaten in dem umkämpften Gebiet einzusetzen. Dabei geht die Regierung offenbar von einer länger andauernden Operation aus. Arbeitsminister Eli Jischai sagte: "Die Einschätzung ist, dass es 30 Tage dauern wird. Ich denke, es wird deutlich länger dauern."

Der finnische Außenminister und amtierende EU-Ratsvorsitzende Erkki Tuomioja kritisierte das Vorhaben als unannehmbar. Die Vorstellung, "dass eine internationale Truppe dort hineingehen kann, solange noch gekämpft wird, und die israelische Armee einfach ablöst, ist weder realistisch noch akzeptabel", sagte Tuomioja dem "Tagesspiegel".

phw/AP/AFP/dpa/reuters



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