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Lage im umkämpften Donezk: Tags die Stille, nachts der Krieg

Aus Donezk berichtet

Szenen aus Donezk: Zerbombte Häuser, vernagelte Läden Fotos
SPIEGEL ONLINE

Wenn es dunkel wird, fallen Schüsse, dröhnen die Kampfjets: In Donezk entscheidet sich die Schlacht um die Ostukraine. Für die Bewohner wird die Belagerung unerträglich. Läden sind vernagelt, die Straßen leer. Wer kann, der flieht.

Das Verstörendste im Donezk dieser Tage ist das Aufwachen. Die ganze Nacht über hat es ringsherum gerummst, irgendwo sind Artilleriegeschosse eingeschlagen, manchmal sogar Kampfflieger am Nachthimmel aufgetaucht. Maschinengewehrfeuer und Kalaschnikow-Salven hallten durch die Straßen. Und überall waren die Rufe der Rebellen zu hören. Denn allein ihnen gehört mit Beginn der Ausgangssperre um 23 Uhr die Stadt. Schlafen lässt sich wegen des Kriegslärms manchmal erst nach Stunden.

Dann aber ist der nächste Morgen da, man wacht auf, sieht den blauen Himmel mit der sengenden Sonne. Das Thermometer klettert wieder Richtung 35 Grad. Auf der Straße fahren Busse, und ein paar sommerlich gekleidete Bürger eilen zur Arbeit. Von den ukrainischen Truppen, denen die nächtlichen Schüsse angeblich galten, ist nichts zu sehen. Man reibt sich die Augen, glaubt an einen bösen Traum. Denn draußen zeigt sich eine friedliche, harmlose Stadt.

Die Illusion hält gewöhnlich nicht lange. Am Donnerstag bis zehn Uhr früh. Da macht die Nachricht die Runde: Am Rande des Stadtzentrums hat es Artilleriebeschuss gegeben. Wen es diesmal getroffen hat, spricht sich schnell herum: die Städtische Klinik Nr. 1 und das angrenzende neue Wohngebiet an der Rosa-Luxemburg-Straße. Die Granaten haben Balkons in der 11., 17. und 18. Etage von Haus Nr. 78 zerfetzt und klaffende Löcher in die Nachbarhäuser gerissen. Auch die Notaufnahme der Zahnklinik nebenan hat Treffer eingesteckt, ein Toter ist zu beklagen.

Die Donezker stehen neben der herbeigeeilten Feuerwehr und rätseln, wem der Beschuss gegolten haben mag. Militärisch war er sinnlos. Zwar liegt an der Rosa-Luxemburg-Straße - auf Höhe von Hausnummer 61 - das schwer befestigte Hauptquartier der Separatisten. In den Gebäuden des früheren Geheimdienstes residiert "Verteidigungsminister" Igor Strelkow mit seinen Leuten. Aber das ist noch einen Kilometer die Straße hinunter.

Glauben kann man beiden Seiten nicht

War das Bombardement zur Einschüchterung der Bevölkerung gedacht? Auch das ist unwahrscheinlich, die getroffenen Häuser waren fast leer, ihre Bewohner längst aus Donezk geflüchtet. Einzige Schlussfolgerung: Die Salven waren Fehlfeuer, was sich im Krieg lakonisch "Kollateralschaden" nennt. Beide Seiten, auch die ukrainische Armee, kämpfen zwar voller Hass gegeneinander, aber nicht sehr professionell. Was zu immer mehr zivilen Opfern führt.

"Da sehen Sie, was diese Bande mit uns macht", erregen sich zwei ältere Frauen, für die sofort feststeht, dass Kiew für den Beschuss verantwortlich war. Aber wer derzeit auf Donezk feuert, ist in Wahrheit schwer auszumachen. Die Rebellen sagen, es seien die Ukrainer, und die schieben die Schuld stets ihren Gegnern zu. Glauben kann man beiden Seiten nicht.

Im Hotel "Park Inn" an der Universitätsstraße rechnet Oleg Zarjow, der Parlamentschef der "Donezker Volksrepublik", Journalisten vor, welche Verluste die ukrainische Armee in den vergangenen Wochen erlitten hätten: 28 Flugzeuge und 19 Kampfhubschrauber habe man abgeschossen, 115 Panzer des Gegners außer Gefecht gesetzt, zudem habe Kiew 6749 Mann verloren.

Es ist nicht sonderlich geschickt, in diesen Tagen mit dem Abschuss von Flugzeugen zu prahlen, aber die Zahlen sind ohnehin reichlich überhöht. Wie viele Opfer es auf Seiten der Volkswehr-Leute gegeben habe? Dazu will sich Zarjow nicht äußern. Er sagt nur: "Jeder Tag, den wir standhalten, ist für uns ein Sieg".

Aber auch die Ukrainer erzählen das Blaue vom Himmel. Sie berichten von Dutzenden getöteten "Terroristen" und davon, dass in den Reihen der Volkswehr "Panik" ausgebrochen sei. Das stimmt genausowenig wie die Schutzbehauptung, man hätte in der Nacht zum Mittwoch keine Flugzeuge am Himmel über Donezk gehabt, welche die Stadt beschossen hätten. Wer hören kann, kennt die Wahrheit - in jener Nacht hatte es wirklich einen Luftangriff gegeben.

Im Stadtzentrum fahren noch Trolleybusse und Straßenbahnen

Der Krieg hält Donezk fest im Griff. Die Stadt hat sich geleert, gefühlt 90 Prozent der Geschäfte und Restaurants sind geschlossen, die Schaufensterscheiben oft mit Pressplatten zugenagelt. Überall steht: "Zu vermieten" oder "Zu verkaufen", dazu sind Handynummern angegeben. Aber wer will jetzt in Donezk Ladenflächen kaufen? Die Immobilienpreise sind abgestürzt, Versicherungen haben ihre Arbeit eingestellt.

Und trotzdem ist die Stadt nicht tot. Trolleybusse und Straßenbahnen fahren noch, jedenfalls im Zentrum. Nur in Randgebiete wie Textiltschik im Kirow-Rayon nicht mehr. Dort waren Donnerstagnachmittag ebenfalls Granaten eingeschlagen und hatten zwei weitere Menschen getötet.

Wenn sich irgendwo Schlangen bilden, dann vor noch funktionierenden Geldautomaten, die meist nur noch 500 Griwna ausgeben, 30 Euro etwa. Das zweite große Problem der Donezker ist, irgendwo noch Geld für ihre Handys einzuzahlen. Denn in der Ukraine wird per Prepaid-Karte telefoniert. Manchmal findet man sogar einen Supermarkt, der seine Türen offen hat und noch immer verblüffend viele Waren in den Regalen - sie werden meist aus Russland herangebracht.

Auch die Blumenbeete am kilometerlangen Puschkin-Boulevard mit seinen schönen Springbrunnen und Plastiken werden weiter gepflegt. Auf den Bänken dort sitzen abends jene, die in Donezk geblieben sind, oft ältere Frauen und Männer.

Die "revolutionäre Unordnung" sei nun beseitigt

Am Puschkin-Boulevard 34 sitzt die Regierung der "Donezker Volksrepublik". Premier Alexander Borodai hatte am Donnerstag dorthin geladen - um im Sitzungssaal in der 11. Etage seinen Rücktritt zu erklären. Er war zuvor eine Woche lang in Moskau gewesen. Der Rücktritt war erwartet worden. Denn Borodai ist Russe, er stammt aus Moskau, von dort war er zu Beginn der Kämpfe herbeigeeilt.

Ideal war das für den Kreml nicht: Es sah zu sehr nach einer Einmischung Russlands aus. Deswegen übergab Borodai am Donnerstag sein Amt an einen 38-jährigen Mann, der in Felduniform neben ihm saß: Alexander Sachartschenko. Er ist Ukrainer, stammt aus Donezk, wo er im April mit einer Gruppe Bewaffneter das Bürgermeisteramt gekapert und damit die Übernahme der Stadt durch die Rebellen eingeleitet hatte.

Die "revolutionäre Unordnung" der ersten Monate sei nun beseitigt, verkündete Borodai, die Donezker Volksrepublik jetzt also ein "richtiger Staat", man könne das Amt des Regierungschefs nun einem Mann aus dem Donbass übergeben. Das Separatistenparlament will Sachartschenko am Freitag formell bestätigen.

Seine Berufung könnte für Russland einen unschätzbaren Vorteil haben: Sollte die "Donezker Volksrepublik" Moskau um den Einmarsch von "Friedenstruppen" bitten wollen, wären das mit einem Ukrainer an der Spitze durchaus möglich. Bei einem Mann aus Moskau hätte es wie eine Farce ausgesehen.

"Die Lage ist sehr schwierig, aber nicht kritisch", sagte der neue Mann. Mit dieser Botschaft ging das belagerte Donezk am Donnerstag ins Bett.

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insgesamt 113 Beiträge
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1. Der Tag danach
European 08.08.2014
wie soll das denn weiter gehen wenn der militärische Konflikt zu ende ist ? Die Vetreibung von Russen und die Schaffung eines Groß-Polens das auch die Ukraine und Teile Lithauens umfasst ? Ein von den USA gesteuerter Dauer Konfliktherd der Russland zur EU auf Distanz hält ? Mir ist es so egal ob ein Fleckchen Erde dort zur Ukraine oder Russland gezählt wird, wie es mir egal ist ob das Saarland zu Frankreich oder Deutschland zählt. Europäer sind sie alle. Wer Putin nicht mag, kann sich ja daran trösten das der irgendwann in Rente geht.
2. Sehr guter Artikel
RedKore 08.08.2014
Der erste Artikel den ich auf Spiegel-Online zu diesem Thema lese, der unparteiisch und objektiv ist. Sehr schön! so sieht guter Journalismus aus. Andere Journalisten und Autoren, sollten sich daran ein Beispiel nehmen.
3.
fazil57guenes 08.08.2014
Poroschenko hat jetzt schon lange genug gezeigt, dass er an Frieden nicht interessiert ist. Ebenso lassen seine Aussagen und die seines Verteidigungsministers auf absehbare Zeit keinen Frieden erwarten. Wollen doch beide die Nächste Parade auf der Krim abhalten. Im Interesse des Friedens muss man sich inzwischen schon wünschen, dass Russland schon bald als Friedenstruppe in den Osten einmarschiert. Die Einrichtung einer Flugverbotszone ist zwingend notwendig.
4. wenn
tatso 08.08.2014
die ukrainische Militarmacht einfach aufhört anzugreifen, ist der Krieg dort vorbei und man kann wieder verhandeln. Doch " ergebt euch bedingungslos, dann verhandel wir ", ist einfach nur ne Ausrede, um z.B. die Beweuse für den Abschuss einer Zivilmaschine in die Hände zu bekommen, wie die anderen geheimgehsltenen, beschlagnahmten Beweise. Wann stoppt endlich die EU das Morden dort?
5. Ungewohnt differentierte Töne auf SPON
irrenderstreiter 08.08.2014
man reibt sich verwundert die Augen...
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