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Krieg in Gaza: Die zweite Front

Aus Gaza berichtet

Die Augen der Welt sind auf den Libanon gerichtet, doch im Gazastreifen wird heftiger gekämpft denn je. Die israelische Armee macht täglich Jagd auf Terroristen. Militante Palästinenser feuern Raketen gegen israelische Städte. Die Menschen im Krisengebiet fühlen sich von der Welt verlassen.

Gaza - Die Soldaten sind weitergezogen, in Beit Hanoun haben sie Zerstörung hinterlassen und Wut. Vor seinem Haus sitzt Jawad Masri auf einem weißen Plastikstuhl, er ist 35, ein bärtiger Mann, er schaut ins Leere, auf die verwüsteten Felder, die zerstörten Häuser.

Kampf im Flüchtlingslager: Militanter Palästinenser
AP

Kampf im Flüchtlingslager: Militanter Palästinenser

Die Israelis seien mit ihrer Armee gekommen und mit ihren Bulldozern, sagt Jawad Masri. „Sie haben alles eingeebnet und umgegraben, sogar den Friedhof haben sie zerstört.“ Von Haus zu Haus seien sie gegangen, alle Familien hätten sie in einem Raum zusammengetrieben. „Die Panzer haben alles überrollt, die Soldaten haben uns behandelt, als ob wir keine Menschen wären. Alle sind gerannt, Bomben fielen, wir leben hier immer noch unter Besatzung.“

Schwarzer Rauch hängt über dem Gazastreifen, das Donnergrollen der Panzergeschosse, der Lärm der tieffliegenden F-16-Jets. Fast jeden Tag dringt die israelische Armee in das vollkommen abgeriegelte Palästinensergebiet ein, die Kämpfe werden immer heftiger. In Gaza herrscht Krieg, fast unbemerkt von der Weltöffentlichkeit – die sieht nur noch die Schreckensbildern aus dem Libanon und die Angst in Nordisrael.

Jagd auf Terroristen

In Gaza begann vor vier Wochen die jüngste Eskalation im Nahen Osten, hier entführten militante Palästinenser den 19-jährigen Grenzsoldaten Gilad Schalit. Seither macht Israel unerbittlich Jagd auf die Terroristen und ihre Infrastruktur – es will ihre Waffenlager ausheben, ihre geheimen Tunnel entdecken. Es will seine schlimmsten Gegner töten.

Spezialeinheiten der Armee durchkämmen Häuser, sie liefern sich Straßenkämpfe mit palästinensischen Militanten. Gekämpft wurde gegen Ende der vergangenen Woche vor allem im Flüchtlingscamp Mugazi, hier vermuten die Israelis Unterschlüpfe und Waffendepots der Terroristen. Jeden Tag werden neue Opferzahlen bekannt. Schon über hundert Palästinenser haben die Israelis seit Beginn der Offensive getötet – darunter auch zahlreiche Zivilisten.

In Beit Hanoun, wo Jawad Masri lebt, waren die Soldaten auf der Suche nach den selbstgebastelten Kassam-Raketen, die von hier aus täglich auf die nur sechs Kilometer entfernte israelische Stadt Sderot abgefeuert werden – sie treffen Schulen und Synagogen, sie töten Zivilisten.

Aus Straßen werden Dreckpisten

Jetzt haben die Panzer aus den Straßen von Beit Hanoun unbefahrbare Dreckpisten gemacht. Viele Häuser sind von den Kämpfen schwer beschädigt. Die umliegenden Felder, auf denen sonst Gemüse und Oliven wachsen, sind verwüstet. Das Gebäude der palästinensischen Sicherheitsbehörde, das einhundert Meter entfernt liegt, ist eine Ruine.

Jawad Masri ist traurig und er ist wütend – auf die Israelis, auf die Amerikaner, auf die Europäer. „Um uns kümmert sich keiner“, sagt er, „so schlimm wie jetzt war es noch nie.“

Gaza ist ein gespenstisches Niemandsland geworden, zugänglich fast nur für Diplomaten und Medien. Der gigantische Checkpoint bei Erez, wo früher jeden Tag Tausende Palästinenser nach Israel zur Arbeit pendelten, ist ausgestorben. Kilometerlang marschiert man auf der israelischen Seite durch menschenleere Sicherheitsportale, durch sich selbständig öffnende und schließende Türen, als ob man ein Gefängnis betritt. Auf der palästinensischen Seite sitzt ein einsamer schnauzbärtiger Uniformierter an einem Holztisch. Willkommen in Gaza.

Strom nur stundenweise

Der schmale Landstrich ist gezeichnet von vier Wochen Kriegszustand. Schwerer Gestank hängt in den Straßen, der Müll liegt überall haufenweise. Weil es kaum noch Diesel für die Lastwagen gibt, wird der Müll nicht eingesammelt. Kleine Jungen fahren mit Eselskarren durch die Gegend, sie transportieren Gasflaschen, damit zu Hause gekocht werden kann. Seit die Israelis das einzige Elektrizitätswerk des Gazastreifens bombardiert haben, gibt es Strom nur stundenweise – dafür hört man jetzt überall dass sonore Summen der Generatoren. Die Wasserversorgung funktioniert kaum. Auch manche Lebensmittel werden knapp. Hilfsorganisationen und Diplomaten sind besorgt, dass sich die humanitäre Situation schnell verschlechtern könnte.

Noch hängen überall in Gaza vergilbte Wahlplakate vom vergangenen Januar, doch es scheint bereits eine Ewigkeit her, dass dieser anarchische Landstrich eine Regierung hatte. Ihre Mitglieder gehören der Hamas an und sie verstecken sich, seit Israel klargemacht hat, dass sie alle ihre Vertreter als Angehörige einer terroristischen Organisation und damit als Ziele betrachte – selbst Premierminister Ismail Hanijah.

Ein Hamas-Politiker kommt aus der Deckung

Yahya Mosa al-Abadsi, 47, empfängt in seiner Wohnung in Khan Yunis, sein Sohn serviert frische Limonade. Er ist der stellvertretende Fraktionschef im Parlament, einer der wenigen Politiker der Hamas, die im Moment bereit sind aus ihrer Deckung zu kommen. Er sitzt auf seiner crèmefarbenen Sitzgarnitur, sein Bart ist gepflegt, er trägt schwarze Hosen und ein schwarzes Hemd, er sagt: „Gaza wird massakriert. In Gaza findet ein Holocaust statt, jetzt und seit 58 Jahren.“

Er faltet seine Hände, er redet bedächtig, aber er betont jede Silbe. „Die Israelis sind Idioten, sie sind Opfer ihrer Führer. So gibt es hier keine Zukunft für sie. Sie hatten keinen Tag des Friedens, seit sie hier leben und sie werden auch die nächsten 1000 Jahre keinen Tag des Friedens haben, wenn sie sich weiter wie Tiere verhalten. Wir leiden, aber sie werden auch leiden.“

Israel werde nicht überleben – aber nicht die Palästinenser würden Israel zerstören, Israel werde sich selber zerstören. „Was ist Israel? Eine Armee, die einen Staat hat!“

Gegen das Waffenarsenal der Israelis seien die Kassam-Raketen der Palästinenser nur Kinderkram, sagt er. „Unsere Raketen haben 5 Kilo Sprengstoff, ihre haben 1 Tonne. Sie haben F-16, wir haben Papierflugzeuge. Die haben jede Waffe der Welt, wir haben nichts, was sollen wir denn tun?“

Er legt die Hand auf die Schulter seines Sohnes, der im blauen T-Shirt neben ihm sitzt und sich an der Nase kratzt. Er sagt: „Mohammed ist acht Jahre alt. Seine ganze Hoffnung ist es, als Märtyrer zu sterben. Habe ich ihm das beigebracht? Nein! Die Bilder, die er Tag und Nacht sieht, haben es ihm beigebracht. Das macht die Besatzung aus den Leuten.“

"Palästina" gehöre den Palästinensern sagt er, Israel sei nur 58 Jahre alt, ein europäisches Projekt. Aber die Hamas sei realistisch. „Wir wollen verhandeln. Wir wollen eine Lösung. Wir fordern nur einen Staat von 22 Prozent Palästinas, die Rückgabe der besetzten Gebiete von 1967. Das ist das Minimum.“

"Sie werden ihre Leute nicht umsonst kriegen"

Die Israelis müssten jetzt verhandeln, sie seien näher daran die Sonne zu fangen als ihre Soldaten zu finden. „Mit Gewalt werden sie sie nicht zurückerhalten. Sie haben zehntausend Palästinenser in ihren Gefängnissen. Sie werden ihre Leute nicht umsonst kriegen.“

Aber solange unterstütze er den Kampf der Hisbollah. „Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Wir sind alle mit der Hisbollah, nicht nur die Hamas, sondern alle Palästinenser.“

Doch viele Palästinenser sind des Kämpfens müde. Das Radio meldet Tote in Mughazi, es berichtet von schweren Gefechten, von toten Zivilisten und von einem israelischen Kriegsschiff, das einen Krankenwagen getroffen habe.

Jawad Masri, der Mann, der in Beit Hanoun auf seinem weißen Plastikstuhl sitzt und traurig ins Leere blickt, sagt, es müsse endlich ein Ende haben. „Feinde führen Krieg, das stimmt. Aber Feinde können auch Frieden schließen.“ Er wolle, dass sich alle endlich an einen Tisch setzten – die Israelis, die Fatah und auch die Hamas. „Das ist schließlich unsere Regierung, wir haben sie gewählt.“

Doch der Frieden ist im Moment weiter entfernt denn je. Die Israelis sind entschlossen, ihre Offensive zu Ende zu bringen und die Terroristen in Gaza entscheidend zu schwächen. Die zornigen jungen Männer der palästinensischen Terrorgruppen sind ebenso entschlossen, bis zum letzten Mann zu kämpfen.

„Wir wollen Rache“, lässt ein Sprecher der Al-Aksa-Brigaden die Welt wissen. „Die Frauen wollen Rache, sogar die Kinder wollen jetzt schon Rache. Jeder Palästinenser will ein Märtyrer sein.“

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