Krieg in Nahost Israels Armee beschießt einziges Elektrizitätswerk in Gaza

Die israelische Armee hat die Offensive im Gaza-Streifen massiv ausgeweitet. 150 Ziele wurden in der Nacht attackiert, darunter nach palästinensischen Angaben auch das einzige Kraftwerk des Küstengebiets. Die Anlage fing Feuer.


Tel Aviv/Gaza - Der Gaza-Streifen verfügt nur über ein Elektrizitätswerk, es versorgt etwa ein Drittel der Haushalte des Küstengebiets. In der Nacht ist die Anlage nun nach israelischen Attacken ausgefallen. Palästinensischen Angaben zufolge wurde der Dampfgenerator des Kraftwerks durch zwei Panzergranaten beschädigt, die Treibstofftanks fingen Feuer. Die Anlage sei außer Betrieb, sagte ein Vertreter der Energiebehörde des Gaza-Streifens am Dienstag.

Die Feuerwehr bemühe sich um eine Eindämmung des Brands, meldeten örtliche Medien. Eine Armeesprecherin in Tel Aviv teilte mit, man prüfe die Berichte.

Das Kraftwerk war in der Vergangenheit immer wieder gedrosselt oder ganz abgeschaltet worden, weil die Einfuhr von Treibstoff durch die israelischen Behörden streng kontrolliert wird.

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Gaza: Feuer im Kraftwerk
Die Bewohner des Gaza-Streifens bekommen außerdem von Israeldirekt Elektrizität, allerdings wurden nach Angaben des Behördenvertreters auch fünf der zehn Versorgungsleitungen jüngst durch Angriffe zerstört. Hier sie es bisher ebenfalls unmöglich gewesen, in das Gebiet vorzudringen, um die Leitungen zu reparieren.

Haus von Hamas-Spitzenpolitiker zerstört

Gaza erlebte nach Augenzeugenberichten eine der bisher heftigsten Bombennächte seit Beginn der israelischen Offensive - das Militär attackierte Ziele im Küstenstreifen mit Artillerie und aus der Luft. Nach Medienberichten wurden etwa 150 Ziele im Gaza-Streifen angegriffen.

Fernsehbilder zeigten, wie Leuchtmunition den Nachthimmel erhellte, Drohnen Gebiete im Gaza-Streifen sondierten. Schwere Explosionen und Schüsse waren zu hören.

Nach palästinensischen Angaben wurde auch das Haus des Hamas-Spitzenpolitikers Ismail Hanija getroffen. Hanija war 2006 Ministerpräsident in dem von der radikalislamischen Hamas beherrschten Gaza-Streifen geworden. Weder Hanija noch seine Familie seien zu Hause gewesen, als das Gebäude von Raketen zerstört wurde, berichtete der Hamas-Fernsehsender al-Aksa-TV.

Eine Sprecherin der israelischen Armee sagte, ihr lägen keine Informationen zu dem Vorfall vor.

Nach Angaben der Hamas wurde auch das Gebäude von al-Aksa-TV angegriffen. Der Sendebetrieb gehe aber weiter. Drei heftige Explosion hätten das Haus erschüttert, berichtete der CNN-Korrespondent.

Raketenalarm in Tel Aviv

Die Hamas setzte ihren Raketenbeschuss ungeachtet der heftigen Attacken auf Israel fort: In Tel Aviv gab es am frühen Dienstagmorgen erstmals seit Freitag wieder Luftalarm. In der Region seien mehrere Explosionen zu hören gewesen, berichteten israelische Medien. Über Schäden ist derzeit nichts bekannt. Auch in anderen Orten in Israel heulten bis in die frühen Morgenstunden Sirenen.

Die israelische Armee hatte am Montag die Einwohner in Teilen des Gaza-Streifens zur sofortigen Räumung ihrer Häuser aufgerufen. Die Warnungen seien an Palästinenser in Sadschaija, Saitun und dem östlichen Teil von Dschebalia sowie in Beit Lahija und Beit Hanun im nördlichen Gaza-Streifen geschickt worden, teilte das Militär mit.

Die Zivilisten sollten sich ins Zentrum von Gaza-Stadt begeben, hieß es in den Warnbotschaften, die per Telefon oder SMS übermittelt wurden - Zeichen, dass massive Angriffe bevorstehen.

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon warnte, die in Gaza arbeitenden Organisationen der Vereinten Nationen hätten nicht die Ressourcen, einen zusätzlichen riesigen Zustrom verzweifelter Menschen zu bewältigen oder ihnen Hilfe zu gewähren. Ban betonte erneut, dass die Feindseligkeiten beendet werden müssten.

Zahl der Opfer steigt

Nach palästinensischen Angaben stieg die Zahl der Opfer in der Nacht weiter auf über 1100 Menschen: Im zentralen und südlichen Gaza-Streifen seien mindestens 16 Menschen getötet worden. 50 weitere seien verletzt worden, berichteten Sanitäter und Augenzeugen. Der Sprecher des palästinensischen Rettungsdienstes, Aschraf al-Kidra, sagte, bei einem Luftangriff im zentralen Gaza-Streifen seien neun Palästinenser getötet und 40 verletzt worden. In Rafah im Süden seien sieben Mitglieder einer Familie gestorben. Zehn seien verletzt worden. Die radikale Palästinenserorganisation Islamischer Dschihad teilte mit, in der Stadt sei ein ranghoher Kommandeur der Gruppierung getötet worden. Sanitätern zufolge wurden mindestens 15 Palästinenser bei Luftangriffen im Westen von Gaza-Stadt verletzt.

Nach Angaben des israelischen Militärs vom frühen Dienstagmorgen wurden bisher 53 israelische Soldaten getötet.

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hatte am Montag in einer Fernsehansprache gesagt, sein Land müsse sich auf einen langwierigen Konflikt im Gaza-Streifen vorbereiten. "Wir werden den Einsatz nicht beenden, bevor wir die Tunnel (der Hamas - d. Redaktion) zerstört haben", erklärte er. "Die israelischen Bürger können nicht unter der Bedrohung durch Raketen und Tunnel leben - unter Todesdrohung von oben und von unten", fügte er hinzu. Eine Lösung könne es nur mit einer Entmilitarisierung des Palästinensergebietes geben.

Führende westliche Nationen forderten eine sofortige, bedingungslose und humanitäre Waffenruhe. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hatte bereits am Montagmorgen einstimmig eine "sofortige und bedingungslose humanitäre Waffenruhe" zwischen Israel und der Hamas verlangt. Die Konfliktparteien sollten die Kampfhandlungen einstellen, um Hilfe möglich zu machen, hieß es in einer Erklärung des Uno-Gremiums.

Am Dienstag soll eine hochrangige palästinensische Delegation in Ägypten über eine Waffenruhe zwischen Israel und den militanten Palästinensern diskutieren, erklärte ein hochrangiger palästinensischer Funktionär, der namentlich nicht genannt werden wollte. Angeblich soll auch ein Vertreter der Hamas dabei sein.

heb/AFP/AP/dpa

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Germanicus 29.07.2014
1. Wie soll man sowas nennen?
Gezielter Angriff? Zerstörung von Hamas Strukturen? Wie sollen die Bewohner nun über Telefon und SMS gewarnt werden, wenn kein Strom mehr fließt? Ganz schweigen von der Frage, wer sich im Gaza überhaupt den Luxus eines Handy leisten kann?
darthmax 29.07.2014
2. militärische Lösung
da wurden vor ca. 65 Jahren Menschen aus Ihrem Land vertrieben und in einer kleinen Enklave zusammengepfercht, für die die neuen Eigentümer des Landes keine Verantwortung übernahmen. Dass dies den Vertriebenen nicht gefällt, wen wunderts. Von Zeit zu Zeit wird dann die Sonderzone platt gemacht, damit sich auch kein ernsthafter Widerstand formieren kann. Das Aufräumen und den Wiederaufbau überlässt man den Anderen. Das nennt man Arbeitsteilung.
liveauskairo 29.07.2014
3. Grenzen völlig überschritten
Dieses wahllose Schießen und Bombardieren der israelischen Armee überschreitet einfach das Maß. Zu Beginn lautete der Fokus "Raketentunnel der Hamas zerstören". Jetzt lautet die Strategie: Gaza zerstören. Ich verstehe nicht, was der Beschuss des Elektrizitätswerks zu tun hat. Es erscheint umso mehr als wäre Netanjahu politisch motiviert, Gaza dem Erdboden gleich zu machen, um sympatien bei rechts-extremen Lagern der israelischen Gesellschaft zu ergattern. Meiner Meinung ist Netanjahu von allen guten Geistern verlassen.
WolfHai 29.07.2014
4. Hamas könnte jederzeit kapitulieren
Die Hamas könnte jederzeit kapitulieren und dem Leiden der eigenen Bevölkerung ein Ende setzen. Das tut die Hamas aber nicht. Vielmehr schießt sie weiterhin Raketen auf Israel ab. Die Gaza-Bevölkerung erntet den Sturm, den die Hamas gesät hat. Schuld sind übrigens auch die, die sich unentwegt um Waffenstillstände bemühen. Die Hoffnung, dass die internationale Gemeinschaft sie dadurch rettet, dass sie Israel einen verfrühten Waffenstillstand aufdrängt, lässt Hamas weiterkämpfen. Paradoxerweise verlängert genau das Bemühen der Gutwilligen, dem Leiden ein Ende zu bereiten, dieses Leiden.
A.C, 29.07.2014
5. Fehler auf beiden Seiten
Jetzt wundert man sich, wieso Israel die Initiative ergreift? Vor ein paar Tagen war die Situation genau anders herum und die Hamas wollte das Waffenstillstandsabkommen nicht sofort unterschreiben, sondern erstmal tagelang warten. Im Krieg gibt es keine Schuldigen, alle sind schuld.
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