Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Krieg in Gaza: Israelische Analysten erwarten rasches Kriegsende

Aus Jerusalem berichtet Ulrike Putz

Noch bombadieren israelische Kampfjets Ziele in Gaza, noch feuern Hamas-Kämpfer Raketen nach Israel. Doch israelische Analysten gehen davon aus, dass der Gaza-Krieg schon in wenigen Tagen beendet sein könnte. Eine große Bodeninvasion sei inzwischen unwahrscheinlich.

Jerusalem - Es war gegen halb eins in der Nacht zum Mittwoch, als das israelische Kriegskabinett endlich Feierabend hatte. Stundenlang hatten Premierminister Ehud Olmert, Außenministerin Zipi Livni und Verteidigungsminister Ehud Barak hinter verschlossenen Türen beratschlagt. Worüber genau, das blieb ihr Geheimnis: Die Ergebnisse der Sitzung bleiben unter Verschluss und werden nicht veröffentlicht, wurde den vor Olmerts Amtssitz ausharrenden Journalisten mitgeteilt. Die deuteten das offizielle Schweigen auf ihre Weise: Natürlich sei es darum gegangen, das Wann und Wie einer Waffenruhe mit der Hamas zu bestimmen, waren sich die israelischen Kollegen einig.

Die meisten Beobachter in Israel stimmen inzwischen darin überein, dass es in den kommenden Tagen zu einer Feuerpause im Krieg zwischen Israel und der Hamas kommen wird. Dass Jerusalem einen ersten französischen Vorschlag dazu am Dienstag abgelehnt hat, tut dem keinen Abbruch. Denn das "Nein, danke" Israels war nicht kategorisch. "Unrealistisch" sei der Pariser Vorschlag, hieß es aus Jerusalem. Aus dem Diplomaten-Sprech übersetzt heißt das: Israel hat seine Bedingungen für eine Waffenruhe definiert, der französische Vorschlag diese aber noch nicht zur Zufriedenheit erfüllt. Offiziell sei der französische Plan noch nicht abgelehnt, ließ Jerusalem verlauten: Es gibt Verhandlungswillen und –spielraum, so die Botschaft.

Die Gründe für einen Krieg werden oft erst nach und nach deutlich: Erst, wenn eine gewisse Anzahl an Einzelteilen zusammengefügt ist, erkennt man das Motiv. Nach nunmehr fünf Tagen scheinen genug Puzzleteile beisammen zu sein. Wo vorher auch Experten rätselten, welches die Intentionen Israels, welches die der Hamas seien, verfestigt sich jetzt das Bild. "Israel hat zwei knapp gefasste Kriegsziele", sagt Marc Heller vom Institut für strategische Studien der Universität Tel Aviv. "Zum einen will es den Raketenbeschuss durch die Hamas minimieren, zum anderen seine im Libanon-Krieg verlorengegangene Abschreckung wiederherstellen", so der Strategie-Experte. Andere pflichten ihm bei: "Israel könnte den Gaza- Streifen einnehmen, von Haus zu Haus ziehen und die Hamas Mann für Mann ausräuchern", sagt Yossi Kuperwasser, ehemaliger General des Militär-Geheimdienstes. "Das scheint aber nicht das Ziel zu sein."

Die großangelegte Bodeninvasion, die in den vergangenen Tagen unmittelbar bevorzustehen schien, ist anscheinend vorerst vom Tisch. "Israel ist aus dem Gaza-Streifen abgezogen, weil dessen Besatzung und Kontrolle eine gigantische Aufgabe war", sagt Kuperwasser. "Eine erneute Besetzung würde uns um Jahre zurückwerfen. Wir würden dahin gehen, wo wir schon einmal waren, und wo wir nicht mehr sein wollten", so der General. Heller beruft sich bei seiner Einschätzung auf Entscheidungsträger der Armee. "Niemand, den ich kenne, wünscht eine Invasion oder eine Wiederbesetzung." Solange Israel seine Ziele durch einen Luftkrieg erreichen könne, stehe ein möglicherweise verlustreicher Einmarsch nicht auf der Tagesordnung.

Nahost-Konflikt
Die Gebiete
Im Grunde dreht sich der Konflikt um das Existenzrecht Israels und die Forderung nach einem eigenen Palästinenserstaat . Es gibt inzwischen palästinensische Autonomiegebiete - den Gaza-Streifen und das Westjordanland . Die Grüne Linie trennt die Gebiete von Israel. Um die israelischen Siedlungen in den umstrittenen Gebieten gibt es immer wieder Streit.
Die Gegner
Dem Staat Israel stehen einzelne Gruppierungen und Institutionen gegenüber: im Gaza-Streifen und Westjordanland die Palästinensische Autonomiebehörde | Hamas | Kassam-Brigaden | Volkswiderstandskomitee (PRC) | PLO | Fatah | Al-Aksa-Brigaden | Islamischer Dschihad | im Libanon die Hisbollah
Geschichte
Das Szenario, das sich abzeichnet, ist das eines Kriegsendes auf Raten: In wenigen Tagen könnte es einen vorerst befristeten Waffenstillstand zwischen den Kontrahenten geben. Entweder davor oder danach wird Israel vermutlich versuchen, Vorstöße in den Gaza- Streifen zu unternehmen, sagt Heller. Denkbar sei, dass die Truppen einen wenige Kilometer breiten Streifen entlang der Grenze einnähmen und dort einen Sicherheitsstreifen einrichteten. "Das würde die Raketenkommandos ins Landesinnere abdrängen und die großen israelischen Städte aus der Reichweite zumindest der Kassam-Raketen bringen", so der Analyst. Sei das erreicht, sei das endgültige Kriegsende wohl "eine Sache von Tagen".

SPIEGEL ONLINE

Auch bei der Hamas wird langsam deutlich, was sie plant. Trotz aller Rache-Rhetorik scheinen auch die Herrscher über Gaza auf einen Waffenstillstand hinzuarbeiten. Das Puzzle-Stück, dass darauf schließen lässt, präsentierte die Hamas gestern: Zum ersten Mal beschossen ihre Raketen-Kommandos auch Beer Schewa, eine 180.000-Einwohner-Stadt in der Wüste Negev. Beerscheba liegt 37 Kilometer vom Gaza-Streifen entfernt. Noch nie hatte die Hamas Geschosse mit dieser Reichweite eingesetzt. Dass sie sie nun aus den Arsenalen holt, ist eine klassische Demonstration der Stärke. Bei den Verhandlungen für eine Feuerpause wird die Hamas vermutlich versuchen, diese in Zugeständnisse umzumünzen.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Krieg im Nahen Osten: Angriffe auf den Gaza-Streifen

Fotostrecke
Gaza-Konflikt: Weltweite Proteste gegen Israel

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: