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Krieg in Gaza: Selbst in der Kirche gibt es keine Sicherheit

Von der Grenze zum Gazastreifen berichtet

Gaza-Krieg: Flüchtlinge suchen Schutz Fotos
REUTERS

Ein Erzbischof in Gaza öffnet seine Kirche für Flüchtlinge. Hunderte Menschen drängen zu ihm auf der Suche nach Schutz - doch selbst dort schlagen die Bombensplitter ein.

Die Kirche des heiligen Porphyrios im Olivenviertel im Süden von Gaza-Stadt ist zum Flüchtlingslager geworden. Hunderte Familien suchen Schutz in ihren dicken Mauern aus der Kreuzritterzeit. Benannt ist die Kirche nach dem Heiligen, der die Menschen in Gaza im fünften Jahrhundert zum Christentum zu bekehren suchte. Seit 13 Jahren steht ihr Erzbischof Alexios vor. Er hat seine Tore nun für alle geöffnet - christliche und muslimische Palästinenser.

"Wir nehmen jeden auf, ohne Unterschied", sagte der Erzbischof dem "Wall Street Journal". "Wir sind alle Brüder, wir sind eine Familie." Zusammen mit der Moschee nebenan koordiniert der Bischof die Hilfe - die Flüchtlinge bekommen Decken, Wasser und etwas Geld für Essen.

Ein Reporter des britischen "Guardian" beschrieb, was sich in der Kirche abspielte. Auf den Bänken im Innenhof versuchten demnach die Männer ein wenig Schlaf zu erhaschen. Manche Familien haben sich auf dem gefliesten Boden im Inneren der Kirche ausgebreitet. Die Messe am Sonntag musste angesichts der Lage ausfallen.

Jede Stunde stirbt ein Kind

Viele, die hier Zuflucht gesucht haben, sind völlig erschöpft von ihren Erlebnissen. Die meisten sind seit Sonntag aus dem nahe gelegenen Stadtteil Schedschaija in die Kirche geströmt, wo am Wochenende innerhalb weniger Stunden Dutzende Menschen getötet wurden. Die Bilder der in Panik fliehenden Bewohner gingen um die Welt.

Fast alle der Flüchtlinge sind Muslime. Im Gazastreifen, der von der radikalislamistischen Hamas beherrscht wird, leben nur knapp 3000 Christen, weniger als ein Prozent der Bevölkerung.

Mehr als hunderttausend Menschen sind innerhalb des Gazastreifens inzwischen auf der Flucht vor den Bomben. Seit 16 Tagen herrscht Krieg und es wird immer schlimmer. Über 600 Menschen sind bereits ums Leben gekommen, fast viertausend wurden verletzt, die meisten von ihnen Zivilisten. Nach Angaben der Uno wurde in den vergangenen zwei Tagen jede Stunde ein Kind getötet.

Waffenverstecke in Schulen

Die Menschen suchen Schutz an Orten, die sie für sicher halten - in der Kirche, in Krankenhäusern und in den Schulen des Uno-Palästinenserhilfswerks (UNRWA). Doch selbst an diesen Orten können die Bomben und Raketen sie erreichen. Am Montag trafen israelische Luftschläge das Zentrum von Gaza. Dabei hatte die israelische Armee erst kurz zuvor die Menschen dazu aufgefordert, genau dorthin zu fliehen. Die Trümmer begruben auch die palästinensischstämmige deutsche Familie Kilani unter sich.

Eine Uno-Schule wurde am Montag zum zweiten Mal angegriffen, als Mitarbeiter gerade die Schäden der ersten israelischen Attacke begutachten wollten. Die radikalen Milizen im Gazastreifen verstecken sich hinter zivilen Zielen. Die Uno-Mitarbeiter haben in den vergangenen Tagen bereits zweimal in leer stehenden Schulgebäuden Raketenverstecke gefunden.

Selbst innerhalb der Kirchenmauern kann sich niemand in völliger Sicherheit wiegen. Die Bomben donnern immer wieder auf die unmittelbare Nachbarschaft. Splitter und Geschosse haben ihre Spuren in der Mauer der protestantischen Schule nebenan hinterlassen, berichtet der "Guardian". In der Kirche auf dem Friedhof haben sie mehrere Gräber beschädigt, einige wurden sogar zerstört. Auch der Wassertank wurde getroffen.

Für eine Schwangere, die gerade erst die Flucht aus ihrem Zuhause hinter sich gebracht hatte, war die ganze Aufregung des erneuten Beschusses zu viel, berichtet ein Reporter des "Wall Street Journals". Ihre Wehen setzten vorzeitig ein. Das Baby kam in der Kirche des Heiligen Porphyrius zur Welt, Mutter und Kind sind gesund. "Es gibt nicht nur Tod in Gaza, es gibt auch Leben", kommentierte der Erzbischof die Geburt.

Mit Material von Reuters

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Fläche: 22.072 km²

Bevölkerung: 8,358 Mio.

Regierungssitz: Jerusalem

Staatsoberhaupt:
Reuven Rivlin

Regierungschef: Benjamin Netanjahu

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