Kriegsstimmung in Israel Wer anders denkt, gilt als Verräter

Zwei Drittel der Israelis befürworten den Gaza-Krieg. Wer dagegen ist, hat einen schweren Stand: Kritische Journalisten werden angefeindet, Demonstranten verprügelt. Abgeordneten droht gar der Verlust der Staatsbürgerschaft.

Aus Israel berichtet

REUTERS

Gideon Levy ist einiges gewohnt. Mit seiner Kritik an der israelischen Siedlungspolitik gehört der 61-Jährige zu den umstrittensten Journalisten der Zeitung "Haaretz". Hassbriefe gehören längst zu seinem Alltag. Doch seit er Israels Vorgehen im Gazastreifen kritisierte, steht er im Zentrum einer Hetzkampagne. "Ich habe einen Beleidigungshagel abbekommen und Drohungen, die alles Bisherige übertrafen", sagt er. Vor ein paar Tagen wurde er auf der Straße angegriffen und als Nestbeschmutzer beschimpft, als er gerade einem Fernsehsender ein Interview geben wollte.

Levys Gesicht ist bekannt. Regelmäßig sitzt er in Talkshows. Früher hatte er seine eigene: "Ein Treffen mit Gideon Levy".

Der preisgekrönte Journalist hat es gewagt, die Piloten der israelischen Luftwaffe zu kritisieren. Sie gelten als Elite. Levy schrieb unter dem Eindruck der Bomben auf Gaza, die hauptsächlich Zivilisten töten: "Sie sind Helden, die die Schwächsten bekämpfen, hilflose Menschen ohne Luftwaffe und ohne Flugabwehrsystem. Manche haben nicht einmal einen Drachen, den sie steigen lassen können."

Seit diesem Artikel verlässt er sein Haus nur noch mit Bodyguard. Freunde warnen ihn, er solle Israel für eine Weile verlassen, bis sich die Lage wieder beruhigt hat. Sie fürchten, Levy könne von einem rechten Israeli ermordet werden wie 1995 der damalige Premierminister Jizchak Rabin. Levy nimmt ihre Sorge sehr ernst. "Das Klima in Israel ist wieder genauso wie damals", sagt er. Von seiner Arbeit lässt er sich dennoch nicht abhalten.

Friedensdemonstrationen werden angegriffen

Der Journalist ist kein Einzelfall. Im Angesicht des Krieges herrscht vielerorts eine nationalistische oder gar rassistische Stimmung. Am Montagabend zogen in Jaffa bei Tel Aviv Hunderte Rechte unbehelligt durch die Straßen und skandierten "Tod den Arabern!".

Dagegen können in Tel Aviv und Haifa die regelmäßigen Friedensdemonstrationen von ein paar Hundert Linken inzwischen nur noch unter Polizeischutz stattfinden. Die Kriegskritiker werden auf den Demonstrationen immer wieder von der Polizei in Handschellen abgeführt - darunter auch die arabische Parlamentsabgeordnete Hanin Zoabi. Sie und ihre zwei Kollegen von der arabisch-israelischen Partei "Balad" sind bisher die einzigen Knesset-Mitglieder, die gegen den Gaza-Krieg demonstriert haben.

Zoabi wird nun von Außenminister Avigdor Lieberman und Sicherheitsminister Jitzchak Aharonowitch als Verräterin beschimpft. Beide fordern, dass sie ihren Sitz in der Knesset verliert. Die stellvertretende Innenministerin Faina Kirschenbaum will sogar prüfen, ob sie Zoabi die israelische Staatsbürgerschaft entziehen kann.

Kaum jemand stört sich an der feindseligen Hetze

Seit die extreme Rechte und die radikale Siedlerfraktion mitregieren, gehört selbst bei Kabinettsmitgliedern Rassismus zum Repertoire. Das bekam auch ein Dachverband der arabischen Israelis zu spüren, als er aus Solidarität zu den Opfern in Gaza zu einem Tag des Streiks aufrief. Außenminister Lieberman forderte prompt jüdische Israelis dazu auf, die Läden der streikenden Araber künftig zu boykottieren.

Nach dem grausamen Rachemord an einem arabisch-israelischen Jungen hatten Israels Liberale eine Rassismusdebatte angestoßen. Doch nun geht die Selbstreflexion im Kriegsgetöse unter. In Sderot, einem Grenzort des Gazastreifens, sagt ein 60-Jähriger ungeniert vor seinen Freunden: "Ich habe ja nichts gegen alle 300 Millionen Araber, aber die zwei Millionen in Gaza sollten wir vernichten." Seine Freunde nicken. Namentlich zitieren lassen will sich keiner von ihnen.

Laut spricht der stellvertretende Parlamentssprecher Moshe Feiglin von der regierenden Likud-Partei seinen Plan aus: "Gaza ist Teil von unserem Land." Rücksichtslos solle Israel den Gazastreifen erobern und besiedeln. Die Palästinenser will er nach Ägypten in den Sinai schicken.

"Unsere Demokratie ist gefährdet"

Der israelische Schriftsteller David Grossman warnte schon 2008 in einem Aufsatzband: "Wer ständig im Kriegszustand lebt, zieht sich zusammen, physisch wie emotional." Über kurz oder lang ginge Israel der moralische Kompass verloren. Selbst ein Bruder könne inzwischen zum Feind werden. "Es reicht, dass seine Meinungen und Gewohnheiten anders sind als die eigenen."

Zwei Drittel der Israelis unterstützen in Meinungsumfragen den Gaza-Krieg. Gideon Levy, der kritische "Haaretz"-Journalist, gilt ihnen als Verräter. In Ashkelon an der Grenze zu Gaza gab ihm ein Mann kürzlich 20 Schekel, umgerechnet rund fünf Euro. Damit solle Levy nach Gaza abhauen und sehen, ob es da besser sei.

Den Rechtsruck Israels kann Levy deutlich fühlen. "Vor sechs Jahren habe ich einen ähnlichen Artikel geschrieben wie jetzt", sagt er. Während des Gaza-Krieges 2008/2009 kritisierte er ebenfalls die israelische Luftwaffe. "Aber die Reaktionen waren damals nicht so extrem", sagt er. "Jetzt geht die Saat der rassistischen Hetze und Panikmache der vergangenen Jahre auf. Sie gefährdet unsere Demokratie."

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