Rom - Bereits Mitte Mai hatte es Berichte aus tunesischen Regierungskreisen gegeben, wonach sich der Chef der staatlichen libyschen Ölgesellschaft NOC, Schukri Ghanem, nach Tunesien abgesetzt habe. Kurz danach gab der libysche Außenminister jedoch bekannt, Ghanem werde die Gaddafi-Regierung beim bevorstehenden Treffen der Opec-Staaten am 8. Juni vertreten.
Davon kann jedoch keine Rede sein. Ghanem, der in seiner Funktion als Chef der NOC auch libyscher Ölminister ist, wird wohl nicht an dem Treffen in Wien teilnehmen. Er hält sich in Rom auf - und lässt keinen Zweifel daran, dass er der Gaddafi-Regierung den Rücken gekehrt hat.
Er habe sein Land verlassen um sich den jungen Libyern anzuschließen und "für einen demokratischen Staat zu kämpfen", sagte Ghanem der italienischen Nachrichtenagentur Ansa in Rom. Er arbeite aber nicht mit dem nationalen Übergangsrat in Bengasi zusammen.
Er habe seinen Job aufgrund der unerträglichen Gewalt und des täglichen Blutvergießens in dem Land verlassen, sagte Ghanem bei einer Pressekonferenz, die der ebenfalls übergelaufene libysche Botschafter in Rom organisiert hatte. "In dieser Lage kann man nicht mehr arbeiten, also habe ich mein Land verlassen und meine Arbeit aufgegeben", sagte er. Wegen des westlichen Embargos sei die Ölförderung in Libyen praktisch zum Erliegen gekommen. Ghanem war lange Zeit auch libyscher Ministerpräsident gewesen. Er steht auf der "schwarzen Liste" des US-Finanzministeriums, alle seine Guthaben in den USA sind eingefroren worden.
In Oppositionskreisen hatte es schon vor längerer Zeit geheißen, Ghanem wolle Tripolis verlassen. Er habe jedoch zunächst keine Gelegenheit dazu gefunden, da alle Top-Funktionäre, an deren Loyalität Zweifel bestünden, streng überwacht würden. In Libyen gebe es jetzt viel inneren Druck und den Druck von außen, sagte Ghanem. "Wir müssen abwarten und sehen, was passiert, es gibt so viele Möglichkeiten, auch die friedliche Lösung", fügte er an.
Bereits Anfang der Woche sind hohe Offiziere und Militärs übergelaufen
Er wisse noch nicht, was seine nächste Station sein werde, sagte Ghanem über sich selbst, seine Familie sei teilweise in Libyen und teilweise außerhalb des Landes. Über das Schicksal von Gaddafis Frau und der Familie wisse er nichts, er habe Gaddafi zuletzt vor Monaten getroffen.
Die Flucht seines wichtigen Ministers ist ein weiterer Schlag für den libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi. Ghanem ist einer der ranghöchsten Libyer, die im Machtkampf zwischen Gaddafi und den Rebellen die Seiten gewechselt haben. Erst Anfang der Woche waren mehrere hohe Offiziere, darunter fünf Generäle, übergelaufen. Mit ihnen hätten mehr als 100 Militärs die Zusammenarbeit mit dem seit 40 Jahren über Libyen herrschenden Gaddafi beendet, erklärten sie ebenfalls in Rom. Ende März hatte die Flucht von Libyens Außenminister Mussa Kussa nach Großbritannien für großes Aufsehen gesorgt.
Am Mittwoch teilte die Nato mit, ihre Luftangriffe gegen Libyen bis Ende September zu verlängern. Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen sagte: "Die Frage ist nicht, ob Gaddafi abtritt, sondern wann." Dies könne einige Zeit dauern, könne aber "auch schon morgen" geschehen.
Die Nato fliegt seit Mitte März fast täglich Einsätze gegen Ziele in Libyen. Zuletzt war auch mehrfach Gaddafis Residenz angegriffen worden. Frankreich und Großbritannien setzen mittlerweile auch Kampfhubschrauber ein, um zielgenauer treffen zu können. Bodentruppen werden aber nicht eingesetzt.
Der Führung in Tripolis zufolge kamen bei den Nato-Angriffen bislang mindestens 718 Zivilisten ums Leben, darunter angeblich Gaddafis Sohn und seine drei Enkelkinder. Regierungssprecher Mussa Ibrahim schloss einen Machtverzicht Gaddafis erneut aus und warnte vor einem Bürgerkrieg.
lgr/AFP/dapd/Reuters/dpa
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