Krieg: 30.000 Menschen in Mali auf der Flucht

Rückschlag für Frankreichs Einsatzkräfte in Mali: Die Islamisten haben trotz heftiger Luftangriffe eine weitere Stadt in ihre Gewalt gebracht. 30.000 Menschen sind nach Uno-Angaben bereits auf der Flucht. Doch die Nachbarländer Mauretanien und Algerien haben ihre Grenzen abgeriegelt.

Französischer Kampfjet: Luftangriffe gegen Islamisten Zur Großansicht
AFP

Französischer Kampfjet: Luftangriffe gegen Islamisten

New York/Bamako - Die Lage in Mali spitzt sich zu: Die blutigen Kämpfe zwischen den Regierungstruppen, unterstützt durch Frankreichs Soldaten und Luftwaffe, und den Islamisten, dauern an. Etwa 30.000 Menschen sind nach Angaben der Vereinten Nationen auf der Flucht. Die Flüchtlinge wollten das Konfliktgebiet in Zentral- und Nordmali Richtung Süden verlassen, sagte der stellvertretende Uno-Sprecher Eduardo del Buey.

Die Dunkelziffer sei womöglich noch höher. Del Buey zeigte sich besorgt über Berichte, wonach Islamistengruppen Bewohner daran hinderten, das Gebiet zu verlassen, das inzwischen auch Ziel französischer Angriffe ist. Nach dem Militärputsch im März 2012 seien nun schon rund 230.000 Menschen vor der Gewalt im Land geflohen.

Nachbarländer schließen Grenze

Das malische Militär versucht seit vergangener Woche, einen Vormarsch islamistischer Kämpfer nach Süden zu verhindern, die seit dem Frühjahr vergangenen Jahres weite Teile des Nordens beherrschen. Am Freitag hatte sich Paris in den Konflikt eingeschaltet. Die französische Armee geht seitdem unter anderem mit Luftangriffen gegen die Islamisten vor.

Tausende Menschen aus Mali seien auf dem Weg zur Grenze, erklärte das westliche Nachbarland Mauretanien. Die Regierung in Nouakchott beorderte deshalb Soldaten an die Grenze, um diese abzuriegeln, heißt es Militärkreisen in der mauretanischen Hauptstadt. Auch der nördliche Nachbar Algerien schloss seine Grenze, das bestätigte ein Sprecher des Außenministeriums in Algier.

"Viel gefährlicher als Irak, Afghanistan oder Somalia"

Trotz der französischen Luftangriffe ist die Lage in Mali weiter angespannt und unübersichtlich. Die Nachrichtenagentur AP meldete, dass die Franzosen die Aufständischen aus den strategisch wichtigen Städten im Norden, Gao, Kidal und Timbuktu, vertrieben hätten. Die Attacken auf Gao hätten aufgehört, berichtete ein Augenzeuge. Bei den Luftangriffen wurden 30 Fahrzeuge und vier Panzer der Rebellen zerstört, und es gab Dutzende Tote. Allerdings sind die Städte Hochburgen der Islamisten, in wie weit sie sich wirklich von dort zurückgezogen oder nur versteckt haben, war zunächst aber unklar

Die Islamisten brachten die im Süden gelegene Stadt Diabali unter ihre Kontrolle, wie der französische Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian einräumte. Damit nähern sich die Rebellen der strategisch wichtigen Gebietshauptstadt Segou. Sollten sie auch diese Ortschaft erobern, ist der Weg zur Hauptstadt Bamako für sie nicht mehr weit.

Die französische Armee reagierte mit Luftangriffen. Wie die Nachrichtenagentur AFP meldete, attackierte die Luftwaffe in der Nacht zum Dienstag Diabali. Bei den Luftangriffen seien mindestens fünf islamistische Kämpfer getötet und mehrere andere verletzt worden, sagte ein Mitarbeiter der malischen Sicherheitskräfte.

Nach französischen Angaben sind die Kämpfer besser ausgerüstet als erwartet. Sie haben etliche Waffen geflüchteter Regierungstruppen und aus den Beständen des libyschen Ex-Machthabers Muammar al-Gaddafi in ihren Besitz gebracht. Die islamistischen Aufständischen treten außerdem immer selbstbewusster auf: Ein Führer schickte offen Drohungen nach Paris: "Frankreich hat für alle Franzosen die Türen zur Hölle aufgestoßen", sagte Omar Ould Hamaha dem Radiosender Europe1. Das Land sei "in eine Falle getappt, die viel gefährlicher ist als jene in Irak, Afghanistan oder Somalia".

Paris verstärkt Truppen

Frankreich ließ vorsorglich alle seine Staatsbürger aus Segu evakuieren und schickte weitere 150 in der Elfenbeinküste stationierte Soldaten sowie gepanzerte Fahrzeuge zur Verstärkung nach Mali. Auch in den Nachbarländern bereitet man sich auf das Schlimmste vor: Das nordwestlich von Mali gelegene Mauretanien versetzte seine Truppen in Alarmbereitschaft, im Süden verstärkte Burkina Faso die Grenzstreitkräfte. Algerien, das bisher gegen eine Intervention argumentierte, öffnete seinen Luftraum für die französischen Kampfjets.

Paris will seine Truppen in Mali verstärken, kündigte Präsident François Hollande an. Die Zahl von derzeit 750 Soldaten solle erhöht werden. Eine Einheit mit 40 französischen Panzern aus der Elfenbeinküste soll nach einem Bericht der Tageszeitung "Le Monde" am Dienstagmorgen die malische Hauptstadt Bamako erreicht haben.

Hollande erwartet, dass es bis zum geplanten Einsatz von Einheiten der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas in Mali noch "eine gute Woche" dauern wird. Länder wie Niger, Burkina Faso, Senegal, Togo, Nigeria und Benin wollen die malische Regierung mit einer rund 3300 Mann starken Kampftruppe gegen die islamistischen Aufständischen im Land unterstützen.

Cohn-Bendit hält deutsche Kampftruppen in Mali für denkbar

Der Uno-Sicherheitsrat stellte sich hinter das militärische Eingreifen Frankreichs. "Alle Mitglieder haben ihre Unterstützung für die französische Position ausgedrückt", sagte der französische Uno-Botschafter Gérard Araud am Montag nach einer Sondersitzung des Gremiums. Paris sieht sich dadurch bei seiner Mali-Intervention gestärkt. Auch Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon begrüßte die von Malis Regierung erbetene militärische Hilfe. Er hoffe, dass dadurch die Offensive der in den Süden vorrückenden islamistischen Rebellen gestoppt werden könne.

Auch die Bundesregierung will die französische Militärintervention unterstützen - allerdings nicht mit Kampftruppen. Im ZDF bot Außenminister Guido Westerwelle medizinische, aber auch logistische Hilfe an, beispielsweise durch Transall-Transportmaschinen.

Der Grünen-Vorsitzende im EU-Parlament, Daniel Cohn-Bendit, denkt dagegen bereits über deutsche Kampftruppen in Mali nach. "Die Deutschen sollten sich vorbereiten, wenn es schwieriger wird, dort unterstützend mitzumachen", sagte er dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Die Frage, ob er auch den Einsatz von deutschen Kampftruppen für denkbar halte, beantwortete Cohn-Bendit mit "Ja".

heb/AFP/AP/dapd

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1. Ich bin erschrocken
pragmat. 15.01.2013
wie schnell sich deutsche Politiker in einen Krieg ziehen lassen. Und dass, wo vor kurzem eine Unterstützung für den arabischen Frühling ausgesprochen wurde. Man erkennt keine Richtung, will aber einen sauberen Kurzkrieg starten. Das endet doch meißt in einen endlosen Bürgerkrieg. Die Franzosen haben andere Ambitionen anderes Militär und eine andere Vergangenheit. Die Entwicklung des Eingreifens deutscher Soldaten ist aus dem Ruder gelaufen. Wir sind keine Weltmacht, die überall mitmischen muss. Ich sehe schon die ersten trauernden Mütter, die an den Särgen ihrer jungen gefallenen deutschen Söhne trauern. Wo ist nur die Friedensbewegung hingekommen, dass die Grünen sich berufen fühlen für den Krieg vorzupreschen?
2. Prima,
Peter-Lublewski 15.01.2013
der Überraschungsmoment ist - mal wieder - für alle Zeiten dahin. Das kommt davon, wenn man stümperhaften Politikern die Entscheidungen über Militäreinsätze überlässt. Eine geballte Ladung aus französischer Luftwaffe, Legion und anderen Spezialisten des Heeres und die "Islamisten" wären seit Wochenbeginn da, wo die Öffentlichkeit sie haben will - six feet under.
3. Schwätzer
Peter-Lublewski 15.01.2013
"Die Frage, ob er auch den Einsatz von deutschen Kampftruppen für denkbar halte, beantwortete Cohn-Bendit mit "Ja"." Zum Glück hat dieser Schwätzer das nicht zu bestimmen.
4. Wer ist der Feind ?
Bernhard.R 15.01.2013
Die Feinde sind immer Islamisten, Salafisten, Djihadisten, Terroristen. Man kann einen Krieg gegen Revolutionäre, die ein korruptes Regime stürzen wollen, um die Bodenschätze des Landes gerechter zu vermarkten auch so schlecht begründen. Aber derartige Kriegslügen sind wir ja gewohnt.
5. das Tor zur Hölle aufstossen ...
mottasvizzera 15.01.2013
Es sind immer diese geschwungenen Redewendungen, die jeder kennt, der Bekannte aus dem islamischen Kulturkreis kennt. Für mich beunruhigender ist die gute Bewaffnung und allenfalls, wer diese Bewaffnung finanziert. Ich gkazbe einmal nicht, dass sich nicht alles mit dem Bürgerkrieg in Lybien erklären lässt. Vielleicht sollte man auch die Wölfe im Schafspelz gut im Auge behalten : Saudiarabien und die Arabischen Emirate... Selbst wenn sie sich noch so weltoffen geben - im Grunde sind sie religiöse Fundamentalisten.
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Bevölkerung: 15,370 Mio. Einwohner

Fläche: 1.240.194 km²

Hauptstadt: Bamako

Staatsoberhaupt:
Ibrahim Boubacar Keita

Regierungschef: Moussa Mara

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