Krieg in Mali: Die Schlacht von Konna

Aus Konna berichtet

Westafrika: Mali in der Dauerkrise Fotos
REUTERS

Ohne Gegenwehr marschieren französische Soldaten inzwischen nach Nordmali, die Islamisten sind in die Wüste ausgewichen. Doch der Beginn des Feldzugs verlief dramatischer: Laut Augenzeugen bombardierten Kampfjets die Stadt Konna stundenlang, dann jagten und töteten Spezialeinheiten die Extremisten.

Als der Krieg gegen die Islamisten in Mali vor gut zwei Wochen begann, sah Dani Diarra das Ende ihrer Tage vor sich. Zitternd vor Angst versteckte sich die Mutter aus der kleinen Ortschaft Konna in Zentralmali unter Matratzen und Teppichen im Schlafzimmer ihrer Lehmhütte, ihre drei Kinder drückte sie fest an sich und hielt ihnen die Augen zu. "Immer wieder erzitterte die Erde, die Mauern wackelten", erinnert sich die 30-Jährige, "aus dem Dach rieselte Sand auf uns herab." Diarra flüsterte ihren Mädchen zu, sie sollten mit aller Kraft beten, nur Gott könne sie jetzt noch retten. Stattdessen aber kamen die Einschläge der kreischenden französischen Kampfjets, die im Tiefflug über die Ortschaft Konna hinwegrasten, immer näher.

Diarra hatte Glück. Am Montagmittag steht sie vor dem gelben Stahltor zu ihrem Hof, die Kinder scharen sich um sie. Gleich gegenüber ihrer Lehmhütte klaffen in der kleinen Moschee von Konna gewaltige Einschusslöcher. Dort, das jedenfalls hat Diarra von den Nachbarn gehört, hatte sich bis zuletzt eine Gruppe von Islamisten vor den Attacken aus der Luft versteckt. Im Innenraum zeugen blutige Hemden und leere Magazine von der Anwesenheit der Kämpfer, die zuvor mit rund hundert Pick-ups auf ihrem Vormarsch in Richtung Zentralmali den kleinen Ort Konna im Sturm eingenommen, die desolate malische Armee überrannt und rund 50 Soldaten im Ort brutal massakriert hatten.

Der Einmarsch der Islamisten in Konna, einem kleinen Nest kurz vor der Armeebasis in Sévaré, war der Startschuss für die französische Intervention in Mali. Panisch hatte Präsident Dioncounda Traoré nach dem Fall von Konna die französische Botschaft in Bamako angerufen. Paris reagierte umgehend auf den Hilferuf aus Mali. Noch am Nachmittag landeten französische Transall-Flugzeuge in Sévaré, gleichzeitig flogen französische Rafale-Kampfjets schon Attacken gegen die Islamisten in Konna. Diese hatten ein klares Ziel ihrer Operation ausgegeben. "Wir sind jetzt die Regierung hier", brüstete sich ihr Kommandeur auf dem Marktplatz, "mit Gottes Hilfe werden wir unser Freitagsgebet morgen schon in Sévaré abhalten."

Vorwürfe gegen malische und französische Soldaten

Die Hoffnungen der Islamisten erfüllten sich nicht, stattdessen rückten die Franzosen in den vergangenen zwei Wochen in atemberaubendem Tempo und ohne Widerstand immer weiter in Richtung Norden vor. Am Montag sicherten sie die Stadt Timbuktu, die über Monate hinweg die Hochburg der Kämpfer war, einer losen Allianz von Radikalislamisten, enttäuschten Tuareg-Rebellen, Wüstenschmugglern und Qaida-Terroristen. Über zehn Monate hatten sie den Norden Malis komplett beherrscht. Mit Gewalt schufen sie einen fundamentalistischen Gottesstaat mit strikten Strafen für jeden Dieb und strengen Regeln für Frauen. Aus Furcht vor der französischen Übermacht, so jedenfalls sieht es derzeit aus, haben sich diese Kämpfer nun in die Wüste geflüchtet.

Dani Diarra kennt die Nachrichten aus Timbuktu, angeschlossen an ein kleines Solarpanel auf dem Dach krächzt in ihrer Küche den ganzen Tag lang der französische Sender RFI, der im Stundentakt die neuesten Erfolgsmeldungen aus dem Norden verbreitet. Gerade eben hat François Hollande im fernen Paris gesagt, man habe den Krieg schon so gut wie gewonnen. Der RFI-Report ergänzt, dass sich die Islamisten wie Feiglinge in die Wüste zurückgezogen hätten. Diarra schüttelt den Kopf. "Ich bin den Franzosen dankbar, sie haben uns gerettet", sagt sie. "Doch wir haben hier den echten Krieg erlebt, mit Bomben, Toten und stundenlangen Kämpfen."

Anhand der Aussagen der Mutter und mehrerer anderer Bewohner von Konna lässt sich ein bisher unbekanntes Bild der heftigen Kämpfe zeichnen, die sich zu Beginn des Kriegs abspielten. Interviews mit Anwohnern legen nahe, dass nach den Bombenangriffen bei Gefechten in Konna möglicherweise Hunderte Menschen starben. Einige Anwohner erhoben dabei teilweise auch Vorwürfe gegen die malischen und französischen Soldaten. Bei der Jagd auf die Islamisten, die sich nach den Luftangriffen teilweise auch in Wohnhäusern versteckten, sind ihnen zufolge auch unbeteiligte Bewohner der Stadt entweder gleich erschossen oder von den Maliern verschleppt worden. Viele von den Verschleppten, so die Bewohner, seien bis heute nicht zurückgekehrt.

Dani Diarra ist froh, dass sich beim Eintreffen der Soldaten in Konna keine Männer auf ihrem Gehöft befanden. "Die Franzosen brachen das Tor zu meinem Haus auf", erinnert sie sich, "stürmten durch den Hof und durch alle Räume und suchten nach Kämpfern." Ein malischer Soldat, der die Franzosen begleitete, herrschte sie an, man würde auch sie mitnehmen, wenn sie Islamisten verstecken würde. Mit den schreienden Kindern auf ihrem Arm flehte sie die Soldaten an, ihr nichts anzutun. Als sie das Gebäude innerhalb einiger Minuten durchsucht hatten, verschwanden sie und zogen weiter. "Die Soldaten zogen von Haus zu Haus", sagt Diana. "Aus vielen Gehöften zerrten sie junge Männer, immer wieder wurde auch geschossen."

Die Geschehnisse des ersten Kriegstags wird niemand mehr aufklären

Besonders heftig war die Suche nach möglichen Feinden offenbar in dem Vorort Sama, nur wenige Kilometer vom Stadtkern von Konna entfernt. Mehrere Augenzeugen berichteten in dieser Woche, zunächst hätten Helikopter und Kampfjets einige Gehöfte unter Feuer genommen, in denen sich offenbar Kämpfer versteckt hatten. "Nach den Detonationen flohen viele der Kämpfer aus ihren Verstecken", sagte ein greiser Bewohner am Montag, "sie wurden von den französischen Special Forces sofort erschossen". Als die Schüsse abebbten, stürmten die Soldaten von Lehmhütte zu Lehmhütte, brachen die Türen auf und durchsuchten die Räume. Der alte Mann aus Sama schätzte, allein in seinem Dorf seien mehr als 30 Kämpfer getötet worden.

Bei der hektischen Jagd gerieten auch Unbeteiligte in die Schusslinie. Früh am Morgen nach den heftigen Gefechten baten in der kleinen Ortschaft Takoutala, rund zehn Kilometer von Konna entfernt, malische Soldaten die Anwohner um Hilfe. "Sie erzählten uns, dass sie versehentlich zwei Schafhirten auf den Feldern erschossen hätten", sagt Samba Sidibe, ein 27 Jahre alter Bauer aus dem Dorf. Als er die Leichen für die Beerdigung in Tücher einhüllte, bekam er Zweifel an der Version. "Die beiden Männer hatten jeweils zwei Einschusslöcher im Kopf", erzählt er. "Für mich sah das eher nach einer Exekution als nach einem Irrtum aus." Es ist nicht der einzige Vorfall, bei dem malische Soldaten solcher Racheakte bezichtigt worden sind.

Aufklären kann die Geschehnisse dieses ersten Kriegstags wohl niemand mehr, sowohl die Leichen der Kämpfer als auch jene möglicher Opfer unter der Zivilbevölkerung wurden schon am Freitag beerdigt, rund hundert frisch aufgeworfene Hügel am Stadtrand von Konna sind die letzten Zeugnisse der Gefechte. Dass es zumeist Kämpfer erwischt hat, steht dabei nicht in Zweifel. Von den etwa hundert Pick-ups, mit denen sie Konna gestürmt hatten, kehrten nach den Kämpfen mit den Franzosen nur rund 30 gen Norden zurück, berichten Anwohner aus dem nahe gelegenen Duantse. "Der Blutzoll von Konna", sagt einer der Bewohner von Konna, "ist der Grund, warum die Islamisten nun lieber flüchten, als gegen die Franzosen zu kämpfen."

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hador2 29.01.2013
Krieg ist schmutzig und Krieg bringt Leid egal ob er gerechtfertigt ist oder nicht. Das ist nunmal ein Fakt und keine noch so tolle High-Tech Waffe und erst recht keine noch so ausgefeilte PR-Maschinerie wird daran jemals etwas ändern.
2. Ja, der Krieg ist schrecklich,
Rollerfahrer 29.01.2013
und wer das dort erleben musste, der ist wirklich nicht zu beneiden. Auf der anderen Seite zeigte sich dort offensichlicht eine klare Entschlossenheit der Armee und der Franzosen, und das dürfte dafür gesorgt haben, daß die Islamisten nun wirklich fracksausen haben. Dadurch fällt es den Truppen nun vermutlich leichter, die Islamisten zu vertreiben. Das ist auf jeden Fall viel viel besser als unendliche Scharmützel und der Versuch das mit Diplomatie kleinzuhalten. Insofern, denke ich alles in allem eine gute Enscheidung. Alle die leiden haben mein tiefes Mitgefühl, auch wenn es ihnen nicht wirklich hilft.u
3. optional
drizzt81 29.01.2013
-- Zitat -- [..] die zuvor mit rund 100 Pick-ups auf ihrem Vormarsch in Richtung Zentralmali den kleinen Ort Konna im Sturm eingenommen, die desolate malische Armee überrannt und rund 50 Soldaten im Ort brutal massakriert hatten -- /Zitat -- Ja, Krieg bringt immer leid. Auch wenn die Koran-Aktivisten gewinnen
4. Tja
AhzekAhriman 29.01.2013
Die Franzosen sind nicht da um Brunnen zu bohren, Schulen zu bauen oder Bonbons zu verteilen. Sie versuchen das Land zu befreien und die islamistischen Mörder zu töten. Das ist vorerst wohl die einzige und richtige Mission. Spon sollte nicht krampfhaft versuchen diese in den Dreck zu ziehen. Was malische Truppen/Soldaten anstellen ist ein ganz anderes Ding. Wie alle afrikanischen "Armeen" haben die noch nie was von Menschenrechten gehört und verhalten sich wohl dementsprechend. Ich wünsche den französischen Soldaten alles Gute und Erfolg in ihrem Kampf gegen diese zurückgebliebenen islamischen Fanatiker. Europa sollte sich daran beteiligen!!!
5. Das ist Krieg
Chris_7 29.01.2013
Das liebe Leute ist Krieg. Man tötet den Feind, wo immer man ihn findet. Nicht das "Polizeigespiele" wie in Afghanistan durch die Bundeswehr. Und ja, dabei sterben auch Zivilisten. Das ist normal. Es gibt keinen "sauberen" Krieg. Krieg ist immer mit Blut und mit Toten verbunden. Und gerade beim Kampf gegen irreguläre Kräfte stirbt eben im Zweifel eher ein Zivilist zuviel, als dass man einen der Terroristen für einen Zivilisten hält und der nachher den Soldaten von hinten erschießt. Richtig wäre es jetzt, die Verolgung auch in die Wüste fortzusetzen und soviuele Feinde wie möglich zu töten. Denn diese können sich dann schon nicht neu organisieren und in ein paar Monaten wieder kommen. Auf der anderen Seite zeigt dieser Fall deutlich, dass eine gut organisierte, entschlossene Truppe die alle Handlungsfreiräume hat die eine Armee braucht (und nicht irgend welche komischen Rules of Engagement die die Möglichkeiten des Soldaten sinnlos einschränken und ihm die Möglichkeit selbst zu handeln nehmen) und - ganz wichtig - die nicht von einer Pressemeute begleitet wird, die Livebilder aus dem Kriegsgebiet nach Hause an Politiker und Bevölkerung sendet, die diese nicht verstehen und beim ersten Blutspritzer und dem ersten Leichenberg die Truppe wegen des öffentlichen Drucks (von Leuten die nicht wissen was Krieg bedeutet) einbremsen. In sofern: Herzlichen Glückwunsch, Frankreich. Und für den Rest: Das werden wir zukünftig noch viel öfters machen müssen, in vielen Ländern...
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