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Krieg in Nahost: Wir wollen doch nur ein schönes Leben

Es ist nicht lange her, da glaubten die Israelis fest daran, dass Frieden möglich ist. Doch jetzt herrscht wieder Krieg. Der Journalist und Friedensaktivist Zeev Avrahami erklärt, warum er jetzt zur Waffe greifen würde - und nicht zum Olivenzweig.

New York - Jedes Mal wenn Kriegsbilder aus dem Libanon über den Flachbildschirm in meiner Wohnung im 30. Stock eines Hochhauses in Manhattan flimmern, überwältigt mich ein Gefühl von tiefer Traurigkeit. Wenn ich morgens das Internet nach neuen Nachrichten scanne, überkommt mich Wut. Das Resultat ist Verwirrung: Ich gehe nachts schlafen und denke, ich bin eine Taube, morgens wache ich auf und muss feststellen, dass ich ein Falke bin.

Es ist schon so schlimm geworden, dass ich beginne, Ariel Scharon zu vermissen - den ehemaligen israelischen Premierminister, der seit sechs Monaten im Koma liegt. Ich ertappe mich dabei, wie ich mir Drehbücher ausdenke: Scharon wacht auf, starrt auf den Fernsehschirm und sieht, wie Israel in den Libanon eindringt. Ich glaube Scharon würde denken, er sei in der Hölle gelandet, wo er dazu verdammt ist, die grausamsten Zeiten seiner politischen Karriere noch einmal zu erleben.

Schon die bloße Tatsache, dass ich in Erinnerungen an Scharon schwelge, ist schockierend. Viele aus meiner Generation können ihn nicht ausstehen. Der Mann hat Israel 1982, als Israel in den Libanon einrückte, in einen traumatischen "freiwilligen Krieg" geführt - eine Erfahrung, die zahlreiche Narben in der israelischen Bevölkerung hinterlassen hat, sowohl körperlich als auch mental. Die Soldaten, die im Süden Libanons gekämpft haben, haben damals nicht verstanden, warum sie dort waren; warum sie ihre Freunde verloren haben, ihre Jugend, ihre Unschuld. Sie verstanden nicht, warum sie gegen einen unbekannten Feind kämpfen und in den Straßen libanesischer Städte patroullieren mussten - dort wo Menschen in Cafés saßen, Kaffee tranken und Backgammon spielten.

Israels Vietnam

Der Krieg vor 24 Jahren hat Israel auf den Kopf gestellt: Ein hochrangiger Offizier weigerte sich, den Befehl, nach Beirut einzumarschieren, auszuführen und Tausende Israelis haben gegen den Krieg protestiert, während die Soldaten noch kämpften und starben. Nach Jahren, in denen wir der Liebling der ganzen Welt waren, wendete sich die internationale öffentliche Meinung gegen uns. Es gab den Horror von Sabra und Schatila. Es gab keine ruhmreichen Fotoalben nach dem Krieg, keine Helden. Es war Israels Vietnam.

Ich habe in dem Libanon-Krieg nicht gekämpft - wenngleich ich Teile meines Armeedienstes damit verbrachte, die Grenze zu überwachen. Aber als ich im November 1987 in die israelische Armee eintrat, musste ich mit den Nebeneffekten des Krieges umgehen: Denn selbst als Jassir Arafats Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) nach Algerien vertrieben wurde, sah sich Israel dem Widerstand innerhalb der besetzen palästinensischen Gebiete gegenüber. Die erste Intifada begann einen Monat, nachdem ich eingezogen wurde. Zu diesem Zeitpunkt, als ich gerade erst in der Armee war, hatte ich das Gefühl, dass ich den Auftrag hatte, das Erbe jener israelischer Zivilisten fortzuführen, die sobald sie 18 Jahre werden drei Jahre lang der Armee dienen, um Israel vor seinen Feinden zu beschützen.

Aber als ich in Gaza und Nablus eingesetzt wurde und einen unbekannten Feind bekämpfte, Straßen entlangpatroullierte, wo wieder Menschen Tee tranken und in den Cafés Backgammon spielten, wurde meine Überzeugung erschüttert. Ich war nicht mehr sicher, wer die Guten und wer die Bösen waren. Als mein obligatorischer Dienst vorüber war, entschied ich mich, dass ich nie wieder Soldat sein wollte. Als ich später als Reservist gerufen und zurück nach Gaza beordert wurde, weigerte ich mich und wurde zu einem offenen und aktiven Gegner der israelischen Besatzung.

Die wachsende Opposition in meiner Generation war unser erster großer Beitrag zur Gestaltung der israelischen Gesellschaft. Unsere jungen Nation bekam eine neue Ebene. Die erste Generation der Israelis hat das Land aufgebaut, für seine Unabhängigkeit gekämpft und die Infrastruktur eines Nationalstaates entwickelt. Die zweite Generation hat einen ruhmreichen Krieg gekämpft, der geholfen hat, eine jüdische Post-Holocaust-Identität herauszubilden. Wir, die wir Mitte der sechziger oder Anfang der siebziger Jahre geboren wurden, wollten die Normalisierung Israels. Wir wollten, dass Israel ein Land wie jedes andere wird; wir wollten Grenzen, geografisch und ethisch. Der Krieg, den wir kämpften, war ein Krieg gegen die Überzeugungen der Generation unserer Eltern.

Der Wunsch nach einem starken Anführer

Als meine Generation heranwuchs und schließlich ihren Platz in der israelischen Wirtschaft, Kultur und Politik einnahm, haben wir eine große Veränderung in der öffentlichen Meinung in Israel bewirkt. Unsere Generation drängte - mit ihren Stimmen und ihrer Lebenseinstellung - auf Gespräche mit den Palästinensern und auf Friedensabkommen mit Arafat und Jordanien. Die junge Generation, die nach uns kam, regte den Rückzug aus dem Libanon im Jahr 2000 an und setzte sich für ein endgültiges Abkommen mit den Palästinensern ein. Mit den letzten Wahlen wurden zum ersten Mal in der Geschichte Israels drei Politiker auf die höchsten Regierungsposten gewählt, die nicht zuvor die Ränge der Armee durchlaufen hatten: Premierminister Ehud Olmert war Bürgermeister von Jerusalem, Außenministerin Zipi Livni ist Rechtsanwältin und Verteidigungminister Amir Peretz war Gewerkschaftsführer. Wir wollten, dass sich unsere Regierung auf Fragen der Wohlfahrt konzentrierte, in Ausbildung und Bürgerrechte investierte.

Tief im Inneren wussten wir natürlich, dass das Wunschdenken war. Schließlich hat meine Generation - die zum großen Teil den letzten heroischen Krieg von 1967 nicht miterlebt hat und in eine Wirklichkeit in der Israel Besatzer war hineingeboren wurde - geholfen, Ariel Scharon 2001 zum Premierminister zu machen. Scharons Reputation war damals nicht nur durch den Libanon-Krieg beschmutzt, er war auch das lebende Symbol des Siedlungsprojektes. Es war Scharon, der als Minister für Infrastruktur und Landwirtschaft riesige Mengen Geld für die Ausweitung der Siedlungen verwendet hat. Seine Wahl bedeutete einen Wechsel: Der Glaube daran, dass ein Frieden mit den Palästinensern möglich ist, schwand. Es gab nun den Wunsch nach einem starken Anführer, denn in Israel stellte man sich bereits auf den nächsten Krieg ein.

Wie ein erfahrener Hirte spürte Scharon genau, welchen Weg die Herde gehen wollte. Nach seiner Wahl führte er Israel in die Konfrontation mit den Palästinensern - die zweite Intifada. Und er zwang die Israelis auch, den nächsten Schritt zu gehen - ihren palästinensischen Nachbarn den Rücken zuzukehren. Für meine Generation bedeutete das eine große Niederlage und wir fühlten uns verraten, als die jüngere Generation Scharons Politik zustimmte. Es war dieser Verrat - und die absolute Zurückweisung der Idee des Friedens mit den Palästinensern - die mich mit Traurigkeit füllt, wenn ich die Nachrichten heute verfolge.

Die Wut aber ist nicht weit davon entfernt. Als erstmals Raketen aus Gaza in Südisrael einschlugen, wurde aus meinem Friedensaktivismus eine entfernte Erinnerung. Die aktuelle Tötung und Entführung von israelischen Soldaten im Gaza-Streifen und an der Grenze zum Libanon beförderte uns zurück in die Vergangenheit und vor unsere Kleiderschränke: Wieder suchen wir Israelis nach unseren Uniformen.

Es gibt keinen Ort, an den wir gehen können

Heute bin ich davon überzeugt, dass Israel einen gerechtfertigten Krieg führt. Ganz anders als der "freiwillige Krieg" wurde uns dieser Konflikt aufgezwungen. Es herrscht das Gefühl vor, dass jeder positive Schritt, den wir in den letzten Jahren gegangen sind, mit Bestrafung beantwortet wurde. Nun sind wir bereit alles zu tun, was Israel zu einem sicheren Ort macht - selbst wenn das bedeutet noch einmal in den Libanon einzudringen. Wir wollen auch in Cafés sitzen, Cappuccino schlürfen und Backgammon spielen können. Wir haben genug von Raketen aus Nord und Süd und von Selbstmordbombern. Wir möchten auch ein normales Leben führen, genau wie die Menschen in New York, Berlin oder Rom, die nicht jedes Mal aufblicken müssen, wenn ein Fremder ihr Lieblingscafé betritt.

Wir sind aus Gaza abgezogen und wir haben nicht den Wunsch wieder dorthin zurückzugehen. Wir möchten zur Arbeit gehen, studieren, Kinder aufziehen, den Strand genießen und Humus essen, während wir mit Freude zusehen, wie die Palästinenser das Geld, das sie aus der ganzen Welt bekommen, dafür nutzen, ihre eigene Infrastruktur aufzubauen, Jobs schaffen, die es ihnen erlauben, an den Strand zu gehen, Kinder aufzuziehen und Humus zu essen. Wir haben um Humus gebeten, aber wir haben die Hamas bekommen. Jetzt, wo die Bedrohung von allen Fronten kommt, mit der Deckung durch Syrien und Iran, sind wir wieder in unserer uns eigenen Realität gelandet: Wir haben keinen Ort, an den wir gehen können. Fragt meine Mutter: Sie wurde 1957 aus Iran vertrieben weil sie jüdisch ist. Jetzt wollen die Iraner sie zwingen, wieder auszuwandern.

Genau wie die meisten Israelis stört mich die hohe Zahl an Todesopfern unter den Libanesen. Aber wir erinnern uns auch daran, dass die Hisbollah den Ton dieses Konflikts bestimmt hat, als sie forderte, Hunderte Menschen gegen einen israelischen Soldaten auszutauschen. Dieser Krieg wurde gegen uns und gegen die westliche Welt erklärt. Mit den steigenden Ölpreisen ist es ein wirtschaftlicher Krieg. Mit dem Zorn, der den Mohammed-Karikaturen noch nachhallt, ist es ein kultureller Krieg. Vor allem aber ist es ein Krieg gegen eine fortschrittliche Welt und Israel hat die Uhr um 24 Jahre zurückgestellt, um ihn zu kämpfen.

Ich stelle die Uhr auch zurück. Achtzehn Jahre nach dem Ende meines Militärdienstes - fast zwei Jahrzehnte, nachdem ich mir geschworen habe nie wieder eine Uniform zu tragen - habe ich das israelische Konsulat in New York angerufen und meine Telefonnummer hinterlassen. Wenn die Armee mich braucht, so habe ich gesagt, werde ich der Erste im Flugzeug zurück nach Israel sein. Scharon ist natürlich immer noch nicht aus seinem Koma erwacht. Aber ich vermisse ihn.

Aus dem Englischen übersetzt von Anna Reimann

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