Krieg in Syrien: Party mit dem Erzfeind

Von , Beirut

In ihrer Heimat sind sie im Krieg. Doch in Beirut feiern die Kinder der syrischen Oberschicht gemeinsam. Assad-Gegner und Assad-Anhänger teilen sich die Nacht - und das Bett.

Nachtclub in Beirut: Zeit zum Abschalten Zur Großansicht
AFP

Nachtclub in Beirut: Zeit zum Abschalten

Dima weiß, was sie in Beirut will: trinken und tanzen. Die Anfang 30-jährige Christin mit pechschwarzen Locken und blauen Augen ist fürs Wochenende aus Damaskus angereist, um den Krieg zu vergessen. Die Syrerin sitzt auf der Terrasse einer kubanischen Bar und bestellt sich zwei Drinks auf einmal. Neben ihr sitzt der Sunnit Samir, mit schwarzen, gegelten Haaren und weißem Hemd, ebenfalls Syrer. Die beiden kennen sich aus Damaskus. Er ist vor zwei Wochen aus der Hauptstadt geflohen.

"Gesundheit, Liebe, Geld - und Zeit, diese zu verschwenden!", ruft Dima lachend und hebt ihren Daiquiri-Cocktail zum Anstoßen. Der lateinamerikanische Trinkspruch steht drinnen in der Bar in großen Lettern an der Wand. Es ist Dimas Lieblingsbar.

"Du hältst dich gleich ein wenig zurück", warnt Samir, "eine Freundin von mir kommt, und sie ist Pro-Regime - ich will nicht, dass du sie beleidigst." - "Auch das noch, das hat mir gerade noch gefehlt", sagt Dima, die in Damaskus heimlich gegen Assad arbeitet und Medikamente in Unruhehochburgen schmuggelt. Die syrische Stimmung in der Hauptstadt sei angespannt, erzählt sie. Jeder rechne damit, dass nach der Schlacht um Aleppo die Kämpfe in Damaskus wieder aufflammen. Sie leert ihren Daiquiri auf ex und macht sich an den Mojito.

"Kamikaze für eine gute Sache"

Während in Syrien erbittert um die Macht gekämpft wird, teilt sich die goldene Jugend Syriens in Beirut den Tisch. Den Assad-Gegnern Samir und Dima werden sich im Laufe der Nacht drei weitere Freunde anschließen, die in der vergangenen Woche aus Damaskus geflohen sind - und die Assad die Treue halten. Die Söhne und Töchter der Reichen aus Damaskus und Aleppo feiern gemeinsam, auch wenn ihre Heimatstädte in Brand stehen und sie auf unterschiedlichen Seiten.

"Wir sind Freunde. Wir sprechen nicht über Politik. Sonst wäre die Freundschaft aus", sagt Dima. Doch ganz gelingt das nicht. Im Krieg ist kaum etwas unpolitisch. Samirs Bekannte Maria kommt hinzu, in weißem Sommerkleid, mit mittellanger, hellbrauner Bob-Frisur. Sie erzählt von ihrer Arbeit - sie hilft Flüchtlingen aus Homs. Dann erwähnt sie, für wen sie arbeitet: Asma al-Assad, die Frau des syrischen Präsidenten. Dima fällt ihr ins Wort: "Lasst uns gehen, tanzen!"

Dima stürmt voraus zur nächsten Bar. Sie klettert auf eine Mauer, die ihr den direkten Weg versperrt, springt herunter und schürft sich dabei den Arm auf. Samir und Maria gehen um die Mauer herum. Samir fragt: "Alles okay?" - "Auf ewig Kamikaze für eine gute Sache!", ruft Dima und lacht. Maria fährt zusammen, sie hat die Anspielung auf den Aufstand in Syrien verstanden.

In der zweiten Bar springt Dima wild über die Tanzfläche. Samir und Maria tanzen immer enger. Am Ende der Nacht werden sie zusammen nach Hause gehen. Dima grinst: "Das käme bei mir nicht in Frage - kompletter Boykott des Regimes."

Vorsorgliche Flucht nach Beirut

Für einen Moment ist Dima still. Dann laufen ihr plötzlich Tränen über die Wangen. "Mein Freund kämpft gegen Assad", sagt sie entschuldigend und versucht die Tränen mit einer Serviette einzufangen. "Ich bin ständig in Angst um ihn. Ich werde ihn verlieren. Ich ertrage das nicht." Jedes Wochenende fahre sie daher nach Beirut. "Ich muss weg, ich muss feiern, ich kann sonst nicht mehr. Gleichzeitig fühle ich mich schrecklich, weil ich feiere, während andere leiden."

Sie ist die einzige der Gruppe, die nun auf sechs angewachsen ist, die noch in Syrien lebt. Die anderen haben Mitte Juli hastig ihre Koffer gepackt und sind nach Beirut geflohen, wo der Stadtteil Hamra inzwischen als Klein-Syrien gilt, weil dort Syrer aller politischen Einstellungen aufeinanderprallen. Die Geflohenen eint nichts als die quälenden Fragen, ob und wann sie in ihre Heimat zurückkehren können - und wer von ihren Freunden und Verwandten dann noch am Leben ist.

Samir, Maria und ein paar ihrer syrischen Freunde werden in den kommenden Tagen ein letztes Mal nach Damaskus fahren und mitnehmen, was sie auf die Schnelle zurückgelassen hatten: Samir ein Buch mit handgeschriebenen Gedichten seines Großvaters, Maria ihre CD-Sammlung. Die Reichen sind meist vorsorglich geflohen: Ihre Häuser in Damaskus und Aleppo sind intakt, ihre Wohnviertel halbwegs sicher - noch. Doch sie haben entschieden: Das Leben in Syrien wird täglich gefährlicher. Sie bleiben in Beirut. Nur Dima sagt: "Ich gehe nicht. Wenn wir alle gehen, wem überlassen wir dann das Land?"

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1.
apoptosis@gmx.de 30.07.2012
Das beste Beispiel dafür, dass der Konflikt nur von AUSSEN angestiftet wird, und es hat mit den Interessen der Menschen nichts zu tun.
2. Gesundheit, Liebe, Geld - und Zeit, diese zu verschwenden!
axiom 30.07.2012
Was für ein Motto! Ich hoffe die Sicherheits-Behörden haben genug Kraft die feiernden Konfliktgegner zu schützen und die randalierenden Konfliktgegner zu inhaftieren. Die Geschichte hat den Libanon schon zu oft als Spielwiese für Kriege missbraucht!
3. Westliche Dekadenz? Nein! Aber offenbar die Dekadenz der Reichen.
fpa 30.07.2012
Zitat von sysopAFPIn ihrer Heimat sind sie im Krieg. Doch in Beirut feiern die Kinder der syrischen Oberschicht gemeinsam. Assad-Gegner und Assad-Anhänger teilen sich die Nacht - und das Bett. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,847018,00.html
Wenn dieser Bericht wirklich repräsentativ sein sollte, wundert es mich nicht mehr, wenn nach den arabischen Revolutionen überall die Moslembrüder an die Macht gewählt werden.
4. keine Bevölkerung will Krieg
irgendwer_bln 30.07.2012
Zitat von sysopAFPIn ihrer Heimat sind sie im Krieg. Doch in Beirut feiern die Kinder der syrischen Oberschicht gemeinsam. Assad-Gegner und Assad-Anhänger teilen sich die Nacht - und das Bett. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,847018,00.html
Ich danke dem SPON für diesen Artikel. Es zeigt, dass der Krieg (auch wenn er nicht so genannt wird) mehrere Seiten hat. Eine Seite ist die medial berichtete, durchtränkt und zerfressen von Manipulation der Massen, Propaganda und Leid. Die andere ist die der Bewohner des Landes. Ebenso wie im Fall Israel und Iran - eine ganz andere Seite. Die Bevölkerung will keinen Krieg. Nur die Politik/Wirtschaft verfolgt ein Ziel mit der Bereitschaft, sich den Weg freizuschießen.
5. Sicher....
bürgerschreck 30.07.2012
Zitat von apoptosis@gmx.deDas beste Beispiel dafür, dass der Konflikt nur von AUSSEN angestiftet wird, und es hat mit den Interessen der Menschen nichts zu tun.
... weil sich die verwöhnte Oberschicht so sehr ans Feiern gewöhnt hat, dass sie nicht einmal en Krieg zur Kenntnis genommen haben, sind die Ausländer Schuld! Klar! Wahrscheinlich...
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Fläche: 185.180 km²

Bevölkerung: 22,265 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

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