Bürgerkrieg in Syrien: Rebellen verschanzen sich in Gassen von Aleppo

Aus Beirut berichtet

Aleppo zu verlieren - das kann das Assad-Regime nicht riskieren. In einer großen Offensive attackieren Regierungstruppen die Stadt. Die Opposition hat sich in die engen Gassen der Stadt zurückgezogen, es droht ein Kampf um jedes Haus. Für die Bevölkerung wird die Lage immer dramatischer.

Ausschnitt aus einem Video, das Zerstörungen in Aleppo am 28. Juli zeigen soll Zur Großansicht
DPA/ DPA/ Ugarit News

Ausschnitt aus einem Video, das Zerstörungen in Aleppo am 28. Juli zeigen soll

Der Angriff war seit Tagen befürchtet worden, am frühen Samstagmorgen kam das Startsignal. Um 8 Uhr Ortszeit eröffnete die syrische Armee das Artilleriefeuer auf die Rebellenhochburgen im Südwesten von Aleppo, berichtete ein Journalist der Nachrichtenagentur AFP von vor Ort. Nach Angaben von syrischen Aktivisten sollen auch Militärhubschrauber eingesetzt worden sein. Wenig später seien dann Panzer in den Stadtteil Salahaddin eingerückt.

Den Kampf um Aleppo haben beide Seiten zur Entscheidungsschlacht stilisiert. In den vergangenen Tagen schickte das Regime Truppenverstärkungen nach Aleppo. Die regimetreue Zeitung "al-Watan" schrieb: "Aleppo wird die größte und entscheidende Schlacht. Es wird die letzte Schlacht der syrischen Armee, um die Terroristen zu besiegen." Die Rebellen erklärten ihrerseits, man habe Kämpfer aus dem ganzen Land zusammengerufen - und sei bereit für "die größte aller Schlachten".

Beobachter befürchten, dass die Gefechte die blutigsten seit Beginn der Aufstände im März 2011 werden könnten. Nach Angaben von syrischen Aktivisten sollen allein am Samstagvormittag bereits über 40 Menschen ums Leben gekommen sein, die meisten von ihnen durch Artilleriefeuer der syrischen Armee. Die Angaben lassen sich nicht überprüfen.

In Aleppo droht ein Häuserkampf

Ein Journalist des britischen Fernsehsenders BBC berichtete aus Aleppo, die Kämpfe seien bereits in vollem Gange. Verletzte Rebellen würden in eine Behelfsklinik gebracht. Unter den Aufständischen mache sich Nervosität breit. Der Milizenchef einer der größten bewaffneten Gruppen in Aleppo habe sogar erwogen, seine Männer aus der Stadt abzuziehen. Es mangle ihnen an Munition.

Offenbar droht in Aleppo ein Häuserkampf. "Die Rebellen haben sich in den engen Gassen positioniert, was die Kämpfe erschwert", sagte ein Vertreter der syrischen Sicherheitsbehörden der Nachrichtenagentur AFP. "Tausende Menschen fliehen vor dem Bombardement durch die Straßen. Sie werden von Helikoptern terrorisiert, die in niedriger Höhe fliegen", berichtete ein Aktivist namens Amer. Die meisten der in der Stadt verbliebenen Zivilisten suchten Schutz in Kellerräumen. Die Lebensmittel wurden knapp.

Die Kontrolle von Aleppo ist für Syriens Machthaber Baschar al-Assad fast so wichtig wie die in der Hauptstadt Damaskus. Die Handelsmetropole, die zugleich die größte Stadt Syriens ist, liegt nahe der türkischen Grenze - und damit nahe der Kommandozentrale der Aufständischen in der Türkei. Wichtige Nachschubrouten und Waffenlieferungen gehen von der Südtürkei aus an die Freie Syrische Armee.

Zivilisten fliehen aus dem Kampfgebiet

Die Versorgung der Rebellen wird nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters in der südtürkischen Stadt Adana organisiert, an einem geheimen Stützpunkt, den die Türkei, Saudi-Arabien und Katar eingerichtet haben. Würde Aleppo in Rebellenhand geraten, käme dies einem Bengasi-Moment wie in Libyen gleich: Die Aufständischen könnten ihre Gebietsgewinne im Norden konsolidieren - und von dort aus den Sturm auf Damaskus planen.

Aber bisher ist es der Freien Syrischen Armee, wie sich der Dachverband der Oppositionsmilizen nennt, nicht gelungen, die regimetreuen Truppen in direkten Auseinandersetzungen in den großen Städten zu schlagen. Aus Teilen von Homs mussten sich die Rebellen nach wochenlangem Beschuss durch das Regime zurückziehen. In Damaskus, wo die bewaffneten Aufständischen Mitte Juli die Auseinandersetzung mit den Truppen Assads suchten, haben sie ebenfalls die Kontrolle über die von ihnen besetzten Stadtviertel verloren - nach Angaben von Aktivisten sind zwar noch immer bewaffnete Rebellen in der Stadt, sie müssen sich jedoch bedeckt halten.

Ähnlich werden wahrscheinlich auch in Aleppo die Regimetruppen wieder die Oberhand in den aufständischen Stadtvierteln gewinnen - die untereinander oft zerstrittenen Guerillagruppen der Aufständischen sind zu schwach gegen die reguläre Armee von Assad.

Allerdings gelingt es den Regimetruppen nicht, die Aufständischen endgültig zu besiegen. So ziehen sich die Rebellen zwar unter dem Ansturm der Truppen Assads aus den Städten zurück. Doch sie formieren sich neu und greifen immer wieder an.

Mit dieser Guerillataktik der Nadelstiche fügt die Opposition dem Regime kontinuierlich Verluste zu, die es zunehmend schwächen. Nach Schätzungen von US-Beamten sterben inzwischen täglich rund 20 regimetreue Soldaten, viele durch Sprengfallen. Gleichzeitig soll nach Angaben von desertierten Soldaten die Versorgungslage der syrischen Armee schlechter werden, weil Nachschublinien über Land abgeschnitten sind und es ihnen in Folge der europäischen und amerikanischen Wirtschaftssanktionen an Treibstoff und Lebensmitteln mangeln soll. Die Zeit spielt also für die Rebellen.

Für die Menschen in Syrien wird die Lage immer dramatischer: Der Beschuss des Südwestens von Aleppo durch die syrische Armee hat am Samstagmorgen eine neue Flüchtlingswelle in Bewegung gesetzt. Internationale Journalisten berichteten, dass ein beständiger Zug an Kleinbussen und Autos voller Zivilisten die Gegend verlasse. Die meisten hätten auf die Schnelle nur ein paar Habseligkeiten mitgenommen. Da manche Stadtteile jedoch unter dem Angriff der Armee inzwischen von der Außenwelt abgeschnitten seien, würden viele Zivilisten wahrscheinlich noch in den beschossenen Wohngebieten in der Falle sitzen.

Mit Material von AFP

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Bevölkerung: 22,505 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

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