Krieg in Syrien: Assads türkische Freunde

Aus Antakya berichtet

Die Türkei gilt als einer der wichtigsten Unterstützer der syrischen Rebellen. Doch ein Teil der Bevölkerung hält Diktator Assad die Treue - aus Angst vor einer Machtübernahme von Islamisten im Nachbarland.

Syrischer Bürgerkrieg: Die Türken auf Seiten Assads Fotos
REUTERS

Mehmet hat die Nase voll von den Syrern in der Türkei. Der 22-jährige Türke macht keinen Hehl daraus, wofür er die Flüchtlinge hält. "Lügner! Terroristen!", schimpft er. Der junge Mann mit hellbraunem Haar, Dreitagebart und Metallbrille stammt aus Antakya, einer Stadt im Südosten der Türkei. Er gehört der Konfession der Alawiten an - wie Syriens Machthaber Baschar al-Assad.

Das türkische Antakya und die umliegenden Dörfer ähneln der syrischen Küstenregion, die im Süden angrenzt: Wie auch Mehmet sind viele Einwohner arabischstämmig. Die Stadt und die umliegende Provinz Hatay sind ein konfessionelles Mosaik aus vor allem Christen, Alawiten und Sunniten.

Wie in Syrien entscheidet sich es auch hier oft entlang der Konfessionsgrenzen, wer es eher mit dem Regime in Damaskus und wer es mit den Rebellen hält. Mehmets Sympathie gilt Assad. Die syrischen Aufständischen sind für ihn allesamt von den USA aufgehetzte fundamentalistische Religiöse, um das Land zu "islamisieren" und zu spalten. Er sowie mehrere andere befragte türkische Alawiten sind fest davon überzeugt, dass es sich bei den Aufständen in Syrien um eine amerikanische Verschwörung handelt.

Die Regierung in Ankara scheint nervös, dass auch im türkischen Hatay ein konfessioneller Streit ausbrechen könnte - unter dem Druck der immer größeren Zahl von Flüchtlingen. Nachdem es im September in Antakya zu einer großen Demonstration in Solidarität mit dem syrischen Regime kam, wurde weiterer Protest aus Angst vor einer Eskalation nicht mehr zugelassen. Türkische Polizisten in der Provinz klopften bei syrischen Flüchtlingen an, die privat untergekommen waren und nicht in den Flüchtlingslagern, um sie aufzufordern, in die Lager umzusiedeln oder weiter ins Landesinnere. Gerüchte machten die Runde, die türkischen Alawiten könnten sich bewaffnen, um auf Seite ihrer syrischen Verwandten zu kämpfen.

"Auf einmal ist es wichtig, ob Du Sunni bist oder nicht"

"Auf einmal ist es wichtig, ob Du Sunni bist oder nicht", sagt Mehmet. Seine Freundin würde in Antakya keinen Job finden, weil sie Christin ist, klagt er. Die Freundin - eine Blondine mit schwarzem Haaransatz, pinkfarbenem Lippenstift, sehr viel blauem Lidschatten und kurzem, türkisen Minirock - nickt. Sie habe sich als Managerin eines Modegeschäfts beworben, doch der sunnitische Besitzer habe jemand anderen bevorzugt - "weil ich Christin bin". Dass die Absage irgendwelche anderen Gründe haben könnte, können sie sich nicht vorstellen.

Beide sympathisieren mit dem Regime in Damaskus, weil sie in dem Krieg in Syrien ihre eigene Lebenswelt wiederzuerkennen glauben. "Überall sind die Islamisten auf dem Vormarsch. Wir müssen uns verteidigen", sagt Mehmet. "Assad ist wie Atatürk." Mustafa Kemal Atatürk gilt als Gründervater der modernen Türkei. Der General unterzog das Land einem Reformkurs nach westlichem Vorbild. Nichts schien Atatürk für die Türkei mehr zu fürchten als einen muslimischen Gottesstaat.

In Hatay hat Atatürk viele begeisterte Anhänger. Groß hängt sein Porträt in den Läden vieler Alawiten. Mehmet trägt "Atatürk" in geschnörkelten Schreibschrift-Buchstaben als Tätowierung auf dem rechten Unterarm.

In den Krieg nach Syrien zu ziehen, um für Assad zu kämpfen, kann Mehmet sich nicht vorstellen, genauso wenig wie andere befragte Alawiten aus Antakya. Mehmet hat zwar Verwandte im syrischen Lattakia. Die syrische Großmutter lebt seit ein paar Monaten statt in Syrien bei seinen Eltern zu Hause. Doch weiter geht die Solidarität nicht.

Er hat Angst, was es für ihn in der Türkei bedeuten könnte, wenn die Rebellen im Norden Syriens dauerhaft die Macht übernehmen. "Wenn dort die Terroristen herrschen, sind wir hier in Gefahr", sagt er.

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insgesamt 33 Beiträge
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1. Ich muss nicht lange überlegen
KnoKo 16.11.2012
Die Anhänger Atatürks sind mir um Welten sympathischer, als die Anhänger Mohammeds.
2. ...
deus-Lo-vult 16.11.2012
Zitat von sysopDie Türkei gilt als einer der wichtigsten Unterstützer der syrischen Rebellen. Doch ein Teil der Bevölkerung hält Diktator Assad die Treue - aus Angst vor einer Machtübernahme von Islamisten im Nachbarland. Krieg in Syrien: Assads türkische Freunde - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/krieg-in-syrien-assads-tuerkische-freunde-a-865576.html)
Tja, die haben eben auch bemerkt, dass dies keine friedliebenden Rebellen sind, die einen demokratischen Staat wollen. Mir graut auch vor einem weiteren Mullahstaat.
3.
landner 16.11.2012
Man sollte klarstellen, dass nicht "die Türkei", sondern die türkische Regierung die Rebellen unterstützt. Die Mehrheit der Bevölkerung ist gegen jede Beteiligung am Konflikt - direkt oder indirekt.
4. Antakya / Türkei
cengo 16.11.2012
ich lebe in Antakya und wir haben kein Problem weder mit Flüchtlingen noch unter uns. Das einzige Problem hier ist wie immer die PKK. Bitte keine falsche Informationen weiterleiten. Die Mehrheit denkt hier ganz anders.
5. was kommt jetzt?
gobomatix 16.11.2012
Der Versuch die Türkei zu destabilisieren?
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Bevölkerung: 22,505 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

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