Syrische Rebellen: Die Revolution vergisst ihre Kinder

Aus Tripoli berichtet 

Syrien: Im Quartier der vergessenen Kämpfer Fotos
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Im Kampf sind sie Helden, doch wehe, sie werden verwundet: Dutzende verkrüppelte syrische Kämpfer fristen im Libanon ein erbärmliches Leben. Das Geld, das reiche Araber für die Rebellen spenden, stecken andere in die Taschen. Ein Besuch im Quartier der vergessenen Krieger.

Mit jedem Tag, der vergeht, kommt Abu Yaza der ewig währenden Finsternis einen Schritt näher. Mit jeder Stunde, die er auf seiner klammen Schaumstoffmatratze liegt, sinken seine Chancen, jemals das Gesicht seines Sohnes zu sehen. Wäre der Kleine vier Tage früher zur Welt gekommen im vergangenen Februar, sein Vater hätte ihn wenigstens einmal anschauen können. Doch so war der 31-Jährige bereits von der Kugel getroffen worden, als bei seiner Frau die Wehen einsetzten.

In seinem ersten Leben war Abu Yaza Tischler. Wer immer im Homser Stadtteil Bab Amr ein neues Ehebett oder eine Schrankwand brauchte, klopfte bei ihm an. Doch dann kam der Arabische Frühling über Syrien. Als aus friedlichen Protesten ein bewaffneter Aufstand wurde, wurde aus dem Schreiner ein Offizier der Farouk-Brigaden, die in der Rebellenhochburg Homs die Truppen Baschar al-Assads bekämpften. Bis zum 25. Februar vergangenen Jahres stand Abu Yaza an vorderster Front. Dann traf ihn ein Kopfschuss.

Seitdem kämpft der großgewachsene Syrer, den sie "Vater des Yaza" nennen, nicht mehr gegen Assad, sondern um sein Augenlicht: 30.000 bis 125.000 Dollar würde es kosten, ihm einen Apparat zu implantieren, der ihm 50 Prozent Sehkraft wiedergeben würde. Die libanesischen Ärzte, die den Schwerverletzten erstversorgten, drängten, dass die Operation bald gemacht werden müsse. Sonst verkümmerten die nicht genutzten Nerven, Abu Yaza wäre unwiederbringlich blind. "Ich habe noch sechs Monate", sagt er.

Leben von Almosen

Seit seiner Verwundung haust Abu Yaza mit seiner Familie in einem Keller in der nordlibanesischen Stadt Tripoli. Daran, dass er auf irgendeine Art und Weise das Geld für seine Operation auftreiben wird, glaubt er selbst nicht mehr: Woher viele tausend Dollar nehmen, wenn es kaum zum Leben reicht. "Als Veteran der Freien Syrischen Armee steht mir eigentlich eine Rente zu", sagt Abu Yaza. Doch von dem Geld, das aus Saudi-Arabien und Katar fließt, um die syrische Rebellenarmee zu bezahlen und auszurüsten, kommt bei dem ehemaligen Offizier nichts an. Er und seine Familie leben mehr schlecht als recht von den Almosen, die mitleidige Libanesen geben.

Abu Yazas Schicksal ist kein Einzelfall: Dutzende, wenn nicht Hunderte in ihrem Elend vergessene Kämpfer vegetieren im Libanon vor sich hin. Sie waren Bäcker, Gemüsehändler, Lehrer. Gestandene Männer, Stützen der Gesellschaft, die sich siegessicher dem Aufstand gegen den syrischen Diktator anschlossen. Knapp zwei Jahre später ist ihre Hoffnung ebenso dahin wie ihre Gesundheit.

Nur wenige hundert Meter von Abu Yazas Kellerloch leben 15 ehemalige Kämpfer in einer Erdgeschosswohnung mit Schimmel an den Wänden: Matratzen liegen herum, dazwischen dreckige Wäsche, Spielkarten, volle Aschenbecher. Einer der Männer steht über einen Campingkocher gebeugt und tunkt Grünzeug in heißes Wasser: Eine nette Libanesin hat vorhin drei Kohlköpfe vorbeigebracht, zusammen mit etwas Reis werden sie die einzige Mahlzeit heute sein. "Ich habe alles gegeben für die Revolution, mein Bein, mein Haus, meine Läden", sagt Maschur, der vor dem Krieg diverse Gemüsegeschäfte in Homs besaß. Heute ragen aus dem, was von seinem linken Bein übrig geblieben ist, Metallstäbe. "Seit ich nicht mehr kämpfen kann, hat meine Einheit mich vergessen."

Geld nur für Witwen und Waisen

Die Probleme von Männern wie Maschur sind, wenn man so will, Frauen, Kinder und Korruption. Frauen und Kinder, weil die die Wohltätigkeit der internationalen Hilfsorganisationen an sich binden. Westliche NGOs retten lieber Witwen und Waisen, als Kämpfer hochzupäppeln, die Blut an den Händen haben. Und das Geld, das arabische Länder inzwischen an die Rebellen schicken, versickert weit oben in der Hierarchie der Revolutionäre und kommt nie unten bei Leuten wie Maschur an: Zwei Jahre Krieg haben nicht wenige ehemals ehrliche Rebellen korrumpiert, manch einer bereichert sich auf Kosten seiner Kameraden.

Hinzu kommt, dass viele der arabischen Gelder nur an den Spendern genehme, meist religiöse Gruppen gehen. "Wenn ich bei den Muslimbrüdern wäre, würde ich bestens versorgt", sagt Muchtar, der früher Inneneinrichter war und heute durch mehrere Schussverletzungen in Armen und Beinen außer Gefecht gesetzt ist. "Dafür bin ich aber nicht auf die Straße gegangen, um mich statt von Assad von den Muslimbrüdern herumkommandieren zu lassen."

Der Chef des Koordinationskomitees für syrische Flüchtlinge im Libanon, Amin Mandu, bestreitet nicht, dass die Hilfe auch nach politischen Gesichtspunkten verteilt werde. Es sei nun mal so, dass die Spender bestimmen würden, wem ihr Geld zugutekommt. "Das wäre alles nicht so schlimm, wenn es genug Geld gäbe. Doch es reicht vorne und hinten nicht." Diejenigen, die vor Ort entscheiden müssten, wem geholfen würde, stünden deshalb ständig in der Kritik.

Die Familie darf nichts erfahren

"Ich weiß, dass mich viele einen Dieb nennen", sagt Mandu in seinem spärlich eingerichteten Büro in Tripoli. "Ich habe einen äußerst undankbaren Job." Natürlich verstünde er die Verzweiflung eines Mannes, der sich zu lebenslanger Blindheit verdammt sehe. "Aber ich muss auch fragen, ob es nicht besser ist, mit 125.000 Dollar hundert Patienten zu operieren, statt einem Mann das Augenlicht zu retten."

Im Quartier der vergessenen Kämpfer hämmert unterdessen der Wohnungsbesitzer an die Tür: Es ist Anfang Februar, er will die Miete, 250 US-Dollar, ein Wucherpreis. Muchtar, der ehemalige Einrichtungsspezialist, vertröstet ihn auf den Nachmittag - auch wenn er weiß, dass das den Rauswurf nur aufschiebt. "Wir haben das Geld einfach nicht, auch nicht, wenn wir 15 zusammenlegen. Heute Abend sitzen wir auf der Straße", sagt der 26-Jährige.

Muchtars Familie daheim in Homs weiß nicht, unter welch desolaten Bedingungen ihr Sohn im Libanon lebt. "Wir können unserer Familie doch nicht sagen, dass wir hier Hunger leiden. Das würde die Kämpfer daheim nur demotivieren. Und das darf nicht passieren, die Revolution muss siegen, wir haben schon so viel geopfert", sagt der junge Mann.

Es gibt keinen Weg zurück, darin sind sich die Männer hier einig. Doch ob sie sich, wenn sie die Zeit zurückdrehen könnten, noch mal gegen die Diktatur erheben würden, darüber streiten sie inzwischen. "Wenn wir gewusst hätten, was aus uns werden würde", sagt Muchtar, "hätten wir besser unter Assad weitergemacht."

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1. Was soll denn
SysLevel 11.02.2013
dieser Artikel wieder? Die sog. "Rebellen" haben sich bewaffnet in einen vermeidbaren Konflikt gestürzt, und jetzt wird herumgejammert, dass die Täter auch Opfer sind? '"Wenn wir gewusst hätten, was aus uns werden würde", sagt Muchtar, "hätten wir besser unter Assad weitergemacht."' Hinterher ist man manchmal schlauer, vor allem, da diese Entwicklung absehbar war.
2. tja....
fatherted98 11.02.2013
...tragisch. Aber mal ehrlich...was will man in Syrien eigentlich...was wollen die Syrer? Assad weghaben...und dann..freie Neuwahlen...und dann ein Mullahregime wie in Ägypten? Das Ganze ist doch zum scheitern verurteilt...gut das wir uns da noch raushalten.
3. Und deren Opfer?
APPEASEMENT 11.02.2013
Wie geht es den Leuten, die diese angeschossen haben? Berichtet auch jmd. über die? Unterpriviligierte kämpfen gg. die herrschende Schicht. Zimperlich sind diese Leute auch nicht mit Gefangenen.
4. Wirtschaftliche Not...
Freewolfgang 11.02.2013
... war es laut des Berichtes sicher nicht, die diese Menschen bewogen hat, gegen Assad zu kämpfen. Die im Bericht erwähnten Versehrten scheinen ja allesamt gut situiert gewesen zu sein. Folglich war es Überzeugung.
5. Verbrecher
uspae2007 11.02.2013
Das sind und waren keine Helden. Sie werden sich in Zukunft zu verantworten haben, für die Schandtaten gegenüber Syriens.
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