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Krieg der Konfessionen in Syrien: Schwerter zu Kreuzen

Von , Beirut

Alawiten kämpfen in Assads Armee, Sunniten auf Seiten der Rebellen: Die Gewalt in Syrien trägt zunehmend konfessionelle Züge. Wer im Krieg durchkommen will, darf nicht gleich auffallen. Eine falsche Tätowierung könnte einen das Leben kosten.

Krieg der Nachbardörfer: Aufstand gegen Assad mutiert zum brutalen Konfessionskrieg Zur Großansicht
DPA

Krieg der Nachbardörfer: Aufstand gegen Assad mutiert zum brutalen Konfessionskrieg

Der 22-jährige Baschar hat sich tätowieren lassen, mitten im Bürgerkrieg. Den Zeitpunkt findet der junge Mann mit Lacoste-Hemd, modisch zerrissener Jeans und viel Gel in den Haaren nicht ungünstig, im Gegenteil. "Sonst hätten die mich umgebracht", glaubt er.

Die, das sind die syrischen Rebellen. Ermordet hätten sie ihn wegen seiner alten Tätowierung, glaubt Baschar. Er hatte auf seinem linken Oberarm ein blaues Schwert mit zwei Spitzen. In Syrien weist ihn dieses Symbol als Alawiten aus, Mitglied der zunehmend verhassten Konfession, der Baschar al-Assad angehört.

Jetzt prangt ein großes Kreuz auf seinem Arm, als sei er Christ. Baschar hat sein Schwert übermalen lassen, bevor er sein Heimatdorf Kafr Akid bei Hama verließ, um durch ein von Rebellen kontrolliertes Gebiet in den Libanon zu flüchten. Mit dem Kreuz hätten ihn Syriens Aufständische problemlos passieren lassen, erzählt Baschar. Trotzdem hält er sie weiterhin allesamt für Salafisten, erzkonservative Sunniten, die Syrien in einen Gottesstaat verwandeln wollen. "Wir haben Angst vor den Salafisten. Baschar beschützt uns vor ihnen", sagt er über den Diktator Syriens.

Seit Beginn der Aufstände predigt das Assad-Regime, salafistische Terroristen seien am Werk, die Andersdenkende umbringen wollten - zu einem Zeitpunkt, als Damaskus noch unbewaffneten Demonstranten gegenüberstand. Nun, nach 18 Monaten brutaler Repression, scheint es Assad gelungen, seine eigene Prophezeiung zu erfüllen.

Immer häufiger werden die Berichte von Übergriffen einzelner Rebellengruppen auf all jene, die ihnen als Schergen des Regimes gelten. Mal wird einem Christen das Auto weggenommen. Mal wird ein Alawit entführt, mal ein mutmaßlicher Regime-Scherge hingerichtet. Teile der Opposition werden zunehmend radikaler. Baschar fürchtet um sein Leben, und mit ihm sein ganzes alawitisches Dorf, sagt er.

Die Bewohner von Kafr Akid haben guten Grund sich zu fürchten. Kippen die Machtverhältnisse, müssen sie mit Rache rechnen. Ihr Dorf liegt am äußersten Rand der von vielen Alawiten bevölkerten Küstenzone. Der Krieg wird dort, wo die alawitische Region ins konservative sunnitische Landesinnere übergeht, dermaßen brutal geführt, dass manche Beobachter von einer gezielten Vertreibungskampagne des Regimes gegen die sunnitische Bevölkerung sprechen.

Assads "Volkskomitees"

Hula, Haffa, Tremseh, Kusair - all dies sind sunnitische Dörfer, die in dieser Mischregion liegen. Es sind Dörfer, die internationale Bekanntheit erlangt haben, weil dort Assads Militär tagelang mit Artillerie auf Frauen und Kinder feuerte, während in den benachbarten alawitischen Dörfern der Alltag weiterging.

"Wir sind zusammen auf die Universität gegangen - und auf einmal waren wir Feinde", sagt Baschar über seine ehemaligen Freunde aus den sunnitischen Nachbardörfern, die im Krieg lebten, während für ihn weiter Frieden herrschte. Baschar studierte Finanzwesen in der Revolutionshochburg Homs. Er will Buchhalter werden. Seit Sommer 2011 schwänzt er die Uni, weil ihn seine Kommilitonen mobbten und verprügelten, erzählt er.

Im Falle von Hula und Haffa ging die Assad-Armee noch grausamer vor. Sie ließ Milizen, die aus den alawitischen Nachbardörfern stammen sollen, von Haus zu Haus ziehen. Die Milizen durften nach Herzenslust plündern, zerstören und massakrieren. In Heffeh vergewaltigten sie mehrere Frauen. Zu diesen Ergebnissen kommt die Uno in einem im August veröffentlichten Untersuchungsbericht.

"Schabiha" nennen die Aufständischen solche Milizen. Baschar nennt sie "Volkskomitees". "Wir haben in Kafr Akid auch Volkskomitees gegründet. Wir müssen uns doch verteidigen", sagt Baschar.

Die Volkskomitees sind keine Besonderheit der Alawiten. Auch andere Schiiten und neuerdings auch Christen in den ärmeren Vierteln von Damaskus rüsten sich mit immer besseren Waffen auf, die sie vom Regime bekommen. Doch speziell ist, wie manche Alawiten-Dörfer Verteidigung verstehen. "Wir müssen zuschlagen, bevor sie uns die Kehle durchschneiden", rechtfertigt Baschar brutale Übergriffe auf sunnitische Nachbardörfer.

Alawiten machen Karriere in der Armee

Obwohl ein alawitischer Familienclan seit 40 Jahren die herrschende Kaste Syriens stellt, hat das Gros der Gruppe seinen historischen Verfolgungskomplex noch nicht überwunden. Die Herrschaft der Assads hat die Alawiten nicht zur neuen Elite gemacht. Sie hat ihnen nur die Türen zum Militär weiter aufgestoßen, die ihnen die Franzosen bereits während der Kolonialzeit geöffnet hatten.

Baschars Bruder und Vater sind Soldaten in der Elite-Division der Assad-Armee. "Viele in Kafr Akid haben Verwandte im Militär", sagt Baschar. Sein Dorf schickte 40 bewaffnete Freiwillige nach Aleppo in einem Bus, den ihnen das Regime zur Verfügung stellte, um auf Seiten der Assad-Truppen zu kämpfen. "Wir müssen unseren Brüdern doch helfen", sagt Baschar.

Baschars Aussagen decken sich mit dem, was Journalisten erzählen, die in Aleppo waren. Sie sahen zerschossene Busse in Unruhehochburgen. Schabiha-Milizen seien damit in die Stadt gekommen, sagten Rebellen. Die 40 Männer des Volkskomitees von Kafr Akid kamen allerdings nicht bis nach Aleppo. Kurz nach Abfahrt wurden sie auf der von Rebellen kontrollierten Straße überfallen. "Sie haben alle 40 umgebracht. Wir haben ihre Leichen erst zurückbekommen, als sie schon angefangen haben zu stinken", erzählt Baschar.

Es war dieses Erlebnis, das ihn dazu bewog, sich mit seiner Schwester in den Libanon abzusetzen, wohin bereits Freunde von ihm geflohen waren. Die beiden werden dort von einer libanesischen Familie unterstützt, die der Assad-verbündeten Hisbollah nahesteht. Der Vater gab ihnen vor Abreise noch ein wenig Geld mit, doch das ist längst aufgebraucht.

"Wenn ich nach Syrien zurück kann, lasse ich das Kreuz wieder zum Schwert umtätowieren", sagt Baschar. Sich im Libanon tätowieren zu lassen, sei zu teuer.

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Fläche: 185.180 km²

Bevölkerung: 22,265 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

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