Von Raniah Salloum, Beirut
Die klare Warnung von US-Präsident Barack Obama macht die Syrerin Fadia wütend. Obama sagte am Montag, sobald in Syrien "eine ganze Menge" biologische oder chemische Waffen bewegt würden, würden die USA intervenieren. "Das ist eine Lizenz zum Töten für Baschar al-Assad", sagt Fadia. "Obama sagt: Du darfst machen, was du willst. Solange du keine chemischen Waffen einsetzt, ist das okay."
Nach anderthalb Jahren leerer Drohungen haben viele Syrer den Glauben an die internationale Gemeinschaft verloren. Sie fühlen sich im Stich gelassen in einem immer brutaleren Krieg, sie leben in immer größerer Not. "Ich kann ja noch verstehen, dass es dem Westen zu riskant ist, eine Flugverbotszone oder Schutzzonen einzurichten. Aber dass man uns nicht einmal humanitäre Hilfe schickt, ist das Letzte", sagt Fadia.
Nach Schätzungen der Uno sind 2,5 Millionen Menschen in Syrien auf dringende Hilfe angewiesen, etwa jeder Zehnte der Bevölkerung. Sie brauchen Essen, Unterkunft und medizinische Versorgung. Viele von ihnen sind ausgebombt, verletzt, traumatisiert. Doch nur wenig Unterstützung dringt zu ihnen durch.
Aus Sicherheitsgründen arbeitet derzeit kaum eine internationale Hilfsorganisation in Syrien. Das Uno-Lebensmittelprogramm reicht seine Pakete an syrische Partner wie den Roten Halbmond Syriens weiter und hofft, dass das Essen bei den Bedürftigen ankommt.
Vergangene Woche klagte Valerie Amos, die Uno-Koordinatorin für Notfallhilfe während eines dreitägigen Besuchs in Syrien: "Die Menschen brauchen dringend mehr Hilfe. Sie brauchen sauberes Wasser, sanitäre Einrichtungen, Essen und medizinische Versorgung." Fadia sagt: "Und was passierte nach dem Besuch von Amos? Nichts!"
Wer Flüchtlingen hilft, gilt automatisch als Regime-Gegner
Aktivisten werfen dem syrischen Regime vor, die Hilfe für Flüchtlinge zu instrumentalisieren. Die einzige Organisation, die ungehindert Flüchtlingen helfen kann, ist der "Syria Trust For Development", dem Asma al-Assad, Frau des syrischen Präsidenten, vorsitzt. Eine Mitarbeiterin des Trusts erzählt SPIEGEL ONLINE, dass Flüchtlinge laut ein Gebet für Hafis al-Assad, den 2000 verstorbenen, als grausam berüchtigten Vater des heutigen Machthabers sprechen mussten, bevor sie essen durften. Auch verteile der Trust Lebensmittelpakete mit dem Logo von Firmen, die Rami Makhlouf gehören, dem verhassten Cousin des Präsidenten. "Das Regime versucht, die Flüchtlingshilfe zur Gehirnwäsche zu nutzen", sagt die Mitarbeiterin.
Neben dem Trust sind es vor allem syrische Aktivisten, die sich um die Versorgung der Flüchtlinge kümmern. Die jungen Syrer, die friedliche Demonstrationen organisieren und den bewaffneten Rebellengruppen teils kritisch gegenüberstehen, versuchen nun, sich um die Unterstützung von Millionen von Menschen zu kümmern - eine logistische Riesenaufgabe, die jeden Staat an seine Grenzen bringen würde. Für die Aktivisten ist es ein riskanter Job.
Mehrere Syrer erzählten SPIEGEL ONLINE, das Regime missbrauche die Flüchtlingshilfe, um noch nicht verhaftete Aktivisten aufzustöbern. Wer Flüchtlingen helfe, gelte automatisch als Regime-Gegner. In den vergangenen Wochen rief der Trust in Damaskus dazu auf, dass jeder seine Arbeit als Freiwilliger unterstützen könne. Diejenigen, die dem Aufruf folgten, wurden wegen "Zusammenarbeit mit Terroristen" verhaftet. "Das war eine Falle", sagt Fadia. SPIEGEL ONLINE kann diese Information nicht überprüfen.
Fadia hilft zwei Familien, die in ihrer Nachbarschaft untergekommen sind - "eine davon wurde fünf Mal vertrieben, erst aus Homs, dann in die Vororte von Damaskus und jetzt zu uns ins Zentrum". Sie gibt ihnen Lebensmittel weiter, die eine Freundin in einer staatlichen Behörde abzweigt. Fadias Flüchtlingshilfswerk besteht nur aus zwei Personen. "Natürlich wären wir effektiver, wenn wir zu mehreren zusammenarbeiten würden. Aber wenn sie einen von uns verhaften, würde die ganze Kette auffliegen. Zumindest ein paar von uns Aktivisten müssen weiterarbeiten können."
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