Krieg in Syrien: Erdogan kündigt Assads baldigen Abgang an

Es wäre die entscheidende Wende im syrischen Bürgerkrieg: Machthaber Assad steht nach Angaben des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan kurz vor dem Rückzug. Die Armee des Landes kündigte jetzt allerdings eine Großoffensive gegen die Rebellen an.

Syriens Machthaber Baschar al-Assad mit seiner Frau Asma: Zerfällt das Regime? Zur Großansicht
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Syriens Machthaber Baschar al-Assad mit seiner Frau Asma: Zerfällt das Regime?

Ankara/Beirut - Die Gefechte zwischen syrischen Rebellen und der Armee gehen unvermindert weiter, aber in dem Bürgerkriegsland könnte es jetzt zu einer entscheidenden Wendung kommen: Nach den Worten des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan stehen Syriens Präsident Baschar al-Assad und seine Machtclique offenbar kurz vor dem Rückzug. Es liefen bereits die Vorbereitungen für eine "neue Ära", sagte Erdogan.

Unklar blieb zunächst die Grundlage für Erdogans Einschätzung. Das Verhältnis der beiden Länder war zuletzt sehr angespannt: Der türkische Premier hatte dem Nachbarland Völkermord vorgeworfen und Assad zum Rücktritt aufgefordert.

Gerüchte über den nahenden Zerfall des Regimes lassen die syrische Armee offenbar unbeeindruckt: Angesichts des Vormarschs der Rebellen in der Wirtschaftsmetropole Aleppo kündigte sie jetzt sogar eine großangelegte Gegenoffensive an. Um die Kontrolle über die zweitgrößte Stadt des Landes wiederzuerlangen, habe die Armee ihre Truppen verstärkt, verlautete am Donnerstag aus syrischen Sicherheitskreisen in Damaskus.

Die Armee wolle am Freitag oder Samstag mit ihrer Gegenoffensive beginnen, hieß es. Die in der Stadt befindlichen 2000 Rebellen hätten Unterstützung von bis zu 2000 weiteren Aufständischen erhalten. Der Flughafen sei von der Stadt abgeschnitten, weil vier der fünf Zufahrtsstraßen in Rebellenhand seien.

"Wir rechnen jeden Moment mit einer großangelegten Offensive"

Die Opposition bestätigte die Angaben. "Die militärische Verstärkung ist in Aleppo eingetroffen, wir rechnen jeden Moment mit einer großangelegten Offensive", sagte ein Sprecher der oppositionellen Freien Syrischen Armee (FSA). Demnach schickte die Armee rund hundert Panzer in Richtung der 2,5-Millionen-Einwohner-Metropole im Nordwesten Syriens.

Laut der in London ansässigen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte waren vor allem die Stadtteile Mohafasa, Maschhad und Salaheddin von den andauernden Kämpfen in Aleppo betroffen. In der Nacht habe es erneut Demonstrationen gegen Assad gegeben.

Wenn Aleppo falle, sei "das Regime am Ende, und beide Seiten wissen das", sagte der Leiter der Beobachtungsstelle, Rami Abdel Rahman.

Die Führung in Damaskus hatte in den vergangenen Tagen gedroht, bei den Kämpfen Chemiewaffen im Falle eines "ausländischen Angriffs" einzusetzen. Nun hat ein AFP-Reporter einen mit Gasmasken gefüllten Lastwagen vor einem Rebellenstützpunkt in der Stadt gesehen.

Saudi-Arabien kündigte an, in den kommenden Tagen bei der Uno eine Resolution vor dem Hintergrund der Drohung aus Damaskus einbringen zu wollen. Im Uno-Sicherheitsrat ist eine Resolution zur Verurteilung der syrischen Führung bereits mehrfach an Russland und China gescheitert.

Ban fordert Ende der Gewalt

In Damaskus gab es Augenzeugen zufolge Kämpfe im palästinensischen Flüchtlingslager Jarmuk. Dabei seien Panzerabwehrraketen und Maschinengewehre zum Einsatz gekommen. Der Beobachtungsstelle zufolge wurden im Stadtviertel Kabun 14 Leichen entdeckt. Auch in der Provinz Deir Essor und der Stadt Hama gab es Kämpfe.

Uno-Generalsekretär Ban rief zu einem Ende der Gewalt auf. "Die internationale Gemeinschaft muss geschlossen stehen und darf die Fortsetzung des Blutbads in Syrien nicht länger tolerieren", sagte Ban im bosnischen Srebrenica. Aus dem Massaker von Srebrenica 1995 müsse eine Lehre gezogen werden.

Unterdessen setzten sich drei weitere Diplomaten ab, wie das syrische Außenministerium bestätigte. Dabei handele es sich um die syrische Botschafterin in Zypern und deren Ehemann, den Botschafter in den Vereinigten Arabischen Emiraten, sowie den Sicherheitsattaché der Botschaft in Oman. Die USA werteten die Vorgänge als Zeichen dafür, dass Assads Tage an der Macht gezählt seien.

Der ebenfalls desertierte General und frühere Assad-Vertraute Manaf Tlass erklärte, er wolle einen Plan für einen Ausweg aus der Krise vorlegen. Dabei wolle er neben der Opposition auch "anständige" Mitglieder der syrischen Regierung einbeziehen, nicht aber Assad, sagte er der saudi-arabischen Zeitung "Aschark al-Awsat".

hen/Reuters/dpa/AFP

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1. So ein Schwachsinn!
artusdanielhoerfeld 26.07.2012
Jeder, der Augen im Kopf hat, kann sehen, dass Assad kein "Machthaber" ist, sondern die Marionette einer Herrschaftsclique, sei sie nun religiös oder sonst wie verbunden.
2. Die "Aktivisten" der FSA...
topodoro 26.07.2012
Zitat von sysopEs wäre die entscheidende Wende im syrischen Bürgerkrieg: Machthaber Assad steht nach Angaben des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan kurz vor dem Rückzug. Die Armee des Landes kündigte jetzt allerdings eine Großoffensive gegen die Rebellen an. Krieg in Syrien: Erdogan kündigt baldigen Abgang Assads an - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,846590,00.html)
vertreiben Christen, töten Christen und zerstören ihre Häuser und Kirchen. Wenn also meint Erdogan, wenn er von "Völkermord" spricht ? Nur die syrischen Regierungstruppen schützen die bedrohten Christen in Syrien. Wie frei sind eigentlich die Christen in der Türkei ? Dürfen die da Kirchen bauen ?
3.
kartonwellpappe 26.07.2012
Zitat von sysopEs wäre die entscheidende Wende im syrischen Bürgerkrieg: Machthaber Assad steht nach Angaben des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan kurz vor dem Rückzug. Die Armee des Landes kündigte jetzt allerdings eine Großoffensive gegen die Rebellen an. Krieg in Syrien: Erdogan kündigt baldigen Abgang Assads an - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,846590,00.html)
Wer gibt schon etwas auf Großmaul Erdokhan. Interessanter Hintergrundbericht: "Die türkische Regierung hat sich ganz hinter die syrische Opposition gestellt. Sie fordert den Rücktritt von Präsident Assad und seinem Regime und unterstützt auch den bewaffneten Kampf gegen die syrischen Sicherheitskräfte. Allerdings tauchen nun Probleme auf, wenn die Macht der Zentralregierung ins Bröseln gerät, die mit Gewalt und Repression die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen zusammengehalten hat. Die Türkei führt einen Krieg gegen die PKK, die aus dem Irak für einen unabhängigen kurdischen Staat kämpft. Kurdistan erstreckt sich nicht nur über die Türkei und den Irak, sondern auch über den Iran und Syrien. Bislang haben sich die Kurden aus Syrien eingereiht in die Oppositionsbewegung, aber nachdem syrische Kurden Städte an der türkischen Grenze eingenommen haben und kontrollieren, wächst die Sorgen in der Türkei, dass ähnlich wie in den kurdischen Gebieten im Irak die PKK auch in Syrien ein Rückzugsgebiet finden könnte." Syrische Kurden kontrollieren angeblich den kurdischen Teil des Landes | Telepolis (http://www.heise.de/tp/blogs/8/152458)
4. Propaganda von allen Seiten
TeaRex 26.07.2012
Im Moment betrachte ich jede, aber auch wirklich jede Äußerung in und um Syrien herum als Propaganda. Weiß man doch, die Wahrheit ist immer der erste Tote in einem Krieg. Ich finde mich damit ab, dass sichere Auskünfte momentan von nirgends zu haben sind.
5.
Hüsse 26.07.2012
Zitat von topodoroWie frei sind eigentlich die Christen in der Türkei ? Dürfen die da Kirchen bauen ?
Sie oder ein anderer Kommentatr haben die vor einigen Tagen / Wochen in einem anderen Thread schonmal gefragt. Daraufhin habe ich nachgehakt in der Türkei (ich lebe hier). Und ja, man darf Kirchen bauen. Wieso sollte man das nicht dürfen? Ach ja und den Christen hier geht es ganz gut, manche haben nur bissele Heuschnupfen, das war's dann auch. Soll Ihnen viele schöne Grüße ausrichten. Den Juden hier geht es auch ganz gut. bisschen Blähungen, die gehen aber auch bald rum. Ich arbeite, nebenbei bemerkt, mit einem jüdischen Türken zusammen. Anstatt sich immer mehr in Ihre Schale aus Vorurteilen zurückzuziehen, sollte das deutsche Volk mal anfangen zu leben, wie wäre es damit? Immer nur dieses ewige: "Aber die anderen, und bei denen, ja und damals....!!!!" Geht Ihnen das persönlich nicht auf den Sack? Wie auch immer, hoffentlich sind die Kämpfe bald vorbei und Menschen dürfen wieder wie Menschen leben.
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Syrien: Der Kampf der Staatsmedien

Bevölkerung: 22,505 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

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