Ankara/Beirut - Die Gefechte zwischen syrischen Rebellen und der Armee gehen unvermindert weiter, aber in dem Bürgerkriegsland könnte es jetzt zu einer entscheidenden Wendung kommen: Nach den Worten des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan stehen Syriens Präsident Baschar al-Assad und seine Machtclique offenbar kurz vor dem Rückzug. Es liefen bereits die Vorbereitungen für eine "neue Ära", sagte Erdogan.
Unklar blieb zunächst die Grundlage für Erdogans Einschätzung. Das Verhältnis der beiden Länder war zuletzt sehr angespannt: Der türkische Premier hatte dem Nachbarland Völkermord vorgeworfen und Assad zum Rücktritt aufgefordert.
Gerüchte über den nahenden Zerfall des Regimes lassen die syrische Armee offenbar unbeeindruckt: Angesichts des Vormarschs der Rebellen in der Wirtschaftsmetropole Aleppo kündigte sie jetzt sogar eine großangelegte Gegenoffensive an. Um die Kontrolle über die zweitgrößte Stadt des Landes wiederzuerlangen, habe die Armee ihre Truppen verstärkt, verlautete am Donnerstag aus syrischen Sicherheitskreisen in Damaskus.
Die Armee wolle am Freitag oder Samstag mit ihrer Gegenoffensive beginnen, hieß es. Die in der Stadt befindlichen 2000 Rebellen hätten Unterstützung von bis zu 2000 weiteren Aufständischen erhalten. Der Flughafen sei von der Stadt abgeschnitten, weil vier der fünf Zufahrtsstraßen in Rebellenhand seien.
"Wir rechnen jeden Moment mit einer großangelegten Offensive"
Die Opposition bestätigte die Angaben. "Die militärische Verstärkung ist in Aleppo eingetroffen, wir rechnen jeden Moment mit einer großangelegten Offensive", sagte ein Sprecher der oppositionellen Freien Syrischen Armee (FSA). Demnach schickte die Armee rund hundert Panzer in Richtung der 2,5-Millionen-Einwohner-Metropole im Nordwesten Syriens.
Laut der in London ansässigen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte waren vor allem die Stadtteile Mohafasa, Maschhad und Salaheddin von den andauernden Kämpfen in Aleppo betroffen. In der Nacht habe es erneut Demonstrationen gegen Assad gegeben.
Wenn Aleppo falle, sei "das Regime am Ende, und beide Seiten wissen das", sagte der Leiter der Beobachtungsstelle, Rami Abdel Rahman.
Die Führung in Damaskus hatte in den vergangenen Tagen gedroht, bei den Kämpfen Chemiewaffen im Falle eines "ausländischen Angriffs" einzusetzen. Nun hat ein AFP-Reporter einen mit Gasmasken gefüllten Lastwagen vor einem Rebellenstützpunkt in der Stadt gesehen.
Saudi-Arabien kündigte an, in den kommenden Tagen bei der Uno eine Resolution vor dem Hintergrund der Drohung aus Damaskus einbringen zu wollen. Im Uno-Sicherheitsrat ist eine Resolution zur Verurteilung der syrischen Führung bereits mehrfach an Russland und China gescheitert.
Ban fordert Ende der Gewalt
In Damaskus gab es Augenzeugen zufolge Kämpfe im palästinensischen Flüchtlingslager Jarmuk. Dabei seien Panzerabwehrraketen und Maschinengewehre zum Einsatz gekommen. Der Beobachtungsstelle zufolge wurden im Stadtviertel Kabun 14 Leichen entdeckt. Auch in der Provinz Deir Essor und der Stadt Hama gab es Kämpfe.
Uno-Generalsekretär Ban rief zu einem Ende der Gewalt auf. "Die internationale Gemeinschaft muss geschlossen stehen und darf die Fortsetzung des Blutbads in Syrien nicht länger tolerieren", sagte Ban im bosnischen Srebrenica. Aus dem Massaker von Srebrenica 1995 müsse eine Lehre gezogen werden.
Unterdessen setzten sich drei weitere Diplomaten ab, wie das syrische Außenministerium bestätigte. Dabei handele es sich um die syrische Botschafterin in Zypern und deren Ehemann, den Botschafter in den Vereinigten Arabischen Emiraten, sowie den Sicherheitsattaché der Botschaft in Oman. Die USA werteten die Vorgänge als Zeichen dafür, dass Assads Tage an der Macht gezählt seien.
Der ebenfalls desertierte General und frühere Assad-Vertraute Manaf Tlass erklärte, er wolle einen Plan für einen Ausweg aus der Krise vorlegen. Dabei wolle er neben der Opposition auch "anständige" Mitglieder der syrischen Regierung einbeziehen, nicht aber Assad, sagte er der saudi-arabischen Zeitung "Aschark al-Awsat".
hen/Reuters/dpa/AFP
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Aufstand in Syrien | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH