Krieg in Syrien: Russland wehrt sich gegen Exil-Plan für Assad

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Könnte Syriens Präsident Assad nach Russland ins Exil gehen? Eine russische Zeitung berichtet, die USA würden sich um diese Lösung bemühen. Der Kreml dementiert, auch Experten glauben nicht, dass Assad freiwillig geht. Ihre Sorge: Der Diktator kämpft bis zum Ende - und das Land zerfällt.

Assad-Puppe am Galgen: Demonstranten zeigen, was sie dem Präsidenten wünschen Zur Großansicht
REUTERS/ Shaam News Network

Assad-Puppe am Galgen: Demonstranten zeigen, was sie dem Präsidenten wünschen

Berlin/Moskau - Der Lösungsansatz, den die angesehene Moskauer Tageszeitung "Kommersant" jetzt für Syrien skizzierte, klingt nicht unlogisch. Syriens Präsident Baschar al-Assad, auf dessen Konto monatelanges Blutvergießen und mehr als 10.000 Tote gehen, solle ins Exil gehen, und zwar nach Russland. Unter Verweis auf namentlich nicht genannte westliche Diplomatenkreise berichtete das Blatt, die USA und Europa seien bemüht, Russland die Aufnahme des Herrschers von Damaskus schmackhaft zu machen.

Die Vorteile dieser Lösung liegen auf der Hand. Sie würde Assad den Rückzug ermöglichen, in einer Zeit, in der er sich einer immer radikaler werdenden Opposition gegenüber sieht, die seinen Kopf fordert. Und der Kreml, bislang der große Bremser auf der Suche nach einem Ausweg aus der Krise, hätte sich für den diplomatischen Coup feiern lassen können.

Doch wenn es etwas gibt, dass Moskau noch mehr hasst, als international übergangen zu werden, dann ist es, aus dem Ausland unter Druck gesetzt zu werden. Das Dementi aus Moskau folgte denn auch prompt. Es gebe keine Gespräche mit den USA über die "Zukunft des Präsidenten der Syrischen Arabischen Republik", sagte Vizeaußenminister Sergej Rjabkow. "Wir haben unsere Position bereits mehrfach verdeutlicht: Darüber, wer in Syrien an der Macht ist, muss das syrische Volk entscheiden", fügte er hinzu. "Von außen vorgeschlagene - oder vielmehr auferlegte - Pläne können nur verletzend sein."

Syrien-Experten glauben nicht an eine Exil-Lösung

Es wäre nicht das erste Mal, dass das Ausland Russland Assad als Exilanten unterschieben möchte. Im Februar wagte Tunesiens Präsident öffentlich einen Vorstoß Richtung Moskau - und wurde dafür in Russland abgewatscht. Staatschef Moncef Marzouki solle sich lieber um seine eigenen Angelegenheiten kümmern, hieß es barsch im Kreml.

Beobachter sind grundsätzlich skeptisch, dass Assad ins Exil gehen könnte. "Ich halte es für unwahrscheinlich, dass sich irgendein Land Assad ans Bein binden möchte", sagt Syrien-Experte Heiko Wimmen von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Und selbst wenn: "Ich glaube auch nicht, dass Assad für sich ein Exil in Betracht ziehen würde." Auch wenn Syriens Präsident bereits seit zwölf Jahren regiert, ist er erst 46 - "Assad müsste sich darauf verlassen können, dass er mehrere Jahrzehnte im Exil-Land unbehelligt bliebe", sagt Wimmen.

Tatsächlich würden Nachfolge-Regierungen in Syrien wohl versuchen, Assad zur Verantwortung zu ziehen. Immunität für ihn haben die syrischen Aufständischen bisher kategorisch abgelehnt.

Zerfall Syriens in die Machtbereiche von Warlords befürchtet

Wahrscheinlicher ist daher, dass Assad bis zum Schluss kämpfen wird. Zu dieser Einschätzung kommen auch andere renommierte Syrien-Experten wie Emile Hokayem vom International Institute for Strategic Studies in London und Thomas Pierret von der Universität Edinburgh. "Damaskus und Moskau setzen nach wie vor alles darauf, dass das syrische Regime doch noch überlebt", sagt Pierret. Dass es so kommt, hält Pierrot zwar nicht für ausgeschlossen, aber unwahrscheinlich.

Längst hat das syrische Regime vor allem auf dem Land die Kontrolle verloren. Und selbst in den großen Städten ist es nicht mehr in der Lage, Angriffe seiner Gegner zu verhindern. Gleichzeitig sind jedoch auch die verschiedenen oppositionellen Milizen weder stark noch einig genug, um die regimetreuen Truppen zu besiegen.

Ähnlich wie der 2011 ermordete libysche Diktator Muammar al-Gaddafi könnte sich Assad, sollte er die Macht in der Hauptstadt verlieren, in seine Geburtsregion zurückziehen - in die Stadt Kardaha in der Provinz Latakia nahe der Mittelmeerküste. Dort könnte er sich mit seinen treusten Gefolgsleuten verschanzen.

"Ich halte einen Zerfall Syriens in Machtbereiche verschiedener Warlords für möglich, von denen Assad einer der stärksten bleibt", sagt Syrien-Experte Wimmen. Angesichts der verschiedenen regimetreuen und regimekritischen Milizen in Syrien fügt er hinzu: "Vielleicht ist dies bereits der Fall."

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insgesamt 20 Beiträge
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1. garkeine so schlechte idee...
Schroekel 04.07.2012
Zitat von sysopKönnte Syriens Präsident Assad nach Russland ins Exil gehen? Eine russische Zeitung berichtet, die USA würden sich um diese Lösung bemühen. Der Kreml dementiert, auch Experten glauben nicht, dass Assad freiwillig geht. Ihre Sorge: Der Diktator kämpft bis zum Ende - und das Land zerfällt. Krieg in Syrien: Exil für Assad in Russland keine Option - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,842578,00.html)
Assad könnte Putins Wahlkampf Team sinnvoll und effektiv verstärken. In dieser Richtung ist in den nächsten Jahren einiges zu erwarten und der Mann ist erfahren und erst 46 Jahre alt.
2. Zerfällt Syrien?
caty24 04.07.2012
Wieso zerfällt Syrien. In Mexiko gibts mittlerweile 50.000 Tote (nur Zivilisten) und es zerfällt auch nicht. Und für jeden Toten in Syrien,sind die Rebellen selber mitverantwortlich. Und demnächst verlangt ein Chinese aus dem Exil den Rücktritt des chinesischer Präsidenten....
3.
c++ 04.07.2012
Ist das Assad-Regime eigentlich allein verantwortlich für die 10.000 Toten? Stützt nur Russland eine der Bürgerkriegsparteien und sind die NATO-Staaten und die sunnitischen Staaten nur Zuschauer? Gehen auch die islamistischen Bürgerkriegsanführer ins Exil, z.B. nach Saudi-Arabien?
4. so ist es,
viceman 04.07.2012
Zitat von caty24Wieso zerfällt Syrien. In Mexiko gibts mittlerweile 50.000 Tote (nur Zivilisten) und es zerfällt auch nicht. Und für jeden Toten in Syrien,sind die Rebellen selber mitverantwortlich. Und demnächst verlangt ein Chinese aus dem Exil den Rücktritt des chinesischer Präsidenten....
im übrigen zerfällt syrien erst richtig und schnell , wenn assad weg ist. bei allen problemen mit menschenrechten/ demokratie/freiheiten ( dies war aber vielen im westen viele jahre schei-egal , ähnlich wie in libyen auch ) ist die assad-regierung die einingende kraft im lande. geht er, gibz es ein wohl schlimmeres blutbad und einen zerfall des landes. die türkei reibt sich schon die hände und es gibt weitere nichtfreundliche nachbarn und auch noch die kurdische minderheit. assads verschwinden lößt die probleme nicht, das ist ein ammenmärchen.wie das land dann aussehen wird, kann man wenige kilometer entfernt im irak sehen. die dortigen zivilen opfer , übrigends hat keiner im westen gezählt...
5.
otla.pinnow 04.07.2012
"Damaskus und Moskau setzen nach wie vor alles darauf, dass das syrische Regime doch noch überlebt", sagt Pierret. " Glaube ich nicht. Russland wird durchaus wissen, dass das Regime keine Überlebenschancen mehr hat. In Sachen Syrien kann Russland tatsächlich tun, was es will, ohne noch auf irgend etwas Rücksicht nehmen zu müssen. Denn es hat in Nah-/Mittelost alles verloren und kann deswegen nichts mehr verlieren.
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