Von Benjamin Bidder und Raniah Salloum
Berlin/Moskau - Der Lösungsansatz, den die angesehene Moskauer Tageszeitung "Kommersant" jetzt für Syrien skizzierte, klingt nicht unlogisch. Syriens Präsident Baschar al-Assad, auf dessen Konto monatelanges Blutvergießen und mehr als 10.000 Tote gehen, solle ins Exil gehen, und zwar nach Russland. Unter Verweis auf namentlich nicht genannte westliche Diplomatenkreise berichtete das Blatt, die USA und Europa seien bemüht, Russland die Aufnahme des Herrschers von Damaskus schmackhaft zu machen.
Die Vorteile dieser Lösung liegen auf der Hand. Sie würde Assad den Rückzug ermöglichen, in einer Zeit, in der er sich einer immer radikaler werdenden Opposition gegenüber sieht, die seinen Kopf fordert. Und der Kreml, bislang der große Bremser auf der Suche nach einem Ausweg aus der Krise, hätte sich für den diplomatischen Coup feiern lassen können.
Doch wenn es etwas gibt, dass Moskau noch mehr hasst, als international übergangen zu werden, dann ist es, aus dem Ausland unter Druck gesetzt zu werden. Das Dementi aus Moskau folgte denn auch prompt. Es gebe keine Gespräche mit den USA über die "Zukunft des Präsidenten der Syrischen Arabischen Republik", sagte Vizeaußenminister Sergej Rjabkow. "Wir haben unsere Position bereits mehrfach verdeutlicht: Darüber, wer in Syrien an der Macht ist, muss das syrische Volk entscheiden", fügte er hinzu. "Von außen vorgeschlagene - oder vielmehr auferlegte - Pläne können nur verletzend sein."
Syrien-Experten glauben nicht an eine Exil-Lösung
Es wäre nicht das erste Mal, dass das Ausland Russland Assad als Exilanten unterschieben möchte. Im Februar wagte Tunesiens Präsident öffentlich einen Vorstoß Richtung Moskau - und wurde dafür in Russland abgewatscht. Staatschef Moncef Marzouki solle sich lieber um seine eigenen Angelegenheiten kümmern, hieß es barsch im Kreml.
Beobachter sind grundsätzlich skeptisch, dass Assad ins Exil gehen könnte. "Ich halte es für unwahrscheinlich, dass sich irgendein Land Assad ans Bein binden möchte", sagt Syrien-Experte Heiko Wimmen von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Und selbst wenn: "Ich glaube auch nicht, dass Assad für sich ein Exil in Betracht ziehen würde." Auch wenn Syriens Präsident bereits seit zwölf Jahren regiert, ist er erst 46 - "Assad müsste sich darauf verlassen können, dass er mehrere Jahrzehnte im Exil-Land unbehelligt bliebe", sagt Wimmen.
Tatsächlich würden Nachfolge-Regierungen in Syrien wohl versuchen, Assad zur Verantwortung zu ziehen. Immunität für ihn haben die syrischen Aufständischen bisher kategorisch abgelehnt.
Zerfall Syriens in die Machtbereiche von Warlords befürchtet
Wahrscheinlicher ist daher, dass Assad bis zum Schluss kämpfen wird. Zu dieser Einschätzung kommen auch andere renommierte Syrien-Experten wie Emile Hokayem vom International Institute for Strategic Studies in London und Thomas Pierret von der Universität Edinburgh. "Damaskus und Moskau setzen nach wie vor alles darauf, dass das syrische Regime doch noch überlebt", sagt Pierret. Dass es so kommt, hält Pierrot zwar nicht für ausgeschlossen, aber unwahrscheinlich.
Längst hat das syrische Regime vor allem auf dem Land die Kontrolle verloren. Und selbst in den großen Städten ist es nicht mehr in der Lage, Angriffe seiner Gegner zu verhindern. Gleichzeitig sind jedoch auch die verschiedenen oppositionellen Milizen weder stark noch einig genug, um die regimetreuen Truppen zu besiegen.
Ähnlich wie der 2011 ermordete libysche Diktator Muammar al-Gaddafi könnte sich Assad, sollte er die Macht in der Hauptstadt verlieren, in seine Geburtsregion zurückziehen - in die Stadt Kardaha in der Provinz Latakia nahe der Mittelmeerküste. Dort könnte er sich mit seinen treusten Gefolgsleuten verschanzen.
"Ich halte einen Zerfall Syriens in Machtbereiche verschiedener Warlords für möglich, von denen Assad einer der stärksten bleibt", sagt Syrien-Experte Wimmen. Angesichts der verschiedenen regimetreuen und regimekritischen Milizen in Syrien fügt er hinzu: "Vielleicht ist dies bereits der Fall."
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