Bürgerkrieg in Syrien: Geheimtreffen unter Krokodilen

Von Raniah Salloum, Beirut

In Beirut trifft sich ein syrischer Millionär mit einem Vertreter der Rebellen. Bislang verdiente er mit dem Assad-Regime sein Geld. Doch der Geschäftsmann sichert sich ab. Im Bürgerkrieg kennt er keine Loyalität - nur die nächste Gelegenheit. Wie ein Krokodil, sagt er selbst.

Händler mit Rebellen in Aleppo: "Es gibt immer Möglichkeiten für Business"Zur Großansicht
AP

Händler mit Rebellen in Aleppo: "Es gibt immer Möglichkeiten für Business"

Sein Jackett hat er für dieses Treffen zu Hause gelassen, bloß nicht auffallen. Der Geschäftsmann aus Syrien kommt in das Café in Beirut und setzt sich mit dem Rücken zur Tür. Er bestellt sich einen schwarzen Tee wie sein Gegenüber, ein Libanese mit Kontakten zu einer syrischen Rebellengruppe. Vom Tisch nebenan sehen die beiden aus wie zwei Freunde, die einfach nur plaudern.

Der syrische Kaufmann verdankt seine Millionen seinem Geschäftssinn - und seinen guten Beziehungen zum syrischen Regime. Nun sondiert er in Beirut Möglichkeiten, mit der Gegenseite ins Geschäft einzusteigen.

"Ich mag Adrenalinkicks. Sich mit diesem Mann hier zu treffen, ist einer", sagt der Geschäftsmann, deutet auf den Libanesen und lacht nervös.

Beirut ist für solche Treffen nicht ganz ungefährlich. Erst am Freitag explodierte eine riesige Bombe vor dem Haus eines der wichtigsten Vertreter der libanesischen Sicherheitskräfte und tötete diesen, seine Bodyguards und eine Passantin. Der Millionär und der Rebell haben nicht den geringsten Zweifel, dass hinter dem Anschlag das syrische Regime in Damaskus steckt.

"Wir sind alle zu Krokodilen geworden"

Überhaupt vermutet der Geschäftsmann überall die Augen und Ohren des Regimes in Damaskus. Als am Nebentisch ein junger Mann aufsteht und mit seinem Handy zu hantieren beginnt, hält sich der Millionär sofort eine Hand vors Gesicht. "Achtung, Kamera!", raunt er seinem Gegenüber zu. Der junge Mann mit dem Handy verschwindet, und der Geschäftsmann lehnt sich wieder entspannt zurück. "Wir sind alle zu Krokodilen geworden", zitiert er ein Sprichwort. Er erklärt: "Jeden Tag Krieg und Gewalt - wir haben aufgehört zu fühlen. Wie die Krokodile."

Der libanesische Rebellen-Kontaktmann redet nicht lange herum. "Kannst du dir vorstellen, Sprecher für die Rebellen zu werden?", fragt er. "Sie brauchen öffentliche Gesichter wie dich - angesehene Leute, Wirtschaftsexperten, Liberale mit guten internationalen Kontakten." "Jetzt?", fragt der Geschäftsmann und reißt erschrocken die Augen auf. "Irgendwann, ja. Aber jetzt? Ich habe viele Familienmitglieder in Damaskus. Ich kann sie nicht alle wegwerfen für einen Sprecherposten. Du weißt genau, wenn ich Sprecher für die Rebellen werde, macht das Regime meine Familie in Damaskus fertig." Weder der syrische Millionär noch der Libanese glauben, dass der Krieg in Syrien bald vorbei ist. Beide halten ein jahrelanges, blutiges Patt für wahrscheinlicher.

"Nach aktuellen Prognosen brauchen wir bereits jetzt gut 15 Jahre mit einem starken Wachstum von 5,8 Prozent, um wieder auf den Stand von 2010 zu kommen", sagt der Geschäftsmann, "Assad zerstört das ganze Land. Er wird keine Kompromisse eingehen. Er glaubt, er gewinnt." Der Rebellen-Kontaktmann schweigt.

"Wenn wir helfen können, helfen wir gerne", fängt der Geschäftsmann wieder an. "Wenn wir dabei noch Geschäfte machen können, umso besser", sagt er und lacht wieder. Er bietet den Rebellen großzügige Geldspenden an - und Essenslieferungen, Verbandsmaterial und Handys zum Schnäppchenpreis. Der Rebellen-Kontaktmann hält das Angebot für eine gute Idee.

"Es gibt immer Möglichkeiten für Business"

"Vom Regime bekomme ich keine Aufträge mehr", sagt der Geschäftsmann. Vor den Aufständen gehörte zu seinen Kunden auch das syrische Militär. "Jetzt trauen sie keinem Syrer mehr." Wie das Gros der Wirtschaftselite entstammt er einer bekannten sunnitischen Familie. Das Assad-Regime hatte Syrien lange mit einem komplexen Netzwerk aus Allianzen beherrscht. Im Laufe der 19-monatigen Aufstände ist es auf seinen harten Kern, den von der Minderheitskonfession der Alawiten dominierten Militär- und Milizenapparat, zusammengeschrumpft.

"Ich habe darüber nachgedacht, in den Schmuggel zwischen dem Libanon und Syrien einzusteigen", sagt der Geschäftsmann. "Mit Lebensmitteln und Medikamenten kann man im Krieg richtig viel Geld verdienen. Vor allem jetzt, da die syrische Pharmaindustrie in Aleppo vom Rest des Landes abgeschnitten ist. Es gibt immer Möglichkeiten für Business." Er habe sich jedoch dagegen entschieden. "Ich habe mein Geld bisher immer ehrlich verdient."

Auch wenn der Geschäftsmann kaum noch über Land in Syrien transportiert - "50 Prozent des Profits bleiben in den Straßensperren hängen" -, unterhält er weiter seine Büros und Fabriken. "Ich habe das Personal auf ein Viertel reduziert. Wir machen leichte Verluste. Ich verlagere viel ins Ausland, aber wir bleiben präsent." Nach wie vor verbringt er mehrere Wochen in Monat in der syrischen Hauptstadt und trifft sich mit hochrangigen Mitgliedern des Regimes zum Mittagessen oder auf einen Kaffee.

"Ich behalte einen Fuß in der Tür. Viele Millionäre sind abgehauen. Wenn sie wieder zurückkommen wollen, wird Assad von ihnen für diesen Verrat viel Geld verlangen."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
Auf anderen Social Networks teilen
  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
insgesamt 48 Beiträge
mr_supersonic 28.10.2012
Bin schon gespannt auf die Kommentare, die solchen Geschäftsleuten Verrat vorwerfen. Naja, niemand anderes als Assad darf ja die "Macht" in Syrien haben, sonst bricht da das große Chaos aus. Die "Rache" [...]
Zitat von sysopIn Beirut trifft sich ein syrischer Millionär mit einem Vertreter der Rebellen. Bislang verdiente er mit dem Assad-Regime sein Geld. Doch der Geschäftsmann sichert sich ab. Im Bürgerkrieg kennt er keine Loyalität - nur die nächste Gelegenheit. Wie ein Krokodil, sagt er selbst. Krieg in Syrien: Geschäftsleute suchen neue Absatzmärkte - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/krieg-in-syrien-geschaeftsleute-suchen-neue-absatzmaerkte-a-862940.html)
Bin schon gespannt auf die Kommentare, die solchen Geschäftsleuten Verrat vorwerfen. Naja, niemand anderes als Assad darf ja die "Macht" in Syrien haben, sonst bricht da das große Chaos aus. Die "Rache" der Rebellen, nee halt, der ausländischen Infiltreure saudi - imperialistischer Klassenfeinde wird fürchterlich sein. Die werden bestimmt Assads Armee okkupieren und dann Damaskus beschiessen, und dann wird die neue Hauptstadt von Syrien Mekka sein...ach nee, ähm Persepolis? Oder Washington? Ankara? Kurdistan-Capital?
fuchs008 28.10.2012
Solche Leute reden jedem nach dem Mund, Hauptsache der Rubel rollt. Sagt er ja auch selbst. Repräsentativ für das syrische Volk ist ein Millionär, der mit jedem Handel treibt, sicher nicht.
Solche Leute reden jedem nach dem Mund, Hauptsache der Rubel rollt. Sagt er ja auch selbst. Repräsentativ für das syrische Volk ist ein Millionär, der mit jedem Handel treibt, sicher nicht.
LeonLanis 28.10.2012
dieses konspirative Gespräch wirklich stattgefunden, dann sicher ohne journalistische Begleitung. Wer glaubt denn, daß der syrische Geschäftsmann ein solches Risiko unnötigerweise eingehen würde? Ich glaube so etwas nicht. [...]
Zitat von mr_supersonicBin schon gespannt auf die Kommentare, die solchen Geschäftsleuten Verrat vorwerfen. Naja, niemand anderes als Assad darf ja die "Macht" in Syrien haben, sonst bricht da das große Chaos aus. Die "Rache" der Rebellen, nee halt, der ausländischen Infiltreure saudi - imperialistischer Klassenfeinde wird fürchterlich sein. Die werden bestimmt Assads Armee okkupieren und dann Damaskus beschiessen, und dann wird die neue Hauptstadt von Syrien Mekka sein...ach nee, ähm Persepolis? Oder Washington? Ankara? Kurdistan-Capital?
dieses konspirative Gespräch wirklich stattgefunden, dann sicher ohne journalistische Begleitung. Wer glaubt denn, daß der syrische Geschäftsmann ein solches Risiko unnötigerweise eingehen würde? Ich glaube so etwas nicht. Frau S. sollte lieber in die Belletristik wechseln und Romane schreiben statt sich an komplexen politischen Vorgängen zu versuchen.
seine-et-marnais 28.10.2012
Wenn der syrische Geheimdienst wissen will wer denn der ehrenwerte Geschäftsmann und sein libanesischer Verbindungsmann ist, kann der einfach bei Frau Salloum, Raniah, z Zt Beirut nachfragen, vielleicht existieren ja noch [...]
Zitat von sysopIn Beirut trifft sich ein syrischer Millionär mit einem Vertreter der Rebellen. Bislang verdiente er mit dem Assad-Regime sein Geld. Doch der Geschäftsmann sichert sich ab. Im Bürgerkrieg kennt er keine Loyalität - nur die nächste Gelegenheit. Wie ein Krokodil, sagt er selbst. Krieg in Syrien: Geschäftsleute suchen neue Absatzmärkte - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/krieg-in-syrien-geschaeftsleute-suchen-neue-absatzmaerkte-a-862940.html)
Wenn der syrische Geheimdienst wissen will wer denn der ehrenwerte Geschäftsmann und sein libanesischer Verbindungsmann ist, kann der einfach bei Frau Salloum, Raniah, z Zt Beirut nachfragen, vielleicht existieren ja noch Notizen, Tonaufnahmen, uä. Komisches Geheimtreffen zu dem man Reporter einlädt, aber man lernt ja nie aus.
HolyGhost 28.10.2012
Wieso Verrat ? Sollte dieses Gespräch tatsächlich so stattgefunden haben zeigt es nur die Ambivalenz gewisser Geschäftsleute, die scheinbar vorher gute Geschäfte mit dem "Schlächter" gemacht haben und sich nun alle [...]
Zitat von mr_supersonicBin schon gespannt auf die Kommentare, die solchen Geschäftsleuten Verrat vorwerfen. Naja, niemand anderes als Assad darf ja die "Macht" in Syrien haben, sonst bricht da das große Chaos aus. Die "Rache" der Rebellen, nee halt, der ausländischen Infiltreure saudi - imperialistischer Klassenfeinde wird fürchterlich sein. Die werden bestimmt Assads Armee okkupieren und dann Damaskus beschiessen, und dann wird die neue Hauptstadt von Syrien Mekka sein...ach nee, ähm Persepolis? Oder Washington? Ankara? Kurdistan-Capital?
Wieso Verrat ? Sollte dieses Gespräch tatsächlich so stattgefunden haben zeigt es nur die Ambivalenz gewisser Geschäftsleute, die scheinbar vorher gute Geschäfte mit dem "Schlächter" gemacht haben und sich nun alle Möglichkeiten offen halten wollen. Ich glaube nicht, dass man solche Leute stellvertretend für die syrische Bevölkerung ansehen kann. Solche Zeitgenossen haben stes mehrere Fahnen im Schrank stehen mit denen sie, je nach Bedarf, herumwinken können. Im Übrigen hat dieser Artikel wenig Aussagekraft zu den Zuständen in Syrien. Dieser Geschäftsmann ist wohl nur einer jener Geister, die man später nicht mehr los wird.
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Ausland
alles zum Thema Libanon

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Sonntag, 28.10.2012 – 08:45 Uhr
  • Drucken Versenden Feedback
  • Kommentieren | 48 Kommentare

Fläche: 10.452 km²

Bevölkerung: 4,228 Mio.

Hauptstadt: Beirut

Staatsoberhaupt:
Michel Suleiman

Regierungschef: Nadschib Mikati (zurückgetreten)

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Arabien-Reiseseite



Bevölkerung: 22,505 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Syrien-Reiseseite





TOP



TOP