Syrische Grenzkonflikte Angst vor dem Flächenbrand

Tote in der Türkei, Granateneinschläge im Libanon, Gefechte an der Grenze zu Jordanien - der Krieg in Syrien greift auf die Nachbarstaaten über. Je länger die Krise dauert, um so größer wird die Gefahr der regionalen Eskalation.

Von , Beirut


Wie schnell sich die Gewalt in Syrien zum regionalen Krieg ausweiten könnte, haben die vergangenen Tage gezeigt. Nachdem schon wieder syrische Granaten auf dem Boden der Türkei eingeschlagen waren und dieses Mal fünf türkische Zivilisten getötet hatten, sah sich Premierminister Recep Tayyip Erdogan gezwungen zu handeln. Die Vergeltung der türkischen Armee schreckte die internationale Gemeinschaft auf.

Dabei war die Türkei offenbar vorsichtig vorgegangen: Auf die wiederholten syrischen Attacken antwortete sie mit ein paar Artillerie-Schüssen - nicht jedoch mit Raketen. Die Angriffserlaubnis, die das türkische Parlament Erdogan erteilt hat, stellt vor allem eine Drohkulisse dar. Eine konkrete Kriegsabsicht steckt nicht dahinter - vorerst. Der Uno-Sicherheitsrat verurteilte den syrischen Beschuss der Türkei inzwischen scharf und mahnte beide Seite zur Besonnenheit.

Je länger die Gewalt in Syrien andauert, desto häufiger kommt es auch zu Vorfällen in den Nachbarstaaten. Ein Großteil der Grenzregion rund um Syrien herum ist inzwischen zum Kriegsgebiet geworden. Hatte die internationale Gemeinschaft bisher befürchtet, eine Militärintervention in Syrien könnte in einen regionalen Flächenbrand münden, muss sie nun zusehen, wie diese Sorge auch ohne direktes Eingreifen zunehmend Realität wird.

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Syrien und Türkei: Spannungen an der Grenze
Längst sind alle syrischen Nachbarstaaten betroffen. Am dramatischsten sind die Auswirkungen bisher auf die Türkei und den Libanon.

  • Spannungen im türkischen Grenzgebiet: Durch wiederholte grenzüberschreitende Bombardierungen und Schüsse aus Syrien kamen auf türkischem Boden bereits Dutzende Zivilisten ums Leben. Premierminister Erdogan steht unter dem Druck seiner zunehmend wütenden Bevölkerung, gegen die von Syrien ausgehende Gewalt vorzugehen. Im Westen des Grenzgebiets verschärft der Syrien-Krieg zudem Spannungen innerhalb der Türkei. Ankara unterstützt massiv die syrischen Rebellen und hat rund 100.000 Flüchtlinge aufgenommen. Damit verärgert die konservative Regierung die Alawiten in der türkischen Grenzprovinz Hatay. Die Provinz gehörte bis 1938 zu Syrien und ist ähnlich konfessionell gemischt. Immer wieder kommt es in Hatay zu alawitischen Protesten gegen die syrischen Rebellen.
  • Attacken der kurdischen PKK-Miliz: Besonders nervös macht die Türkei Assads Unterstützung der Kurden-Miliz PKK. Lange Zeit hielt Damaskus die überregionale Miliz auf syrischem Boden im Zaum, um Ankara nicht zu verärgern. Inzwischen hat Assad die PKK jedoch von der Leine gelassen. Partei und Miliz dürfen in Syrien Anhänger rekrutieren, ausbilden und Angriffe gegen türkische Ziele starten. Seit einem halben Jahr haben die PKK-Attacken im Osten der Türkei drastisch zugenommen. In der Vergangenheit hat Ankara die PKK auch außerhalb der Türkei mit Militärschlägen etwa im Irak verfolgt. Es ist davon auszugehen, dass die Türkei auch vor gezielten Attacken auf PKK-Basen in Syrien nicht zurückschrecken wird. An der türkisch-syrischen Grenze wurde deswegen bereits seit Juli das Militär mobilisiert. Damaskus hat der syrischen Kurdenregion im Juli de facto Autonomie zugestanden.
  • Dutzende Tote im Libanon: Aus Teilen des libanesisch-syrischen Grenzgebiets ist die Bevölkerung bereits geflohen. Nahezu täglich schlagen syrische Raketen und Artilleriegeschosse im Libanon ein, zerstören Häuser und töten Zivilisten. Regelmäßig überschreitet die syrische Armee die Grenze und entführt auf libanesischem Staatsgebiet Anwohner, die sie für Unterstützer der Rebellen hält. Die große Zahl an syrischen Flüchtlingen setzt die libanesische Gesellschaft unter Druck. Prosyrische Gruppen im Libanon entführen immer wieder Zivilisten, die sie für Assad-Gegner halten. Zudem befeuert der Krieg in Syrien den Konflikt in der nordlibanesischen Stadt Tripoli zwischen Assad-Gegnern und Assad-Anhängern. Dort gab es in diesem Jahr bereits mehrere Dutzend Tote. Die libanesische Hisbollah, die mit Assad verbündet ist, hat nach Berichten der britischen BBC bereits mehrere ihrer Kämpfer im Krieg in Syrien verloren.
  • Artillerieeinschläge auf dem Golan: Auch in Israel wächst die Sorge vor einem Überschwappen des syrischen Krieges. Auf dem syrischen Golan, den Israel seit 1967 besetzt hält, kam es in den vergangenen Wochen immer häufiger zu Protesten von Assad-Gegnern wie Assad-Unterstützern. Die Kämpfe in Syrien rücken immer näher an Israel heran. In den vergangenen Tagen landeten mehrere syrische Geschosse auf dem israelisch besetzten Teil der Golanhöhen. Am Mittwoch evakuierte die israelische Armee von dort Touristen, nachdem sie Bewaffnete in Grenznähe entdeckt hatte.
  • Flüchtlingsstopp im Irak: Die Regierung in Bagdad ist nervös, dass der syrische Bürgerkrieg den eigenen wieder befeuern könnte. In der Vergangenheit hatte das Assad-Regime den irakischen Bürgerkrieg vorangetrieben, indem es Dschihadisten in den Irak schleuste und ihnen in Syrien Rückzugsraum gab. Aus Angst, dass Kämpfer aus Syrien ins Land kommen könnten, weisen die irakischen Grenzposten inzwischen männliche Flüchtlinge aus Syrien ab.
  • Grenzscharmützel mit Jordanien: An der jordanisch-syrischen Grenze hat es bereits ein einstündiges Gefecht zwischen jordanischen Truppen und Assad-Soldaten gegeben, nachdem diese auf jordanisches Gebiet feuerten. Je näher die Kämpfe auf syrischer Seite an Jordanien heranrücken, desto unsicherer wird auch dort die Grenzregion werden.

Zwar hat kein Nachbarstaat Syriens ein Interesse daran, in einen Krieg hineingezogen zu werden. Auch das Assad-Regime ist trotz aller Provokationen bestrebt, die Nachbarn von einem direkten militärischen Eingreifen abzuschrecken und agiert im Zweifelsfall deeskalierend wie nach dem Abschuss eines türkischen Kampfjets im Juni oder den jüngsten türkischen Artillerie-Attacken.

Das wechselseitige Säbelrasseln und die zunehmende Gewalt in den Grenzregionen um Syrien herum sind jedoch ein klares Warnsignal: Die Gefahr eines regionalen Flächenbrands ist nicht zu unterschätzen.

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Seite 1
Schroekel 05.10.2012
1. eine frage der zeit
Zitat von sysopAFPTote in der Türkei, Granateneinschläge im Libanon, Gefechte an der Grenze zu Jordanien - der Krieg in Syrien greift auf die Nachbarstaaten über. Je länger die Krise dauert, um so größer wird die Gefahr der regionalen Eskalation. http://www.spiegel.de/politik/ausland/krieg-in-syrien-grenzkonflikte-heizen-sorge-vor-flaechenbrand-an-a-859607.html
je schneller die privatherrschaft von assads clan beendet werden kann, desto besser. Je länger assads barbarei in syrien andauert, desto mehr menschen werden getötet und desto größer sind die chancen, dass tatsächliche terroristen den kampf der menschen gegen den diktator für sich vereinnahmen. das alles dauert schon viel zu lange. ein volk, das seinen diktator los werden will, kann man nicht aufhalten. eine diktatur und sein clan, der mit panzern, artillerie und flugzeugen gegen seinen sturz durch das volk vorgeht, ist im grunde leicht zu beenden.
marthaimschnee 05.10.2012
2.
Und das schlimmste ist, daß die Medien grundsätzlich sämtliche Aggression Assad unterstellen, obwohl völlig unklar ist, wer da eigentlich auf wen schießt. Aber nur weiter so, auch dort werdet ihr früher oder später kapieren, daß die Probleme nicht an einer einzigen Person hängen und mit deren Verschwinden auf einen Schlag beseitigt sind.
spon-facebook-10000284048 05.10.2012
3. Na so was...
Zitat-Das wechselseitige Säbelrasseln und die zunehmende Gewalt in den Grenzregionen um Syrien herum sind jedoch ein klares Warnsignal: Die Gefahr eines regionalen Flächenbrands ist nicht zu unterschätzen. Zitatende. So ist das eben, wenn man kokelt. Dann muss man sich nicht wundern, wenn es lodert. Und die Kokeler sitzen nicht in der Region, die kommen von außen, sind sozusagen Fremdkokeler. Meine Meinung.
euroberliner 05.10.2012
4. Die Konfliktgebiete kommen...
...immer näher an Europa ran. Die Türkei, als NATO-Mitglied, könnte Europa und die USA, mit hineinreissen ins Kriegsgeschehen. Und wie wird die BRD-Regierung dann agieren? Wieder einmal sich herraushalten? Nach dem Motto, lass die anderen mal machen. Wir gehen Zeiten entgegen, da wird die EURO-Krise, ein Miniproblem sein, gegenüber eines Krieges.
ein anderer 05.10.2012
5. ...
Zitat von sysopAFPTote in der Türkei, Granateneinschläge im Libanon, Gefechte an der Grenze zu Jordanien - der Krieg in Syrien greift auf die Nachbarstaaten über. Je länger die Krise dauert, um so größer wird die Gefahr der regionalen Eskalation. http://www.spiegel.de/politik/ausland/krieg-in-syrien-grenzkonflikte-heizen-sorge-vor-flaechenbrand-an-a-859607.html
Vielleicht sollten Jordanien und die Türkei keine Waffen und keine Söldner über ihre Grenzen nach Syrien einsickern lassen. Und den Rebellen keinen Rückzugsraum zur verfügung stellen. Es ist doch klar das die syrische Armee dieses Einsickern unterbinden will was die Kamphandlungen immer näher an die Grenzen bringt. Nebenbei sollte man sich wieder in Erinnerung rufen wie Israel gegen Nachbarn vorgegangen ist, die Söldnern und Dschihadisten über ihre Grenzen in den israelischen Einflussraum liessen. Und Entführungen im Libanon werden von Assadgegnern und Assadunterstützer gleichermassen gemacht. Und die Hisbollah im Libanon zeichnet sich im Moment noch dafür aus, dass sie sich für eine Deeskalation einsetzt. Ohne sie wäre der Libanon wahrscheinlich schon am brennnen.
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