Allianz mit Assad Hisbollah jagt syrische Rebellen nach Norden

Nach dem Sieg in Kusair nimmt die Hisbollah die Verfolgung von syrischen Rebellen auf. Das zeigt: Die Schiitenmiliz will den Einsatz an der Seite der Assad-Truppen im Bürgerkrieg offenbar ausweiten - wohl auch, weil Iran Druck macht.

REUTERS

Von Ulrike Putz, Beirut


Gerade erst hatten Kämpfer der Hisbollah zusammen mit der Armee von Diktator Baschar al-Assad die Rebellen aus der wichtigen syrischen Grenzstadt Kusair vertrieben, nun nahmen die libanesischen Milizionäre den Ort Bwayda unter Beschuss. Damit machen die regimetreuen Kräfte ihre Drohung wahr, die Aufständischen nach Norden zu treiben.

Die Assad-Anhänger wollten Widerstandsnester in der Region zwischen der libanesischen Grenze und der Stadt Homs ausräuchern, hatte ein Hisbollah-Offizier gegenüber SPIEGEL ONLINE angekündigt. Was aus etwa 1200 Verwundeten und Zivilisten wurde, die am Mittwoch mit den sich zurückziehenden Rebellen aus Kusair flüchteten, ist noch immer unklar.

Doch eines macht das Vorrücken der Assad-Allianz klar: Obwohl sie ihre Mission in Kusair erfüllt hat, will die Hisbollah sich offenbar nicht wieder aus dem Bürgerkrieg in Syrien zurückzuziehen. Es scheint, als wolle die Schiitenmiliz die Ankündigung ihres Anführers tatsächlich wahr machen: "Wir werden bis zum Ende gehen, wir werden diese Verantwortung tragen und alle Opfer und die zu erwartenden Konsequenzen akzeptieren", hatte Hassan Nasrallah dem syrischen Regime gegenüber Ende Mai zugesagt.

Dauerhaft beteiligte Kriegspartei

Seitdem Nasrallah öffentlich gemacht hat, dass libanesische Elitekämpfer in Syrien an der Front stehen, wird gerätselt: Wie weit geht die Miliz mit ihrem Engagement an der Seite Assads?

Anfangs hatte die Partei Gottes davon gesprochen, nur eine nahe Kusair lebende schiitisch-libanesische Minderheit in Syrien schützen zu wollen. Die Truppen der Hisbollah seien zum Einsatz gekommen, um Assads Armee bei einem Befreiungsschlag gegen die in Kusair verschanzten Rebellen zu helfen, verkündeten Hisbollah-nahe Quellen. Dann hieß es, Milizionäre würden dabei helfen, in Damaskus heilige Stätten der Schiiten zu beschützen.

Doch weil die Hisbollah-Kämpfer nach dem Erfolg in Kusair nun nach Norden weiterziehen, scheint sich eine andere Strategie zu ergeben. Die Schiitenmiliz wandelt sich offenbar von einer schnellen Eingreiftruppe zur dauerhaft beteiligten Kriegspartei.

In den mehrheitlich von Hisbollah-Anhängern bewohnten südlichen Vororten Beiruts macht schon der nächste Aufruf die Runde: "Jetzt geht es nach Nubul und al-Sahra!" Die beiden von Schiiten bewohnten Dörfer lägen auf sunnitischem Gebiet, auch sie bräuchten Schutz.

Anweisung aus Teheran

"Es steht für die Hisbollah zu viel auf dem Spiel. Die Achse Beirut-Damaskus-Teheran ist durch den Bürgerkrieg in Bedrängnis geraten", erklärt der Hisbollah-Experte Ghassan al-Esi von der staatlichen Libanesischen Universität in Beirut das Engagement der Schiitenmiliz. Assad auch über längere Zeit beizustehen, sei eine langfristige strategische Entscheidung gewesen, die nicht allein von der Hisbollah gefällt worden sei, sagt Esi.

Bei ihrem geheimnisumwitterten Treffen Anfang April in Teheran habe Hisbollah-Chef Nasrallah vom dortigen Führer Ali Chamenei die Anweisung erhalten, in den syrischen Bürgerkrieg einzugreifen, um die Assads zu stützen. "Vorher hatte die Hisbollah versucht, zumindest neutral auszusehen. Doch wenn Teheran anfragt, kann sie sich nicht verschließen", erklärt Esi gegenüber SPIEGEL ONLINE.

"Der Einsatz der Hisbollah soll die syrische Opposition zwingen, sich auf eine politische Lösung einzulassen", sagt Imad Salamey, Politikwissenschaftler an der Lebanese American University in Beirut. Die ganze Region stehe am Ende eines Zeitalters. Die von den Kolonialherren hinterlassenen Landesgrenzen seien in Auflösung begriffen. "Derzeit entsteht eine neue politische Ordnung im Nahen Osten. Der Kampf der Hisbollah in Syrien soll sicherstellen, dass Iran darin eine tragende Rolle spielen wird."

Für die Hisbollah ist die Unterstützung Assads ein riskantes Spiel. Bislang wurde die Partei Gottes in der arabischen Welt für ihren Widerstand gegen Israel verehrt oder zumindest respektiert.

Nasrallah schnitt über Jahre hinweg in Umfragen als der beliebteste Politiker im arabischen Raum ab. Doch die Partei und ihr Chef haben in den vergangenen Monaten an Ansehen eingebüßt. Viele frühere Bewunderer fühlen sich verraten. Sie können der Miliz nicht verzeihen, dass sie statt gegen Israel nun gegen andere Araber und Muslime die Waffe erhebt.

Eingefleischte Hisbollah-Anhänger würden sich in ihrem Glauben an die Sache der Partei zwar nicht so schnell erschüttern lassen, sagt Ghassan al-Esi. "Aber bei etwas weniger überzeugten Schiiten gibt es immer mehr Kritik." Der Unmut werde weiter wachsen, prophezeit Esi. "Je weiter weg von zu Hause die Männer kämpfen, desto schwerer wird es, das als Verteidigung des Libanon zu erklären."

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Seite 1
hatay90 08.06.2013
1. wenigstens
Wird es heute wie auch in der Zukunft noch Menschen geben, die hinter dem stehen, wofür auch Assad steht! Er steht für die minderheiten.. Wenn er durch jmd anderen ersetzt werden sollte wird es ein sunnitischer Politiker oder was auch immer sein und dann ist die kake erst mal richtig am dampfen!!
kölschejung72 08.06.2013
2. Hisbollah
Wer sagt denn, dass die Hisbollah Truppen in drei Monaten noch in Syrien opperieren? Die wollen das gewaltige Momentum nutzen, insbesondere da die Verhandlungen anstehen, bei denen Gebietsgewinne festgeschrieben werden könnten. Es wird noch Offensiven in Homs (ein Stadtviertel) und Aleppo (drei Stadtviertel) geben. Dann gibt es nur noch den eher unbedeutenden Streifen Land an der Grenze zur Türkei, die von den Islamisten kontrolliert werden. Und da wird sicherlich auch nicht die Türkei froh drüber sein, falls das ein Islamistischer Staat unter Al Nusra werden sollte.
ComLark 08.06.2013
3.
Das erste mal, dass ich etwas positiv finde, was die Hisbollah macht. Nach jahrelangem Bombardement auf Israel kommt, will die EU jetzt die Hisbollah auf die Terrorliste setzen weil sie Assad und die Minderheiten in Syrien unterstütz. Ich find das nur noch lächerlich.
cabo_de_agua 08.06.2013
4. optional
Das Blöde ist, dass Bashar Al-Assad nur Angehörige seiner ethnischen Herkunft (Alawiten ca. 15 % des syrischen Volkes) klare Rechte gegeben hat. @Hatay: Soll es denn heißen, dass kein Sunnit jemals an die Macht aufsteigen darf? Also da hast du als Alawit was falsch verstanden. 75 % der Syrierer sind Sunniten...
skyhawk111de 08.06.2013
5. Russland und USA einig
SO nachdem Russland und USA einig sind, werden die Interessen der beiden Staaten unberührt bleiben. Russland's Interessen lassen sich sogar etwas ausweiten, sehr vieles was vorher dem Türken gehörte, wird von Russland übernommen. Die großen Verlierer sind: 1. Die Syrer, weil sie wirklich dachten nach 50 Jahre Diktatur endlich mal frei zu sein. Wird nicht. Die AlNusra Front war ein super Manöver von den Westen trotz 120.000 Tote wird trotzdem keine Hilfe angeboten, weil man angst hat die waffen bei den bösen Nusra zu landen :D 2. Die demokratischen Institutionen im Libanon werden durch Hizbollah weiter runtergeschrumpft. 3. Die arabischen Ländern werden wieder eins weniger. Libanon, Syrien, Irak gehört Iran, Plaästina gehört Israel. 4. Die Kataris sind beschftigt die WM zu kaufen und die Saudis sind beschäftigt ihren König in seinem Urlaub in Casa Blanca zu unterhalten.
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