Propagandakrieg Morddrohungen gegen syrische Journalistin

Eine regimenahe Fernsehreporterin gerät ins Visier der Assad-Gegner. Im Internet erhält die junge Frau Morddrohungen. Sie hatte vom Massakerschauplatz Daraja berichtet - und ein Kind neben seiner toten Mutter befragt.

Journalistin Azer: Es braucht immer weniger, um als Gegner der Aufständischen zu gelten
YouTube / Al-Dunya TV

Journalistin Azer: Es braucht immer weniger, um als Gegner der Aufständischen zu gelten

Von , Beirut


Die Fernsehjournalistin Micheline Azer hat es in Syrien mit einer einzigen Reportage zur Berühmtheit gebracht. Die junge, schöne Journalistin vom regimenahen TV-Sender Addunia berichtete aus Daraja, einem Vorort von Damaskus, wo am Samstag ein Massaker stattgefunden hatte.

Der Bericht zeigt sie in blauer Schutzweste in den Straßen von Daraja, in denen immer wieder Leichen zu sehen sind. Für besonderen Aufruhr sorgte eine Szene, in der sie einem verängstigten Kind, das neben einer Leiche kauert, ihr Mikrofon vorhält und fragt: "Wer ist das neben dir?" - "Mama".

Seit diesem Bericht läuft die Opposition Sturm. In Internetforen von Assad-Gegnern wird Azer als "Teufel" bezeichnet und als "Prostituierte des Regimes". Unverhohlen wird gedroht: "Wir wollen dich nicht nur umbringen. Wir wollen, dass du unsere Hölle erleiden musst." Nach Angaben der libanesischen Zeitung "al-Akhbar" soll Azer sich seit Beginn der Attacken nicht mehr gezeigt haben und jeglichen Kommentar verweigern.

Der Wutausbruch zeigt, wie sehr sich die Fronten im syrischen Bürgerkrieg inzwischen verhärtet haben. Ein Bericht, der Szenen enthält, die wohl auch in westlichen Medien hätten laufen können, könnte für die Reporterin das Todesurteil bedeuten, sollte sie in die Hand von Rebellen fallen.

"Fingernägel, so rot wie das Blut der Märtyrer"

Es braucht inzwischen immer weniger, um als Gegner der Aufständischen zu gelten und mit dem Tod bestraft werden zu können. Die Ausweitung des Schabiha-Begriffs illustriert die Eskalation: Einst bezeichnete das Wort kriminelle Banden aus der Küstenregion, die mit dem Regime verbündet waren. Dann wurde der Begriff auf bewaffnete Unterstützer des Regimes ausgeweitet. Inzwischen wird jeder, der auf Assads Seite steht, als Schabiha-Mitglied bezeichnet.

In der Facebook-Gruppe "Wir wollen, dass Michelle Azer vor Gericht gestellt wird", heißt es, sie sei ein Schabiha-Mitglied mit "lackierten Fingernägeln, so rot wie das Blut der Märtyrer". Eine Karikatur zeigt sie als blutrünstige Hexe, die das Kind mit ihrem Mikrofon bedroht. Im Hintergrund stehen Assad-Soldaten.

In den vergangenen Monaten wurden in von Rebellen kontrollierten Gegenden Menschen immer wieder zu Haft oder zum Tode verurteilt, weil sie als Schabiha galten. Auch mehrere syrische Journalisten von regimenahen Medien wurden ermordet, ebenso wie ein als regimenah geltender Filmemacher. Das brutale Vorgehen gegen Andersdenkende erinnert an das Assad-Regime. Damaskus verfolgt seit Jahrzehnten jeden mit aller Härte, den es als Oppositionellen einstuft. Erst vergangene Woche verschwand der regimekritische Filmemacher Orwa Nyrabia am Flughafen von Damaskus, als er nach Kairo einchecken wollte.

Es ist wohl weniger die pietätlose Berichterstattung als ihre offensichtliche Parteinahme, die Micheline Azer den Hass der Opposition eingebracht hat. Ihre Reportage eröffnet sie mit den Worten: "Die Terroristen haben wieder gezeigt, was sie am besten beherrschen. Verbrechen, Morde - und das alles im Namen der Freiheit."

Das Dilemma der Reporter, die "embedded" sind

Azer war für ihre Reportage zusammen mit Assad-Soldaten in Daraja, ebenso wie der renommierte britische Journalist Robert Fisk. Auf den Bildern sind die Soldaten manchmal direkt neben Azer zu erkennen, während sie Zivilisten befragt. Eine unabhängige Berichterstattung ist so kaum zu gewährleisten.

Fisk gelingt es immerhin gelegentlich, seinen Aufpassern zu entkommen und unbeobachtet mit Augenzeugen zu sprechen.Die Aussagen, die er notiert, sind widersprüchlich. Die syrischen Soldaten sind einmarschiert - aber die ersten Leichen lagen schon vorher in den Straßen. Von einem Postangestellten erzählt man ihm, der offenbar von Rebellen ermordet wurde - weil er in Diensten des Staats stand. Sein Fazit: "Die Dimension dieser Gräueltaten war größer, als wir vermutet hatten."

Einem Mitarbeiter der "New York Times", der am Sonntag in Daraja war, sagten Anwohner hingegen, Assad-Schergen hätten die Zivilisten umgebracht. Ob der "New York Times"-Reporter jedoch möglicherweise "embedded" mit Rebellenkämpfer zusammen in dem Vorort war, ist unklar.

Eine unabhängige Aufklärung des Daraja-Massakers ist unwahrscheinlich. Auch bei ähnlichen Beschuldigungen wie in Hula oder Tremseh hat Damaskus keine Untersuchung zugelassen. Lediglich in Hula konnten Uno-Beobachter kurz nach dem Massaker den Schauplatz besuchen. Ein kürzlich veröffentlichter Uno-Bericht kommt für Hula auf Basis von Satellitenaufnahmen, Augenzeugenberichten und der Aussagen der Beobachter zu dem Ergebnis, dass dort Assad-Soldaten und Assad-treue Milizen für den Tod der Zivilisten verantwortlich waren.



insgesamt 83 Beiträge
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otto_iii 30.08.2012
1. Wenn sich
Regierung und Rebellen gegenseitig die Schuld für Massaker zuschieben kann man keinem glauben. Wenn aber, wie hier, Rebellen zum Mord an Journalisten aufrufen oder stolz die Hinrichtung von Regierungsanhängern verkünden dürfte die Sache wohl klar sein.
topodoro 30.08.2012
2. Das zeigt doch überdeutlich,...
Zitat von sysopYouTube / Al-Dunya TVEine regimenahe Fernsehreporterin gerät ins Visier der Assad-Gegner. Im Internet erhält die junge Frau Morddrohungen. Sie hatte vom Massaker-Schauplatz Daraja berichtet - und ein Kind neben seiner toten Mutter befragt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,852973,00.html
was die von den "Freunden Syriens" den USA, Katar und Saudiarabien, etc. unterstützten "Aktivisten" der FSA von der Pressefreiheit und freier Berichterstattung halten. Unser Aussenminister sollte sich mal fragen, mit wem er da ein Büro in Berlin unterhält.
spiekr 30.08.2012
3. Eine offene Feldschlacht
können die Rebellen natürlich nicht gewinnen, weshalb sie sich in Städten verschanzen. Wenn dann von der Armee geräumt wird, sind alle Opfer den Rebellen anzulasten. Diese ziehen dann in die nächsten Städte. Was für die Rebellen spräche, wäre ihre menschliche Qualität, die über jener der Assad Regierung liegen müßte, was ich nicht erkennen kann.
kleinempfaenger 30.08.2012
4. Nato
Was die NATO, allen voran die USA, in Syrien angerichtet hat und anrichtet ist das krasse Gegenteil von Demokratie und Menschenrechten. Wann kommt unsere Presse endlich wieder zur Vernunft? Es ist doch wohl offensichtlich, was für Verbrecher hinter diesem Umsturzversuch stecken.
EinGangLion 30.08.2012
5. wie war noch gleich der Name...
... lybischen Nachrichtensprecherin, die "berühmt" wurde, weil sie live sagte, sie werde Gadaffi bis zuletzt verteidigen oder so? Die dann gefangen genommen, gefoltert, vergewaltigt und ohne Anklage festgehalten wurde sowie dann leise still und heimlich verstarb..., naja, aber außer ihr haben wir allen geholfen in Lybien - nun auch in Syrien! Gut so... Das blüht der jungen Faru auch - und DAS nimmt auch jeder in Kauf, aber lieber ein paar Augen zudrücken wenn es um die Taten der "Aktivisten" geht...
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