Aleppo: Rebellen tragen Krieg in Assads Wirtschaftszentrum

Aleppo gilt als Hochburg von Präsident Baschar al-Assad, nun rufen die Rebellen zum Kampf um Syriens Wirtschaftszentrum auf. Bundesaußenminister Westerwelle sieht einen Wendepunkt im Konflikt erreicht, die Arabische Liga bot Assad freies Geleit, sollte er das Land verlassen.

Bürgerkrieg in Syrien: Kampf um Aleppo Fotos
AFP/ YouTube

Berlin/Damaskus/Beirut - Syriens Aufständische setzen ihre Offensive gegen Machthaber Assad fort - und versuchen ihn an der empfindlichsten Stelle zu treffen: im Wirtschaftszentrum des Landes, der Metropole Aleppo. Sie haben nach eigenen Angaben eine Offensive zur "Befreiung" der bevölkerungsreichen Stadt ausgerufen, die mit 1,7 Millionen etwa so viele Einwohner hat wie die Hauptstadt Damaskus. Ein Rebellenkommandeur erklärte in einer am Sonntag veröffentlichten Stellungnahmeauf der Videoplattform YouTube, der Befehl zum Einmarsch in Aleppo sei erteilt worden.

Laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte und dem Aktivisten Mohammed Said wird bereits in mehreren Stadtteilen gekämpft. Schon am Samstag hatten Augenzeugen erklärt, die Gefechte gehörten zu den bisher schwersten in der nordsyrischen Stadt. Bisher stand Aleppo loyal zum syrischen Präsidenten Baschar al-Assad und blieb von den Unruhen im Land weitgehend verschont.

Said sagte via Skype aus der Stadt, zahlreiche Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA) seien nach Aleppo gekommen und kämpften nun gegen Regierungssoldaten. Nach Angaben eines weiteren Aktivisten halten die Aufständischen bereits die Stadtteile Sahur, Hanano und Sajf al-Daula.

Westerwelle sieht Wendepunkt im Konflikt

In Damaskus konnten die regimetreuen Truppen am Wochenende mehrere Stadtteile von den Rebellen zurückerobern. Dabei setzten sie unter anderem Kampfhubschrauber und schwere Artillerie ein. Bei den Kämpfen um die Viertel Mezze und Barse sind nach Angaben der Beobachtungsstelle viele Menschen gestorben. In Mezze töteten die Soldaten nach Angaben von Aktivisten der Opposition mindestens 20 unbewaffnete Männer, denen sie vorwarfen, die Rebellen zu unterstützen.

Das staatliche Fernsehen erklärte, die Lage in der Hauptstadt sei ruhig, Kampfhubschrauber würden nicht eingesetzt. Die amtliche Nachrichtenagentur Sana meldete zudem, Regierungstruppen hätten das Viertel Kabun aus Rebellenhand zurückerobert. Am Samstag hatten die Truppen bereits das Viertel Midan wieder eingenommen.

Angesichts der anhaltenden Gewalt hat die Europäische Union ihre Sanktionen gegen das Land erneut verschärft. Die EU-Außenminister beschlossen am Montag in Brüssel, 26 weitere Vertreter oder Unterstützer der Regierung in Damaskus sowie drei weitere Unternehmen oder Behörden auf die Sanktionsliste zu setzen. Ein bereits beschlossenes Waffenembargo soll zudem durch strengere Kontrollen von Flugzeugen und Schiffen besser durchgesetzt werden.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) hatte zuvor in der "Süddeutschen Zeitung" erklärt, er glaube nicht, dass das Assad-Regime wieder die volle Kontrolle über Syrien erhalten könne. Er befürchte eine weitere Eskalation. Assad habe dazu die Mittel, einschließlich eines Arsenals an Massenvernichtungswaffen. Der Regierung in Damaskus müsse klargemacht werden, dass eine Eskalation "schwerwiegende Konsequenzen haben werde". Die israelische Regierung hatte am Wochenende damit gedroht, die Weitergabe von Chemiewaffen an die radikalislamische Hisbollah-Miliz zu verhindern.

"Wir sind an einem Wendepunkt", sagte Westerwelle der Zeitung. Er bezog sich damit zum einen auf jüngste Erfolge der Opposition gegen die Regierung, zum anderen aber auch auf die derzeit offenbar unlösbare Blockade im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Trotz des Scheiterns der Versuche, in New York zu einer gemeinsamen Resolution zu kommen, "werden wir nicht aufgeben, mit aller Kraft für eine politische Lösung in Syrien zu arbeiten", sagte Westerwelle.

Arabische Liga bietet Assad freies Geleit

In dieser Situation müssten andere Wege gefunden werden, die Gewalt einzudämmen, die humanitäre Hilfe zu intensivieren und Vorkehrungen für einen Wiederaufbau nach dem Ende des Assad-Regimes zu treffen, zitiert die Zeitung aus einem Papier des Auswärtigen Amtes für die europäischen Partnerstaaten und die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton.

Die Arabische Liga hat erneut einen raschen Rücktritt des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad gefordert. Zugleich biete man ihm "freies Geleit" an, wenn er sich von der Macht trenne, sagte Katars Premierminister, Scheich Hamad Bin Dschassim Bin Dschaber al-Thani, in der Nacht zum Montag nach einem Ministertreffen der Liga in Doha dem Nachrichtensender al-Dschasira. Zugleich kündigte er an, dass die arabischen Staaten 100 Millionen Dollar für die syrischen Flüchtlinge zur Verfügung stellen wollten. Zudem beschlossen die Außenminister, die Mission des Syrien-Sondergesandten von Uno und Arabischer Liga, Kofi Annan, zu ändern, damit sie sich nur noch auf eine "friedliche Machtübergabe" in Damaskus konzentriere.

Inzwischen haben sich laut Schätzung der Uno eine Million Syrer an sichere Orte geflüchtet - doch dort sind die Umstände oft miserabel. In zwei Flüchtlingslagern in der Türkei kam es nach einem Bericht der halbamtlichen Nachrichtenagentur Anadolu zu Ausschreitungen wegen des Mangels an Nahrung, Wasser und Unterkünften. Türkische Sicherheitskräfte hätten Tränengas und Schlagstöcke eingesetzt, außerdem hätten sie Schüsse in die Luft abgefeuert, um der Lage Herr zu werden.

fdi/dpa/AFP/Reuters/dapd

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1.
Reiner_Habitus 23.07.2012
Zitat von sysopAleppo gilt als Hochburg von Präsident Baschar al-Assad, nun rufen die Rebellen zum Kampf um Syriens Wirtschaftszentrum auf. Bundesaußenminister Westerwelle sieht einen Wendepunkt im Konflikt erreicht - und warnt vor einer Eskalation der Gewalt. Krieg in Syrien: Rebellen tragen den Kampf nach Aleppo - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,845806,00.html)
Der Konflikt wird für Assad nicht mehr zu gewinnen sein: Die Rebellen sind nun mal keine reguläre Armee. Sie werden wohl kaum Kolonne fahren sondern einzeln in Privatfahrzeugen einsickern, so sie nicht schon vor Ort sind. Zudem haben sie die Unterstützung von Ausreichend großen Teilen der Zivilbevölerkung. Tendenz offenbar steigend. Gegen eine Guerillia, welche ausreichend Rückhalt in der Bevölkerung hat können sie auf Dauer nicht gewinnen. Eine Guerillia, die im feindlichen Gebiet operiert wird niemals versuchen Geländegewinne zu erzielen oder Stellungen zu halten. Sie wird versuchen temporär die Oberhand zu gewinnen und sobald eine größere Reaktion des Gegners erfolgt wieder verschwinden. Wenn also die Verstärkung seitens der regulären Armee ankommt ist die Guerillia schon längst woanders. Einen solchen Gegner können sie nicht fassen. Selbst Artillerie und Luftunterstützung bringt da nix. Man vergrößert durch die Inkaufnahme Ziviler Opfer und der Zerstörung von Eigentum lediglich die Anhängerschaft der Guerillia. Außerdem fällt es der Guerillia leichter sich in einer zerstörten Stadt zu bewegen. Für die Soldaten der regulären Verbände ist diesalles einfach nur demoralisierend. Unter anderem deswegen befindet sich die syrische Armee in Auflösung.
2. Bigotter geht nicht!
Doctor Feelgood 23.07.2012
Die westlichen Staaten fordern mit tränenumflortem Blick ein Ende der Eskalation, während sie gleichzeitig die Rebellen immer weiter aufrüsten und ihnen Rückzugsräume in der Türkei zur Verfügung stellen. Ich würde gern mal sehen, was die Bundesregierung tun würde, wenn sich hierzulande mit Kriegswaffen versehene "Freiheitskämpfer" tummeln würden. Jede Wette, daß Polizei, Grenzschutz und Militär mit äussersten Mitteln dagegen vorgehen würden. Verantwortlich für Eskalation und Opfer unter der Bevölkerung sind nicht Regierungen, die zu Recht gegen kriminelle Umsturzversuche von außen vorgehen, sondern diejenigen, die diese Destabilisierung durch gezielten Terror und Todeskommandos veranlasst und unterstützt haben!
3. Diesmal
LeonLanis 23.07.2012
Zitat von sysopAleppo gilt als Hochburg von Präsident Baschar al-Assad, nun rufen die Rebellen zum Kampf um Syriens Wirtschaftszentrum auf. Bundesaußenminister Westerwelle sieht einen Wendepunkt im Konflikt erreicht - und warnt vor einer Eskalation der Gewalt. Krieg in Syrien: Rebellen tragen den Kampf nach Aleppo - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,845806,00.html)
trifft die Schlagzeile den Sachverhalt exakt. Und die EU-Außenminister wollen aus humanitären Gründen weitere Sanktionen gegen Syrien beschließen. Der Vorhang lichtet sich langsam.
4.
Lekcad 23.07.2012
Zitat aus dem Text: " Sie [die Rebellen]haben nach eigenen Angaben eine Offensive zur "Befreiung" der bevölkerungsreichen Stadt ausgerufen, die mit 1,7 Millionen etwa so viele Einwohner hat wie die Hauptstadt Damaskus.[...] Bisher stand Aleppo loyal zum syrischen Präsidenten Baschar al-Assad und blieb von den Unruhen im Land weitgehend verschont.[...]" Reaktion unseres Außenministers: "Der Regierung in Damaskus müsse klargemacht werden, dass eine Eskalation "schwerwiegende Konsequenzen haben werde"." Vielleicht sollte Westerwelle mal mit den "Rebellen" über Eskalation reden?
5. Kriegsverbrechen
Velociped 23.07.2012
Das internationale Rote Kreuz hat den Konflikt als Bürgerkrieg eingestuft. In einem Krieg ist es für die Konfliktparteien verboten sich unter die Bevölkerung zu mischen und mit zivilen menschlichen Schutzschildern aus Wohngebieten heraus zu agieren. In sofern begeht die Rebellenarmee mit ihrer Kriegstaktik genauso Kriegsverbrechen wie Assad, der die Stadtviertel beschiesst, in denen sich die Rebellen befinden. Im Weltsicherheitsrat blockieren China und Russland keineswegs eine politische Lösung. Sie blockieren da eine offene militärische Lösung. Die von den USA und der EU geforderte Resolution wäre eine Freifahrkarte für Luftangriffe der Nato - genauso wie in Libyen die Flugverbotszone nicht den Schutz der Zivilbevölkerung sondern dem Sturz Ghaddafi bezweckte.
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