Bürgerkrieg in Syrien: Russland warnt Assad vor Chemiewaffen-Einsatz

"Das wäre politischer Selbstmord": Mit deutlichen Worten warnt Russlands Außenminister Sergej Lawrow das syrische Regime vor Giftgasangriffen auf Rebellen. Moskau zählt im Bürgerkrieg zu den letzten internationalen Verbündeten von Präsident Baschar al-Assad.

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Corbis

Syrischer Soldat: Chemiewaffen nur bei Angriff aus dem Ausland

Moskau - Seit Monaten wird über einen möglichen Einsatz von Chemiewaffen im syrischen Bürgerkrieg spekuliert. Jetzt schaltet sich Russland, einer der letzten Verbündeten von Präsident Baschar al-Assad ein. "Ich glaube nicht, dass Syrien chemische Waffen einsetzen würde", sagte der russische Außenminister Sergej Lawrow in einem am Montag ausgestrahlten Interview des staatlichen russischen Rundfunksenders RT.

Der Einsatz von Chemiewaffen gegen die syrische Opposition würde einem "politischen Selbstmord" des Regimes um Präsident Assad gleichkommen. Der syrische Staatschef machte der russischen Führung gegenüber laut Lawrow wiederholt die Zusage, dass der Einsatz von Chemiewaffen in dem Konflikt nicht angeordnet werde.

Die Regierung in Moskau hat im Uno-Sicherheitsrat mehrfach Beschlüsse blockiert, in denen die Führung in Damaskus wegen des Konflikts gebrandmarkt und mit Strafmaßnahmen bedroht werden sollte. Lawrow hält einen baldigen Rücktritt oder eine Flucht Assads für abwegig: "Assad geht nirgendwohin, egal, was andere wollen", sagte der Außenminister am Samstag auf dem Rückflug vom EU-Gipfel in Brüssel zu Journalisten.

Syriens Arsenal an chemischen Kampfmitteln gilt als eines der größten im Nahen Osten. Laut US-Angaben lagern in Syrien bis zu tausend Tonnen Kampfgas, darunter 700 Tonnen Sarin. US-Präsident Obama drohte Syrien mit einer militärischen Intervention, sollten die Chemiewaffen gegen die Aufständischen eingesetzt werden. Die syrische Regierung versicherte daraufhin mehrfach, sie werde die Waffen nur im Fall eines Angriffs aus dem Ausland einsetzen.

Sorge bereitet dem Westen auch der Verbleib der Kampfmittel nach einem Sturz Assads. Anfang Dezember gab es bereits Meldungen, die al-Qaida nahestehende al-Nusra-Front habe eine Chlorgasfabrik südlich von Aleppo in ihre Gewalt gebracht und könnte dort theoretisch Kampfmittel herstellen. Vor allem in Israel ist man daher vorsichtig, zu laut nach Assads Rückzug zu rufen. Sollte Syrien nach dem Sieg der Rebellen im Chaos versinken, hätten womöglich islamistische Extremisten der Qaida oder Hisbollah, erklärte Feinde Israels, Zugriff auf Tausende Tonnen Chemiewaffen.

Vorerst seien die Bestände jedoch sicher, sagte der israelische Sicherheitsexperte Amos Gilad am Wochenende. Das bestätigte auch Lawrow. Syriens Armee habe die zuvor in mehreren Lagern über das ganze Land verteilten Chemiewaffen an zwei zentralen Punkten zusammengetragen. Assads Regierung tue alles, um die Gasvorräte zu schützen, sie seien vorerst "unter Kontrolle", so Lawrow.

Dutzende Tote bei Angriff auf Bäckerei

Nach Zusammenstellungen von syrischen Menschenrechtsgruppen wurden seit dem Beginn der gewalttätigen Auseinandersetzungen im März 2011 insgesamt mehr als 44.000 Menschen getötet. Erst am Sonntag waren bei einem Luftangriff auf eine Ortschaft in Zentralsyrien nach Oppositionsangaben mehrere Dutzend Zivilisten getötet worden.

Wie die Organisation syrischer Menschenrechtsbeobachter berichtete, starben dabei vor einer Bäckerei in Halfaya mindestens 60 Menschen. Hunderte hätten vor dem Geschäft angestanden, um nach tagelang ausgebliebenen Mehllieferungen Brot zu kaufen, berichtete der Sender al-Dschasira. Syrischen Aktivisten zufolge wurden bei dem Luftangriff viele Menschen schwer verletzt, 50 sollen sich noch am Sonntagabend in kritischem Zustand befunden haben.

Auf im Internet veröffentlichten Videos war zu sehen, wie Menschen zu der zerstörten Bäckerei laufen, Trümmer wegräumen sowie Leichen und Verletzte wegbringen. Die Aufständischen hatten erst in der vergangenen Woche die Einnahme des Ortes gemeldet.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hatte dem Assad-Regime bereits im Sommer Kriegsverbrechen vorgeworfen, weil ihre Truppen gezielt Menschen ins Visier nähmen, die wegen der schlechten Versorgungslage häufig in großer Zahl vor Bäckereien warteten.

Unterdessen kündigten radikale Islamisten an, nach einem Sturz Assads in Syrien einen Gottesstaat errichten zu wollen. In einem Internetvideo verkündeten sie am Wochenende die Bildung einer Islamistenfront. Ihr Ziel sei eine islamische Gesellschaft, die nach den Regeln der Scharia regiert werde, nach islamischem Recht. Die im November von zahlreichen Oppositionsgruppen gegründete "Nationale Koalition" erkennen sie - anders als die internationale Staatengemeinschaft - nicht als legitime Vertreterin des syrischen Volkes an.

suc/bor/dpa/AFP/Reuters

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1.
ewspapst 24.12.2012
Zitat von sysop"Das wäre politischer Selbstmord": Mit deutlichen Worten warnt Russlands Außenminister Sergej Lawrow das syrische Regime vor Giftgasangriffen auf Rebellen. Moskau zählt im Bürgerkrieg zu den letzten internationalen Verbündeten von Präsident Baschar al-Assad. Krieg in Syrien: Russland warnt Assad vor Einsatz von Chemiewaffen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/krieg-in-syrien-russland-warnt-assad-vor-einsatz-von-chemiewaffen-a-874582.html)
Wenn ich mich nicht irre, hat Lawrow mit seiner Aussage keine Warnung ausgestprochen, sondern einfach nur eine Binsenwahrheit, ohne Drohung.
2. Was hat Lavrov wirklich gesagt?
LeonLanis 24.12.2012
Zitat von sysop"Das wäre politischer Selbstmord": Mit deutlichen Worten warnt Russlands Außenminister Sergej Lawrow das syrische Regime vor Giftgasangriffen auf Rebellen. Moskau zählt im Bürgerkrieg zu den letzten internationalen Verbündeten von Präsident Baschar al-Assad. Krieg in Syrien: Russland warnt Assad vor Einsatz von Chemiewaffen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/krieg-in-syrien-russland-warnt-assad-vor-einsatz-von-chemiewaffen-a-874582.html)
Dem Artikel zufolge hat er gesagt, er habe die Zusicherung der syrischen Regierung, daß keine Chemiewaffen eingesetzt werden. Aus dem Zusatz, ein solcher Einsatz wäre politischer Selbstmord, konstruiert der Artikel eine Warnung vor einem Giftgasangriff auf die Rebellen, so als ob dieser Angriff aus Lavrovs Sicht kurz bevor stehe. Somit wird der Inhalt von Lavrovs Äußerung ins Gegenteil verkehrt.
3. Den eigenen Stall ausmisten
Regulisssima 24.12.2012
Russland hat dieses Regime seit Jahrzehnten gepäppelt und geschützt. Jetzt ist eigentlich der Momnet gekommen, wo die Russen mit einem ausreichenden Truppenkontingent einmarschieren müssten, um dort wieder Ordnung zu schaffen. Können sie es nicht oder fehlt ihnen der Mut ?
4. Klarstellung
kn4llfrosch 24.12.2012
Um mal die Lügen und die Propaganda des Artikels aufzudecken: Russland "warnt" Assad nicht vor einem Chemiewaffen-Einsatz, sondern zeigt dem Westen deutlich, dass es keine Option ist. Er "argumentiert" logisch, dass der Einsatz von chemischen Kampfmitteln unsinnig wäre. Und zwar um die westlichen Kriegstrommeln zu dämpfen. Er macht damit genau das Gegenteil von dem, was SPON behauptet. "Syriens Armee habe die zuvor in mehreren Lagern über das ganze Land verteilten Chemiewaffen an zwei zentralen Punkten zusammengetragen." Die reguläre syrische Armee sichert also die Chemiewaffenbestände, damit diese NICHT (von den Rebellen) eingesetzt werden. Man erinnere sich an die vom SPON gedruckten CIA Berichte, in denen behauptet wurde, Assad "plane" den Einsatz von Chemiewaffen. Tja, stellt sich heraus, dass Assad genau das Gegenteil macht und sein Volk vor diesen grausamen Waffen schützt. Auf den Rest gehe ich nicht genauer ein, denn was mein Schwager eines Cousins vielleicht in Syrien gesehen hat oder auch nicht, das gehört nicht in eine deutsche Zeitung.
5. Islamo-Terroristen
tkgdfk 24.12.2012
Die radikalislamistischen Terroristen rücken dank westlicher Millitärhilfe immer weiter vor, ihr Ziel ist ein Gottesstaat wie sie ihn auch in Libyen geschaffen haben - dank der NATO. Der Westen finanziert immer die brutalsten und gewaltätigsten Gruppen und Regime (Pinochet, Videla, Mobuto, Montt usw.), wie kommt das? Das kann doch kein Zufall sein.
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