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Verschärfte Grenzkontrollen: Türkei weist syrische Flüchtlinge ab

Die Türkei ist zunehmend überfordert vom Ansturm der Flüchtlinge aus Syrien. Jetzt haben die Behörden begonnen, Menschen abzuweisen, Tausende müssen an der Grenze warten. Unklar ist, was dahinter steckt - konkrete Sicherheitsbedenken oder eine neue Strategie im Kampf gegen Assad?

Syrer an türkischer Grenze: Warten auf den Grenzübertritt Zur Großansicht
AFP

Syrer an türkischer Grenze: Warten auf den Grenzübertritt

Istanbul - Tausende Flüchtlinge aus Syrien warten darauf, über die Grenze in die Türkei gelassen zu werden. Wegen strenger Sicherheitskontrollen an der türkischen Grenze verzögere sich derzeit die Einreise, Flüchtlinge wurden abgeweisen. Diese müssten daher auf der syrischen Seite warten, sagte ein türkischer Regierungsvertreter.

Hintergrund der verschärften Kontrollen ist einerseits die Sorge vor kurdischen Rebellen, die im Südosten des Landes für Autonomie kämpfen. Die türkischen Behörden fürchten, dass Kämpfer über Syrien ins Land gelangen könnten. Zudem gibt es Bedenken, dass ausländische Dschihadisten versuchen könnten, über die Türkei nach Syrien zu gelangen, um dort das Regime von Präsident Baschar al-Assad zu bekämpfen. Gleichwohl würden die wartenden Flüchtlinge per Katastrophenhilfe versorgt, teilte ein Regierungsvertreter mit.

Einem anderen Bericht zufolge soll sich Ankara dazu entschlossen haben, nicht mehr alle syrischen Flüchtlinge ins Land zu lassen. Wegen der schnell wachsenden Zahl von Flüchtlingen wolle die Türkei nicht mehr alle Syrer aufnehmen, berichteten türkische Medien am Montag. Ein Regierungsvertreter bestätigte die Berichte auf Anfrage, ohne Details zu der neuen Politik zu nennen.

Türkische Kommentatoren sehen in der Entscheidung einen möglichen Schritt auf dem Weg zur Einrichtung einer Schutzzone auf syrischer Seite der Grenze. Da diese international garantiert werden müsste, um wirksamen Schutz zu bieten, liefe dies auf eine veränderte Anti-Assad-Strategie Ankaras hinaus.

Derzeit haben mehr als 80.000 syrische Flüchtlinge Aufnahme in der Türkei gefunden. In der vergangenen Woche hatte Ankara die Vereinten Nationen aufgefordert, Notunterkünfte in Syrien selbst zu errichten. Zwischen den Flüchtlingen und den Anwohnern in der Grenzregion hat es in den vergangenen Wochen vermehrt Spannungen gegeben.

Tausende Menschen fliehen aus Damaskus nach Jordanien

In der syrischen Hauptstadt Damaskus werden unterdessen die Kämpfe zwischen Regierungstruppen und Aufständischen immer heftiger. Ein Armeehubschrauber stürzte über der Hauptstadt ab - die Rebellen meldeten, sie hätten den Helikopter abgeschossen. Insgesamt sollen bei Kämpfen zwischen Revolutionsbrigaden und Regierungstruppen im Süden von Damaskus am Montagmorgen 20 Menschen getötet worden sein. Wie Aktivisten berichten, waren unter den Opfern auch fünf Kinder, die im südlichen Umland von Damaskus starben.

Nach Berichten von Bewohnern ist in der syrischen Hauptstadt die Lage extrem angespannt. An den Einfahrtsstraßen zur Stadt seien Militärcheckpoints errichtet und mehrere Straßen gesperrt worden, berichteten Bewohner SPIEGEL ONLINE. Zudem wurden innerhalb der Stadt Checkpoints aufgebaut.

Tausende sind bereits aus der Hauptstadt geflohen. Ein libanesischer Grenzbeamter sagte am Montag, binnen weniger Stunden hätten mehr als 6000 Menschen die Grenze überquert. Die meisten Flüchtlinge stammten aus den südlichen Vororten von Damaskus.

Oppositionsgruppen sprechen von mehr als 600 Toten bei Massaker

Neue Details gibt es zu dem Massaker, das nach Rebellenangaben in dem Damaszener Vorort Daraja stattgefunden haben soll. Ein Mitarbeiter der "New York Times", der am Sonntag in Daraja war, berichtete, er habe mehrere Leichen übereinander in langen, dünnen Gräbern gesehen. Abu Ahmad, ein 40-jähriger Bewohner von Daraja, sagte der "New York Times": "Die Assad-Kräfte haben sie kaltblütig umgebracht. Ich habe Dutzende Tote gesehen. Sie wurden erschossen oder mit Messern erstochen, die sie an ihren Kalaschnikows angebracht hatten. Das Regime hat ganze Familien umgebracht, einen Vater, die Mutter und die Kinder."

Am Sonntag wurden die Opfer nach Angaben der Aktivisten in einem Massenbegräbnis beigesetzt. In einem Video war zu sehen, wie die Leichen mit einem Schlauch abgespritzt wurden - als Ersatz für die rituelle Totenwaschung, die der Islam vorschreibt. Ähnlich wie bei früheren Massakern in Syrien gaben die Staatsmedien "Terroristen" die Schuld an dem Blutbad. Das Staatsfernsehen zitierte Präsident Assad mit den Worten, seine Regierung werde weiterkämpfen, "koste es was es wolle". Erneut machte er ausländische Kräfte für den Aufstand verantwortlich.

Die in London ansässige Beobachtungsstelle für Menschenrechte teilte am Sonntag mit, mindestens 320 Leichen seien in den vergangenen Tagen in Daraja gefunden worden. Unter den Toten seien Frauen und Kinder. Die Menschen seien durch Gewehrschüsse und Gruppenexekution getötet worden. Die örtlichen Koordinierungskomitees, die den Widerstand im Land organisieren, berichteten sogar von mehr als 630 Toten und machten Regierungstruppen dafür verantwortlich. In Daraja seien außerdem 1755 Menschen festgenommen worden, hieß es. Damit sollte angedeutet werden, dass es noch Hunderte weitere Tote geben könnte. Die Informationen sind für SPIEGEL ONLINE nicht zu überprüfen.

anr/dpa/dapd

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insgesamt 52 Beiträge
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    Seite 1    
1. War ja klar
xdeathadderx 27.08.2012
Die Türkei hat schlicht kein interesse diese Menschen aufzunehmen obwohl es die Kapazitäten dazu hat. Wenn man es mit einem Land wie Uganda oder kenya vergleicht in dem 1Million statt 100tausend menschen flüchtlinge sind un dvon der Regierung ohne europäische hilfspakete versorgt werden ist das echt eine traurige Bilanz da es mal wieder zeigt wie wenig menschenleben wert sind un hier in dem Artikel wird es wirklich so dargestellt als wäre das nicht zu bewältigen und eine logische Entscheidung.
2. Das..
Christiane Schneider 27.08.2012
Zitat von sysopAFPDie Türkei ist zunehmend überfordert vom Ansturm der Flüchtlinge aus Syrien. Jetzt haben die Behörden begonnen, Menschen abzuweisen, Tausende müssen an der Grenze warten. Unklar ist, was dahinter steckt - konkrete Sicherheitsbedenken oder eine neue Strategie im Kampf gegen Assad? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,852246,00.html
... soll die EU dazu bewegen die syr. Flüchtlinge aufzunehmen! Oder zumindest der prosperierenden Türkei Finanzhilfen zu geben. Alternativ für man die Flüchtlinge der griechischen Grenze zu. Die Menschen haben endlich ein Perspektive in den Westen zu gelangen.
3.
Ludwig Schmidt 27.08.2012
Zitat von sysopAFPDie Türkei ist zunehmend überfordert vom Ansturm der Flüchtlinge aus Syrien. Jetzt haben die Behörden begonnen, Menschen abzuweisen, Tausende müssen an der Grenze warten. Unklar ist, was dahinter steckt - konkrete Sicherheitsbedenken oder eine neue Strategie im Kampf gegen Assad? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,852246,00.html
Man muss aufpassen, der Türkei und den Türken, sowie den anderen Anrainern Vorschriften bzgl. Ihres Verhaltens zu machen. Darum formuliere ich es als Wunsch: Es wäre wünschenswert, wenn internationale Organisationen in Jordanien und der Türkei unter Hoheit der nationalen Behörden-also formale Respektierung der nationalen türkischen wie jordanischen Souveränität-in der Türkei und in Jordanien Hilfslager einrichten und den Betrieb übernehmen würden. Damit sind diese Zivilisten den Auseinandersetzungen in Syrien entzogen. Da es glaubhaft darstellbar ist -je nach Sieger in Syrien- vor dem jeweils anderen geflohen zu sein, sind die Hindernisse bzgl. einer Rückführung nach Befriedung Syriens als gering einzuschätzen. Optimal wäre es mE, wenn Deutsche und Italienische Truppen diese betreiben würden. Sie bewiesen seinerzeit im Kosovo, dass sie es am Besten können. Dazu dürfte die Präsenz zweier-wenngleich aus syrischer Sicht einer offensiven Handlungsweise unverdächtigen-NATO-Partner im Raum, die Integrität der Grenzen betreffend möglicher grenzüberschreitender Kampfhandlungen wahren helfen. Eine finale politische Lösung pro Frieden in Syrien ohne Intervention von Außen -und das sollte unbedingt Ziel bleiben mE- muss im UNSR durch die Vetomächte herbeigeführt werden. Das ist für alle anderen mittlerweile eine Nummer zu groß.
4.
lexus1234 27.08.2012
Zitat von sysopAFPDie Türkei ist zunehmend überfordert vom Ansturm der Flüchtlinge aus Syrien. Jetzt haben die Behörden begonnen, Menschen abzuweisen, Tausende müssen an der Grenze warten. Unklar ist, was dahinter steckt - konkrete Sicherheitsbedenken oder eine neue Strategie im Kampf gegen Assad? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,852246,00.html
Was bitte soll an dieser Aktion unklar sein? Die Türkei weist syrische Flüchtlinge ab, die um ihr Leben fürchten. Man will eben keine Probleme, oder salopp gesagt: Ab einer gewissen Grenze ist der Türkei das Schicksal der Flüchtlinge egal - soll doch jemand anders die Verantwortung übernehmen. In jedem Flüchtlingsstrom der Welt gibt es so etwas wie" schwarze Schafe", die bei Gefahr für Leib und Leben zu akzeptieren sind. Die political correctness scheint aber dem SPON jegliche Objektivität genommen zu haben, denn sobald gewisse Länder und Gruppen betroffen sind, wird pauschal jede Kritik tabuisiert. Ein tragischer Fehler. Verantwortungslos.
5. Verspielt Erdogan die Zukunft der Türkei ?
robert.haube 27.08.2012
Die Türkei weiss, dass sie gegen Rußland und China keine sog. "Schutzzone" errichten kann. Wenn sie es einseitig machte, haben wir den regionalen Krieg unter Einschluß des Iran. So die letzte Stellungnahme des Iran. Vermutlich ist die Sperrung am ehesten den wachsenden innertürkischen Spannungen zuzuschreiben. Die Opposition wirft Erdogan inzwischen offen vor, mit seiner Einmischung in Syrien die Zukunft der Türkei aufs Spiel zu setzen. Die PKK, die durch das Chaos immer großeren Bewegungsraum hat und jetzt auch auf syrischer Seite Basen aufbaut, wird militärisch in der Türkei immer aktiver.
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Fläche: 185.180 km²

Bevölkerung: 22,265 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

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