Anti-Terror-Strategie Gegen den IS, aber nicht mit Assad

Muss sich der Westen mit dem syrischen Diktator Assad verbünden, um den IS zu bekämpfen? Dieser falsche Gedanke ist durch die schrecklichen Anschläge von Paris kein bisschen richtiger geworden.

Syriens Präsident Assad: Das Monster IS genährt
AP/ SANA

Syriens Präsident Assad: Das Monster IS genährt

Ein Kommentar von , Paris


Die Terrorangriffe in Paris waren noch im Gang, die Verletzten wurden noch in Notlazaretten in Cafés verarztet, die Toten notdürftig mit Tischdecken von Restaurants zugedeckt, als in den sozialen Medien und in der Politik schon wieder die ewig gleichen und ewig falsch liegenden Stimmen ihre Forderungen erhoben: Wir müssten jetzt als erstes den "Islamischen Staat" (IS) in Syrien militärisch besiegen, sagten sie. Dazu müssten wir uns nun leider mit dem Regime von Baschar al-Assad verbünden.

So argumentiert nicht nur Wladimir Putin, der mit Assad verbündet ist und bisher weniger den IS als die syrischen Rebellen im Visier hat. So argumentieren auch manche Politiker und Kommentatoren in Deutschland. Der französische Oppositionsführer Nicolas Sarkozy argumentierte, der Westen müsse sich nun mit Russland zusammenschließen. Und der ehemalige CIA-Chef Michael Joseph Morell sagte: Assad könnte "Teil der Lösung" in Syrien sein.

Wut und Trauer dürfen die Analyse nicht vernebeln

Doch dieser falsche Gedanke ist durch die schrecklich Anschläge von Paris kein bisschen richtiger geworden. Die Wut, die Trauer, die wir alle verspüren, dürfen aber nicht unsere Fähigkeit zur Analyse vernebeln. Man erinnert sich an George W. Bushs Angriff auf den Irak im Jahr 2003 und möchte fast fragen: Sind wir dazu verdammt, auf Terrorismus reflexhaft zu antworten, indem wir geopolitische Fehler begehen, die den Terrorismus noch stärken?

Die Wahrheit ist: Es würde keinen IS geben ohne die Schreckensherrschaft von Assad. Es würde keinen IS geben, wenn Assad nicht schon in den Nullerjahren Dschihadisten aus seinen Gefängnissen entlassen hätte, damit sie in den Irak ziehen, um gegen die Amerikaner zu kämpfen. Es würde keinen IS geben, wenn Assad nicht die Menschen, die 2011 friedlich gegen seine Herrschaft demonstrierten, hätte zusammenschießen und foltern lassen und wenn er nicht im darauf folgenden Bürgerkrieg rund 100.000 Zivilisten mit seinen Fassbomben hätte umbringen lassen. Die Brutalität des Regimes hat das Monster IS genährt, sie zog Dschihadisten aus aller Welt an, auch junge verwirrte Muslime aus dem Westen, die auf der Suche nach einer Sache waren, für die es sich zu kämpfen lohnt. Wer glaubt, den IS militärisch besiegen zu können, ohne dass Assad geht, der irrt fundamental.

In Syrien herrscht heute ein Konfessionskrieg: Mit Assad und seiner Minderheit der Alawiten kämpfen die Schiiten, gegen sie kämpft die Bevölkerungsmehrheit der Sunniten - grob gesagt. Und auf beiden Seiten kämpfen Tausende Söldner aus dem Ausland. Einen Staat unter Assad wird die Mehrheit der Sunniten nie wieder akzeptieren. Wer glaubt, Assad könne durch demokratische Wahlen von den Sunniten wieder akzeptiert werden, irrt sich. Sein Regime ist der Grund dafür, dass sich die Spannungen im Land verstärkt und in einem Bürgerkrieg entladen haben. Nur wenn Assad und sein Clan ins Exil gehen, lässt sich der syrische Staat, der heute fast nur noch Alawiten und Schiiten vertritt, vielleicht erhalten. Nur dann wird es möglich sein, eine aussichtsreiche Koalition gegen den IS zu schaffen und dem IS die ideelle Existenzgrundlage zu entziehen.

Assad und der IS, das ist wie Pest und Cholera

Es wäre ein großer propagandistischer Sieg für den IS, wenn sich der Westen auf die Seite von Assad schlagen sollte. Der Westen und der Tyrann an der Macht, seine beiden großen Feinde, hätten sich damit freiwillig zu einem gemeinsamen Feindbild vereint. Dass es zu einem expliziten Schulterschluss dieser Art kommt, ist immer noch eher unwahrscheinlich, doch die Möglichkeit besteht, dass der Westen einem Syrien-Deal mit Russland zustimmt, der faktisch zum gleichen Ergebnis führen könnte. Doch hier lauert eine große Gefahr: Dass jene syrischen Rebellen, die heute sowohl Assad als auch den IS bekämpfen, von Russland aber bombardiert werden, sich mit dem IS verbünden würden. Die wenigen verbliebenen moderaten Rebellen würden dann endgültig zwischen den Fronten aufgerieben. Und in Syrien gäbe es dann nur noch Assad und den IS. Pest und Cholera.

Hinzu kommt, dass der Terrorismus eine Idee ist, die sich nicht allein militärisch besiegen lässt. Das zeigen gerade die Anschläge von Paris. Es gibt zwar zahlreiche Hinweise auf Verbindungen der Attentäter nach Syrien. Aber es zeigt sich eben auch einmal mehr, dass viele der Täter junge Franzosen waren - so wie die Gebrüder Kouachi, die im Januar den Anschlag auf "Charlie Hebdo" begingen. So wie Mohammed Merah, der 2012 auf Juden in Toulouse schoss. Der Grund für diese Radikalisierung liegt nicht in Syrien. Sie hat gesellschaftliche Ursachen. Und Kriege wie jener in Syrien spielen eine wichtige Rolle dabei, diese jungen Männer, die sich selbst am Rand der Gesellschaft sehen, zu radikalisieren. Das galt schon für die Kriege im Irak und in Afghanistan, doch noch viel mehr gilt es für Syrien.

Deshalb: Wir müssen den IS bekämpfen, unbedingt, mit allen Mitteln. Aber das werden wir nicht schaffen, wenn wir uns mit dem Diktator verbünden, der den IS erst möglich gemacht hat. Wir würden das Gegenteil erreichen.

Zum Autor
Mathieu von Rohr ist stellvertretender Ressortleiter Ausland beim SPIEGEL.

E-Mail: mvr@spiegel.de

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Seite 1
gegendenkrieg 17.11.2015
1. Immer diese besser wisser
Wo lebt der Autor, auf dem Mond? Hätte der Westen damals Syrier und die ganze Region nicht destabilisiert, hätte es IS nie gegeben. Wer gibt uns das Recht zu entscheider welcher Despot gut und welcher Böse ist?
thueringer 17.11.2015
2. interessant
Assad hatte also zu Beginn des Irakkrieges Islamistische Terroristen in seinen Gefängnissen? Warum waren die wohl dort? Warum ließ er diese nach Ihrer Meinung frei? Und weil er die freiliess entstand das Gebilde des IS? hat die USA evtl. den Irak nur angegriffen weil sie wussten, hey wenn wir das machen lässt Assad diese böse Menschen frei. Interessant woran Assad alles Schuld ist, macht es der Presse keinen Spaß mehr Putin für alles Böse auf dieser Welt verantwortlich zu machen. Herr lass es Hirn regnen!
Sonia 17.11.2015
3. Zum Glück sehen
auch unsere Politiker das anders als der Autor. Wer demjenigen Waffen liefert, der der Hauptsponsor des IS ist, der nach Freitagsgebeten köpfen lãsst oder totpeitschen, Frauen, die es wagen Auto zu fahren samt Anwalt ins Gefängnis steckt; wo die Schariah Gesetz ist, der sollte kein Problem mit Assad haben. Die Paten des IS, die Saudis, ermõglichen es erst den Barbaren Barbaren sein zu kõnnen, wie es auch unsere Waffen erst möglich machen. Der Gründer des Spiegels hätte verõffentlicht, wer modernste u. schwere Waffen u. Fahrzeuge den Barbaren zur Verfügung stellt. Ohne Waffen wären sie zahnlose Tiger. Welch verlogener politischer Aktionismus, was für Journalismus.
huckzuck 17.11.2015
4. Mir geht die Hutschnur
Gräueltaten lassen sich nicht schönreden. Doch darum geht es nicht. Es wurden seit Jahrzehnten gezielt Systeme destabilisiert – im Interesse vieler Interessenten. Der Kommentator zeigt leider keinerlei Option. Das Problem ist nicht Assad, das Problem ist die permanente Einmischung von außen. Es muss von innen heraus etwas passieren, klug schwätzen können wir alle. Im Moment gibt es keine kurzfristige Option ohne den Syrischen Staat, und dazu gehört auch Assad. Das Problem — permanente Mißachtung eigener auferlegter Hoheregeln der Demokratie. Doppelzüngigkeit und fehlende Visionen sind Ursachen für das aktuelle Desaster. Es wird immer wieder vergessen, dass es der Masse der Bevölkerung schlicht egal ist, wer den Staat führt, solange persönliche Freiheit und Gestaltungswillen ausreichend berücksichtigt werden. Menschen wollen Sicherheit, keine Experimente.
dirk1962 17.11.2015
5. Geht das?
Können wir wirklich eine Lösung in Syrien ohne Assad erreichen? Hat nicht eben diese Einstellung bisher jede konstruktive Lösung verhindert? Ich bin der Meinung die Schaffung von Frieden muß an erster Stelle stehen. Wenn der Frieden erreicht werden sollte, ist Assad das nächste Thema. Wir sollten vorsichtig sein jede noch so kleine Chance schon im Keim zu ersticken.
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