Intervention: Wie der Westen in Syrien heimlich Krieg führt

Aus Beirut berichtet

Der Krieg in Syrien wird brutaler, selbst der Uno-Generalsekretär fordert ein Eingreifen. Experten halten einen Einmarsch oder Luftangriffe dennoch weiter für unwahrscheinlich - der Westen hat jedoch schon längst in Syrien interveniert.

Aufstand in Syrien: Auf der Flucht vor dem Krieg Fotos
AFP

Schwer lässt sich vorstellen, dass der Krieg in Syrien noch brutaler werden könnte. Dennoch scheint sich die Lage für die Bevölkerung mit jeder weiteren Woche zuzuspitzen. Selbst die Luftwaffe wird inzwischen gegen die Bevölkerung eingesetzt. Es mehren sich auch Berichte von Übergriffen der Rebellen auf Familien, die sie für regimetreu halten.

Die Forderungen nach einem Eingriff der internationalen Gemeinschaft werden lauter. Der eigentlich als zurückhaltend geltende Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon appellierte am Mittwoch in einer Rede: "Schiebt es nicht länger auf! Schließt Euch zusammen! Handelt!". Und die arabischen Staaten wollen in der nächsten Uno-Vollversammlung eine eigene Resolution einbringen.

Es sind weniger die steigenden Opferzahlen, die der Diskussion um eine Intervention in diesen Tagen eine neue Schubkraft verleihen, als der näher rückende Kollaps des Regimes. Der türkische Premier Erdogan kündigte bereits am Donnerstag an, Assad und sein Zirkel stünden kurz vorm Abgang.

Groß ist die Angst vor einem Machtvakuum, von dem al-Qaida-nahe Islamisten profitieren und möglicherweise sogar die Chemiewaffen des Regimes erbeuten könnten. Auch wächst die Sorge, dass der Krieg sich auf die Nachbarländer ausbreitet und selbst nach einem Sturz von Baschar al-Assad entlang konfessioneller Linien weiter tobt.

Der Westen sieht nicht tatenlos zu

"Ein Einmarsch oder Bombardierungen sind derzeit nach wie vor unwahrscheinlich", sagt Thomas Pierret, Syrien-Experte an der Universität von Edinburgh, SPIEGEL ONLINE. Als zu hoch werden die Kosten eingeschätzt - an Geld und an Menschenleben. Die Zahl ziviler Opfer wäre groß, denn die ausgezeichnete syrische Luftabwehr ist häufig in Wohngebieten installiert, ebenso wie Geheimdienst- und Militärzentralen.

Der Einsatz wäre langwierig und teuer. Angesichts der Schuldenkrise im Westen schreibt der britische Ex-Militär Richard Kemp in einer neuen Analyse für den Londoner Sicherheits-Think-Tank RUSI: "Eine große multinationale Operation, wie sie für Syrien notwendig würde, würde man derzeit nur führen, wenn das eigene Überleben auf dem Spiel stünde".

Doch der Westen sieht nicht tatenlos zu. Markus Kaim, Experte für Sicherheitspolitik bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, sagt: "Man kann inzwischen von einem militärischen Engagement sprechen."

Kaim listete in einer Analyse im Februar die verschiedenen Optionen eines Eingreifens auf. Einige davon werden mittlerweile umgesetzt.

  • Bewaffnung der Aufständischen: Die USA helfen seit Mai Katar und Saudi-Arabien bei deren Waffenlieferungen an die Aufständischen, melden amerikanische Zeitungen.

  • Hilfe bei der Desertion hochrangiger Regime-Mitglieder: Frankreich bestätigt, dem Ex-Assad-Vertrauten Manaf Tlass bei der Ausreise geholfen zu haben. Er lebt derzeit in Paris.

  • Einsatz von Aufklärungsdrohnen: Ein US-Beamter bestätigt im Februar dem Fernsehsender NBC, dass "einige" amerikanische Drohnen über Syrien im Einsatz sind.

  • Mobilisierung von Spezialeinheiten in der Region: Die USA, Großbritannien, Frankreich, Jordanien und Israel haben bestätigt, Spezialeinheiten in Bereitschaft versetzt zu haben. Diese sollen im Falle eines Sturzes von Baschar al-Assad die Chemiewaffen des Regimes sichern.

Weitere Schritte, die möglicherweise bereits unternommen werden, aber bisher nicht bestätigt wurden:

  • Cyberangriffe: Angriffe könnten sich gegen die Kontroll- und Kommunikationssysteme des syrischen Militärs richten. Auch zivile Infrastruktur wie Radio, Fernsehen, Telefonnetze oder der Flugverkehr könnten attackiert werden. Möglicherweise kam es im zivilen Bereich bereits zu ersten Angriffen. So berichteten Syrer aus Damaskus SPIEGEL ONLINE, dass das Festnetz in Stadtvierteln, wo hochrangige Unterstützer des Regimes leben und viele Ministerien angesiedelt sind, seit Mitte Juli gestört ist. Die syrische Regierung warnte am Sonntag, dass das Staatsfernsehen von Aufständischen gehackt werden könnte.

  • Aufklärung für die Aufständischen: Die Bilder der Drohnen könnten den Milizen zur Verfügung gestellt werden. Auch könnte Personal in Syrien zur Erkundung eingesetzt werden. Im Norden des Landes scheint dies inzwischen möglich.

  • Spezialkräfte innerhalb von Syrien: In Libyen wurden den Aufständischen Militärberater zur Seite gestellt, um ihre Schlagkraft zu erhöhen. Dies wäre auch in Syrien denkbar, zumal nach Berichten des britischen "Guardian" bereits zwischen Dezember und Februar zwei US-Geheimdienstler in der syrischen Stadt Homs waren, um die Rebellen beim Aufbau von Führungsstrukturen zu unterstützen.

Dass es zu einem späteren Zeitpunkt doch noch zu einem Einmarsch kommen könnte, halten Experten allerdings durchaus für denkbar. "Die Frage wird sich in dem Moment aufdrängen, in dem das Regime bereits gefallen ist - aufgrund der Angst vor einem Vakuum", sagt Thomas Pierret. Ein solcher Einsatz wäre jedoch ebenfalls kompliziert, glaubt er. "Ausländische Truppen, die dann einmarschieren, würden wie Besatzer behandelt".

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 156 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Danke
LeonLanis 26.07.2012
Zitat von sysopDer Krieg in Syrien wird brutaler, selbst der Uno-Generalsekretär fordert ein Eingreifen. Experten halten einen Einmarsch oder Luftangriffe dennoch weiter für unwahrscheinlich - der Westen hat jedoch schon längst in Syrien interveniert. Krieg in Syrien: Wie der Westen Hilfe leistet - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,846531,00.html)
für diesen aufklärenden Artikel! Jetzt muß man sich nicht mehr als Verschwörungstheoretiker (VT) diffamieren lassen, wenn man behauptet, daß "der Westen" den Bürgerkrieg in Syrien nach Kräften anheizt. Nur eine kleine Richtigstellung hätte ich: Die syrische Regierungsarmee setzt nicht die Luftwaffe gegen "die Bevölkerung" ein, sondern selbstverständlich gegen die Bürgerkriegsarmee FSA.
2. Eine Intervention...
Schroekel 26.07.2012
Zitat von sysopDer Krieg in Syrien wird brutaler, selbst der Uno-Generalsekretär fordert ein Eingreifen. Experten halten einen Einmarsch oder Luftangriffe dennoch weiter für unwahrscheinlich - der Westen hat jedoch schon längst in Syrien interveniert. Krieg in Syrien: Wie der Westen Hilfe leistet - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,846531,00.html)
...wird dann erforderlich UND machbar sein, wenn Assads Clan geschlagen ist und keine Rolle mehr spielt. Das ist nicht mehr allzu weit entfernt. Dann ist in der Tat eine Intervention seitens der UN nötig, um Syrien auf einen einigermaßen vernünftigen Weg zu bringen und die Chemiewaffenseuche unter Kontrolle zu bringen. Allein dazu sind routinierte und schlagkräftige Truppen von außen notwendig. Die Russen wissen, dass sie sich beteiligen müssen und werden das tun. Schon jetzt ist Russland ein Stück weit von Assads Mafiaclan abgerückt und hat die Lieferungen von Waffen bis auf weiteres eingestellt. Das ist ein gutes Zeichen. Die Dinge sind mühsam und nichts ist garantiert. Aber alles ist auf einem guten Weg.
3. Tragödie
hdwinkel 26.07.2012
Zitat von sysopDer Krieg in Syrien wird brutaler, selbst der Uno-Generalsekretär fordert ein Eingreifen. Experten halten einen Einmarsch oder Luftangriffe dennoch weiter für unwahrscheinlich - der Westen hat jedoch schon längst in Syrien interveniert. Krieg in Syrien: Wie der Westen Hilfe leistet - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,846531,00.html)
Es ist eine einzige Tragödie, was sich in Syrien grade abspielt. Wieder mal unter dem Vorwand hehre Ziele zu verfolgen wird genau das Gegenteil gemacht, nämlich Krieg geführt. Anstatt die Friedfertigen zu unterstützen werden die Mörder bejubelt. Auf allen Seiten.
4. Nichts neues
lordgrosskotz 26.07.2012
Mit mehreren Monaten verspätung "enthüllt" nun also der Spiegel, was schon lange bekannt ist, worüber bei uns aber kaum einer schreibt oder spricht: Die USA und seine Verbündeten führen einen Krieg gegen Syrien. Dass es ihnen dabei nicht um das Wohl des syrischen Volkes geht, liest man ja mittlerweile sogar in der FAZ. Gerne wurde Assad hier und an anderer Stelle in die Reihe der "irren" und "unzurechungsfähigen" Feinde der Nato (Milosevic, Saddam Hussein, Ahmadinedschad uvm) eingereiht. Angesichts dieser "neuen" Fakten muss man wohl eingestehen, dass Assad nicht ganz unrecht hat, wenn er sagt: Der Westen hat sich gegen Syrien verschworen.
5. Es würde mich interessieren, ...
spon-facebook-10000385159 26.07.2012
Zitat von sysopDer Krieg in Syrien wird brutaler, selbst der Uno-Generalsekretär fordert ein Eingreifen. Experten halten einen Einmarsch oder Luftangriffe dennoch weiter für unwahrscheinlich - der Westen hat jedoch schon längst in Syrien interveniert. Krieg in Syrien: Wie der Westen Hilfe leistet - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,846531,00.html)
... wo die immer wieder behaupteten Waffenlieferungen geblieben sind. Bisher scheinen noch keine der Waffen eingesetzt worden zu sein. Wenn jetzt keine Boden-Luft-Raketen in Aleppo sind, werden die Rebellen wohl keine Waffenlieferungen mehr brauchen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Bürgerkrieg in Syrien
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 156 Kommentare

Bevölkerung: 22,505 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Syrien-Reiseseite


Fotostrecke
Syrien: Der Kampf der Staatsmedien

Fotostrecke
Syrien: Schwere Kämpfe in den Städten
Karte