Kriegsalltag in Aleppo: Die Moschee der Scharfschützen

Aus Aleppo berichtet Kurt Pelda

Kurt Pelda

In einer Schule hängen Fotos von Leichen, die aus dem "Totenfluss" gezogen wurden. Die große Moschee ist verwüstet und wird von Scharfschützen des Assad-Regimes und der Rebellen als Unterstand missbraucht: In Aleppo verwischen die Grenzen zwischen Gut und Böse im syrischen Krieg.

Der Junge hat die Augen geschlossen und atmet im Takt des Beatmungsbeutels, den eine Schwester rhythmisch zusammendrückt. Eine Operationsschwester zieht die blauen Trainingshosen - das einzige Kleidungsstück des schmächtigen Ahmed Aidawi - nach unten und legt einen Katheter. Draußen vor der Tür des Operationssaals wirft sich die Mutter des 13-Jährigen in einem Schreikrampf auf den Boden. Eine Krankenpflegerin zieht sie sanft am Arm weg. Der Vater versucht, seine Tränen zurückzuhalten. "Ich bin Schäfer, und Ahmed war mit mir und unserer Herde in der Nähe des Flughafens unterwegs."

Aleppos heftig umkämpfter internationaler Flughafen befindet sich immer noch unter Kontrolle der Regierungsarmee. Seit Monaten versuchen die Rebellen, ihn zu erobern, bisher aber ohne Erfolg. "Ich bin 40 Jahre alt, aber der Scharfschütze hat nicht auf mich, sondern auf meinen Sohn gezielt. Und der brach plötzlich zusammen."

Ahmeds Vater ist sich sicher, dass ein beim Flughafen verschanzter Heckenschütze auf Ahmed geschossen hat. Es ist eine typische Reaktion: Jede Kugel, die einen Menschen trifft, stammt aus dem Gewehrlauf eines Scharfschützen - das zumindest glauben die Menschen. Doch so einfach ist es nicht immer. Obwohl der Chefarzt im Operationssaal ebenfalls die These vom Heckenschützen vertritt, legt der Schusskanal im Körper des Jungen eine andere Erklärung nahe. Ahmeds Oberkörper ist nackt. Der Chirurg zeigt auf ein winziges Loch auf der linken Seite des Brustkastens. Es ist kaum wahrzunehmen, weil nur ganz wenig Blut herausgesickert ist, fast wie bei einem harmlosen Kratzer.

Der Chirurg schneidet ein kleines Loch

Doch statt das Herz zu zerfetzen, wanderte die Kugel nach unten und blieb in der Beckenhöhle liegen, wie ein Blick auf die an der Wand aufgehängten Röntgenbilder klarmacht. Das im Flachschuss abgefeuerte Geschoss eines Heckenschützen hätte den schmächtigen Brustkorb wahrscheinlich glatt durchschlagen. Eine Ausschusswunde fehlt aber, was auf fehlende Wucht der Gewehrkugel hindeutet. Außerdem schien das Geschoss schräg von oben gekommen zu sein - untypisch für den Schussverlauf eines Scharfschützen. Die Vermutung liegt deshalb nahe, dass Ahmed Opfer einer verirrten Kugel wurde. Und diese könnte von beiden Kriegsparteien stammen.

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Krieg in Syrien: Frontstadt Aleppo

In der Nähe der Einschusswunde schneidet der Chirurg ein kleines Loch, als Drainage. Schusswunden infizieren sich fast immer, und so kann sich der Eiter leichter einen Weg aus dem Körper bahnen. Dann setzt der Arzt das Skalpell auf der Bauchdecke an. Ein paar rasche Schnitte nach unten öffnen sie. Nun wird erst der Schaden sichtbar, den das Geschoss angerichtet hat. Blut von den inneren Verletzungen schwappt aus der Bauchhöhle und ergießt sich auf den Boden. Ein Warngerät beginnt zu piepsen.

Während der Assistent das in der Bauchhöhle verbliebene Blut abzusaugen beginnt, greift der Chefarzt mit flinker Hand unter Ahmeds Brustkorb, um die Blutung in der Herzgegend auszumachen und zu stoppen. Helfer bringen Blutkonserven, Gruppe A, Rhesusfaktor positiv.

Auf dem Beckenboden liegt die Gewehrkugel

Ahmeds Oberkörper sieht nun immer mehr aus wie der eines ausgeweideten Tiers. Der Blutspiegel in der Bauchhöhle sinkt langsam, es wird immer noch abgesaugt. Der Chirurg ist zufrieden, die Blutung scheint vorerst gestillt zu sein. "Hier ist noch ein Loch im Darm, das müssen wir zunähen", sagt er und zeigt mit dem Finger auf die Stelle. Und unten auf dem Beckenboden liegt die Gewehrkugel, matt glänzend. Sie wirkt ganz harmlos, als wäre sie einzig durch die Schwerkraft dahin gelangt.

Das Zarzour Hospital liegt im Südwesten von Aleppo, nicht weit von der Front entfernt, aber immer noch im Rebellengebiet. Rund 300 Fälle würden pro Tag durchschnittlich behandelt, sagt der Chef des Krankenhauses, der wie alle Ärzte seinen Namen nicht nennen und nicht fotografiert werden will. "Im Mittel führen wir etwa 35 Operationen durch, meist an Kindern", fährt der Mann fort. "In der Regel handelt es sich um Schusswunden oder Verletzungen infolge herumfliegender Schrapnells."

Ein anderer, jüngerer Arzt führt uns durch das Krankenhaus. Er zeigt durch ein Fenster hinaus. Schräg gegenüber, auf der anderen Straßenseite, befindet sich ein ausgebombtes Haus. "Die Regierungsluftwaffe versucht immer mal wieder, unser Krankenhaus zu treffen. Ich bin nun seit zwei Monaten hier und habe meine Familie, die auf der anderen Seite der Front lebt, in dieser Zeit nicht mehr gesehen. Wenn die Schergen des Regimes herausfinden, dass ich hier arbeite, ist es um meine Familie geschehen. Darum darfst du hier nicht fotografieren, und niemand wird dir seinen richtigen Namen nennen."

Auf der Brücke über den "Totenfluss"

Vom Krankenhaus fahren wir Richtung Stadtzentrum. Dazu müssen wir zuerst eine Brücke über den "Totenfluss" überqueren. Wir halten rasch an, um die Umherstehenden zu fragen, wann die letzten Leichen angeschwemmt wurden. Das sei vor drei Tagen gewesen, lautet die Antwort, der Fluss führe jetzt zu wenig Wasser. Es sind meist Männer mit Schusswunden im Kopf und gefesselten Armen, die unter der Brücke angeschwemmt werden.

Die Anwohner haben ein paar Gitter im Wasser befestigt, um die Toten einfacher bergen zu können. Manchmal sind die aufgedunsenen Gesichter übersät mit blauen Flecken und Schwellungen von den Schlägen, mit denen die Opfer gepeinigt wurden, bevor ihnen eine Kugel in den Kopf gejagt und die leblosen Körper in den Fluss geschmissen wurden - wie Vieh. In einer nahe gelegenen Schule hängen Fotos der noch nicht Identifizierten. Es ist wie der Besuch in einem Gruselkabinett.

Wir nähern uns von Osten dem Verkehrskreisel vor dem Eisernen Tor. Früher war das eine belebte Gegend, aber jetzt sieht man kaum noch Leute. Einige Gebäude weisen Spuren von Artillerietreffern auf. Das einstige Stadttor aus dem frühen 16. Jahrhundert liegt ungefähr in der Mitte zwischen zwei wichtigen Militärstützpunkten, der Zitadelle und der Hanano-Kaserne.

Direkt neben dem mächtigen Turm, dem Bab al-Hadid, ist ein weißes Schild mit einem Totenkopf an den steinernen Mittelstreifen der Straße gelehnt. Darauf steht von Hand geschrieben: "Achtung, Achtung - Scharfschütze, gefährlich!" Wie zur Bestätigung klaffen gleich daneben auf dem erhabenen eisernen Tor rund ein Dutzend Einschusslöcher, verteilt auf wenige Quadratmeter. Offenbar kann der Scharfschütze, der sich in der Hanano-Kaserne oder in ihrer Nähe verschanzt hat, nur ein kurzes Straßenstück von wenigen Metern Länge einsehen.

Auf dem Minarett hatten sich Scharfschützen verschanzt

Unser Fahrer gibt Vollgas, und wir passieren die Stelle, ohne dass ein Schuss fällt. Unser Ziel ist der alte überdachte Basar - und vor allem die große Omayaden-Moschee, die fast 1300 Jahre alt ist. Dazu müssen wir das Auto stehen lassen und zu Fuß durch die engen Gassen mit dem Kopfsteinpflaster gehen. Die Moschee hat nur ein Minarett, etwa 45 Meter hoch.

Dort hatten sich bis vor kurzem Scharfschützen des Regimes verschanzt. Aus luftiger Höhe konnten sie das ganze Marktviertel übersehen - und terrorisieren. Die Rebellen wiederum wollten das Gotteshaus erobern, um am Schluss den letzten Nachschubweg zu kappen, der die Zitadelle mit den weiter westlich gelegenen Stadtvierteln unter Regierungskontrolle verbindet.

Das uralte Gotteshaus steht noch, die Mauern sind allerdings von Bränden geschwärzt und von Gefechtsspuren verunstaltet. Einen Teil der Steinplatten, die den Innenhof mit einem schwarz-weißen Mosaik verzieren, gruben die Soldaten aus, um Brustwehren zu bauen und ihre Stellungen zu verstärken. Da und dort verdicken Sandsäcke das alte Gemäuer oder versperren das Schussfeld an besonders exponierten Stellen. In einem Karton verrotten uralte Handschriften. Die Rebellen blättern darin, kommen aber nicht auf die Idee, die alten Bücher in Sicherheit zu bringen. Die Front verläuft nur wenige Meter nördlich des Gotteshauses.

Schüsse gellen durch die geschändete Moschee

Aufständische haben Löcher in die Nordwand gehauen, damit ihre Scharfschützen auf die Soldaten in den gegenüberliegenden Häusern feuern können. Ein Kämpfer mit einem Sturmgewehr schießt eine Garbe durch einen Säulengang. Er hat am westlichen Eingang eine Bewegung ausgemacht. Die Schüsse hallen durch die leere, geschändete Moschee. "Sogar den heiligen Koran haben sie verbrannt", sagt der Kämpfer mit dem Maschinengewehr und hebt ein verkohltes Buch vom Boden auf. In seinen Händen zerfällt es zu feiner Asche.

An einer Säule haben Soldaten einen Graffito hinterlassen. Es ist auch eine Lobeshymne auf Baschar al-Assad, in Reimform:

Wir sind Anhänger Assads, wir rebellieren und nehmen Rache
Unser heiliger Führer Baschar!
Wir werden die Ungläubigen auslöschen
Wie kann unser Glauben an den Führer uns im Stich lassen?

"Wir sind also die Ungläubigen", resümiert ein Kämpfer. "Und für die Soldaten ist Baschar wie ein Gott. Das nennen wir Gotteslästerung."

Der Legende nach liegt das Grab von Zacharias, dem Vater von Johannes dem Täufer, in der großen Moschee von Aleppo. Der Schrein ist verunstaltet und von Kugeln durchsiebt. Für die Muslime war Zacharias ein Prophet. "Am meisten Mühe haben sich die Soldaten bei diesem Schrein gegeben. Sie wollten ihn zerstören, nur um uns zu erniedrigen und unsere Religion zu verhöhnen", ereifert sich ein Freischärler. Das blutige Ringen um einzelne Straßenzüge und Gebäude nimmt in Aleppo immer mehr die Züge eines Religionskriegs an.

Doch so berechtigt die Kritik an den Regierungssoldaten auch ist: Genauso wie die Armee vor ihnen missbrauchen die Rebellen das Gotteshaus jetzt als militärische Basis. Sie verstecken sich hinter den uralten, dicken Mauern. Was bleibt, ist die Zerstörung eines Weltkulturerbes. Dafür sind beide Seiten verantwortlich.

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insgesamt 55 Beiträge
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1.
Atheist_Crusader 22.04.2013
Zitat von sysopEine Ausschusswunde fehlt aber, was auf fehlende Wucht der Gewehrkugel hindeutet. Außerdem schien das Geschoss schräg von oben gekommen zu sein - untypisch für den Schussverlauf eines Scharfschützen. Die Vermutung liegt deshalb nahe, dass Ahmed Opfer einer verirrten Kugel wurde. Und diese hätte von beiden Kriegsparteien stammen können.
Was soll das implizieren? Dass nur Assad Scharfschützen hat, und die (und nur die) absichtlich auf Zivilisten schießen? Och bitte, der Unterschied zwischen Allah und Assad ist doch bloß der Zeitpunkt, an dem Jemand angefangen hat, ihn zu vergöttern.
2. Kein Titel
willi_der_letzte 22.04.2013
Zitat von sysopIn einer Schule hängen Fotos von Leichen, die aus dem Totenfluss gezogen wurden. Die große Moschee ist verwüstet und wird von Scharfschützen des Assad-Regimes und der Rebellen als Unterstand missbraucht: In Aleppo verwischen die Grenzen zwischen Gut und Böse im syrischen Krieg. Kriegsalltag in Aleppo: In der Moschee der Scharfschützen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/kriegsalltag-in-aleppo-in-der-moschee-der-scharfschuetzen-a-894837.html)
Ach? Die Grenzen zwischen Gut und Böse verwischen? Ist die Welt doch nicht so schlicht wie bisher immer von SPON dargestellt: Auf der einen Seite Assad der Böse und auf der anderen Seite die Freiheitskämpfer, aka islamische Fundamentalisten, die Guten?
3.
jochenx 22.04.2013
Das ist ja das Traurige. Es wird im Westen immer nur Schwarz-Weiß denkt. Insbesondere die Regierungen, wenn sie der Bevölkerung mal wieder die Teilnahme an einem Krieg schmackhaft machen wollen. Die Medien sollten da ebenfalls mehr differenzieren und endlich ihre einseitige Berichterstattung beenden. Die Lage in Syrien ist komplizert. Es gibt unterschiedliche Interessengruppen und es gibt bei Kriegen auch immer unbeteiligte, die zu Schaden kommen. Dass man dies jedoch als Kampf der Guten gegen die Bösen verkauft, ist blamabel. Schließlich geht es doch immer um Bedürfnisse von Menschen.und der damit verbundenen Ziele. Es ist somit eine Frage der Interessen und der Perspektive, was im Westen als Gut und Böse dargestellt wird. Und die besagte Moschee wird nach dem Ende des Bürgerkrieges vermutlich schnell wieder aufgebaut sein, während viele noch in Ruinen und Flüchtlingslagern leben, hungern und sich nicht mehr in ihre Heimat trauen, gleich wer diesen Bürgerkrieg gewinnt.
4. Amerikaner und Russen
a.vomberg 22.04.2013
Nach der Erkenntnis, dass ein Bürgerkrieg immer eine schmutzige Sache ist, bei der es keine Guten und Bösen gibt, wäre der nächste Schritt, sich raus zuhalten. Wenn man dennoch eine Seite aus politischen Gründen unterstützt, darf man sich nicht wundern, wenn die andere Seite, aus anderen politischen Gründen auch aus dem Ausland Unterstützung erhält. So wird der Bürgerkrieg zum Stellvertreterkrieg und das Elend multipliziert sich. Zuerst müssen Amerikaner und Russen verhandeln, bevor eine Verhandlung von Rebellen und Assad eine Chance haben.
5. Das Volk
APPEASEMENT 22.04.2013
Zitat von sysopIn einer Schule hängen Fotos von Leichen, die aus dem Totenfluss gezogen wurden. Die große Moschee ist verwüstet und wird von Scharfschützen des Assad-Regimes und der Rebellen als Unterstand missbraucht: In Aleppo verwischen die Grenzen zwischen Gut und Böse im syrischen Krieg. Kriegsalltag in Aleppo: In der Moschee der Scharfschützen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/kriegsalltag-in-aleppo-in-der-moschee-der-scharfschuetzen-a-894837.html)
muss entscheiden, von wem es regiert werden möchte. Wenn es die Islmaisten sein sollen, dann ist das halt so. Das ist Demokratie. Wenn der Westen dann mein, dort gelten dann nicht mehr die lementaren Menschenrechte, dann hätte man sich das vorher überlgen müssen. Jede Revolution geht mit Ungerechtigkeit einher. Und wenn es dort dann die Scharia gibt, dann muss man es ihnen zugestehen. Unsere Ordnung ist nicht zwingend für alle anderen Länder. Wenns dort eine Theokratie gibt, warum nicht? Ich könnte mir hier bei uns auch mehr religiöse Einflüsse der Zuwanderer auf den Staat und seine Ordnung vorstellen. Wenn die Jungen soweit sind, wird es hoffentlich auch die Demographie hergeben. Vielen Dank an SPON!
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