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Kriegsfolgen Libanon: Sprengsätze in den Orangenhainen

Von Ulrike Putz, Beirut

Unter dem Krieg im Libanon haben am meisten diejenigen gelitten, denen er nicht galt: Die 400.000 Palästinenser, die seit Jahrzehnten unter erbärmlichen Bedingungen in libanesischen Flüchtlingslagern hausen. Für sie ist das Leben noch härter geworden.

Beirut - Den August hat Ahmed Imrad in schrecklicher Erinnerung: Tag und Nacht wurde sein Häuschen in den engen Gassen von Rashidieh im Südlibanon von den Detonationen israelischer Bomben und Raketen erschüttert. Im Dunklen sah der 39-Jährige den Widerschein brennender Nachbardörfer, morgens qualmten die nahen Orangenhaine und Bananenplantagen. Eines Tages lag die lokale Großbäckerei in Trümmern, fortan gab es kein Brot mehr. "Es war beängstigend, wir waren mitten im Krieg", sagt der Kramladenbesitzer. "Andererseits sind wir Krieg gewöhnt, wir Palästinenser sind ja das Problem, um das es im Nahen Osten geht."

Dass sich Imrad mit seiner Familie trotz des schweren Bombardements relativ sicher fühlte, lag daran, dass sein Zuhause eine Enklave im Kampfgeschehen im Südlibanon war: Das palästinensische Flüchtlingslager Rashidieh, einige Kilometer südlich von Tyros direkt am Mittelmeer gelegen, wurde nur zwei Mal von den Israelis unter direkten Beschuss genommen.

Die Barackensiedlung, in der viele Familien nicht mehr besitzen als ein paar Plastikstühle und Matratzen, der Slum, in dem das Abwasser in offenen Kanälen durch die Gassen fließt, war zur Insel inmitten des Sturms geworden. "Wir können uns das nicht erklären", sagt Houda el-Turk, Pressesprecherin der UNRWA, der Agentur der Vereinten Nationen, die sich im Nahen Osten um die mehr als vier Millionen palästinensischen Flüchtlinge kümmert, "es ist, als wollten die Israelis die Palästinenser aus dem Konflikt heraushalten und verhindern, dass sie sich der Hisbollah anschließen, um gegen Israel zu kämpfen".

Dass die Bewohner von Rashidieh trotz der relativ geringen Kriegsschäden zu den großen Verlierern des Krieges gehören, liegt an der Stellung der Palästinenser im Libanon: Die war schon vor dem Krieg katastrophal und ist seitdem noch schlechter geworden. "Es begann damit, dass die Männer während des Krieges 34 Tage lang nicht auf die Felder und die Fischer nicht aufs Meer konnten", sagt Imrad, der in Rashidieh die zur PLO gehörigen Volksfront zur Befreiung Palästinas vertritt und als eine Art Bürgermeister fungiert. "Die Menschen mussten ihre winzigen Ersparnisse aufbrauchen und stehen nun vor dem nichts."

Schimmel sprengt Putz von den Wänden

Wie prekär die wirtschaftliche Lage in Rashidieh schon vor dem Krieg war, erahnt man, wenn man zum Kaffee in das Wohnzimmer Imrads geladen wird, der immerhin Ladenbesitzer und Politfunktionär ist: Schimmel sprengt den Putz von den Wänden, eine nackte Glühbirne hängt von der Decke und geht bald aus, weil wieder mal der Strom weg ist.

400.000 Tausend Palästinenser leben heute im Libanon, Nachkommen derjenigen, die nach der Staatsgründung Israels im Jahr 1948 von ihren Höfen, aus ihren Dörfern fliehen mussten. Dass der Libanon den seit nunmehr fast sechzig Jahren aus ihrer Heimat Vertriebenen die libanesische Staatsangehörigkeit vorenthält, hat seine Ursache im fragilen Gleichgewicht der Konfessionen, das den Libanon einigermaßen stabil hält.

Die meisten der Flüchtlinge sind Sunniten, sie zu Staatsbürgern zu machen, hieße, die sunnitische Macht im Land zu stärken. Der oft angeführte Grund, man würde den Palästinensern keinen Pass geben, weil man für sie hoffe, dass sie bald in die Heimat zurück kehren können, erscheint wie blanker Hohn. In einer Regierungsentscheidung sprachen sich vergangenen Donnerstag libanesische Politiker - allen voran Staatspräsident Emile Lahoud - gegen die von den Palästinensern gewünschte Einrichtung einer eigenen Botschaft im Libanon aus. Begründung: Dies könne "den Weg zu einer andauernden Ansiedlung der Flüchtlinge im Libanon bereiten".

Zusammengepfercht in zwölf Lagern

Die Palästinenser sind unerwünscht im Libanon, auch wegen Befürchtungen, die Flüchtlinge würden den ohnehin schwachen Arbeitsmarkt überfluten, sollten sie Bürgerrechte erhalten. Also leben die Palästinenser seit Jahrzehnten zusammengepfercht in zwölf Camps, die wie kleine Staaten im Staat funktionieren. Von außen abgeriegelt von der libanesischen Armee, innen kontrolliert von palästinensischen Milizen. Ein Kind, das im Camp geboren wird, hat denkbar schlechte Aussichten, sich aus dem Elend hochzuarbeiten: Noch heute ist Palästinensern die Ausübung von über 70 höher qualifizierten Berufen im Libanon verboten.

Also bleibt die Arbeit als Tagelöhner - für die Männer aus Rashidieh seit dem Krieg ein lebensgefährlicher Job. Tausende israelische Clusterbomben sind auf die Felder um das Camp herabgeregnet. Die zigarettenschachtelgroßen Sprengsätze hängen in den Orangenbäumen, liegen unter dem Herbstlaub und können denjenigen, der sie berührt, jederzeit das Leben kosten. Vor einer Woche hat ein Nachbar beide Füße verloren, er war auf eine der Bomben getreten.

Kommt das Gespräch auf die großzügige Hilfe, die vor allem die Golfstaaten dem kriegsversehrten Libanon zukommen lassen, werden die Nachbarn, die sich inzwischen in Imrads Wohnzimmer versammelt haben, schmallippig. Ja, sie hätten davon gehört, dass die Kataris und Kuweitis in den Nachbardörfern hohe Schecks für Libanesen ausstellten, die unter dem Krieg gelitten hätten. Sie jedoch seien leer ausgegangen. Im Camp seien die reichen Spender noch nicht aufgetaucht. Es ist, wie so oft: Die Palästinenser sind die letzten, die Hilfe erhalten, obwohl man sich im arabischen Raum gerne wortgewaltig für sie einsetzt.

Hilfsbereitschaft scheint vergessen

Es schmerzt die Camp-Bewohner, dass die Hilfsbereitschaft, die sie während des Krieges den Libanesen aus den umliegenden Dörfern entgegenbrachten, jetzt vergessen scheint. Exakt 1368 Libanesen waren in den Wochen, in denen Israel die Felder und Siedlungen der Umgebung bombardierte, bei palästinensischen Familien im Camp untergekommen. Noch mal 750 fanden Zuflucht in der lokalen Schule, verzeichnete die UNRWA. "Die Ärmsten der Armen haben während des Krieges das wenige, was sie hatten, mit Libanesen geteilt", sagt Houda al-Turk von der Hilfsorganisation. Dass die Palästinenser nun keinerlei Hilfe bei der Bewältigung der Kriegsfolgen bekämen, nennt sie "unfair" und "undankbar".

Noch bedrückender als die Sorge um die Geschehnisse in Gaza, die sie gebannt verfolgen, sind für die Menschen in Rashidieh jedoch die Zukunftsaussichten. "Der nächste Krieg zieht auf, ein neuer Bürgerkrieg", sagt Abu Namir, mit 67 Jahren eine Autorität in der Nachbarschaft. "Wenn das passiert, wird es kein Brot mehr geben, kein Geld, keine Straßen, keinen Gott", sagt der Alte.

Abu Namir ist sich sicher: Der Konflikt zwischen der Hisbollah und der antisyrischen Regierung läuft auf eine neuerliche Konfrontation hinaus. Die Palästinenser - in sich gespalten in Syrien freundliche und antisyrische Gruppen - könnten in einen Bürgerkrieg hineingezogen zu werden, fürchtet er. "Dann gibt es einen Bruderkrieg. Ein solcher Krieg könnte alles zerstören."

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