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Kriegsführung: Angstgegner Hisbollah

Von Yassin Musharbash

Auch nach drei Wochen israelischem Dauerbombardement zeigt die Hisbollah im Libanon keine Ermüdungserscheinungen. Mit ihrer Guerilla-Taktik und ihren Hightech-Waffen kehrt die Schiiten-Miliz die vermeintliche David-gegen-Goliath-Konstellation einfach um.

Berlin - Als das Debakel begann, hatte Israels Armee offiziell bereits verkündet, die südlibanesische Hisbollah-Hochburg Bint Dschbeil befinde sich in ihrer Hand. Dann erreichten die Soldaten den Marktplatz der Stadt, dort wurden sie von drei Seiten unter Feuer genommen. Ein zu Hilfe gerufener Merkava-Panzer und andere Militärfahrzeuge gingen in Flammen auf.

Bis zu 13 israelische Soldaten kamen bei diesem Hisbollah-Hinterhalt, den der Journalist Robert Fisk rekonstruiert hat, letzte Woche ums Leben.

Libanesischer Hisbollah-Anhänger: Guerilla-Taktik plus Hightech-Waffen
REUTERS

Libanesischer Hisbollah-Anhänger: Guerilla-Taktik plus Hightech-Waffen

Der Zwischenfall von Bint Dschbeil versinnbildlicht die Schwierigkeiten, denen Israels Armee, eine der am höchsten gerüsteten, modernsten der Welt, im Kampf gegen die Hisbollah gegenübersteht: Es scheint schlicht unmöglich, die Schiitenmiliz, wie es das erklärte Ziel ist, militärisch zu zerschlagen. Nach fast drei Wochen Dauerbombardement ist weder die Führungsspitze liquidiert - Hassan Nasrallah sprach erst am Wochenende wieder im Fernsehen - noch konnten die militärischen Kapazitäten der Islamistentruppe dauerhaft geschwächt werden. Zu Beginn des De-facto-Krieges verschoss sie rund 100 Katjuscha-Raketen täglich auf nordisraelische Ziele, heute sind es noch ebenso viele.

Was macht es so schwer, die Hisbollah zu bekämpfen? Judith Palmer Harik, die die Miliz seit Jahren im Libanon beobachtet und ein Buch über sie geschrieben hat, glaubt, dass vor allem zwei Faktoren dafür verantwortlich sind: "18 Jahre Erfahrung mit Guerilla-Taktik, gepaart mit super-fortschrittlichen Hightech-Waffen, die der Iran zur Verfügung stellt". Letzteres war besonders eindrucksvoll zu besichtigen, als die Hisbollah kürzlich eine israelische Korvette traf und um ein Haar auch versenkte - mit Hilfe einer ultramodernen Boden-Schiff-Rakete.

Die Guerilla-Taktik könne man jeden Tag beobachten, sagt Palmer Harik. Etwa wenn "hoch mobile" Hisbollah-Kämpfer ihre nur 15 Pfund schweren Anti-Hubschrauber- oder Anti-Panzer-Waffen schultern, sie schnell abschießen und anschließend wieder inmitten der Bevölkerung des Südlibanon verschwinden. "Zuschlagen und abhauen", heißt diese Taktik, mit der Guerilla-Gruppen zu allen Zeiten schwerfälligen Armeen entgegentraten: "hit and run".

Nachts Raketenrampe, tags Bunker?

Nach diesem Muster, berichten verschiedene Zeitungen, gehe es auch mit dem Katjuscha-Abfeuern vor sich: Zivil gekleidete Milizionäre verschwinden in unterirdischen Silos, schießen die todbringenden Flugkörper ab und tauchen gleich wieder unter. Uniformen trägt bei der Hisbollah niemand, Sekunden nach dem Akt ist ein Kämpfer von einem Zivilisten deshalb nicht mehr zu unterscheiden.

Diese Nähe zur Zivilbevölkerung, sagt die Politikwissenschaftlerin Palmer Harik, sei für die Hisbollah "Ressource und Problem zugleich": Auf der einen Seite genießt die "Partei Gottes" im Südlibanon erheblichen Zuspruch und deshalb auch Hilfe. "Die Bevölkerung ist also gewissermaßen Teil des Widerstands." Auf der anderen Seite kann man genau deswegen den Vorwurf nicht entkräften, die Islamisten nutzten Unschuldige als "menschliche Schutzschilde". "Dabei muss das keine Berechnung sein", sagt Palmer Harik. "So funktionieren nicht-konventionelle Armeen eben." Sie leben nicht in Kasernen.

Armeen, auch die israelische, sind jedoch auf den Kampf gegen andere staatliche Armeen trainiert. Welche Konsequenzen das haben kann, zeigte sich gestern, als israelische Fliegerbomben ein mehrgeschossiges Wohnhaus in Kana trafen und Dutzende Kinder töteten. Stunden zuvor, so die Armee, seien aus der Umgebung des Hauses noch Katjuschas abgeschossen worden. Aber genau das ist das Problem: Anders als eine Armeebasis kann ein Wohnhaus im Südlibanon nachts Raketenabschussrampe - und tagsüber Zufluchtsort für Zivilisten vor dem israelischen Bombenhagel sein.

Selbstmordattentäter als nächste Option

Die Hisbollah hat die derzeitige Eskalation seit dem Abzug Israels aus dem Südlibanon im Jahr 2000 herbeigesehnt. Ihre Nummer Zwei, Scheich Naïm Kassim, zweiter Mann der Hisbollah, bestätigte dies der britischen "Sunday Times" sogar ausdrücklich. "Hätten wir nicht alles so gut vorbereitet, wäre der Libanon in Stunden geschlagen gewesen", sagte er weiter. Der Krieg hilft der Hisbollah, ihr Image als Widerstandsgruppe aufzupolieren und eine Legitimation für ihre Waffen zu erhalten.

Nun, da es so gekommen ist, wie erwünscht, scheint die Miliz überzeugt, dass sie Israel sehr schmerzhafte Schläge beibringen kann. Übung hat sie: Obwohl islamistisch-schiitische Gruppen (und unter ihnen vor allem die Hisbollah) nur acht Prozent aller Terrorakte zwischen 1982 und 1989 begingen, waren sie für 30 Prozent der Todesfälle verantwortlich, hat der US-Terrorexperte Bruce Hoffman ausgerechnet. Opfer zu bringen, fällt ihr leicht. Zumindest leichter als Israel. "Wir können mehr Tote verkraften als die Israelis", zitierte ein jordanischer Journalist kürzlich einen ranghohen Hisbollah-Kämpfer. Man habe die Parole ausgegeben, bei einem Bodenkrieg 40 israelische Soldaten am Tag zu töten, um die Moral in dem Land zu untergraben.

Ein Grund dafür ist in der starken religiös-ideologischen Basis zu suchen. Die Hisbollah habe zwar nur 1000 bis 2000 professionelle Kader, könne aber jederzeit zwischen 10.000 und 60.000 Mann mobilisieren, schätzt Palmer Harik. "Und wenn dein Feind es als Privileg betrachtet zu sterben, dann ist er schwer zu bekämpfen", meint sie weiter mit Blick auf die Dschihad-Idee und den im Schiitentum besonders ausgeprägten Märtyrergedanken. Noch habe die Hisbollah es nicht nötig gehabt, Selbstmordattentäter zur Tat zu rufen - aber diese Option stehe ihr noch offen.

Menetekel für möglichen Iran-Krieg?

Die Summe dieser Mechanismen macht die Hisbollah zu einem Angstgegner für Israel - und den Konflikt zugleich zu einem Menetekel mit Bedeutung über den Südlibanon hinaus: Forscher und Think-Tank-Experten in den USA erinnert die Konstellation bereits an den Irak. Und, noch angsteinflößender, sie könnte ein Paradigma für eine mögliche künftige Konfrontation mit Iran bieten, dem Lehrmeister der Hisbollah. "Iran trainierte die Hisbollah. Und kann deshalb kämpfen wie die Hisbollah", fasst die "New York Times" die gerade begonnene Debatte zusammen.

Andererseits: Der strategische Vorteil von Untergrund und Überraschungsmoment, den die Hisbollah im Libanon derzeit so weidlich ausnutzt, ist nicht ohne Kosten, schreibt der Politologe Ulrich Schneckener von der Stiftung Wissenschaft und Politik in seinem Buch über transnationalen Terrorismus. Die Milizionäre dürften nämlich in einem solchen Umfeld um keinen Preis berechenbar werden, seien also gezwungen, ständig innovativ zu sein. Sonst werde es zu leicht, sie zu verfolgen, und ihre immer gleichen Taten würden nicht mehr als Erfolge gelten. Dieser Druck hat, wie es scheint, die Hisbollah schon erfasst. Fast täglich droht ihre Führung mit Raketen "auch auf Ziele jenseits von Tel Aviv" und mit "weiteren Überraschungen".

Ob diese Schecks gedeckt sind, ist ungewiss. Aber dass die Hisbollah, wie seit Wochen demonstriert, schon jetzt bis kurz vor Tel Aviv zuschlagen kann, war bereits eine erste solche Überraschung. "Wir haben eine Ära erreicht, in der Nicht-Staaten oder Quasi-Staaten militärisch erfolgreicher agieren als Staaten es tun", kommentiert Peter Singer von der renommierten Brookings Institution diese Entwicklung. John Arquilla, Professor für Verteidigungsnanlyse an der Naval Postgraduate School in den USA bezeichnete es in der "New York Times" so: "der erste Krieg zwischen Nation und Netzwerk".

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Nahost: Zorn und Trauer

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