Kriegsgefahr in Nahost Breite Zustimmung in Israel für Militärschlag gegen Hamas

Die Explosionsgefahr im Nahost wächst: Weil die Hamas weiter mit Raketen feuert, will Jerusalem das Regime in Gaza militärisch in die Knie zwingen. Erstmals steht eine Mehrheit der Bevölkerung hinter einer Vergeltungsaktion. Die Armee wartet nur noch auf günstiges Wetter.

Von , Tel Aviv


Tel Aviv - Die Hamas feuert Raketen, und Israel droht mit dem massiven Gegenschlag. Trotzdem tangiert der aktuelle Konflikt nicht bloß die Interessen Israels und der Hamas. Sollte es zur Eskalation kommen, sind ebenfalls iranische, jordanische und ägyptische Anliegen betroffen. Die einen schüren den Konflikt, um ihren regionalen Einfluss zu verstärken. Die anderen fürchten ihn, weil er ihr Regime bedrohen könnte.

Zu den Konflikttreibern gehört die islamische Republik Iran. Die Mullahs wollen sich mit Hilfe der Hamas am Mittelmeer, zusätzlich zur Hisbollah im Libanon, eine weitere Bastion aufbauen. Um sich zwischen Israel und Ägypten eine militärische Zweigniederlassung zu sichern, überweisen sie der Hamas reichlich Dollar-Scheine. Hamas-Aktivisten erhalten in Teheran immer wieder mit grünen Noten gefüllte Koffer, die sie nach Gaza schmuggeln sollen. Radikale Palästinenser werden vom Gottesstaat zudem militärisch ausgebildet und ausgerüstet.

Vor dem iranischen Kesseltreiben in der Region Gaza fürchten sich nicht nur Israel, sondern auch arabische Staaten im Nahen Osten. So hat Jordanien Angst, dass die Gaza-Wirren bei den Palästinensern im Haschemitenreich, die knapp 60 Prozent der Bevölkerung ausmachen, zu Unruhen führen könnten.

Ein Krieg in Gaza könnte auch für das Regime in Kairo gefährlich werden. Ägypten bereitet sich zum Beispiel darauf vor, dass ein israelischer Angriff auf den Gaza-Streifen eine Massenflucht von Palästinensern nach Ägypten auslösen könnte. Die Zahl der Sicherheitskräfte an der Grenze zum Gaza-Streifen wurde bereits erhöht.

Für den ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak ist das israelisch-palästinensische Kräftemessen in Gaza nämlich auch Innenpolitik. Denn erstens ist die Hamas die palästinensische Zweigniederlassung der Moslembrüder, Ägyptens gefährlichster Regimefeind. Mubarak muss sich zweitens vorwerfen lassen, der katastrophalen Versorgungslage der 1,5 Millionen Palästinenser im angrenzenden Gaza-Streifen tatenlos zuzusehen. Seit die Hamas im Sommer 2007 im Gaza-Streifen die Macht an sich gerissen hat, lässt Israel nur noch ein Minimum an Versorgungsgütern durch. Statt den Palästinensern zu helfen, habe Mubarak die Not der Palästinenser in Gaza noch verschärft, indem er die Grenze abriegelte, werfen ihm Kritiker vor. Damit mache er sich endgültig zum Lakaien der US-amerikanischen Regierung, von der er jedes Jahr mehrere Milliarden Dollar erhält.

Israel will seine Abschreckungskraft wiederherstellen

Um den Konflikt zwischen Jerusalem und Gaza zu entschärfen, setzt Kairo weiterhin auf Diplomatie - aber ohne Erfolg. Die Hamas-Führung bleibt hart, provoziert und spielt mit dem Feuer. Die Hamas ist zwar im Gaza-Streifen verantwortlich für das Wohl der Bevölkerung. Doch sie hat sich von der Ideologie des Widerstandes nicht gelöst. Ihr Ziel ist nicht die adäquate Versorgung der Bevölkerung, sondern die Rückeroberung der besetzten Gebiete.

Sie möchte eben nicht den Eindruck erwecken, aus Angst vor Israel an einem Waffenstillstand interessiert zu sein, meint ein Politologe in Gaza. Letztlich gehe es ihr darum, das Gesicht zu wahren. Und für dieses vergleichsweise bescheidene Ziel sei sie bereit, jeden Preis zu bezahlen.

Dabei weiß man in Gaza: Nur das schlechte Wetter verzögert derzeit die Durchführung des bereits beschlossenen israelischen Militärschlages. Sobald der Regen nachlässt und die Sicht besser wird, rechnen die Palästinenser mit gezielten Tötungen von Hamas-Führern, Zerstörungen von Hamas-Hauptquartieren und Panzervorstößen.

Für Jerusalem sind die Raketenangriffe aus Gaza nämlich ein klarer casus belli. Der Grundsatzentscheid der israelischen Regierung, gegen den Raketenbeschuss aus dem Gaza-Streifen mit Gewalt vorzugehen, stößt in Israel denn auch auf breite Zustimmung. Eine klare Mehrheit der Bevölkerung, fast alle Politiker und die meisten Parteien sind sich einig: Die Raketen aus dem Gaza-Streifen, die den Süden Israels unsicher machen, rechtfertigen eine Militäraktion. Dieser Meinung ist jetzt nicht nur die Rechte, sondern auch die Linke. So erinnerte diese Woche der Schriftsteller Amos Oz die israelische Regierung an ihre Pflicht, die Bürger des Staates verteidigen zu müssen. Das ständige Bombardement auf israelische Bürger nahe dem Gaza-Streifen bezeichnete er diese Woche als ein "Verbrechen gegen die Menschheit".

Auch Israel wird einen hohen Preis für die Militäraktion gegen die palästinensischen Raketenwerfer zahlen müssen. Die Hamas hat die Monate der Waffenruhe dazu benutzt, um ihre Kampftruppen besser aufzurüsten, zu organisieren und zu trainieren. Diese haben gelernt, wie man in dicht bebauten Gegenden dem Feind Schaden zufügt, und verfügen nun über Raketen, die bis zu 40 Kilometer nach Israel eindringen können. Damit sind Städte wie Aschdod oder Beersheba im Zielbereich der Hamas.

Militärexperten machen sich zwar kaum Illusionen, dass Luftangriffe auf Hamas-Hauptquartiere oder Panzervorstöße gegen Raketen-Werfer dem Terror aus Gaza ein Ende setzen können. Die bevorstehende Operation ziele vor allem darauf ab, die Abschreckungskraft der israelischen Armee wieder herzustellen. Das würde dann, meint ein israelischer Militärsprecher, auch regionale Implikationen haben.

Pierre Heumann ist Nahost-Korrespondent der Schweizer "Weltwoche".



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