Kriegsgefahr in Nahost: Israel ruft 16.000 Reservisten zu den Waffen

Israel macht Ernst, das Militär hat wegen der Gaza-Krise 16.000 Reservisten einberufen. Truppen, Panzer und anderes schweres Gerät rücken an die Grenze zur Palästinenser-Enklave vor. Eine geplante dreistündige Waffenruhe während des Besuchs von Ägyptens Premier in der Region wurde von beiden Seiten gebrochen.

Kampf gegen Hamas: Netanjahus gefährliche Strategie Fotos
DPA

Tel Aviv/Gaza - Die israelische Armee hat am Freitag mit der Einberufung von 16.000 Reservisten begonnen. Die Rekrutierung sei Teil des Einsatzes "Pfeiler der Verteidigung", mit dem Israel seit Mittwoch gegen die radikal-islamische Hamas im Gaza-Streifen vorgeht, sagte eine Armeesprecherin. Erste Einheiten, Panzer und anderes schweres Gerät ziehen nach Medienberichten nahe des Gebiets am Mittelmeer auf.

Israel treibt damit die Vorbereitungen für eine Bodenoffensive voran. Einen Tag zuvor hatte Israels Regierung den Weg für die Einberufung von bis zu 30.000 Reservisten freigemacht. Israelische Regierungskreise hatten einen Einmarsch in den Gaza-Streifen nicht ausgeschlossen. Ob das hohe Risiko jedoch eingegangen werden müsse, hänge vom Verlauf der Luftangriffe ab, berichtete der israelische Rundfunk.

In der Nacht hatte das Land seine Offensive verstärkt: Unvermindert bombardierte die israelische Luftwaffe Ziele im Gaza-Streifen. Sie flog nach Regierungsangaben rund 130 Angriffe. Dabei wurde ein Gebäude des Innenministeriums der Hamas in Gaza-Stadt zerstört. Die Luftschläge hätten unterirdischen Raketenstellungen gegolten, teilten die israelischen Streitkräfte mit.

Luftalarm in Tel Aviv

Auch die radikal-islamischen Kämpfer der Hamas feuerten weiterhin auf Städte in Israel. Beim Einschlag einer palästinensischen Rakete in Israel wurden drei Israelis getötet. Erstmals seit dem Golfkrieg von 1991 kam es zu einem Raketenangriff auf die Küstenmetropole Tel Aviv, es wurde Luftalarm ausgelöst.

Bisher galten Angriffe auf Tel Aviv als klare rote Linie bei den jahrelangen Scharmützeln zwischen Israel und der Hamas. Verteidigungsminister Barak bezeichnete die Raketenattacken auf die Küstenstadt als "Eskalation".

Waffenruhe gebrochen

Der ägyptische Ministerpräsident Hischam Kandil traf am Freitagmorgen im Gaza-Streifen ein. Während des dreistündigen Besuchs sollten eigentlich die Waffen ruhen. Das hatte der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu am Freitagmorgen angeordnet. Allerdings hatte der Premier zur Bedingung gemacht, dass auch die Militanten im Gaza-Streifen das Feuer einstellen.

Radikale Palästinenser feuerten aber zahlreiche Raketen auf den Süden Israels ab, wie die israelische Armee mitteilte. Die Luftwaffe antwortete mit einem Angriff auf das Haus eines Hamas-Kommandeurs. Zwei Palästinenser seien getötet worden, hieß es aus palästinensischen Sicherheitskreisen.

Ägyptens Premier Kandil wollte mit seiner Reise Druck auf Israel ausüben. Während einer Pressekonferenz mit Ismail Hanija, dem Regierungschef der Hamas, sagte er, Ägypten stehe auf der Seite der Palästinenser. Die Opfer der israelischen Angriffe bezeichnete Kandil als "Märtyrer".

Die Muslimbruderschaft in Ägypten, aus der auch Präsident Mohammed Mursi stammt, rief den Freitag zum Tag des Zorns in den Hauptstädten der arabischen Länder aus. Mursi hat die israelischen Angriffe auf den Gaza-Streifen bereits scharf kritisiert.

Israel verstärkt Angriffe auf Gaza

Die Lage in Nahost eskaliert zunehmend. Am Mittwoch hatte Israel Ahmed al-Dschabari, den Militärchef der Hamas, durch eine Rakete getötet und eine mehrtägige Operation gestartet. Die Operation "Säule der Verteidigung" soll die Hamas-Führung einschüchtern, damit sie die Raketenangriffe auf Israel stoppt. In den Tagen zuvor waren südliche Grenzorte zunehmend aus dem Gaza-Streifen beschossen worden.

Mitglieder der politischen Führungsriege der radikal-islamischen Organisation, wie der ehemalige Ministerpräsident Ismail Hanija, sollten sich nirgendwo mehr in Sicherheit wähnen, drohten Mitglieder von Netanjahus Regierung. In den vergangenen zwei Tagen kamen 19 Palästinenser ums Leben, darunter zwölf Zivilisten.

Scharfe Kritik kam vom türkischen Außenminister Ahmet Davutoglu. Er nannte die israelischen Angriffe auf den Gazas-Streifen ein "Verbrechen gegen die Menschlichkeit". Mit Massakern und Attentaten lasse sich im Nahen Osten kein Frieden erreichen, zitierten türkische Medien den Minister. Israel warf er vor, den Gaza-Streifen in ein Gefängnis verwandelt zu haben.

heb/dpa/AFP

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insgesamt 180 Beiträge
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1. Armes Israel - Deutschland, wach auf!!!
maho86 16.11.2012
Ständig wird berichtet dass die Hamas Israel mit Raketen beschießt und das sich das israelische Volk nur beschützen will. Ich kann zu diesen Äußerungen nur lachen. Armes Israel… einst versuchen sie sich gegen Länder anzulegen wie Iran und jetzt beschießen sie den Gazastreifen (ein offenes Gefängnis wenn man es so sehen will) mit Raketen. Hierbei kamen mehr als 19 Unschuldige Menschen ums Leben, nur die wahren „Bösen“ sind noch am Leben. Sind die Menschen denn so naiv zu sehen, dass Israel vor jeden Neuwahlen in den letzten 5 Wahlvorgängen, wiederholt das Gazastreifen angegriffen haben? Was kann man auch anderes von einem Land erwarten, wo die Kinder so aufgezogen, werden Moslems zu hassen und auf Raketen welche auf den Gazastreifen abgefeuert werden Bildchen zu malen. Deutschland… wach auf!!!
2. Wo ist die UNO und UNSC (United Nations Security Council )?
realistano 16.11.2012
Die Welt Gemeinschaft insbesondere die UNSC sogenannte Weltsicherheitsrat schaut nur zu, wie Israel die Armee mobilisiert , um die größte Gefängnis Streifen der Welt wieder platt zu machen, damit im Anschluss die EU es wieder aufbaut. Eine Schande für die Menschheit, die UNO kann nicht einmal einen Vermittler zusenden. Man habe sich damit abgefunden. 2008 hat die Offensive ca. 1500 Palästinenser das Leben gekostet, angesichts der massiven Mobilisierung der Armee kann befürchtet werden, dass diesmal wahrscheinlich die Zahl von 1500 übersteigen. Die Welt Gemeinschaft insbesondere die UNSC sogenannte Weltsicherheitsrat schaut nur zu, wie Israel die Armee mobilisiert , um die größte Gefängnis Streifen der Welt wieder platt zu machen, damit im Anschluss die EU es wieder aufbaut. Eine Schande für die Menschheit, die UNO kann nicht einmal einen Vermittler zusenden. Man habe sich damit abgefunden. 2008 hat die Offensive ca. 1500 Palästinenser das Leben gekostet, angesichts der massiven Mobilisierung der Armee kann befürchtet werden, dass diesmal wahrscheinlich die Zahl von 1500 übersteigen.
3.
peaceallovertheworld 16.11.2012
Hört endlich auf mit dem Krieg !!! Hört auf mit diesem Verbrechen !! Ihr habt doch bereits mehrere tausend unschuldige Zivilisten umgebracht !! Wir dürfen nicht mehr zuschauen!! Wir müssen unsere Stimmen erheben!! Dieses Verbrechen sollte nicht mehr geduldet werden!! Israel soll aus dem Grenzgebiet wieder raus und einen Waffenstillstand vereinbaren! Denn, dass sind sie den Menschen dort drüben schuldig! Peace all over the World , sollte unser Motto sein!! Danke !!
4. Schwierig
akrisios 16.11.2012
Ich bin voll auf der Seite der Israelis. Ich habe einige Zeit in Israel gelebt.Jedoch denke auch ich das das Problem nicht militärisch zu lösen sondernnur aufzuschieben ist. Das dafür zum Preis für mehr Hass, Blut & Gegenschläge. Jedoch müssen wir hier auf der "Grünen Insel" in D nicht den altklugen Vorzeigefinger hochhalten denn es ist in der Tat schwierig arabische Vertreter zu finden die es schaffen ihre Hardliner an der Leine zu halten. Israel setzt die Taktik seiner Unabhähngikeit fort. Wer weiß schon wohin die Befindlichkeiten der Supermächte führen werden und wie man da steht wenn sich die Mäntelchen wechseln. Es ist eine Frage des Überlebens. Das verstehen die Deutschen, meist verbildete Gut- & Bessermenschen, nicht weil sie im warmen Schoß derWohlstandsrepublik groß wurden.
5. klar wird
angnaria 16.11.2012
Israel wieder militärisch siegen, aber wieder mal um einen hohen Preis. Eine Hamas-Rakete kostet vielleicht $2000 Dollar, eine israelische Abfangrakete vermutlich das 50-fache und eine vom Flugzeug abgeschossene Luft-Boden Rakete das 500 bis 1000-fache. Geld das zukünftig wieder der Wirtschaft und der zivilen Entwicklung des Landes fehlen wird. Man spielt damit genau der Hamas in die Arme, denen die palästinesischen Zivilen Opfer reichlich egal sind. Die Geburtenrate ist hoch genug.
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Kampf gegen Hamas: Netanjahus gefährliche Strategie


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Israels gezielte Tötungen: Raketen, Gift und Schokolade

Fläche: 22.072 km²

Bevölkerung: 7,837 Mio.

Regierungssitz: Jerusalem

Staatsoberhaupt: Schimon Peres

Regierungschef: Benjamin Netanjahu

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Israel-Reiseseite


Knackpunkte der Nahost-Gespräche
Sicherheit
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Israel betont, es werde keinen Palästinenserstaat geben, solange die Sicherheit des jüdischen Staates nicht garantiert sei. Obwohl es in den vergangenen Jahren kaum noch Selbstmordanschläge palästinensischer Terroristen gibt, fühlen sich die Israelis bedroht.

Die israelischen Grenzstädte werden immer wieder von Raketen der radikalislamischen Hamas beschossen. Schlagen diese Geschosse auf israelischer Seite ein, kommt es regelmäßig zu Vergeltungsschlägen auf palästinensischem Gebiet. Die Palästinenser machen ihrerseits Angriffe durch das israelische Militär geltend.

Flüchtlinge
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Als Folge der Kriege 1948/49 und 1967 gibt es in den palästinensischen Gebieten und Israels Nachbarländern 4,8 Millionen registrierte palästinensische Flüchtlinge und ihre Nachkommen.

Die Flüchtlinge beharren auf das Recht, in ihre Heimat im heutigen Israel zurückkehren zu dürfen, Israel verneint dieses Recht und will den Verzicht auf eine Rückkehr in einem Friedensvertrag festschreiben.

Grenzen
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Nach dem Willen der Palästinenser soll ihr Staat die 1967 von Israel besetzten Gebiete Westjordanland, Gaza und Ost-Jerusalem umfassen. Israel beansprucht jedoch Teile dieses Territoriums – entgegen internationalem Recht – für sich. Israel hatte den Gaza-Streifen 2005 zwar geräumt, sein Embargo seit der Machtübernahme der Hamas 2007 aber verschärft.

Israel will zudem an Teilen des Westjordanlands festhalten. Dort gibt es rund 120 jüdische Siedlungen mit etwa 300.000 Israelis. In Ost-Jerusalem leben nach Angaben israelischer Menschenrechtler weitere 200.000. Nach internationalem Recht sind diese Siedlungen auf besetztem palästinensischen Gebiet illegal und müssen geräumt werden.

Jerusalem
AP
Der künftige Status der Stadt mit heiligen Stätten von Juden, Muslimen und Christen ist besonders umstritten. Israel beharrt auf dem ungeteilten Jerusalem als Hauptstadt. Die Palästinenser beanspruchen den Ostteil als Hauptstadt ihres künftigen Staates. Im Jahr 2000 scheiterte der Nahost-Gipfel an der Jerusalemfrage.
Golan
AP
Syrien dringt darauf, dass die 1967 besetzten Golanhöhen im Rahmen einer Friedenslösung zurückgegeben werden. Von der 1150 Quadratkilometer großen Hochebene hat Israels Armee einen guten Blick nach Syrien und in den Libanon. Umgekehrt könnten die Syrer vom Golan aus große Teile Israels überwachen. Heute leben in dem Gebiet neben rund 20.000 Syrern auch etwa 20.000 jüdische Einwohner.
Scheba-Farmen
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Das 30 Quadratkilometer kleine Gebiet an der Grenze von Syrien, Libanon und Israel ist seit langem umstritten. Die Vereinten Nationen und die USA sind der Ansicht, dass das Territorium als Teil der Golanhöhen zu Syrien gehört. Der Libanon und Syrien haben ihre Ansprüche bislang nicht eindeutig formuliert und wollen den Grenzdisput nach einem israelischen Rückzug klären.
Wasser
REUTERS
Schon vor 20 Jahren wurde vor einem drohenden Nahost-Krieg um Wasserquellen gewarnt. Wegen des Bevölkerungswachstums und der oft rücksichtslosen Ausbeutung der Ressourcen werden die Süßwasservorräte immer knapper. Amnesty International wirft Israel vor, Palästinenser bei der Nutzung der gemeinsamen Ressourcen zu benachteiligen, was die Regierung zurückweist. Die Kontrolle des von Israel genutzten Wassers ist auch ein Streitpunkt im Ringen um die künftige israelisch-syrische Grenze auf den Golanhöhen.