Tel Aviv/Gaza - Die israelische Armee hat am Freitag mit der Einberufung von 16.000 Reservisten begonnen. Die Rekrutierung sei Teil des Einsatzes "Pfeiler der Verteidigung", mit dem Israel seit Mittwoch gegen die radikal-islamische Hamas im Gaza-Streifen vorgeht, sagte eine Armeesprecherin. Erste Einheiten, Panzer und anderes schweres Gerät ziehen nach Medienberichten nahe des Gebiets am Mittelmeer auf.
Israel treibt damit die Vorbereitungen für eine Bodenoffensive voran. Einen Tag zuvor hatte Israels Regierung den Weg für die Einberufung von bis zu 30.000 Reservisten freigemacht. Israelische Regierungskreise hatten einen Einmarsch in den Gaza-Streifen nicht ausgeschlossen. Ob das hohe Risiko jedoch eingegangen werden müsse, hänge vom Verlauf der Luftangriffe ab, berichtete der israelische Rundfunk.
In der Nacht hatte das Land seine Offensive verstärkt: Unvermindert bombardierte die israelische Luftwaffe Ziele im Gaza-Streifen. Sie flog nach Regierungsangaben rund 130 Angriffe. Dabei wurde ein Gebäude des Innenministeriums der Hamas in Gaza-Stadt zerstört. Die Luftschläge hätten unterirdischen Raketenstellungen gegolten, teilten die israelischen Streitkräfte mit.
Luftalarm in Tel Aviv
Auch die radikal-islamischen Kämpfer der Hamas feuerten weiterhin auf Städte in Israel. Beim Einschlag einer palästinensischen Rakete in Israel wurden drei Israelis getötet. Erstmals seit dem Golfkrieg von 1991 kam es zu einem Raketenangriff auf die Küstenmetropole Tel Aviv, es wurde Luftalarm ausgelöst.
Bisher galten Angriffe auf Tel Aviv als klare rote Linie bei den jahrelangen Scharmützeln zwischen Israel und der Hamas. Verteidigungsminister Barak bezeichnete die Raketenattacken auf die Küstenstadt als "Eskalation".
Waffenruhe gebrochen
Der ägyptische Ministerpräsident Hischam Kandil traf am Freitagmorgen im Gaza-Streifen ein. Während des dreistündigen Besuchs sollten eigentlich die Waffen ruhen. Das hatte der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu am Freitagmorgen angeordnet. Allerdings hatte der Premier zur Bedingung gemacht, dass auch die Militanten im Gaza-Streifen das Feuer einstellen.
Radikale Palästinenser feuerten aber zahlreiche Raketen auf den Süden Israels ab, wie die israelische Armee mitteilte. Die Luftwaffe antwortete mit einem Angriff auf das Haus eines Hamas-Kommandeurs. Zwei Palästinenser seien getötet worden, hieß es aus palästinensischen Sicherheitskreisen.
Ägyptens Premier Kandil wollte mit seiner Reise Druck auf Israel ausüben. Während einer Pressekonferenz mit Ismail Hanija, dem Regierungschef der Hamas, sagte er, Ägypten stehe auf der Seite der Palästinenser. Die Opfer der israelischen Angriffe bezeichnete Kandil als "Märtyrer".
Die Muslimbruderschaft in Ägypten, aus der auch Präsident Mohammed Mursi stammt, rief den Freitag zum Tag des Zorns in den Hauptstädten der arabischen Länder aus. Mursi hat die israelischen Angriffe auf den Gaza-Streifen bereits scharf kritisiert.
Israel verstärkt Angriffe auf Gaza
Die Lage in Nahost eskaliert zunehmend. Am Mittwoch hatte Israel Ahmed al-Dschabari, den Militärchef der Hamas, durch eine Rakete getötet und eine mehrtägige Operation gestartet. Die Operation "Säule der Verteidigung" soll die Hamas-Führung einschüchtern, damit sie die Raketenangriffe auf Israel stoppt. In den Tagen zuvor waren südliche Grenzorte zunehmend aus dem Gaza-Streifen beschossen worden.
Mitglieder der politischen Führungsriege der radikal-islamischen Organisation, wie der ehemalige Ministerpräsident Ismail Hanija, sollten sich nirgendwo mehr in Sicherheit wähnen, drohten Mitglieder von Netanjahus Regierung. In den vergangenen zwei Tagen kamen 19 Palästinenser ums Leben, darunter zwölf Zivilisten.
Scharfe Kritik kam vom türkischen Außenminister Ahmet Davutoglu. Er nannte die israelischen Angriffe auf den Gazas-Streifen ein "Verbrechen gegen die Menschlichkeit". Mit Massakern und Attentaten lasse sich im Nahen Osten kein Frieden erreichen, zitierten türkische Medien den Minister. Israel warf er vor, den Gaza-Streifen in ein Gefängnis verwandelt zu haben.
heb/dpa/AFP
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Nahost-Konflikt | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH