Kriegsverbrechen Tod im Container

Am Mittwoch abend zeigt die ARD den Film des irischen Dokumentarfilmers Jamie Doran. Darin wird behauptet, dass US-Soldaten in Afghanistan zusahen, wie Tausende Taliban nach ihrer Kapitulation ermordet wurden.


In der Wüste verscharrt: Gefangene Taliban
Celtic Films

In der Wüste verscharrt: Gefangene Taliban

London - Es war einer dieser Abende bei Crosses Corner, einem Pub in Windsor unweit des königlichen Schlosses. Der irische Dokumentarfilmer Jamie Doran, 46, der immer viel redet, und sein Kameramann Mark Oulson-Jenkins, 31, der immer viel schweigt, saßen wie meist um diese Zeit bei einem Pint Foster's zusammen. Am nächsten Tag wollten sie wieder los auf ihren vorläufig letzten Trip zu den Kriegern nach Nordafghanistan, und beide hatten dieses komische Gefühl im Bauch: "Fucking hell", sagte Doran, "Mark, es kommt schlimm diesmal."

Dass es so schlimm kommen würde, ahnte er nicht. Der freie Filmemacher und sein Team waren schon seit geraumer Zeit hinter einer ziemlich heißen Geschichte her. Sie wollen belegen, dass die Truppen des mächtigen und blutrünstigen Nordallianz-Generals Raschid Dostam unter den Augen der amerikanischen Verbündeten Ende November letzten Jahres in Afghanistan ein monströses Kriegsverbrechen verübten. Für bis zu 3000 der 8000 Taliban und al-Qaida-Kämpfer, die damals in Kunduz kapitulierten, endete der Gefangenentransport ins rund 300 Kilometer westlich gelegene Gefängnis von Shebarghan offenbar tödlich. Wie Sardinen seien sie in unbelüftete Container gepresst worden und qualvoll an Sauerstoffmangel, Überhitzung und Durst gestorben, behauptet Doran, viele Überlebende seien erschossen worden. Die Toten liegen rund 150 Kilometer westlich von Masar-i-Scharif in der Wüste Dasht-i-Laili verscharrt.

Jagt auf die Journalisten

Als Doran und Oulson-Jenkins schließlich ein vorläufig letztes Mal in Dostams Herrschaftsgebiet nach Masar-i-Scharif reisten, um für ihr Projekt letzte Belege - Zeugenaussagen und unveröffentlichtes Filmmaterial - zu sichern, war die Atmosphäre bereits spürbar angespannt. Die lokalen Warlords wussten längst, warum die beiden gekommen waren: Doran hatte einen verkürzten Rohschnitt seines Films mit explosiven Zeugenaussagen bereits vor Europa-Parlamentariern in Straßburg gezeigt und damit Menschenrechtsorganisationen und die internationale Presse, darunter den SPIEGEL (32/2002), alarmiert. Ende August titelte das amerikanische Nachrichtenmagazin "Newsweek": "Der Todeskonvoi von Afghanistan. Sind die Vereinigten Staaten mitverantwortlich für die Gräueltaten ihrer Alliierten?" Kurz darauf rannten Doran und Oulson-Jenkins um ihr Leben: "Gesucht werden zwei britische Journalisten, die einen illegalen Film über die Regierung machen wollen," ließen Dostams Schergen über "Balkh-Radio", den örtlichen Sender, verbreiten. Die beiden flüchteten gerade noch rechtzeitig in ein Uno-Flugzeug nach Kabul.

Mit der neuen Fassung des Films will Doran nun beweisen, dass die mit den Afghanen Krieg führenden Amerikaner von diesem Massenmord nicht nur wussten, sondern auch selbst involviert waren: "Mein Film zeigt die Kette der Verantwortlichkeit." Das Bildmaterial über die Endphase des Krieges dokumentiert: - Die gefangenen Taliban und al-Quaida-Kämpfer Ende November 2001 nach ihrer Kapitulation in Kunduz, als sie zusammengepfercht in offenen LKWs Richtung Masar gebracht werden. US-Militärs am Straßenrand.

-General Dostam, mit immer dem gleichen US-Elitesoldaten an seiner Seite, bei den Vorbereitungen seiner letzten, großen Schlacht gegen die Taliban

- und wie seine Soldaten später gemeinsam mit der US-Luftwaffe und dem britischen Special Air Service den Gefangenenaufstand in Qala Jangi, einer Festung bei Mazar, niederschlagen. Hunderte Tote bleiben zurück.

- Der gefangene amerikanische Talib John Walker Lindh beim Verhör. Die Befrager sind Angehörige des US-Geheimdienstes CIA. Gezeigt wird ein Mann namens Johnny "Mike" Spann, der kurz darauf von einem Geschütz bei dem Gefangenenaufstand getötet wird.

- Die ständige US-Spezialkräftebasis, das amerikanische Feldlager, bei Masar Anfang Dezember 2001.

- und al-Qaida-Häftlinge im Gefängnis Shibarghan, wohin die entkräfteten Gefangenen als letzte Station gebracht werden sollten, nur wenige Kilometer entfernt von jenem Platz, wo womöglich Tausende von ihnen heute unter der Erde liegen.

Dazu ein Bild vom 1. Dezember: US-Special-Forces auf der Gefängnismauer. Die Film-Sequenzen legen nahe, dass US-Militärs alles stets genau verfolgten, auch an den Tagen, an denen das Massaker stattfand: die Transporte der Gefangenen, die Verhöre und schließlich die Auswahl derer, die nach Kuba/Guantanamo Bay gebracht werden sollten.

Haben die Amerikaner tatenlos zugesehen?

Zeugen behaupten, dass Amerikaner während der grausamen Erstickungen und Erschießungen der Kriegsgefangenen mitunter direkt daneben standen. Letzte Beweise - Bilder, die Amerikaner mit den Getöteten zeigen - fehlen jedoch. Die ARD änderte ihr Vorweihnachtsprogramm und zeigt den Film "Das Massaker in Afghanistan - Haben die Amerikaner zugesehen?" in deutscher Fassung am Mittwochabend um 21.55 Uhr. NDR-Kulturchef Thomas Schreiber: "Die westlichen Soldaten gingen in diesen Krieg mit einem gewissen Anspruch. Wenn dieser Anspruch verletzt wird, ist es journalistische Pflicht, darüber zu berichten."

Die Grüne Christa Nickels setzte das Thema für Mittwoch auf die Agenda des Bundestagsausschusses für Menschenrechte und humanitäre Hilfe: "Auch im Anti-Terrorkampf müssen die Menschenrechte gewahrt bleiben." Und der Grünen-Fraktionschef des Europa-Parlaments, Daniel Cohn-Bendit, intervenierte vorvergangene Woche in einem Brief an die UN in Kabul, alles zu tun, um die Augenzeugen im Film und deren Familien für Racheakten zu schützen.

Verblichene Knochen und Kleider

Als erster westlicher Berichterstatter hatte Doran die Überreste der Getöteten, verblichene Knochen und Kleider, Dezember 2001 im Wüstensand entdeckt. Eine unabhängige Untersuchungskommission aus Boston hatte inzwischen Hinweise auf frische Massengräber gefunden. Die meisten Journalisten waren nach der Aufgabe der Taliban Richtung Qala Jangi, Dostums Hauptquartier, weiter gezogen. Doran, ein erfahrener Frontberichterstatter und preisgekrönter Dokumentarjournalist, blieb dagegen in der ehemaligen Kampfzone nahe Kunduz und hielt sich bewusst fernab der Kollegen auf. Das erhöht zwar das eigene Risiko, dient aber nicht selten der Wahrheitsfindung. So traf Doran auf Gefolgsleute unterschiedlicher afghanischer Kriegsfürsten, die ihm alle dasselbe berichteten - Misshandlung und Tötung von gefangenen Taliban und al-Qaida-Kämpfern.

"Wäre ich gewesen, wo die anderen Journalisten waren, hätte ich die wichtigste Geschichte dieses Krieges verpasst", sagt Doran, der lange Jahre Dokumentarfilme für die BBC drehte und mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurde. Der gebürtige Glasgower lebt heute mit Frau und seinen drei Töchtern in einem beschaulichen Dorf bei London. Als jüngstes von sechs Kindern eines irischen Freiheitskämpfers wurde Doran dazu erzogen, Politikern und vor allem dem Militär zu misstrauen: "Politik ist legale Korruption, mich interessiert nur der humanitäre Standpunkt," sagt der gelernte Politikwissenschaftler, der aus Protest gegen die bürgerlichen Parteien lieber die britische Spaß-Anarchistengruppe "Monster Raving Loony Party" wählt.

Niemand will den Massenmord bemerkt haben

In Amerika treffen die ungeheuerlichen Anschuldigungen gegen US-Militärs und ihre afghanischen Verbündeten auf äußerst verhaltenes Interesse: "Central Command ist der Sache nachgegangen und hat keine Beweise gefunden für Teilnahme, Mitwissen oder Präsenz. Unsere Leute waren nicht hier, haben nichts gesehen und wussten nichts davon, falls das wirklich passiert ist," so das karge Statement von Pentagon-Sprecher Dave Lapan. Inzwischen wird nicht mehr bestritten, dass US-Spezialkräfte in der Gegend waren. Von Massenmord will jedoch niemand etwas bemerkt haben.

Beteiligte berichten etwas anderes: "Waren Amerikaner anwesend?", fragt Doran im Film einen afghanischen Fahrer, der damals von Dostam-Soldaten gezwungen worden war, einen jener Container mit der Fracht von Toten und Sterbenden in die Wüste zu fahren. "Ja, sie waren da", antwortet der Fahrer. "Hier in Dasht-i-Laili?", fragt Doran. "Ja, hier," antwortet der Fahrer. "Wie viele Amerikaner waren dabei?" "Viele, vielleicht 30 bis 40," antwortet der Fahrer. Ein anderer sagt: "Alles war unter Kontrolle des amerikanischen Kommandeurs. In jedem Container waren 200 bis 300 Leichen, sie wurden hierher gebracht und begraben. Das ist alles, was ich weiß. Sie haben sie in die Wüste gebracht, damit die Hunde sie fressen."

US-Medien nehmen Kriegsopfer nicht ins Visier

Die Zeugen - Truckfahrer, Kommandeure der Nordallianz, Dostam-Soldaten - wollen ihre Aussage angeblich vor einer Untersuchungskommission oder einem Gericht wiederholen. Doch wer könnte Interesse haben an der Aufklärung, in Zeiten, in denen die Amerikaner die Beteiligung an einem Internationalen Strafgerichtshof strikt ablehnen und für ihre Soldaten so etwas wie eine generelle Schuldbefreiung fordern? Die großen US-Medien folgten mit Ausnahme von Newsweek bislang dem allgemeinen Trend, sich "nicht zu sehr auf die Opfer und das Elend in Afghanistan zu konzentrieren", wie es etwa in einem Memo an die Korrespondenten des Nachrichtensenders CNN hieß.

170 000 Pfund, über 260 000 Euro, hat der Film gekostet - der freie Dokumentarfilmer Doran lieh es sich von der Bank und borgte es von Freunden, seine Firma war zwischendrin fast pleite. Jüngst saßen er und Kameramann Oulson-Jenkins mal wieder in Windsor im Pub Crosses Corner. Die beiden waren sich einig, die Sache, die sie gemeinsam begonnen hatten, auch zu Ende zu bringen: "Und Ende ist erst", meint Doran, "wenn die Verantwortlichen vor einem Gericht stehen."



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