Kriegsverbrechen Uno soll im Kongo Massaker geduldet haben

Schwere Vorwürfe gegen die Friedenshüter der Uno im Kongo: Sie sollen zusammen mit Regierungstruppen ein Dorf dem Erdboden gleichgemacht haben. Nach siebenstündigem Bombardement seien die Bodentruppen mordlustig in den Weiler gezogen. Zivilisten seien bei lebendigem Leib verbrannt.

Von Alexander Schwabe


Hamburg - Augenzeugen zufolge hat Kazana sieben Stunden lang unter Granatbeschuss und Maschinengewehrfeuer gestanden. Es habe keine Angriffswarnung gegeben. Die kongolesischen Soldaten seien dann berauscht von Marihuana und Alkohol in das Dorf eingedrungen. Häuser seien in Brand gesteckt worden. Darin hätten sich noch immer Zivilisten aufgehalten. "Sie verbrannten Menschen", so Alezo Ozunga, ein alter Mann, der zu gebrechlich war, um zu fliehen. Die Blauhelme hätten dabeigestanden und zugeschaut, wie die Regierungsarmee die Häuser niederbrannte.

Ituri: Uno-Einheiten in der Kritik
REUTERS

Ituri: Uno-Einheiten in der Kritik

Der britische Sender Channel 4 wird morgen ein Video ausstrahlen, auf dem das angebliche Massaker in Kazana, einem Dorf in der ostkongolesischen Provinz Ituri, zu sehen sein soll. Nach Angaben der britischen Zeitung "The Observer" zeigt der Beitrag die "totale Zerstörung" der Siedlung.

Der Angriff im April sei Teil einer Offensive gewesen, in der südafrikanisch und pakistanisch besetzte Einheiten der internationalen Friedenstruppe (Monuc) und der mit ihr kooperierenden kongolesischen Regierungsarmee Rebellen der "Front de Résistance Patriotique en Ituri" (FRPI) vom Stamme der Walendu aufreiben sollten.

Zunächst hatte Olivier Mputu, hochrangiger Offizier in der Armee, mitgeteilt, 34 Milizionäre, vier Soldaten und keine Zivilisten seien bei dem Angriff getötet worden. Die Operation in Kazana sei ein Erfolg gewesen im Bemühen, die Gegend sicher zu machen. Nun wird der britische Sender Zeugen wie Alezo Ozunga aus dem niedergebrannten Dorf zeigen, der behauptet, rund 30 sterbende oder bereits tote Zivilisten gesehen zu haben, darunter etliche Kinder.

Die britischen Journalisten berichten, vier Tage nach der Zerstörung Kazanas hätten sie "traumatisierte Überlebende" aus diesem und aus mehr als einem Dutzend weiterer Dörfer angetroffen. Frauen, Kinder und Alte hätten sich ohne Nahrung und Schutz in der Gegend aufgehalten. Sie gaben an, die angreifenden Regierungstruppen hätten vergewaltigt und gefoltert.

Einer der Soldaten wird mit den Worten zitiert: "Diese Walendu sind harte Nüsse, man muss ihnen eine Lektion erteilen." Der kongolesische Offizier, der den Angriff auf Kazana befehligte, sagte demnach angesichts des brennenden Dorfes: "Das sieht nicht gut aus, ich kann meine Soldaten nicht kontrollieren."

Bei der Monuc, mit 17.000 Blauhelmen im Land - die größte Uno-Truppe weltweit -, zeigt man sich entsetzt. Scharou Schariff, politischer Leiter der Uno-Mission in der Provinz Ituri, sagt auf das Massaker befragt: "Normalerweise gilt im Feld: Wenn wir während eines Angriffs Frauen und Kinder sehen, stellen wir das Feuer ein. Dies hier ist schockierend, ich höre es zum ersten Mal."

Ein Sprecher der Friedenstruppe sagte jetzt im Kongo, die Berichte über das Massaker in Ituri würden geprüft. "Wir haben Ermittlungen eingeleitet, die noch andauern", sagte der Uno-Sprecher.

Letzten Herbst stand die Monuc in der Kritik, weil Blauhelme kongolesische Frauen vergewaltigt und Minderjährigen Lebensmittel im Austausch für Sex geboten hatten. Inzwischen ist Monuc-Soldaten untersagt, Sex mit Einheimischen zu haben, gleich welchen Alters oder Geschlechts.

Die Wahlen am 30. Juli, zu deren Sicherung rund 2000 europäische, darunter knapp 800 deutsche Soldaten unter dem Kommando der EU bereitstehen, werden in dem zerstörten Dorf Kazana wohl nicht stattfinden. Die Häuser dort sind dem Erdboden gleichgemacht, die Ernte vernichtet, die Schule, die als Wahllokal dienen sollte, ist zum Militärcamp umfunktioniert, und viele der geflohenen Bewohner haben ihren Wahlschein verloren.



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