Kriegsverbrechen Videos wecken Zweifel an Fahndung nach Ex-General Mladic

Die Bilder sind recht harmlos: Ein älterer Herr tanzt, feiert mit seiner Familie und treibt Sport. Doch der frühere bosnisch-serbische General Mladic wird vom Kriegsverbrechertribunal in Den Haag gesucht. Die Videos lassen Zweifel an der Ernsthaftigkeit der serbischen Fahndung aufkommen.


Sarajevo - Amateurvideos sorgen für politischen Streit: Die Frage, von wann die Aufnahmen stammen, die den früheren bosnisch-serbischen General Ratko Mladic zeigen, könnte die Stimmung in Brüssel für einen Beitritt Serbiens zur Europäischen Union beeinflussen.

Ein bosnischer Fernsehsender strahlte die privaten Filme am Mittwochabend aus: Mladic ist darauf bei einer Hochzeit zu sehen, in einem Restaurant in Belgrad oder beim Tischtennisspielen. Der Vorwurf, Mladic könne sich in Serbien frei bewegen, ist für die serbische Regierung von Brisanz: Die EU hat Mladics Gefangennahme und Überstellung nach Den Haag zur Bedingung für Fortschritte bei den Beitrittsverhandlungen gemacht.

Mladic ist seit 14 Jahren auf der Flucht, um einem Prozess vor dem Uno-Tribunal für Ex-Jugoslawien zu entgehen. Er ist wegen Kriegsverbrechen im Bosnien-Krieg (1992-1995) angeklagt, insbesondere wegen der Anordnung des Massakers von Srebrenica. In der Uno-Schutzzone wurden im Juli 1995 rund 8.000 muslimische Männer und Jungen umgebracht - es war das größte Blutvergießen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Für die Schutzzone waren niederländische Truppen verantwortlich.

Leibgarde bis 2002

Das Video deutet daraufhin, dass Mladic in Serbien noch lange nach dem Ende des Milosevic-Regimes im Jahr 2000 vor Strafverfolgung bewahrt wurde. Laut der britischen Zeitung "Guardian" hat ein früherer Sicherheitschef von Mladic vor einem Belgrader Gericht ausgesagt, der Ex-General sei noch bis 2002 von 50 bewaffneten Wächtern geschützt worden. "Wir haben Mladic vor Kriminellen und Jägern bewacht, weil auf ihn ein Kopfgeld ausgesetzt war, nicht vor dem Staat", zitiert die Zeitung Branislav Puhalo.

Der serbische Regierungssprecher Rasim Ljajic sagte auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz, die Veröffentlichung der Videos zum jetzigen Zeitpunkt solle kürzlich erfolgten positiven Einschätzungen über die serbische Kooperation mit dem Haager Tribunal schaden. Nach Angaben der serbischen Regierung handelt es sich um Aufnahmen, die im Dezember vergangenen Jahres von ihr beschlagnahmt und an das Uno-Tribunal übergeben worden seien. Eine Sprecherin des Tribunals bestätigte SPIEGEL ONLINE, dass die Videos dem Gericht "nicht unbekannt" seien.

Unklar ist, wann die Bilder aufgenommen wurden: Der bosnische Sender TV Federacije erklärte, die Videos seien über mehrerer Jahre gemacht worden, die jüngsten im vergangenen Jahr. Die serbische Regierung erklärte dagegen, das neueste Video stamme aus dem Jahr 2001 und sei kurz vor dem Untertauchen Mladics entstanden. Einige Videos, wie Aufnahmen von der Hochzeitsfeier eines seiner Leibwächter 2000, sind datiert. Eines zeigt ihn allerdings deutlich älter auf einem schneebedeckten Bergpfad.

sac/AP/AFP



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