Krim-Krise: Prorussischer Mob jagt Uno-Beobachter durch Simferopol

Aus Simferopol berichtet

REUTERS

Die Vereinten Nationen wollten sich ein Bild von der unübersichtlichen Lage auf der Halbinsel Krim machen. Doch prorussische Demonstranten jagen die Uno-Leute so lange durch Simferopol, bis die Vermittler die Stadt fluchtartig verlassen.

Robert Serry ist ein Diplomat, wie er im Buche steht, höflich im Umgang, vorsichtig in der Wahl seiner Worte. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon hat den Niederländer auf die Krim geschickt. Er soll sich ein Bild von der unübersichtlichen Lage auf der ukrainischen Halbinsel machen und an Ban Ki Moon berichten, bevor der Sicherheitsrat das nächste Mal wieder zusammenkommt.

Serry hat eben noch einen Posten bis an die Zähne bewaffneter Soldaten passiert. Sie tragen keine Erkennungszeichen, stammen aber offenkundig aus Russland. Serry hält sich dennoch mit einseitigen Schuldzuweisungen an die Adresse Moskaus zurück: Bloß nicht den Kreml vor den Kopf stoßen. Serrys Lieblingswort lautet "Deeskalation".

Die Männer, die Serry aber auf der Krim auflauern, halten offenbar wenig von Deeskalation oder von Beobachtern der Vereinten Nationen. Als Serrys Team das Hauptquartier der ukrainischen Küstenwache in der Gebietshauptstadt Simferopol verlässt, wird das Uno-Fahrzeug von drei Geländewagen gestoppt. Heraus springen Männer der "Samooborona", so nennt sich die prorussische Bürgerwehr. Die Männer tragen Tarnfleck und Schutzwesten, einer hantiert mit einer Kalaschnikow.

Moskau bestreitet, dass es sich um Militärs handelt

Das Stabsgebäude der ukrainischen Küstenwache wird seit Tagen von Bewaffneten und prorussischen Demonstranten belagert. Die ukrainischen Militärs haben die Zugänge mit Tischen und Stühlen verbarrikadiert. Sie fürchten eine Erstürmung. Generalmajor Igor Worontschenko hat etwas mehr als 2000 Mann unter seinem Kommando, die meisten stecken seit Tagen in ihren Stützpunkten fest. "Die Russen setzen die Familien meiner Männer unter Druck, damit sie sich ergeben", hat Worontschenko Serry berichtet.

Moskau bestreitet immer noch öffentlich, dass es sich bei den Bewaffneten um russische Militärs handelt. Der Kreml habe "keine Befehlsgewalt über von den Bewohnern der Krim gegründete Selbstverteidigungskräfte", so Außenminister Sergej Lawrow.

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Die Ukrainer haben den Uno-Leuten Beweise übergeben, dass es sich bei den Invasoren eindeutig um russische Truppen handelt. Worontschenkos Männer haben einen Eindringling auf ihrer Basis in Feodossija dingfest gemacht und durchsucht. Er trug einen russischen Pass bei sich und Papiere, die ihn als Angehörigen der russischen Streitkräfte ausweisen: 810 Brigade, Marineinfanterie von Moskaus Schwarzmeerflotte, stationiert im Hafen von Sewastopol.

Serry will zum nächsten Treffen, weil die prorussische Miliz sein Fahrzeug nicht freigibt, versucht er sich zu Fuß bis zu seinem Ziel durchzuschlagen. SPIEGEL ONLINE ruft er noch zu, er hoffe, seine "Arbeit im Namen des Friedens weiter fortzusetzen". Weit kommt er nicht: Eine Gruppe von prorussischen Demonstranten jagt Serry durch die Innenstadt von Simferopol. Sie fordern den Uno-Vertreter auf, er solle "dorthin verschwinden, wo er hergekommen ist".

"Wir lassen den Feind nicht durch!"

Die Demonstranten tragen russische Fahnen. Sie haben genau den Moment abgepasst, als die Uno-Beobachter ihre Mission in Simferopol fortsetzen wollen. In Abstand von wenigen Metern halten durchtrainierte Männer Wache. Einer gibt zu, Mitglied der aufgelösten Polizeitruppe Berkut zu sein, der berüchtigten Sondereinheit von Präsident Wiktor Janukowitsch.

Serry flüchtet mit seinen Begleitern in das "Wiener Märchen", ein Café in der Rosa-Luxemburg-Straße. Kämpfer der prorussischen Bürgerwehr blockieren die Zugänge. Vor dem Café schwillt die Menge zum Mob an. Sie tragen russische Fahnen und drohen mit den Fäusten in Richtung der eingesperrten Diplomaten. "Wir lassen den Feind nicht durch", rufen sie, und: "Putin, Putin!"

Auch anderswo bedrängen Demonstranten ausländische Beobachter. Sie stehen vor dem Hotel Ukraina in Simferopol, in dem nicht nur Journalisten aus dem Westen abgestiegen sind, sondern auch die OSZE-Mission.

Robert Serry hat beide Seiten hören wollen. Er hat sich um ein Treffen mit Sergej Aksjonow bemüht, dem zum neuen Krim-Regierungschef erklärten Chef der moskautreuen Partei "Russische Einheit". Aber Aksjonow hat dem Uno-Mann einen Korb gegeben, die neuen Machthaber sehen offenbar keine Notwendigkeit für Verhandlungen.

Serry kapituliert. Er sagt den Männern, die den Ausgang des Cafés in Simferopol blockieren, dass er seine Mission nicht fortsetzen werde. Sie bilden einen Korridor. Die Uno-Leute springen in ihren weißen Mini-Van und rasen zurück zum Flughafen. Noch am Abend flog Serry ab.

Die Menge schwenkt ihre russischen Fahnen und feiert den Sieg über die Vereinten Nationen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 197 Beiträge
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1. Keine Zeugen gewünscht
Miach 05.03.2014
Tja, wer wundert sich darüber? Immerhin könnten ja neutrale Personen auf Informationen treffen die nicht ganz so stimmig sind. Für verfolgte und in Not geraten ist das schon seltsam das man lieber unbekannte, schwerbewaffnete Truppen für seinen Schutz haben möchte (weil russ. Truppen sind es ja nicht, wie uns heute Personen erklären die gestern noch gesagt haben diese sein von Janukowitsch erwünscht worden). Aber mit Sicherheit finden die großen Kritiker "des Westens" Gründe warum es richtig war UNO Vertreter zu verjagend und auch, warum Putin dazu schweigt - müsste er diese doch begrüßen da sie belgen würden was er sagt. Aber alles bestimmt ein weiterer Beleg für eine westliche Verschwörung und auf keinen Fall dafür, dass Russland hier ein sehr merkwürdiges Bild und unwürdig/peinliches Schauspiel veranstaltet.
2. Peter-Scholl-Latour
neuronenzenker 05.03.2014
Der "weise Kissinger" über die Ukraine: Derzeit beunruhigt der Ukraine- und Krim-Konflikt die Welt. Droht ein neuer Krieg in Europa? Wer soll diesen Krieg denn führen? Etwa die EU? Und mit welcher Armee denn? Nein, das ist absurd. Diese Gefahr besteht nicht. Und was ist mit einem Krieg zwischen Russland und der Ukraine? Auch unwahrscheinlich. Was halten Sie von der Empörung und auch der Wut, mit der westliche Politiker auf die Ereignisse in der Ukraine reagieren? Völlig überzogen, unrealistisch und von Voreingenommenheit gegenüber Russland geprägt. Vergessen wir nicht: Weder die derzeitige Kiewer Regierung noch der Präsident sind legitimiert. Auch ich halte wenig von dem gestürzten Präsidenten Janukowitsch. Der rechtmäßige Präsident der Ukraine ist er dennoch. Und was die Amerikaner anbelangt: sie sollten nicht zu laut tönen. Sie haben schon dreimal rote Linien gezogen und nicht eingehalten. Hier weiterlesen: http://www.merkur-online.de/aktuelles/politik/peter-scholl-latour-interview-zu-ukraine-buch-projekt-syrien-islam-3397473.html
3. Woran das nur liegt?
mh1012 05.03.2014
Ganz offensichtlich scheinen die meisten Menschen auf er Krim Vertretern des Westens keinen Zentimeter über den Weg zu trauen. Dass sie dabei keinen Unterschied zwischen EU, NATO und UNO machen ist nachvollziehbar. So groß ist der Unterschied ja auch nicht. Oder?
4. ich kann die Krim Einwohner
anonym187 05.03.2014
verstehen, wieso sie den UN Diplomaten nicht vertrauen! sie sind ja ebenfalls nicht neutral und werden vom Westen gesteuert!
5. Schon mal drüber nachgedacht?
tuti 05.03.2014
dass die Menschen in der Ukraine nach den Ereignissen im Kiev und sehr schnellen Anerkennung der neuen Regierung(die ja juristisch nicht legitim ist) von UNS bekommen hat und nun wollen wir auch noch unabhängige beobachte schiecken? Da wäre ich aber auch skeptisch ehrlich gesagt…
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