Ukraine-Russland-Krise Putin provoziert mit Raketentest

Die USA drohen, Putin reizt: Mitten in der Ukraine-Krise hat Russland eine Interkontinentalrakete getestet. Auf der Halbinsel Krim bleibt die Lage angespannt. Die EU setzt auf Diplomatie. Die jüngsten Ereignisse im Überblick.

Schüsse auf der Krim: Prorussische Truppen bedrohen ukrainische Soldaten
Getty Images

Schüsse auf der Krim: Prorussische Truppen bedrohen ukrainische Soldaten


  • Die neuen Provokationen

Der Konflikt zwischen der Ukraine und Russland belastet die Beziehungen zwischen den Weltmächten. Am Dienstag schickten die USA Drohungen in Richtung Moskau. Der Kreml antwortete mit einem Raketentest.

Wie ein Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums mitteilte, sei eine Interkontinentalrakete vom Typ RS-12M Topol nahe des Kaspischen Meeres gestartet worden und dann in Kasachstan eingeschlagen. Die USA bestätigten, dass sie bereits vor der Krim-Krise von Russland über einen Raketentest informiert worden seien. Die Rakete hat eine maximale Reichweite von 10.500 Kilometern und kann nukleare Sprengköpfe tragen.

Zuvor hatten die USA den Ton gegenüber Russland deutlich verschärft. Schon am Morgen hatte das amerikanische Verteidigungsministerium angekündigt, die militärische Zusammenarbeit mit Russland werde sofort beendet. Später meldete sich Präsident Barack Obama selbst zu Wort: Moskau verstoße im Konflikt mit der Ukraine gegen internationales Recht, sagte Obama. Wegen der russischen "Einmischung" würden viele Länder auf Distanz zu Moskau gehen.

Auch Außenminister John Kerry kritisierte die Politik des Kreml: Russland müsse seine Truppen wieder zurück in die Kasernen rufen, sagte Kerry bei einem Besuch in Kiew. Sonst bleibe den USA und ihren Partnern keine andere Wahl, als Russland "politisch, diplomatisch und wirtschaftlich zu isolieren".

Die USA beschuldigen Russland, mit Tausenden Soldaten die zur Ukraine gehörende Halbinsel Krim besetzt zu haben. Russlands Präsident Putin bestreitet dies.

  • Die Situation auf der Krim:

Auf der Krim bleibt die Lage kritisch. Mutmaßlich russische Einheiten ohne Hoheitsabzeichen kontrollieren de facto die gesamte Halbinsel, vor allem aber die Militäranlagen.

Zu einem Zwischenfall kam es auf dem Luftwaffenstützpunkt von Belbek, den russische Soldaten blockieren. Am Morgen marschierten Hunderte ukrainische Soldaten unbewaffnet in Richtung Flugfeld und verlangten ihre Jobs zurück. Die russischen Einheiten feuerten daraufhin Warnschüsse ab. Es waren die ersten Schüsse im Konflikt um die strategisch wichtige Halbinsel.

Zwei weitere russische Kriegsschiffe haben das Mittelmeer verlassen und verstärken die Flotte im Schwarzen Meer. Ein Flugzeugträger der US-Marine ist derweil in Griechenland eingetroffen. Von dort könnte das Schiff die Krim rasch erreichen.

Schon am Mittwoch könnte die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) Beobachter auf die Krim schicken. Das berichten die Nachrichtenagenturen dpa und AP. Die OSZE werde auf Einladung der Ukraine in das Land fahren.

  • Die Haltung Putins:

Am Mittag äußerte sich Präsident Wladimir Putin in einer Pressekonferenz erstmals seit Beginn der Krim-Krise. Dabei setzte er auf eine Mischung aus Deeskalation und Drohgebärden. "Was den Einsatz von Streitkräften angeht: Bisher gibt es eine solche Notwendigkeit nicht", sagte Putin. "Russland hat keine Absicht, Krieg gegen das ukrainische Volk zu führen." Ganz ausschließen will er einen Militäreinsatz in der Ukraine aber nicht. Sollte es im Osten der Ukraine zu Unruhen kommen, werde Russland gegebenenfalls einschreiten.

Die neue ukrainische Regierung wirft Russland vor, bereits jetzt rechtswidrig Militär auf der Krim einzusetzen. Putin sieht das anders. Es gebe gar keinen Militäreinsatz auf der Krim, sagte er. Bei den bewaffneten Männern, die auf der Krim patrouillieren, handele es sich um "örtliche Selbstverteidigungskräfte".

  • Die Reaktion der Finanzmärkte:
Nach den heftigen Kursverlusten am Montag hat sich die Situation an den weltweiten Aktienmärkten am Dienstag deutlich beruhigt. Sowohl in Europa als auch in den USA stiegen die Kurse. Der deutsche Aktienindex Dax legte 2, 5 Prozent zu. In den USA erreichte der S&P 500 zwischenzeit ein neues Rekordhoch. Auslöser für die Erholung war die Rede von Russlands Präsident Putin. Sie wurde von den Investoren als Zeichen der Entspannung gewertet.

  • Die diplomatischen Bemühungen:

Die Außenminister der USA, Russlands und mehrerer EU-Staaten treffen sich am Mittwoch in Paris. Auch Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier wird dabei sein. Eigentlich sollte es bei dem Treffen um die Lage im Libanon gehen, nun wird die Krise zwischen Russland und der Ukraine beraten. Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Obama stimmten sich dazu schon am Dienstagabend ab - es herrsche "ein hohes Maß an Einvernehmen", teilte Regierungssprecher Steffen Seibert mit.

Auch die Nato ist alarmiert. Auf Antrag Polens haben am Dienstag zudem die Botschafter der Nato-Staaten bei einer Sondersitzung über die Krise beraten. Laut Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen haben die Militäraktionen in der Ukraine "ernste Auswirkungen für die Sicherheit und Stabilität des euro-atlantischen Gebietes". Am Mittwoch soll der Nato-Russland-Rat über die Ukraine-Krise beraten. Dabei wird auch ein Vertreter Russlands erwartet.

Die EU bemüht sich mit Hochdruck um eine politische Lösung des Konflikts. Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier sieht bessere Chancen auf die Gründung einer internationalen Kontaktgruppe. Auf einem Sondergipfel der Staats- und Regierungschefs will die EU am Donnerstag aber auch über die von den USA geforderten Sanktionen beraten. An dem Treffen nimmt der neue ukrainische Regierungschef Arsenij Jazenjuk teil.

Eskalation in der Ukraine - Chronologie der Krise
Donnerstag, 20. Februar
REUTERS

Sicherheitskräfte eröffnen in Kiew das Feuer auf Demonstranten. Fast 80 Menschen werden getötet. Damit eskalieren die wochenlangen Proteste in Kiew, die sich auch daran entzündeten, dass Präsident Wiktor Janukowitsch das Assoziierungsabkommen mit der EU nicht unterzeichnen wollte. Die Europäische Union beschließt individuelle Sanktionen gegen Verantwortliche für die Gewalt. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und seine Kollegen aus Frankreich und Polen beginnen eine Vermittlungsmission.

Freitag, 21. Februar
AFP

Auf Vermittlung der drei europäischen Außenminister und eines russischen Abgesandten unterzeichnen die Oppositionsführer und Präsident Wiktor Janukowitsch eine Vereinbarung, die eine Präsidentschaftswahl bis Ende des Jahres vorsieht. Das Parlament beschließt die Rückkehr zur Verfassung des Jahres 2004 mit weniger Rechten für den Staatschef.

Samstag, 22. Februar
Getty Images

Das Parlament enthebt Janukowitsch des Amtes und setzt für den 25. Mai eine vorgezogene Wahl an. Janukowitsch reist von Kiew in den Osten der Ukraine und taucht unter. Das Parlament wählt Alexander Turtschinow zu seinem Vorsitzenden. Zudem verfügen die Abgeordneten die sofortige Freilassung Julija Timoschenkos. Sie reist nach Kiew und ruft die Demonstranten auf dem Maidan zur Fortsetzung des Protests auf.

Sonntag, 23. Februar
AFP

Das Parlament wählt Turtschinow zum Übergangspräsidenten. Die USA und der Internationale Währungsfonds stellen Finanzhilfen in Aussicht.

Montag, 24. Februar
AFP

Die Übergangsregierung beziffert den Finanzbedarf der Ukraine auf 35 Milliarden Dollar (25,5 Milliarden Euro).

Dienstag, 25. Februar
AFP

In der Ukraine wird der nach Russland geflohene Janukowitsch wegen "Massenmords" gesucht. Boxweltmeister Vitali Klitschko erklärt seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahl.

Mittwoch, 26. Februar
REUTERS

Der proeuropäische Politiker Arseni Jazenjuk wird vom Maidan-Rat als Chef der Übergangsregierung nominiert. Kiew beantragt einen internationalen Haftbefehl gegen Janukowitsch. Putin ordnet eine gewaltige Militärübung an der Grenze zur Ukraine an. Auf der Krim kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen Anhängern und Gegnern der neuen Führung in Kiew.

Donnerstag, 27. Februar
REUTERS

Prorussische Milizionäre besetzen den Regierungssitz und das Parlament in der Krim-Hauptstadt Simferopol. Jazenjuk wird als Regierungschef vom Parlament bestätigt.

Freitag, 28. Februar
Getty Images

Bewaffnete in Uniformen ohne nationale Erkennungszeichen übernehmen die Kontrolle über zwei Flughäfen auf der Krim. Nach Angaben Kiews landen 2000 russische Soldaten auf einem Luftwaffenstützpunkt auf der Halbinsel. US-Präsident Barack Obama droht Moskau mit ernsten Konsequenzen, sollte die Souveränität und territoriale Integrität der Ukraine verletzt werden.

Samstag, 1. März
Getty Images

Das Oberhaus des russischen Parlaments stimmt Putins Antrag zur Entsendung von Truppen in die Ukraine zu. Kiew beschuldigt Russland, inzwischen 6000 Soldaten und 30 Panzerfahrzeuge auf die Halbinsel verlegt zu haben. Ein Referendum über den künftigen Status der autonomen Teilrepublik wird auf den 30. März vorverlegt. Die ukrainische Armee wird in Alarmbereitschaft versetzt.

Sonntag, 2. März
AP

Die Ukraine mobilisiert alle Reservisten, Übergangsregierungschef Arseni Jazenjuk wirft Moskau eine "Kriegserklärung" vor. Prorussische Milizen setzen ukrainische Soldaten auf der Krim in ihren Kasernen fest. Der gerade ernannte ukrainische Marinechef läuft in das Lager der prorussischen Regionalregierung der Krim über.

Die G-7-Staaten legen die Vorbereitungen für den für Juni geplanten G-8-Gipfel in Sotschi auf Eis. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wirft Putin am Telefonat einen Verstoß gegen das Völkerrecht vor. Putin akzeptiert Merkels Vorschlag zu einem Dialog mit einer "Kontaktgruppe".

Montag, 3. März
DPA

Nach Angaben des ukrainischen Grenzschutzes setzt Russland die Verlegung von Truppen auf die Krim ungebremst fort. Die USA verlangen die sofortige Entsendung von OSZE-Beobachtern. Russlands Börsen und der Rubel brechen ein. Die EU-Außenminister ringen in Brüssel um eine gemeinsame Position zu der Krise.

Dienstag, 4. März
AP/ RIA Novosti

Erstmals meldet sich Russlands Präsident zu Wort: Wladimir Putin sagt auf einer Pressekonferenz, momentan gebe es keine Notwendigkeit für einen militärischen Einsatz. Generell ausschließen will er eine Intervention aber nicht. Das Pentagon beendet die militärischen Kooperationen mit Moskau. Am Abend testet Russland eine Interkontinental-Rakete – die USA waren vorab informiert. Auf der Krim fallen bei einer Konfrontation am Luftwaffenstützpunkt Belbek die ersten Warnschüsse des Konflikts.

stk/jok/dpa/Reuters/AFP



insgesamt 67 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ein anderer 04.03.2014
1. ...
Zitat von sysopGetty ImagesWarnschüsse fallen auf einem Militärflugplatz, russische Kriegsschiffe steuern das Schwarze Meer an: Die Lage auf der Krim bleibt angespannt. Kreml-Chef Putin sieht lokale Kräfte zur Selbstverteidigung am Werk - und keinen Grund zur Intervention. Die letzten Stunden im Überblick. http://www.spiegel.de/politik/ausland/roundup-die-krim-krise-im-ueberblick-a-956836.html
Der EU muss man auf die Schultern klopfen, dass sie immer noch unermüdlich mit Russland verhandeln wollen obwohl die "Fuck the EU"-Fraktion immer wieder ihre Agenda aus dem Hinterhalt durchzieht. Das erinnert an Sisiphus. Und jetzt wird der demokratische Präsident der USA noch als Weichei bezeichnet was bei früheren Präsidenten zu völlig irren Aktionen geführt hatte wie z.B. die Bombardierung einer Milchpulverfabrik.
spon-facebook-10000373147 04.03.2014
2. USA Bankrott - fals Sanktionen gegen Russland
Die USA und natürlich auch die anderen Nato Staaten sollten mal einen Wirtschaftsprüfer befragen, bevor Sie über Sanktionen und Kontensperrungen nachdenke !! Weil, wenn Russland und vielleicht China ihre Staatanleihen verkaufen, sind alle morgen pleite. Oder mal zur Warnung an die USA, alle mehrheitlich Russisch oder Chinesischen Wirtschaftszeige in den USA für eine Woche schließen, ha, ha, ha
Kusnezow 04.03.2014
3. Beruhigend.
Zitat von sysopGetty ImagesWarnschüsse fallen auf einem Militärflugplatz, russische Kriegsschiffe steuern das Schwarze Meer an: Die Lage auf der Krim bleibt angespannt. Kreml-Chef Putin sieht lokale Kräfte zur Selbstverteidigung am Werk - und keinen Grund zur Intervention. Die letzten Stunden im Überblick. http://www.spiegel.de/politik/ausland/roundup-die-krim-krise-im-ueberblick-a-956836.html
Die verlassen unbewaffnet ihre Luftwaffenbasis und wollen dann wieder rein? Wer bitte hat über diese armen Soldaten die Befehlsgewalt? Jedenfalls scheinen sich die Kommandeure vor Ort gegenüber ihren Soldaten verantwortungsbewusst zu verhalten. Nach dem Motto, wir sind nicht desertiert, wir wollten ja wieder rein, konnten aber nicht und jetzt gehen wir nach Hause.
boxah72 04.03.2014
4.
Zitat von ein andererDer EU muss man auf die Schultern klopfen, dass sie immer noch unermüdlich mit Russland verhandeln wollen obwohl die "Fuck the EU"-Fraktion immer wieder ihre Agenda aus dem Hinterhalt durchzieht. Das erinnert an Sisiphus. Und jetzt wird der demokratische Präsident der USA noch als Weichei bezeichnet was bei früheren Präsidenten zu völlig irren Aktionen geführt hatte wie z.B. die Bombardierung einer Milchpulverfabrik.
boxah72 04.03.2014
5.
Zitat von ein andererDer EU muss man auf die Schultern klopfen, dass sie immer noch unermüdlich mit Russland verhandeln wollen obwohl die "Fuck the EU"-Fraktion immer wieder ihre Agenda aus dem Hinterhalt durchzieht. Das erinnert an Sisiphus. Und jetzt wird der demokratische Präsident der USA noch als Weichei bezeichnet was bei früheren Präsidenten zu völlig irren Aktionen geführt hatte wie z.B. die Bombardierung einer Milchpulverfabrik.
Die EU und die NATO sollen sich einfach aus der ganzen Sache raushalten!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.