Vermisste in der Ukraine "Er ist unsere Luft. Uns fehlt die Luft zum Atmen"

Der Krieg in der Ostukraine tobt, auch wenn die Welt nicht mehr hinschaut. Rund 1500 Menschen gelten als vermisst, Familien werden zerrissen. Die Angehörigen wissen nicht, ob sie suchen oder trauern sollen.

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In einer Ecke des Schlafzimmers in ihrem Haus in dem kleinen Ort Kamjanez-Podilskyj im Westen der Ukraine hat Oksana Remischewska, 46, einen Schrein für ihren Mann Vitali aufgebaut: Ein Foto, orthodoxe Ikonen, getrocknete Blumen und Opferkerzen. Oksana richtet die Kamera ihres Computers während des Skype-Interviews auf den Schrein. Sie betet immer noch für ihren Mann, der vor drei Jahren verschwand.

Nach der Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim durch Russland und dem Beginn des Krieges zwischen den russisch unterstützten Separatisten und der ukrainischen Armee im Donbass, wurde Vitali, 43, Vater von drei Kindern und Lkw-Fahrer, eingezogen. Als Busfahrer für die Armee führten ihn seine Touren oft nahe an die Front. Oksana erinnert sich noch genau an den 19. Januar 2015, den Tag als ihr Ehemann verschwand: Vitali war schwierig auf dem Handy zu erreichen. Als er sich zwischendurch meldete, sagte er, sein Bus hätte eine Panne gehabt. In einem Telefonat rief er "Ich liebe dich," ins Telefon, sagt Oksana. Es sollten die letzten Worte werden, die sie seitdem von ihm gehört hat.

"Wir warten auf ihn, wir gehen in die Kirche, knien nieder und beten. Wir warten auf ihn, egal was passiert ist. Wir wissen, dass er ein anderer sein kann, nach all dem, was er durchgemacht hat. Aber wir werden versuchen, ihn wieder zu heilen," sagt Oksana. Dann beginnt sie zu weinen. "Er ist unsere Luft. Und uns fehlt zu Hause die Luft zum Atmen."

Seit dem Beginn des Krieges im Donbass sind auf beiden Seiten zusammen ungefähr 10.000 Kämpfer und Zivilisten getötet worden. Fast 1,7 Millionen Ukrainer sind zu Flüchtlingen im eigenen Land geworden. Neben diesen tragischen Zahlen wird das Schicksal der Vermissten und ihrer Angehörigen oft übersehen.

Ein offizielles Register existiert nicht, aber wie Miladin Bogetic vom Internationalen Roten Kreuz in einer E-Mail schreibt, haben sich rund 690 Familien in der Suche nach Angehörigen an seine Organisation gewandt. Geschätzt gelten rund 1500 Menschen derzeit als vermisst. Die meisten von ihnen sind Männer, zwischen 40 und 50 Jahre alt, Soldaten wie Vitali oder Zivilisten wie Konstantin Sydorenko, 56, der im Juni 2014 verschwand.

Sydorenko ist Vater von zwei Kindern und arbeitete für eine Tabakfirma in der Stadt Luhansk im Osten der Ukraine, jetzt unter Kontrolle der Separatisten. Sydorenko, sagt seine Frau Tetjana, war kein Soldat, aber die Separatisten verdächtigten ihn der Spionage für Kiew. Irgendwann erreichte Tetjana Konstantin am Telefon nicht mehr. Später sah sie sein Auto in der Nähe eines Gebäudes der Separatisten.

Diese bestätigten zwar seine Festnahme, aber niemand schien zu wissen, was danach mit ihm geschah, erzählt Tetjana im Interview. Vier Jahre später lebt sie in der Nähe von Kiew - leidet aber immer noch unter dem Verschwinden ihres Mannes.

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Die Angehörigen von Vermissten können sich von ihren Geliebten nicht verabschieden oder um sie trauern. Immer bleibt die Hoffnung, dass sie noch irgendwo am Leben sein könnten. "Die Angehörigen erleben Trauer, Nervosität, permanente Sorgen und Gedanken an den Verschwundenen. Die Wunden verheilen nicht mit der Zeit; im Gegenteil, der Schmerz wird schlimmer," schreibt Miladin Bogetic.

Immer wieder andere Meldungen über seinen Tod

Oksana und ihre Kinder wissen, wovon er spricht. Die Nachrichten über ihren Mann waren widersprüchlich: Jemand sagte ihr, er wäre bei einer Explosion getötet worden, andere sagten, er wäre in einem Feuer gestorben. Sein Körper wurde nicht gefunden. Die DNA-Tests von unidentifizierten Opfern halfen auch nicht weiter, erzählt Oksana.

Ein paar Tage nach Vitalis Verschwinden rief jemand von seiner Nummer aus an, gab sich als Separatist aus und sagte, Vitali sei am Leben. Oksana solle kommen und ihn abholen. Aber der Mann am Telefon widersprach sich und war irgendwann nicht mehr erreichbar. Oksana und Tetjana haben es immer versucht, haben alle kontaktiert: das Militär, den Geheimdienst, Politiker und Separatisten. Ihre Fragen wurden nicht beantwortet.

Bis zum Ende des Jahres 2017 wurden 2000 Funde von Überresten von ukrainischen Soldaten aus den Separatisten-Gebieten in die Ukraine überführt, sagt die ukrainische Parlamentsabgeordnete Olga Bogomolec. Über 800 DNS-Profile wurden aus Ihnen zusammengestellt. Aber nicht alle Angehörigen sind bereit, die Fakten der Analysen zu akzeptieren. "Wir haben 50 Fälle, in denen die Angehörigen sich weigern die Überreste der identifizierten Vermissten anzunehmen," sagt Bogomolec.

Erste gute Ansätze in der Gesetzgebung

Die ukrainische Politik hilft kaum weiter. Immerhin wurde 2018 schon ein Gesetz in der ersten Anhörung bestätigt, dass ein einheitliches Register für Vermisste und klare Regeln für die Suche schaffen soll. "Die Patrouillen, die nach den Toten suchen, werden Repräsentanten von der anderen Seite beinhalten. Mütter und Witwen aus den besetzten Gebieten haben das Recht, in das von der Ukraine kontrollierte Gebiet zu kommen. Sie können DNA-Test machen und erfahren, wo ihre Angehörigen begraben sind," so Olga Bogomolec.

Aber bis zu einer Kooperation der ukrainischen Armee und der aus Russland unterstützten Separatisten scheint es noch weit. Auch im Januar wurde an der Front geschossen und wöchentliche Berichte über getötete Soldaten sorgen für neuen Hass auf beiden Seiten.

Oksana und ihre Kinder halten an der Hoffnung fest. "Vor Neujahr sagte mein Sohn: 'Mama, wir haben dieses Jahr das beste Neujahrsfest. Nur Papa darf uns nicht im Stich lassen, und muss rechtzeitig ankommen'". Oksana erinnert sich daran, wie sie ihre Tränen zurückhalten musste. "Als er uns dann doch im Stich ließ, sagten sie: 'Das ist ok. Wir leben, um ihn wiederzusehen, wir sind stark, mit Gottes Hilfe werden wir damit fertig'".



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adieu2000 19.02.2018
1. Krieg im Herzen Europas
Die Ukraine ist ein gespaltenes Land und leidet unter einem schrecklichen Bürgerkrieg. Aber was hat diesen Bürgerkrieg hervor gebracht, wie konnte ein derart faszinierendes und progressives junges Land nur so zerfallen? Ausgangspunkt waren die Maidan Proteste vieler junger und mutiger Bürger die die plötzliche Abkehr von einer pro Europäischen Politik verurteilten. Was dann geschah war defacto die Macht Übernahme von rechten Nationalisten, die territorial in der Westukraine die größte Unterstützung haben, jedoch im Osten der Ukraine sich einer mehrheitlich prorussisch gesinnten Bevölkerung gegenüber sahen. Die neue Regierung in Kiew war quasi durch einen Putsch und der Unterstützung der Bevölkerung der Westukraine an die Macht gekommen, sah sich dem Widerstand und daraus resultierender Autonomie Bestrebungen der Krim und der Ist Ukraine konfrontiert. Was viele vorwiegend junge Ukrainer und auch Unterstützer der neuen Regierung für unmöglich hielten, war der Gedanke gegen das eigene Volk Krieg zu führen, man lebte damals die Überzeugung, stell Dir vor Es ist Krieg, und Niemand geht hin. Aber dann wurden auch sie einberufen zur Armee, die die sich weigerten wurden zu Verrätern gemacht, viele verschwanden und noch mehr wurden verheizt an der Front gegen das eigene Volk. Ja, es gibt viel Hass, und das auf beiden Seiten, aber nicht gegen den vermeintlichen Gegner, nein, es ist der Hass gegen die die Krieg führen und den Krieg unterstützen. Fragt man sich warum viele Familien diese DNS Beweise ablehnen, dann ist die Antwort nicht, man hofft auf eine Rückkehr, sondern man glaubt betrogen zu werden über die wahren Umstände des Todes. Es ist so bitter, das solche Konflikte nur auf schwarz weiß, gut und böse reduziert werden, viele Journalisten nutzen vermeintlich objektive Informationen sozialer Medien. Aber in einem Krieg ist eine objektive Berichterstattung nicht möglich, ein Bericht über einen Krieg kann nur die Summe subjektiver Schilderungen sein. Es sind Ausdrücke wie "Annexion der Krim" denen schon eine Parteinahme inne wohnt. Es ist ein ungelöste Streitfall. Die russisch stämmigen Bewohner der Krim fürchteten vertrieben, enteignet und entmündigt zu werden. Dort gab es eine überwältigende Mehrheit russischer Einwohner, das jede Form der Autonomie Bestrebung mit mehr als 2 Drittel eine hinreichende demokratische Legitimation erhalten hätte. Was die Kiewer Zentralregierung ohne eigene demokratische Legitimation in jeder Form untersagt hatte. Irgendwie weiß jeder, das es in der Ukraine nur um geopolitische Interessen des Westen und Russland geht und keine der Konflikt Parteien eine landesweite Mehrheit erzielen würde. Aber warum fragt man dort nicht die Menschen selber? Weil sie vielleicht sagen würden, das sie lieber in Frieden leben wollen, auch ohne die Krim und die Ostukraine, dass sie keine Russen vertreiben wollen oder eine Nationalsozialistische Regierung ablehnen würden? All das, was wir in Deutschland immernoch mit einer deutlichen Mehrheit ablehnen, Rechtsextremismus Neo Faschismus Rassenhass und Chauvinismus sind die Quellen für diesen Krieg, ohne sie wäre eine friedliche Lösung für die Ukraine und Ukrainer möglich und denkbar.
brosswag 20.02.2018
2. Meine Wahrnehmung
Bleibt doch bei den Tatsachen. Poroschenko hat den beiden Ostukrainischen Provinzen den Krieg erklärt als diese sich weigerten den von der westlichen Politik initiierten Putschpräsidenten nach dem bewaffneten Putsch gegen Janukowitsch vorbehaltlos zu akzeptieren. Sie forderten zuvor Verhandlungen um mehr Mitspracherecht im Parlament in Kiew. Nach anfänglicher Zusage verwarf Poreschenko diese Zusage jedoch wieder und mobilisierte das Heer gegen diese beiden Provinzen deren Bewohner mehrheitlich russischer Abstammung sind und begann damit also den Bürger-Krieg in der Ostukraine. Wegen der Krim kam kein Krieg zustande, denn den hätte Poroschenko direkt mit Russland führen müssen. Die Krimannexion verstehe ich bis heute als eine gebotene strategische Vorsichtsmaßnahme Russlands, als Reaktion auf den feindlich gesonnenen Putsch mit der völkerrechtswidrigen Vertreibung des legalen Präsidenten Janukowitsch. Und die Annexion ist mit Zustimmung der Krimbürger vollzogen worden und ohne einen einzigen Schuß und Anwendung von Gewalt wie das mit den beiden abtrünnigen Provinzen unter Mitwirkung des Westens bis zur Stunde stattfindet. Auch liegt die Ablehnung des Minsker Abkommens eindeutig bei Kiew.
werner-brösel 20.02.2018
3. Unzer diesen Umständen
über eine Aufhebung der Sanktionen gegen den Russischen Aggressor zu spekulieren ist in höchstem Maße fahrlässig und ermutigt den Verantwortlichen die Politik beizubehalten. Es macht Annektion und militärische Aggression gegen Nachbarstaaten berechenbar und somit berechenbar. Jedes zögern und wackeln in der Causa verlängert die Zeit, bis die Sanktionen ihre Wirkung entfalten können, da der Aggressor immer wieder Impulse für Hoffnung bekommt, nur noch ein bisschen länger aussitzen zu müssen und sein Handeln wird sich am Ende doch noch auszahlen. Dadurch aber werden weiterhin unzählige Menschen getötet und vertrieben werden, das Leid verlängert. Die bisherigen Sanktionen müssen daher weiterhin konsequent und unmissverständlich umgesetzt werden und ggf. auch nochmals verschärft werden, sollte der Völkerrechtsbruch durch Krieg in der Ost-Ukraine und Annektion der Krim weiter fortbestehen.
Robert_Rostock 20.02.2018
4.
Zitat von brosswagBleibt doch bei den Tatsachen. Poroschenko hat den beiden Ostukrainischen Provinzen den Krieg erklärt als diese sich weigerten den von der westlichen Politik initiierten Putschpräsidenten nach dem bewaffneten Putsch gegen Janukowitsch vorbehaltlos zu akzeptieren. Sie forderten zuvor Verhandlungen um mehr Mitspracherecht im Parlament in Kiew. Nach anfänglicher Zusage verwarf Poreschenko diese Zusage jedoch wieder und mobilisierte das Heer gegen diese beiden Provinzen deren Bewohner mehrheitlich russischer Abstammung sind und begann damit also den Bürger-Krieg in der Ostukraine. Wegen der Krim kam kein Krieg zustande, denn den hätte Poroschenko direkt mit Russland führen müssen. Die Krimannexion verstehe ich bis heute als eine gebotene strategische Vorsichtsmaßnahme Russlands, als Reaktion auf den feindlich gesonnenen Putsch mit der völkerrechtswidrigen Vertreibung des legalen Präsidenten Janukowitsch. Und die Annexion ist mit Zustimmung der Krimbürger vollzogen worden und ohne einen einzigen Schuß und Anwendung von Gewalt wie das mit den beiden abtrünnigen Provinzen unter Mitwirkung des Westens bis zur Stunde stattfindet. Auch liegt die Ablehnung des Minsker Abkommens eindeutig bei Kiew.
"Bleibt doch bei den Tatsachen." Wer im Glashaus sitzt... "Poroschenko hat den beiden Ostukrainischen Provinzen den Krieg erklärt als diese sich weigerten den von der westlichen Politik initiierten Putschpräsidenten nach dem bewaffneten Putsch gegen Janukowitsch vorbehaltlos zu akzeptieren." - Poroschenko ist erst seit Juni 2014 Präsident. Der Bürgerkrieg im Osten der Ukraine begann im April/Mai 2014. Und auch wenn Sie noch so doll mit den Füßen aufstampfen. Die Annexion der Krim ist und bleibt eine Annexion.
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