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Gekappte Stromversorgung: Der Zorn der Krimtataren

Von , Moskau

Ukraine: Der Zorn der Krimtataren Fotos
REUTERS

Unbekannte haben die Stromleitungen auf die Krim gekappt, Tataren blockieren die Reparatur. Das muslimische Volk fühlt sich verraten - und fürchtet, dass der Westen die Halbinsel für einen Kompromiss mit Russland opfert.

Für die Menschen auf der Krim war es die zweite Nacht ohne Strom und Heizung - und für viele wohl nicht die letzte. Nach der Unterbrechung der Stromversorgung haben sich Spezialisten des ukrainischen Energieversorgers Ukrenergo zwar ein Bild von den Schäden gemacht, doch zu einer umfangreichen Reparatur dürfte es vorerst nicht kommen.

Am Wochenende hatten Unbekannte - mutmaßlich Krimtataren und ukrainische Nationalisten - mehrere Masten mit Sprengladungen zerstört. Mehrere Stromtrassen vom ukrainischen Festland auf die von Russland annektierte Krim wurden dadurch gekappt.

Der ukrainische Versorger Ukrenergo zeigt nun zwar guten Willen: Die eine zerstörte Leitung könne binnen eines Tages wiederhergestellt werden, die anderen innerhalb von vier Tagen. Doch die Frage ist, ob die Instandsetzungstrupps überhaupt bis zu den gefällten Masten vordringen können.

Es gebe vor Ort Personen, die den Beginn der Arbeiten blockierten, teilte das Unternehmen am Sonntagabend mit. Gemeint sind Vertreter der Krimtataren. Sie wollen die Arbeiten nur "teilweise" zulassen, so Mustafa Dschemilew, Abgeordneter des ukrainischen Parlaments und einer der Anführer der Krimtataren. Repariert werden solle nur eine Leitung, die auch mehrere ukrainische Siedlungen versorgt, so Dschemilew. Alle anderen Masten wollen die Krimtataren abriegeln.

Die Krim deckt rund 70 Prozent ihres Stromverbrauchs über Leitungen vom ukrainischen Festland. Die Krim-Regierung hat die Elektrizität rationiert. An vielen Orten auf der Halbinsel gibt es Strom nur für wenige Stunden am Tag.

Die Blockade der Tataren richtet sich gegen den Kreml und die Krim-Behörden, zugleich aber auch gegen die ukrainische Führung in Kiew. Viele Tataren fordern ein entschlosseneres Vorgehen von Präsident Petro Poroschenko in der Frage der annektierten Halbinsel. Sie hegen den Verdacht, Kiew habe sich insgeheim mit dem Verlust der Krim abgefunden - und mache sogar Geschäfte mit den Russen.

Zerrüttetes Verhältnis

Die Tataren haben im Sommer deshalb auf eigene Faust eine Teilblockade der Krim errichtet: Lkw vom Festland mit Waren für die Krim lassen sie nicht mehr passieren. Die Tataren werden dabei von nationalistisch gesinnten ukrainischen Aktivisten unterstützt. Die Ukraine müsse sich entscheiden: "Führen wir Krieg mit Russland oder wollen wir mit Russland Handel treiben?", so hat es Refat Tschubarow formuliert, Vorsitzender des Medschlis, des Rates der Krimtataren. Jetzt hat die Regierung in Kiew den Warenverkehr vorerst offiziell unterbrochen. Regierungschef Arsenij Jazenjuk ordnete bei einer Sondersitzung des Kabinetts in Kiew an, eine Liste mit Waren zu erstellen, die blockiert werden.

Rund 260.000 der gut zwei Millionen Einwohner auf der Krim sind Tataren. Moskaus Verhältnis zu den Vertretern der muslimischen Volksgruppe ist zerrüttet - was auch historische Gründe hat. Unter Josef Stalin wurden 180.000 Tataren als Nazikollaborateure deportiert, Tausende kamen dabei um. Erst seit Ende der Achtzigerjahre durften sie zurückkehren.

Vor dem von Moskau im März 2014 im Eiltempo durchgeführten Referendum versuchte der Medschlis der Krimtataren, Widerstand zu organisieren. Er rief zu Demonstrationen auf und zum Boykott der Abstimmung. Der Medschlis bat auch Präsident Poroschenko, ein muslimisches Bataillon für den Kampf gegen Moskau auszurüsten.

Der Kreml hat die Organisationen der Tataren auf der Krim weitgehend zerschlagen: Ihr Sender ATR wurde geschlossen, gegen Tataren-Funktionär Dschemilew ein Einreiseverbot verhängt. Dschemilews Sohn wurde von einem Gericht zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, wegen fahrlässiger Tötung und Waffenbesitzes.

Die Krimtataren fürchten, sie und ihre Nöte könnten von der Welt vergessen werden. In den vergangenen Wochen wurden immer häufiger Stimmen laut, die "einen Kompromiss in der Krim-Frage als Ausweg aus dem Konflikt zwischen Russland und dem Westen sehen", klagte jüngst Tatarenfunktionär Tschubarow. Es stehe aber außer Frage, dass die Krim wieder Teil der Ukraine werden müsse.

Das Gefühl der Tataren, von der Welt verraten worden zu sein, hat der Journalist Aider Muschdabajew am treffendsten formuliert. Er soll im Kiewer Exil den Sender ATR wieder aufbauen. Er könne auch nicht genau sagen, wer denn die Strommasten gesprengt habe. Eine Rolle aber habe die Tatsache gespielt, dass "unser Volk kein Spielchip sein will im Spiel der großen politischen Mächte".

Video: Notstand auf der Krim - Ukrainische Aktivisten für Blackout verantwortlich?

DPA

mit Material von dpa

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 61 Beiträge
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1. Absolut kontraproduktiv!
überallzuhause 23.11.2015
Also mit solchen Aktionen werden sich die Krimtataren garantiert keine Freunde unter der absoluten russischsprachigen Mehrheit der Anwohner auf der Halbinsel schaffen! Sie verbauen sich damit selbst die Zukunft! Und nicht zuletzt: es grenzt an Verbrechen gegen die Humanität, denn dadurch gefährden sie Krankenhäuser, Kliniken, soziale Noteinrichtungen und deren Patienten, wenn diesen auf einmal der Strom gekappt wird.
2.
RudiRastlos2 23.11.2015
Zitat von überallzuhauseAlso mit solchen Aktionen werden sich die Krimtataren garantiert keine Freunde unter der absoluten russischsprachigen Mehrheit der Anwohner auf der Halbinsel schaffen! Sie verbauen sich damit selbst die Zukunft! Und nicht zuletzt: es grenzt an Verbrechen gegen die Humanität, denn dadurch gefährden sie Krankenhäuser, Kliniken, soziale Noteinrichtungen und deren Patienten, wenn diesen auf einmal der Strom gekappt wird.
Wie kommt es eigentlich, dass ALL ihre Forenbeiträge in der Vergangenheit sich nur um Russland und Putin drehen?
3.
syracusa 23.11.2015
Putin hat nicht nur Verträge mit der Ukraine gebrochen, als er sich widerrechtlich die Krim aneignete, sondern hat auch nach der Annexion sämtliche den Krimtataren gegebenen Versprechen gebrochen. Alle krimtatarischen Sender sind - entgegen Putins Zusagen - mittlerweile verboten, krimtatarische politische Organisationen sind verboten. Putin hat sich die Verantwortung für den nun bewaffneten Widerstand der Krimtataren ganz alleine selbst zuzuschreiben. Es bleibt zu hoffen, dass Aktionen der Krimtataren auf Angriffe gegen die Infrastruktur und gegen staatliche russische Institutionen beschränkt bleiben, und dass insbesondere keine Anschläge gegen Zivilpersonen erfolgen. Dann können die Krimtataren mit Symathie für ihre Sache rechnen.
4. ist schon seltsam ,
viceman260 23.11.2015
wieviel verständnis im artikel für die "armen"krimtataren-terroristen vorhanden ist. also, wer strommasten sprengt und mit gewalt die versorgung mit lebensmitteln unterbricht , so einer ist ein terrorist!
5. Aktivisten
hdwinkel 23.11.2015
Herr Bidder, eigentlich überall in der Welt nennt man Leute, die Strommasten sprengen nicht Aktivisten, sondern Extremisten. Noch dazu, wenn Millionen Haushalte betroffen sind. Lassen Sie das mal in Deutschland passieren und Sie würden noch ganz andere Bezeichnungen zu hören kriegen. Ansonsten kann man ein wenig am Verstand der Führer der Krimtataren zweifeln, wenn deren Antwort auf die Frage "Führen wir Krieg mit Russland oder wollen wir mit Russland Handel treiben?" Krieg lautet.
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Fläche: 603.700 km²
(inklusive der Krim, die seit 2014 von Russland annektiert ist)

Bevölkerung: 45,363 Mio.

Hauptstadt: Kiew

Staatsoberhaupt:
Petro Poroschenko

Regierungschef: Volodymyr Hroisman

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