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Referendum: Neue Krim-Elite, alte Mafia-Verbindungen

Aus Simferopol berichtet

Die Wahllokale auf der Krim haben geöffnet, der Ausgang des Referendums ist klar: Die Halbinsel fällt Russland zu. Viele Bürger knüpfen daran große Hoffnungen. Doch ein Wirtschaftswunder ist kaum zu erwarten. Die neue politische Elite setzte bisher auf Korruption, Filz und organisiertes Verbrechen.

Der Anwalt sitzt in seinem Büro im Zentrum von Simferopol, der Hauptstadt der Krim. Von hier sind es nur wenige Schritte bis zum Regionalparlament, wo die Anhänger eines Anschlusses der Halbinsel an das Nachbarland die russische Fahne gehisst haben. Dem Anwalt gefällt das nicht. "Vom juristischen Standpunkt aus gesehen ist das Referendum null und nichtig", sagt er.

Der Anwalt beginnt viele seiner Sätze mit dieser Formulierung: Juristisch gesehen hatte Moskau kein Recht, Truppen überall auf der Krim zu stationieren. Juristisch gesehen hat sich die neue prorussische Führung per Staatsstreich an die Macht geputscht. Der Anwalt ist gegen eine Annexion der Krim durch den Kreml. Er kann minutenlang erklären, wie und wo Russland und seine Verbündeten auf der Krim gerade Gesetze brechen - das Völkerrecht und die ukrainische Verfassung. Dann seufzt er.

Der Anwalt weiß, dass sich kaum einer auf der Krim noch mit Fragen des Rechts aufhält. Deshalb hat er Frau und Kinder fortgeschickt - auf das ukrainische Festland. Deshalb will er seinen Namen nicht veröffentlicht sehen. Er hat Angst um seine Existenz. Wenn Russland die Krim in seinen Orbit hole sei es vorbei mit der Freiheit. "Wir werden kein Reservat sein, sondern ein Teil von Moskaus Diktatur."

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Abspaltung von der Ukraine: Die Krim am Vortag des Referendums
Wenn am Sonntag die Bevölkerung der Krim zu den Wahlurnen strömt, gibt es keinen Zweifel am Ausgang der Abstimmung: Es wird eine Mehrheit geben für den Anschluss an Russland. Das liegt einerseits daran, dass die Anhänger eines Verbleibs in der Ukraine dem Referendum fernbleiben werden. Andere haben Angst vor Repressionen, denn die Abstimmung findet praktisch unter Aufsicht schwerbewaffneter russischer Soldaten statt. Die Uniformierten patrouillieren im Zentrum von Simferopol.

Andererseits setzt eine Mehrheit der Bevölkerung tatsächlich große Hoffnungen in Russland. Ihr Kalkül ist einfach: Die Halbinsel ist arm, das Monatseinkommen liegt im Durchschnitt bei rund 200 Euro. Von der Krim aus gesehen ist Russland reich und stark und stellt eine Chance auf eine bessere Zukunft dar. In Russland liegt das Durchschnittseinkommen bei 700 Euro, in Moskau sogar bei mehr als 1000 Euro.

Innerhalb von zwei Jahren werde die Krim aufblühen, glaubt der Politologe Alexander Furmantschuk aus Simferopol. Der Kreml werde massiv investieren, "Straßen werden gebaut werden und die Hotels voll sein mit russischen Touristen".

Korruption, Filz und organisiertes Verbrechen

Der Anwalt sieht es anders, wiegt den Kopf. Die Voraussetzungen für ein Wirtschaftswunder auf der Krim seien schlecht: "Schauen Sie sich doch nur Axjonow an." Er meint den neuen, von prorussischen Kräften ernannten Premier der Halbinsel. Tatsächlich ist schwer vorstellbar, dass sich Sergej Axjonow zu einer Art Ludwig Erhard der Krim aufschwingen könnte. Es ist wenig glaubhaft, dass er und seine Mannschaft Interesse daran haben, die schwerwiegenden Probleme der Halbinsel zu lösen. Sie sind Teil des Problems und seit Jahren selbst Akteure in einem undurchsichtigen Geflecht von Korruption, Filz und organisiertem Verbrechen.

Axjonows Partei "Russische Einheit" hat bei den letzten Regionalwahlen gerade einmal vier Prozent der Stimmen geholt. Der neue Krim-Premier hat dafür aber den Rückhalt einer anderen, weit einflussreicheren Organisation: der örtlichen Mafia. Dort nennen sie ihn "Goblin". In den neunziger Jahren war Axjonow Anführer einer Brigade, die berüchtigt dafür war, ihren Schutzgeldforderungen physisch Nachdruck zu verleihen.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kämpften Mafia-Gruppen um die Vorherrschaft auf der Krim. Sie kontrollierten Unternehmen und Fabriken. Axjonows Gruppe war Teil des sogenannten "Griechen"-Syndikats, wechselte dann aber zu "Seilem". Die "Griechen" nahmen dafür Rache, 1996 geriet Axjonow mit dem Auto in einen Hinterhalt und wurde angeschossen.

Syndikate gegen Oligarchen

Die Krim-Syndikate sorgten auch dafür, dass die berüchtigten Oligarchen vom ukrainischen Festland nie richtig Tritt fassen konnten auf der Halbinsel. Auf der Krim blieb man unter sich. Das änderte sich 2010 mit der Wahl von Wiktor Janukowitsch zum Präsidenten. Der neue Staatschef besetzte die wichtigsten Posten auf der Krim mit seinen Vertrauten. "Makedonzy" haben sie Janukowitschs Statthalter auf der Halbinsel genannt, weil sie aus den Städten Makejewka und Donezk stammen, Janukowitschs Hochburgen im Osten der Ukraine.

Das schmerzte vor allem einen: Wladimir Konstantinow, der sein Vermögen als Baumagnat auf der Krim gemacht hat. Wenn Menschen auf der Krim den Namen seiner Firma Konsol hören, schütteln viele wütend die Faust: Das Unternehmen hat Millionen von Familien eingesammelt, die von einer eigenen Wohnung träumten, die versprochenen Häuser dann aber nie gebaut. Konstantinow ist Mitglied von Janukowitschs Partei der Regionen. 2010 hat er viel Geld in den Wahlkampf gesteckt, bekam dann aber nicht den erhofften Premier-Job. Er wurde mit dem Posten als Sprecher des Parlaments abgespeist.

Nun versucht Konstantinow sein Glück im Lager der Kreml-Anhänger. Er ist einer der Wortführer der prorussischen Bewegung, die Nummer zwei nach Axjonow. Dessen Vater Waleri war einer der Männer, die Anfang der neunziger Jahre separatistische Bestrebungen in Transnistrien unterstützten - einem Gebiet, das völkerrechtlich zu Moldau gehört.

Transnistrien hat heute einen eigenen Präsidenten und eine Regierung, die international zwar nicht anerkannt wird, aber unter dem Schutz russischer Truppen steht. Wohlstand hat Moskau der Separatisten-Republik allerdings nicht beschert. Ähnlich wie das von Georgien abtrünnige Südossetien hat sich Transnistrien zu einem Paradies für Schmuggler entwickelt. Russische Hilfszahlungen versickern in den Taschen korrupter Eliten.

Die wirtschaftliche Lage der breiten Bevölkerung aber ist prekär. Das Durchschnittseinkommen liegt bei 280 Euro im Monat. Das ist zwar etwas mehr, als im moldauischen Kernland, aber auch meilenweit entfernt von den blühenden Landschaften, die Moskau versprochen hatte.

Der Anwalt in Simferopol sagt, wenn Axjonow und seine Männer am Ruder blieben, drohe der Krim ein ähnliches Schicksal: "Willkommen in der Höhle des Goblins."

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Grafik: Russische Truppen auf der Krim


Fläche: 17.098.200 km²

Bevölkerung: 143,972 Mio.

Hauptstadt: Moskau

Staatsoberhaupt:
Wladimir Putin

Regierungschef: Dmitrij Medwedew

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