Putins Expansion Russen leiden unter Belastung durch Krim-Kosten

Nach anfänglicher Euphorie macht sich Ernüchterung breit: Vor allem ärmere Russen spüren die Kosten der Krim-Annexion durch Putins Regierung in der Lohntüte. Steigende Inflation und sinkende Reallöhne machen ihnen mehr und mehr zu schaffen.

Russische Urlauber an den Stränden der Krim: Im Billigflieger nach Simferopol
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Russische Urlauber an den Stränden der Krim: Im Billigflieger nach Simferopol


Moskau - Nach der Annexion der Krim im März hatte Russlands Präsident Wladimir Putin den wirtschaftlichen Aufbau der Krim zur nationalen Aufgabe erklärt. Die von der Ukraine separierte Region, einst Erholungsgebiet sowjetischer Bonzen und Russlands strategisch wichtiger Hafen zum Schwarzen Meer, liegt ökonomisch darnieder. Bahnlinien, Straßen, Häfen und Industrie wurden teils seit Jahrzehnten nicht saniert, die Landwirtschaft liegt teilweise brach. Bis zu einer Billion Rubel, rund 22 Milliarden Euro, will Putin bis 2020 investieren.

Zunächst herrschte im russischen Volk patriotische Euphorie über den gelungenen Coup Putins, die Medien jubelten über ihren Präsidenten, dem es gelungen war, die russischsprachige Region den Fängen ukrainischer Faschisten zu entreißen und dem Westen ein Schnippchen zu schlagen. Doch der Champagner-Laune folgt bereits wenige Monate später Ernüchterung: Steigende Inflation und sinkende Reallöhne machen besonders den mittelständischen und armen Russen mehr und mehr zu schaffen.

Die Krankenhaus-Therapeutin Tatjana, ihren Nachnamen will sie nicht nennen, lebt und arbeitet in dem russischen Ort Taganrog nahe der Grenze zur Krim. Noch immer, sagte sie der Nachrichtenagentur Reuters, freue sie sich darüber, dass ihre Landsleute Anschluss an Russland bekommen hätten. Gleichzeitig stellt sie fest, dass ihr bis dato ausreichendes Monatsgehalt von 9000 Rubel (rund 192 Euro) nicht mehr reicht, um die stetig steigenden Kosten für Nahrung und Unterhalt zu bezahlen. Seit einigen Wochen hat die 52-Jährige begonnen, private Therapiestunden außerhalb ihrer regulären Arbeitszeit zu geben, um über die Runden zu kommen. Aber auch das könnten sich immer weniger Kunden leisten.

In ihrem Krankenhaus würden die Angestellten aufgefordert, auf einen Tageslohn zu verzichten, aus Solidarität mit den rund zwei Millionen Krim-Bewohnern, denen die Gelder als Spenden zukommen sollen. Eine freiwillige Aktion, eigentlich.

"Die Chefs informierten uns im Juni darüber, in einem Tonfall, der keinen Zweifel daran ließ, dass man Folge zu leisten habe. Dann verteilten sie Spendenformulare und forderten uns auf, sie auszufüllen", sagt Tatjana. Viele ihrer Kollegen, erzählt sie Reuters, fingen an zu protestieren: Warum sollten sie spenden, wenn es ihnen selbst schlecht gehe? "In unserer Abteilung spendete niemand, und unsere Chefin verstand das, weil sie selbst der gleichen Meinung war", so Tatjana.

Im Billigflieger nach Simferopol

Erstmals gab ein hoher russischer Politiker zu, dass die Sanktionen des Westens "eine neue, offensive Art Waffe" seien. Dies sagte Vizeaußenminister Sergej Rjabkow der Zeitung "Kommersant". Unterdessen stiegen die Reallöhne im laufenden Jahr nur um 0,2 Prozent, was einer Stagnation gleichkommt. "Nullwachstum bei den Realgehältern bei ansteigenden Kosten für öffentliche Ausgaben bedeutet, dass die Löhne im privaten Sektor und bei den Geringverdienern de facto sinken", sagte Karen Vartapetow von der Rating-Agentur Standard & Poor's zu Reuters.

Gleichzeitig ächzt die ohnehin schwächelnde Wirtschaft Russland unter den andauernden Sanktionen Europas und der USA gegen einzelne Firmen und Putin-nahe Geschäftsleute, die das Wachstum nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds in diesem Jahr auf nur 0,2 Prozent drücken. Die russische Zentralbank geht noch von 0,4 Prozent aus, Russlands Innenministerium sogar von 0,5 Prozent.

Linderung für die kleineren Haushalte ist nicht abzusehen, im Gegenteil: Um Putins Nachfrage nach mehr Einnahmen zu bedienen, plant das russische Finanzministerium zurzeit die Erhöhung regionaler Mehrwertsteuern, was dazu führen würde, dass Lebensmittel und Dienstleistungen sich noch mehr verteuern. In den größeren, wohlhabenden Städten wie Moskau und Sankt Petersburg wird man die schleichende Teuerung nicht so schnell spüren, dafür wird es für mittelständische Arbeitnehmer wie Tatjana eng, zumal gerade nahe gelegene Regionen Russlands zusätzlich mit Flüchtlingen aus der Krim belastet werden, die in ihrer strukturschwachen Heimat keine Perspektive mehr sehen.

Putin versucht derweil, sein Volk mit den Verheißungen der Krim bei Laune zu halten. Im Juni wurde die erste russische Billigfluglinie, Dobroljot, gegründet, die Arbeitnehmer günstig in die einst luxuriösen Feriengebiete um Simferopol bringen sollte. Bis zu einer Million Russen nahmen die Angebote neugierig an, doch die erste Welle der Urlauber kehrte desillusioniert zurück: Service und Komfort seien ärmlich und schlecht gewesen.

bor/Reuters

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Seite 1
colonium 06.07.2014
1. Einseitig....
Zitat von sysopAFPNach anfänglicher Euphorie macht sich Ernüchterung breit: Vor allem ärmere Russen spüren die Kosten der Krim-Annexion durch Putins Regierung in der Lohntüte. Steigende Inflation und sinkende Reallöhne machen ihnen mehr und mehr zu schaffen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/krim-russen-spueren-die-folgen-der-annexion-in-der-lohntuete-a-979505.html
Und das alles ist eine Entwicklung durch die Angliederung der Krim an Russland? Warum flieht den die offensichtlich erst seit 3 Monaten "verarmte " Krim Bevölkerung nicht in die "reiche " Ukraine? Ist die Infrastruktur in den letzten 20 Jahren von Putin vernachlässigt worden, dass selbst russische Touristen sie als "verarmt" empfinden? Was ist eigentlich mit der traditionell großen Gruppe der Rentner auf der Krim? Deren Renten haben sich teilweise verdoppelt oder verdreifacht, wie auch die Löhne der Staatsbediensteten. Welche Anpassungskosten hätten die Bewohner der Krim wohl, wenn sie noch zur Ukraine gehören würden, die russischen Touristen nicht mehr kämen und die vom IWF auferlegten " Wirtschaftsreformen" greifen? Reallohneinbußen von 20 oder 30%? . Wie immer ist die Sichtweise absolut einseitig. Ich bin Mal gespannt auf die Berichte aus der Ukraine, wenn die IWF Vorschrifften erstmal greifen, die Energie teurer wird, Massenarbeitslosikeit einsetzt usw... Vieleicht titelt dann der Spiegel :" Ukrainer leiden unter der belastung der IWF und EU Kosten"...
marthaimschnee 06.07.2014
2.
Und ohne die Krim-Annexion würde das nicht genauso laufen? Die Ausplünderung von Arbeitnehmern hat aktuell Hochkonjunktur, und das nicht nur vermutlich, sondern mit Sicherheit auch in Russland. Und Geld fehlt dort ebenso bei den öffentlichen Händen an allen Ecken und Enden, während es sich auf immer größeren Bergen der obersten 0,01% sammelt. Die Krise mag das verschärfen, Ursache dafür ist sie aber definitiv nicht.
nickleby 06.07.2014
3. Der berühmte Schuss nach hinten...
Derr Anschluss der Krim an Russland ist ein wirtschaftliches Desaster, das die Russen nun erleben. Geschieht ganz logisch. : Die Restriktionen des freien Westens gegenüber Russland zeigen ihre Wirkung. Das wird noch fühlbarer. Die Russen sind gerwarnt worden. Sie wollten aber nicht hören, also müssen sie fühlen. Die logische Konsequenz ist nun: Rückgabe der Krim an die Ukraine und damit Wiederstellung des status quo ante. Danach werden die wirtschaftlichen Restriktionen aufgehoben und alle können zufrieden sein
braman 06.07.2014
4. 140 Mio. Russen leiden
unter der Belastung durch 2 Mio. Krimbewohner. Verhältnis 70 :1 Leider habe ich zu wenig Information um den Wahrheitsgehalt beurteilen zu könne und gehe mal davon aus das was dran ist. Mal sehen wie die EU-Bürger (500 Mio) unter der Belastung von 45 Mio. Ukrainern zu leiden haben. Verhältnis 11 : 1 Dabei muss noch berücksichtigt werden das die Ukrainer Richtung westen immer ärmer sind. Die Ost-Ukraine sowie die Krim sind noch die reichsten Gebiete der Ukraine. MfG: M.B.
colonium 06.07.2014
5. Prognose...
Zitat von nicklebyDerr Anschluss der Krim an Russland ist ein wirtschaftliches Desaster, das die Russen nun erleben. Geschieht ganz logisch. : Die Restriktionen des freien Westens gegenüber Russland zeigen ihre Wirkung. Das wird noch fühlbarer. Die Russen sind gerwarnt worden. Sie wollten aber nicht hören, also müssen sie fühlen. Die logische Konsequenz ist nun: Rückgabe der Krim an die Ukraine und damit Wiederstellung des status quo ante. Danach werden die wirtschaftlichen Restriktionen aufgehoben und alle können zufrieden sein
Also, ich wäre nicht besonders zufrieden. Als Steuerzahler werden nämlich die Bürger der EU das Ukraine " Abenteuer" bezahlen. Die Krim als Teil der Ukraine wäre in noch desolaterem Zustand, als sie es als Teil Russlands ist. Die Ukraine ist im Prinzip zahlungsunfähig. Der "freie Westen" wird noch sein blaues Wunder erleben, was die Ukraine kostet und die Ukrainer werden noch ihr blaues Wunder erleben, was IWF Auflagen bedeuten. Ich wage Mal eine Prognose. In einem Jahr werden hundertausende Ukrainer auf dem Maidan stehen, arbeitslos, weil die Wirtschaft nicht konkurenzfähig ist und der russische Markt weggebrochen ist, ohne Perspektive, kaum mehr in der Lage zu heitzen, weil die Energiekosten unbezahlbar sind . Dann wird Herr Poroschenko das Schicksal Janukowitschs erleiden, allerdings wird seine Fluchtrichtung nicht nach Russland, sondern wahrscheinlich nach Deutschland sein. Wir in Deutschland haben ja ein Herz für verfolgte , milliardenschwere Oligarchen. Vieleicht machen dann Timoschenko, Chodorowski und Poroschenko eine Oligarchen WG auf...
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