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Tataren auf der Krim: Gängelband oder Widerstand

Aus Bachtschissarai und Simferopol berichtet

Krim-Tataren: Mitmachen oder verweigern? Fotos
REUTERS

Die Minderheit der Tataren lehnt die neuen Machthaber auf der Krim eigentlich ab. Jetzt steht sie vor einer schwierigen Entscheidung: mit ihnen zusammenarbeiten oder nicht? Ihr Rat hat als ersten Schritt eigene Milizen gebildet.

Es ist ein Schaulaufen der wichtigsten Tataren vor dem Hotel Marakand in Simferopol, in dem der Rat der Krim-Tataren seinen Sitz hat. Er ist die offizielle Interessenvertretung der Minderheit der Tataren und er steht vor einer schwierigen Entscheidung.

Nariman Dschelial, Vizechef des Krim-Tataren-Rats, schlank, blaue Augen, eleganter Mantel, ist selbst noch unentschlossen. Die neue Krim-Regierung von Moskaus Gnaden hat dem Rat ein Angebot gemacht: Akzeptiert uns, und wir räumen euch einen Platz im Kabinett ein.

Der Rat lehnt die neue Krim-Regierung von Putins Gnaden eigentlich entschieden ab. Vor dem von Moskau hastig organisierten Plebiszit am vergangenen Sonntag hatte er zum Boykott aufgerufen. Doch geändert hat das wenig. Bisher kann der Rat nur dabei zusehen, wie Moskau weiter Fakten schafft.

"Sie wollen nur, dass wir sie mit unserer Zustimmung legitimieren", sagt Dschelial. Andererseits: "Die neue Krim-Verfassung wird bald verabschiedet. Wenn wir Tataren nicht kooperieren, werden unsere Rechte gar nicht respektiert", befürchtet er. Dschelial verliert langsam den Glauben daran, dass es der Regierung in Kiew und der internationalen Gemeinschaft noch gelingt, die russischen Soldaten von der Halbinsel zu bekommen.

Die Tataren bauen sich nun eigene Milizen auf

Der Rat hat die Tataren aufgerufen, örtliche Milizen zu bilden - Nachbarschaftspatrouillen, die nach 20 Uhr die tatarischen Gegenden kontrollieren, um sie zu schützen. Das Misstrauen der Krim-Tataren gegenüber den Plänen Moskaus ist groß. Tief sitzt das historische Trauma: Josef Stalin ließ Hunderttausende Tataren 1944 zusammen mit anderen Minderheiten als vermeintliche Nazi-Kollaborateure nach Zentralasien deportieren. Viele überlebten den brutalen Abtransport nicht. An ihrer Stelle schickte Stalin Russen auf die Krim.

Die Ermordung von Reschat Ametow hat nun für neue Verunsicherung gesorgt. Die Leiche des tatarischen Aktivisten wurde am Dienstag in einem Graben gefunden - gefoltert, mit Augenbinde und zusammengebundenen Händen. Er war zuletzt zwei Wochen vorher in Simferopol gesehen worden, als er gegen die russischen Soldaten und prorussischen Milizionäre demonstrierte.

Ibrahim Sideninow ist 51 Jahre alt und Koordinator der neuen Tataren-Selbstverteidigungskräfte in Simferopol. Er sagt, er habe bereits rund 4000 Mann unter seinem Kommando. "Wir müssen uns gegen die russischen Milizen wehren." Nachts würden die Tataren-Bürgerwehren nun die Zugänge zu ihren Vierteln abriegeln. "Wir passen auf, dass keiner der Russen plündert oder marodiert. Und wir passen auf, dass keiner von unseren Jungs sich auf Provokationen einlässt."

Russen und Tataren streiten sich um Land

Provokationen, ein Ausbruch neuer Gewalt - das ist die große Sorge der Tataren auf der Krim. Es schwelt zwischen russischen und tatarischen Krim-Bewohnern der ungeklärte Disput darüber, wem welches Land gehört. Viele Nachfahren von deportierten Krim-Tataren sind seit Ende der achtziger Jahre auf die Halbinsel zurückgekehrt. Die Tataren stellen nun wieder rund zehn Prozent der Krim-Bevölkerung.

Die Häuser ihrer Eltern oder Großeltern haben sie bisher nicht zurückbekommen, auch keine Entschädigungen. Manche Tataren haben nicht genutzte staatliche Äcker besetzt und dort einfach ihr neues Zuhause gebaut. Viele befürchten, dass der Landstreit zwischen Tataren und Russen auf der Krim bald explodiert - und dass dann die Tataren unter den neuen Machthabern am kürzeren Hebel sitzen.

Fasil Amsajer, 31, sitzt im Schatten vor der großen Moschee in Bachtschissarai und plaudert mit tatarischen Bekannten. Bachtschissarai war einst Hauptstadt der Krim, als die muslimischen Tataren dort vom 16. bis 18. Jahrhundert herrschten. Der junge Mann im gestreiften Wollpulli ist Sprecher der salafistischen Gruppe Hizb al-Tahrir. Ihn treiben noch andere Ängste um.

"Wir wissen genau, dass Moskau ein Problem mit muslimischen Bevölkerungen hat - Tschetschenien, Inguschetien, überall gibt es Konflikte", sagt Amsajer. Die Krim ist bisher nicht durch Gewalt und Radikalismus aufgefallen. Dies könnte sich ändern.

"Unsere Gruppe ist in Russland verboten", sagt er. "Ich weiß, dass auf uns Verfolgung zukommt." Er halte nichts von Gewalt, beteuert Amsajer. Die tatarischen Salafisten von Hizb al-Tahrir würden allein auf Predigten setzen. Doch: "Wenn Russland anfängt, auf der Krim Unschuldige zu töten, dann werden sie ein Problem mit Terrorismus bekommen."

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1. Alternative
HerrPeterlein 22.03.2014
Und wie war die Situation vorher für die Tataren? Welche Alternativen gibt es für diese? Welche Rolle spielten sie bei den neuen Machthabern in Kiew, die zum Teil völlig nationalistisch sind? Wo hätte irgendjemand Schutz, wenn die Zentralregierung eines Landes völlig zusammenbricht? Ist es nicht langsam albern Putin indirekt immer wieder in eine Verbindungslinie mit Stalin zu setzen. Genauso wie es in Deutschland negativ aufgefasst wird wenn Merkel mit Hitler verglichen wird. Russland ist ein riesiges Land, bestehend aus vielen verschiedenen "Völkern". Bedingt durch viele Faktoren, historischen Fehlern, Einflussnahme von außerhalb, usw. Mit Sicherheit sind das viele schwere Entscheidungen, wo es nicht immer ein richtig oder falsch gibt. Das sollten wir doch wenigstens aus der Geschichte und den eigenen Erfahrungen in der EU gelernt haben. Der Umgang mit einem zwangsumgesiedelten Volk ist einfach schwer. In den "Ursprungsregionen" wären sie heute oft totale Fremde, in den neuen Regionen bleibt man eine Minderheit.
2.
welthungerkrise 22.03.2014
Zitat von sysopREUTERSDie Minderheit der Tartaren lehnt die neuen Machthaber auf der Krim eigentlich ab. Jetzt steht sie vor einer schwierigen Entscheidung: Mit ihnen zusammenarbeiten oder nicht? Ihr Rat hat als ersten Schritt eigene Milizen gebildet. http://www.spiegel.de/politik/ausland/krim-tartaren-bilden-eigene-milizen-a-960118.html
ich dachte, die mehrheit der tartaren war für den beitritt zur russischen föderation(laut referendum). kann mir persönlich auch nicht vorstellen, dass die mehrheit in die EU will. die leute hier sind einfach zu doof. vor 70 jahren waren es die juden, jetzt die moslems. wer will schon zu solchen brainwash-opfern dazu gehören?
3. optional
sirius7 22.03.2014
Zitat von welthungerkriseich dachte, die mehrheit der tartaren war für den beitritt zur russischen föderation(laut referendum). kann mir persönlich auch nicht vorstellen, dass die mehrheit in die EU will. die leute hier sind einfach zu doof. vor 70 jahren waren es die juden, jetzt die moslems. wer will schon zu solchen brainwash-opfern dazu gehören?
da haben sie genau die richtige auf die Krim geschickt x( die Mehrheit der Tataren hat wohl nicht gewählt, Wahlbeteiligung lag bei 83%.
4. Historie
Schim Panse 22.03.2014
Es wird oft gesagt die Krim würde historisch zu Russland gehören. Leider ist dies zu kurz gedacht, denn eigentlich gehört die Krim zur Türkei oder sollte unabhängig sein. Aber was interessiert uns schon die Geschichte von übervorgestern, wenn strategische und ökonomische Interessen die Vorreiterrolle spielen. :(
5. Enthaltung
Schim Panse 22.03.2014
Zitat von welthungerkriseich dachte, die mehrheit der tartaren war für den beitritt zur russischen föderation(laut referendum). kann mir persönlich auch nicht vorstellen, dass die mehrheit in die EU will. die leute hier sind einfach zu doof. vor 70 jahren waren es die juden, jetzt die moslems. wer will schon zu solchen brainwash-opfern dazu gehören?
Die Tartaren haben sich der Abstimmung entzogen. Nur so kommt ein Ergebnis von 98% Zustimmung zustande, wie es lupenreine Demokratien wie in Russland vorleben ... Und nur zu deiner Information. Vergleiche einfach mal das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von Polen und der Ukraine. Beide lagen 1990 gleich auf. Heute hat Polen das dreifache ProKopfBruttoinlandsprodukt als die Ukraine. Die größte Steigerung erfolgte nach dem EU Beitritt 2004. Diese Länder profitieren also von der EU. Nachzupfügen unter google publicdata http://www.google.com/publicdata/explore?ds=d5bncppjof8f9_&ctype=l&strail=false&bcs=d&nselm=h&met_y=ny_gdp_pcap_cd&scale_y=lin&ind_y=false&rdim=region&idim=country:POL:UKR&ifdim=region&ind=false
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Fläche: 603.700 km²
(inklusive der Krim, die seit 2014 von Russland annektiert ist)

Bevölkerung: 45,363 Mio.

Hauptstadt: Kiew

Staatsoberhaupt:
Petro Poroschenko

Regierungschef: Volodymyr Hroisman

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