Krise am Persischen Golf: Saudi-Arabien riskiert den großen Knall

Von Yassin Musharbash

Bahrain darf nicht fallen, weil sonst die eigenen Throne wackeln: Aus diesem Grund schickten die Golfanrainer eine Eingreiftruppe in ihr Nachbarland. Dort eskaliert die Lage, ein saudischer Soldat und zwei Demonstranten wurde getötet. Im Hintergrund läuft das Duell Saudi-Arabien gegen Iran.

AP

Berlin/Manama - Manche nehmen es mit Humor, dass rund 1000 saudische Sicherheitskräfte über die Brücke, die das Wüstenkönigreich mit der winzigen Inselmonarchie verbindet, in Bahrain einrückten: Jedes Wochenende, twitterte ein Internet-User, überfielen schließlich tausende Saudi-Araber Bahrain. Am wirksamsten ließen sich die Invasoren mit Alkohol und Prostituierten außer Gefecht setzen. Der Beitrag, im Internet hundertfach weiterverbreitet, enthielt eine Spitze gegen die ach so sittenstrengen Saudis, die ihre Freizeit gerne im liberalen Bahrain verbringen, und dann ordentlich über die Stränge schlagen.

Es ist unklar, ob Gelassenheit oder Galgenhumor aus dem Witz sprach - sicher aber Misstrauen gegenüber dem großen, reichen Nachbarn Saudi-Arabien. Tatsächlich hat das Einrücken einer saudisch dominierten Eingreiftruppe des "Golf-Kooperationsrates" (GCC) den schwelenden Konflikt zwischen Regierung und Regimegegnern in Bahrain auf eine völlig neue Ebene gehoben. Er hat seitdem eine zusätzliche Dimension: Die GCC-Herrscher haben sich auf Gedeih und Verderb aneinandergekettet, sie versprechen sich gegenseitig Bruderhilfe in der Auseinandersetzung mit ihren innenpolitischen Widersachen und schließen damit weit reichende Zugeständnisse de facto aus.

Das ist das eindeutige Signal - auch wenn es stimmt, dass Bahrain um Hilfe gebeten hat und die GCC-Staaten verpflichtet waren, dem Ruf zu folgen. Nur einen Tag nach der Intervention kam unterdessen bereits der erste saudische Soldat ums Leben. Offenbar wurde er in der Hauptstadt Manama am Rande einer Kundgebung erschossen. Al-Dschasira berichtete am Dienstagnachmittag, dass außerdem zwei Demonstranten ums Leben kamen. Kurz zuvor verhängte die Regierung von Bahrain einen dreimonatigen Ausnahmezustand - die Zeichen stehen auf Eskalation.

Es geht angeblich nur um "Sicherheit und Stabilität"

Dass die GCC-Staaten überhaupt auf Seiten der Regierung einschreiten, scheint auf den ersten Blick eine gehörige Position Schizophrenie zu enthalten: In der Sitzung der Arabischen Liga am Wochenende stimmten die GCC-Staaten schließlich für eine Flugverbotszone in Libyen, die den Aufständischen dort in ihrem Kampf gegen den Diktator Muammar Gaddafi helfen soll.

Aber was in Nordafrika richtig sein kann, so sehen es die Machthaber am Golf, muss in ihrer Nachbarschaft nicht gelten. In Bahrain fordert die schiitische Bevölkerungsmehrheit die sunnitische Machtelite heraus. Auch in anderen GCC-Staaten gibt es relativ starke schiitische Bevölkerungsanteile, in Saudi-Arabien etwa 10 Prozent; auch dort begehren sie gegen Unterrepräsentierung und Diskriminierung auf. Deshalb, so das GCC-Kalkül, darf Bahrain nicht kippen. Es geht also nicht nur um das Herrscherhaus der Al-Khalifa in Manama, es geht um ihre eigenen Throne.

Mit dieser Dimension verknüpft ist jedoch eine zweite: Der Kalte Krieg zwischen der schiitischen Führungsmacht Iran und der sunnitischen Führungsmacht Saudi-Arabien, die beide den Golf als Einflusszone betrachten und beide Hegemonialmacht in der Region sein wollen.

Die sunnitischen Herrscherhäuser am Golf werfen Iran vor, die schiitischen Oppositionsgruppen in ihren Ländern anzustacheln, gar zu unterstützen. Diese Sicht beschreibt beispielhaft ein Kommentar in der panarabischen, pro-saudischen Tageszeitung "al-Shark al-Ausat", in dem es heißt, Iran spiele hemmungslos die Konfessionskarte aus, nicht aber der Golfkooperationsrat, dem es lediglich um "Sicherheit und Stabilität" gehe.

Saudi-Arabien und Iran kämpfen um die Vorherrschaft am Golf

Tatsächlich steht für beide Konkurrenten viel auf dem Spiel. Gelänge der Sturz der Monarchie in Bahrain, könnte das Land unter Teherans Einfluss gelangen. Umgekehrt betrachten sich die GCC-Staaten als Bollwerk gegen Iran und sind in dieser Rolle Verbündete der USA, deren Fünfte Flotte zudem Bahrain als Heimathafen hat. Diese Konstellation macht die neue Lage trotz der Winzigkeit Bahrains so potentiell explosiv: Wenn sunnitische GCC-Soldaten schiitische Oppositionelle verletzen oder töten sollten, könnte die Lage eskalieren - und sich schnell auf andere GCC-Staaten ausdehnen.

Analysten allerorten fragen sich nun, wie Iran reagieren wird. Instabile Verhältnisse in den sunnitischen Golfstaaten sind grundsätzlich in Teherans Interesse, die GCC-Intervention nicht. Schon erklingen drohende Töne aus der iranischen Hauptstadt. Man werde nicht tatenlos zusehen, wenn Saudi-Arabien gegen Schiiten vorgeht, werden iranische Offizielle in arabischen Zeitungen wiedergegeben. Was das bedeuten könnte, ist unklar. Einige Experten vermuten, Iran könnte jetzt versuchen, die Rebellion kräftig anzufachen.

Ob Iran wirklich Handlanger unter den Oppositionellen hat, ob das Risiko einer Eskalation den Machthabern in Teheran nicht am Ende doch zu groß sein könnte, all das ist jedoch schwierig einzuschätzen. "Die meisten Schiiten in Bahrain sind Araber und orientieren sich religiös und politisch eher am Irak als an Iran", gibt der Nahostexperte Guido Steinberg von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik zu bedenken. "Trotzdem hat die Islamische Republik Unterstützer im Land, die sie im Falle einer Krise mobilisieren kann. Je härter die Maßnahmen der bahrainischen Regierung gegen die Schiiten, umso größer ist die Gefahr, dass diese sich vermehrt Teheran zuwenden."

Die Saudis scheinen bereit, dieses Risiko einzugehen. Doch dass nun bereits ein Soldat ums Leben gekommen ist, könnte die Lage weiter destabilisieren.

Ein großes Oppositionsbündnis berichtete am Montag zwar, es habe sich mit dem Kronprinzen getroffen, um Forderungen zu diskutieren. Eine friedliche Lösung schien da noch nicht komplett unmöglich. Doch nun hat die Entwicklung eine neue Dynamik bekommen. Es ist noch nicht abzusehen, welcher Prozess mehr Energie entfaltet: Ein möglicher politischer - oder der Protest auf der Straße und die Gegenreaktion der Sicherheitskräfte aus dem In- und Ausland.

Sollte sich kein Kompromiss finden, könnte Bahrain auf einen Showdown zusteuern - dessen entscheidende Kräfte womöglich im Ausland sitzen.

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