Krise im Nahen Osten Die ratlose Supermacht

Die Eskalation der Gewalt im Nahen Osten ruft nach US-amerikanischer Führungskraft. Doch Washington schwankt zwischen Solidaritätsbekundungen für Israel und vorsichtigen Appellen zur Zurückhaltung. Wo steht George W. Bush?

Von Georg Mascolo, Washington


Ein riesiger Cowboyhut mit dem Siegel des Präsidenten, darunter zwei blank polierte Stiefel. Das "Ende der Cowboy-Diplomatie" heißt die neueste Titelgeschichte des US-Magazin "Time." Amerika hat sich aufgerieben, ausgeblutet im Irak, schreiben die Autoren. Die Supermacht schwächelt.

US-Präsident Bush, Außenministerin Rice: Kühner Traum vom demokratischen Nahen Osten
REUTERS

US-Präsident Bush, Außenministerin Rice: Kühner Traum vom demokratischen Nahen Osten

Mit der gefährlichen Eskalation in Nahost allerdings bräuchte es amerikanische Führungskraft, nur bisher hat US-Präsident George W. Bush davon nicht viel gezeigt. Äußerst zurückhaltend agiert die US-Administration bisher, die Optionen sind, zugegeben, schwierig: Israel ist der engste Verbündete in der Region, die USA vermuten wohl nicht zu Unrecht ihre Erzfeinde Syrien und Iran hinter der neuen Eskalation. Ihnen eine Lektion zu erteilen, liegt durchaus in Bushs Interesse. Am vergangenen Donnerstag ließ Bush seinen Uno-Botschafter John Bolton ein Veto im Uno-Sicherheitsrat einlegen. Nur so konnte eine Verurteilung Israels wegen unangemessener Gewaltanwendung verhindert werden.

Andererseits sollte ausgerechnet der Libanon in Bushs kühnem Traum von einem demokratischen Nahen Osten eine zentrale Rolle spielen. Bomben und Raketen auf den Flughafen von Beirut passen da nicht ins Bild. Libanons Premierminister Fuad Sinoira drängt Bush, die Israelis zur Zurückhaltung zu ermahnen. Als weit gefährlicher als ein Zerwürfnis mit der libanesischen Regierung gilt der US-Administration, dass die Bilder des Krieges den Hass der muslimischen Welt auf Israel und seinen treuen Verbündeten Amerika neue Nahrung verschaffen werden. Die Folgen der neuesten Eskalation, fürchten die US-Geheimdienste, könnten Amerika schon bald zu spüren bekommen.

Zwei Lager - ein Dilemma

Ein Dilemma und während Bush vom Tête-à-Tête mit Merkel zum G-8 Treffen in St. Petersburg weitererreist, sucht die US-Administration nach Optionen für ihren Präsidenten. Das ist eine einmalige Chance als ehrlicher Makler aufzutreten, argumentiert ein Lager, man dürfe nicht in die Falle der Radikalen tappen, die Amerika nur immer tiefer in den Konflikt hineinziehen wollten. Schon werden die ersten Namen möglicher Unterhändler genannt, politische Schwergewichte, die versuchen sollen, den Friedensprozess wieder zu beleben. Der Name von Ex-Außenminister Colin Powell fällt häufig in diesen Tagen. Nein, argumentiert ein zweites Lager in der Regierung, wir müssen Israel bedingungslos unterstützen. Syrien - und womöglich auch Iran - verstünden nur die Sprache der Gewalt.

Aber wo steht Bush? "Israel hat das Recht sich selbst zu verteidigen", hieß seine erste Stellungnahme, "jede Nation hat das Recht sich gegen terroristische Attacken zu verteidigen." So einseitig schien das offenbar selbst seiner Außenministerin Condoleezza Rice, dass sie schnell ein Statement hinterherschickte, das zur "Zurückhaltung" mahnte.

Heute erklärte auch Bushs Sprecher, Tony Snow, dass der Präsident an Israel appelliere den Konflikt nicht eskalieren zu lassen. Bitte keine unnötigen zivilen Toten und Zerstörungen der libanesischen Infrastruktur. Aber keinesfalls, so Snow, werde Bush die Israelis drängen, die Angriffe ganz einzustellen: "Der Präsident wird nicht sich nicht in die militärischen Entscheidungen einmischen."

Die Weltmacht, sie sucht noch nach dem richtigen Umgang mit der Krise. Vielleicht erweist sich Amerikas Ratlosigkeit als so gefährlich für die Welt wie seine Hybris.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.