Aus Athen berichtet Manfred Ertel
Im Fragen stellen ist Trangas ganz groß, nur um Antworten, da drückt er sich gern herum. "Ich verstehe überhaupt nicht, wie eine europäische Politikerin wie Kanzlerin Merkel mit solcher Absolutheit den IWF unter amerikanischem Einfluss in die Euro-Zone hineinlassen konnte", fragt er auch, "was hat der hier zu suchen?"
Was die Alternative gewesen wäre? "Dass der IWF hier ist und unter Einfluss der Amerikaner Maßnahmen fordert, das liefert den Treibstoff für die Proteste", sagt er statt einer Antwort. Der Anti-Amerikanismus, seit langem sehr beliebt in Griechenland, treibt neue Blüten, jetzt befeuert er die Argumente des Widerstands gegen das rigorose Sparprogramm.
Es ist das Geheimnis eines Teils der griechischen Gesellschaft, sich der harten Realität konsequent durch Entschuldigungen, Larmoyanz und Legendenbildung zu entziehen. So ist zum Beispiel überall zu hören, bei seriösen Journalisten wie bei Unternehmern und Politikern, dass hinter den Brandopfern der vorigen Woche nicht etwa verantwortungslose Krawallmacher steckten, die dabei sogar beobachtet wurden. Es seien vielmehr "Provokateure" am Werk gewesen, heißt es hinter vorgehaltener Hand, noch dazu "der Regierung", die den Protest auf der Straße diskreditieren wollten.
Versteckte Swimmingpools im Speckgürtel
Auch das ist Griechenland im Zeichen der Krise. Und genau das ist es, was selbst bei wohlmeinenden Beobachtern den Optimismus dämpft, jene Zuversicht, dass die Regierung Papandreou mit ihrer Ernsthaftigkeit und Hartnäckigkeit auch Erfolg haben könnte.
Denn Sparen allein wird nicht reichen. Griechenland braucht eine massive Steigerung seiner Einnahmen, und das ist zugleich der Charaktertest für das Land. Denn mehr Einnahmen bedeuten mehr Steuerehrlichkeit und weniger Schwarzarbeit, mehr Konsum und weniger Kapitalflucht, mehr Wettbewerb und weniger Korruption, mehr Wachstum und weniger Schattenwirtschaft. An diesen Fragen wird sich mit entscheiden, ob das Land nur am Abgrund steht und einen Weg zurück findet, oder ob es schon einen Schritt weiter ist.
Dafür muss den Griechen die soziale Blance der Sparmaßnahmen und Strukturveränderungen begreifbar gemacht werden. Dafür braucht es Mittler in den Medien, und dafür braucht es glaubwürdige Beispiele.
Die gibt es, glaubt der Wirtschaftswissenschaftler Jens Bastian, 50. Der Ökonom ist an der Stiftung Eliamep, die vergleichbar mit der deutschen Stiftung für Wissenschaft und Politik ist, zuständig für Südosteuropa und damit für Griechenland. Er hält die schmerzhaften Eingriffe durchaus für "sozial ausgewogen". Nicht nur, weil zum Beispiel die Kürzung der 13. und 14. Monatsgehälter im öffentlichen Dienst einkommensabhängig gestaltet ist.
Auch ein anderes Beispiel spreche für die politische Glaubwürdigkeit der Regierung, glaubt er. Und dann erzählt Bastian die Geschichte von den privaten Swimmingpools.
Die geht so: In den nördlichen Vororten von Athen haben lediglich 324 Hausbesitzer freiwillig ihren Gartenpool bei den Steuerbehörden deklariert, tatsächlich gibt es allein in dieser Region im vornehmen Speckgürtel der Hauptstadt nach neuen amtlichen Erhebungen aber 16.974 private Schwimmbecken. Die wurden verheimlicht, um den Wert des Hauses zu drücken und Steuern zu sparen, eventuell sogar, weil sie illegal gebaut wurden. Sie alle müssen jetzt mit einer Neueinstufung des Grundwertes rechnen und zumindest mit saftigen Steuernachforderungen.
Zu den sozialen Ungereimtheiten gehört auch, dass rund 450 Ärzte lediglich 10.000 Euro Jahresgehalt bei den Steuerbehörden deklariert haben - sie müssen jetzt damit rechnen, zur Rechenschaft gezogen zu werden.
Die Preise kommen langsam in Bewegung
Eine entscheidende Bedeutung für den Erfolg des Sanierungsprogramms kommt allerdings auch der Frage zu, ob die Regierung neues und ausreichendes Wachstum generieren kann. Auch da ist der Wirtschaftswissenschaftler, der seit 13 Jahren in Griechenland lebt, durchaus optimistisch, er sieht Potential vor allem durch die geplante Liberalisierung des Arbeitsmarkts. Viele selbständige Berufe, Architekten, Rechtsanwälte, Ärzte, Apotheker, Taxi- oder Transportunternehmer etwa, seien bislang "kartellmäßig organisiert", sagt Bastian, "das waren geschlossene Berufe". Diese Barrieren würden jetzt "aufgespalten". Das schaffe neue "Zukunftschancen für junge Leute" und mehr Wettbewerb. "Bisher war es billiger einen Container mit Baumaterial von China nach Athen zu schaffen, als von hier nach Rhodos", erzählt wie zur Bestätigung der Architekt und Bauunternehmer Gerassimos Drimaropoulos.
Auch für die "Akquirierung ausländischer Direktinvestitionen", die seit 2004 "stark vernachlässigt" worden sei, sieht Ökonom Bastian durchaus Chancen. Voraussetzung dafür sei allerdings, dass die Griechen ausstehende Rechnungen endlich bezahlten.
Zu alledem müsse das Land billiger werden. "Griechenland ist viel zu teuer", sagt Bastian, "das ist die Alltagserfahrung der Griechen, aber auch der ausländischen Touristen". Die Preise fangen an, langsam in Bewegung zu kommen, Bastian rechnet in den kommenden Monaten mit einer deutlichen "Preisanpassung nach unten".
Das sind Prognosen ganz nach dem Geschmack von Kultmoderator Trangas. Sein Land braucht vor allem Zeit, glaubt er, und Vertrauen. "Die Griechen sind Kämpfer", sagt Trangas, "und in der Regel auch in schwierigen Zeiten erfolgreich". Das wird sich zeigen.
Mitarbeit: Ferry Batzoglou
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