Wahlkampf in Italien: Berlusconis Masterplan für die Macht

Von , Rom

Silvio Berlusconi läuft wieder zur Hochform auf. Er umschmeichelt die Italiener und erzählt Politikmärchen wie zu besten Zeiten. Das alles wirkt krude, folgt aber einer ausgebufften Strategie, die ihm am Ende einen Erfolg einbringen könnte - und Europa eine neue Krise.

Rückkehr zu Macht: Berlusconis Masterplan Fotos
eidon photographers/ Demotix

Der Mann hat Angst, er hat viel Geld - und er hat das Kommando über drei Fernsehprogramme und Hunderte von Experten in Sachen öffentlicher Meinung. Das ist die Ausgangslage für den Wahlkampf des Silvio Berlusconi. Schon jetzt läuft seine Maschinerie auf Hochtouren. Was teilweise grenzdebil bis irre erscheint, wird tatsächlich von ausgebufften Medienprofis erarbeitet. Meinungsforscher messen täglich die Stimmung im Volk und melden Berlusconis Kampagnen-Leitstelle, was ankommt und was nicht.

Derzeit melden sie Positives: Drei Prozentpunkte hat Berlusconis Partei Volk der Freiheit (PdL) in den vergangenen Tagen dazugewonnen. Auch damit sind es bisher zwar nur 17 Prozent der Italiener, die tatsächlich gewillt sind, noch einmal den Ex-Premier zu wählen. Aber ihre Zahl könnte wachsen, wenn die Berlusconi-Show erst einmal auf vollen Touren läuft.

Showtime am Sonntagnachmittag

Dazu muss jetzt alles ganz schnell gehen. Schon in den ersten Januartagen soll sich die neue, schöne Welt, die Berlusconi den Italienern bescheren will, in den Köpfen möglichst vieler Wähler festgesetzt haben. Denn danach, 45 Tage vor den Wahlen, wird die TV-Präsenz der Politik per Gesetz limitiert. Voll aufdrehen kann Berlusconi jetzt. Und das tut er.

In den Nachrichten seiner Sender werden seit Tagen "Erfolge" der früheren Berlusconi-Regierung den Fehlern und unerledigten Arbeiten von Premier Mario Monti gegenübergestellt. In der populären Sonntagnachmittag-Show seines Canale 5 präsentierte sich der große Silvio fast eineinhalb Stunden. "Interview" nannte die Moderatorin das Format, in dem sie Stichworte lieferte, die exakt zum Vortrag des Studiogastes passten. "Die Menschen auf der Straße klagen über die Last der Immobiliensteuer", sagte sie zum Beispiel und Berlusconi nickte ernsthaft. Die Klagen seien berechtigt, viele Familien würden in bittere Armut gestürzt, er werde diese Steuern sofort wieder abschaffen, so Berlusconi.

Ja und das Geld, das dann dem Staat fehle? Kein Problem, da reichten kleinere Aufschläge bei den Steuern auf Bier und Schnaps. Und wenn die Moderatorin - seit 35 Jahren in Diensten des Berlusconi-Senders und mit dessen Tochter befreundet - ausnahmsweise einen Einsatz verpasste, brachte ihr Studiogast sie in der Werbepause wieder aufs Gleis. 2,5 Millionen Zuschauer saßen vor den Bildschirmen, die meisten eher jünger, nicht überdurchschnittlich gebildet, aus dem wirtschaftsschwachen Süden des Landes. Berlusconis Wähler.

Die andere Hälfte seines Potentials, die älteren Italiener, eher aus dem Norden, eher weiblich, wurden tags darauf vom Sender Rete 4 versorgt. Auch da gab es ein "Interview" mit Silvio dem Großen, aufgezeichnet in dessen prachtvollem Salon seiner Villa in Arcore. Da versprach der 76-Jährige, im Falle seines Wahlsieges werde er in der Politik endlich aufräumen.

Berlusconis Trauma: Knast oder Exil

Berlusconi steigt nicht aus Spaß in den Ring. Er muss. Er ist heute wieder genau da, wo er 1994 war - in großer Gefahr. Damals, als seine Polit-Karriere begann, stand sein Firmenimperium vor dem Bankrott und er selbst mit einem Bein im Knast. Er ging in die Politik, um sich zu retten. Das haben er selbst und viele seiner Weggefährten später offen zugegeben.

Heute ist sein Medienimperium wieder auf Talfahrt. Die Werbeeinnahmen brechen weg, nicht nur der Krise wegen. Als Berlusconi das Land regierte, war es für die Wirtschaftsgrößen des Landes selbstverständlich, ihre Werbung vorrangig in seinem Reich zu platzieren. Schließlich ging es auch um Staatsaufträge und politische Deckung bei größeren Problemen. Damit war es ab November vorigen Jahres vorbei, als Berlusconi den Regierungs-Palazzo Chigi in Rom räumen musste.

Auch die Bedrohung durch die Justiz ist heute so akut wie damals. Im Prozess um bezahlten Sex mit einer minderjährigen Marokkanerin - Künstlername: "Ruby Rubacuore" (Herzensbrecherin) - steht im Februar das Urteil an. Die Sache könnte brenzlig werden. Nur politische Macht gibt Berlusconi die Sicherheit, sich retten zu können.

"Ich fühlte mich so allein"

Die Strategie dieses Überlebenskampfes ist in vielen Sitzungen von einem großen, hochprofessionellen Team entwickelt worden. Sie heißt: Aus den Schwächen Stärken machen. Zum Beispiel die Skandale um seine "Bunga Bunga"-Feste mit Dutzenden junger Frauen. Im streng katholischen, konservativen Italien kam das nicht gut an. Zumal der Rest der Welt über "Bella Italia" spottete. Nein, sagte Berlusconi jetzt reumütig im Fernsehen, das war nicht gut, dafür müsse er sich entschuldigen. Aber ach, "ich fühlte mich so allein, von meiner Frau geschieden, meine Mutter war gestorben, auch meine Schwester und meine Kinder sind immer in der Welt unterwegs".

Da kam jemand und verhieß ihm abendliche Zerstreuung. Ein Fehler, das wisse er jetzt. Denn nun sei alles wieder gut, habe er wieder eine Partnerin gefunden. Fast 50 Jahre jünger ist die Verlobte, und er kennt sie schon seit sieben Jahren. Sie war Chefin eines Silvio-Berlusconi-Fanclubs, der Flugzeuge mit einem "Silvio, wir vermissen Dich"-Banner vor dessen Villa in Sardinien aufsteigen ließ. Später personalisierte sie die Aktion und änderte die Aufschrift in "Silvio, ich vermisse Dich". So kam sie in sein Umfeld.

Jetzt wurde sie erhört. Und Berlusconi kann wieder ein geordnetes Privatleben vorweisen. Die Italiener, so das Kalkül dahinter, müssen ihm seine Eskapaden verzeihen.

Unsolidarische und egoistische Deutsche

Auch das Wirtschaftsdebakel, das er in seiner letzten Amtszeit angerichtet hat, wird gekonnt gewendet. Die Lage sei ernst, sagt der große Unternehmer jetzt. Schuld sei "die dem Land von den unsolidarischen und egoistischen Deutschen auferlegte Sparpolitik". Monti folge der Berliner Order untertänigst. Doch er, Berlusconi, werde damit Schluss machen. Immer wieder bringt er Italiens Austritt aus der Euro-Zone ins Spiel, um bei seinen Anhängern für Stimmung zu sorgen.

Diese ganze Sparerei zu Lasten der Alten und der Kinder, der Arbeiter und der Unternehmer, das alles müsse nicht sein, verspricht Berlusconi. Es sei falsch. Richtig sei das, was nicht wehtue! Runter mit den Steuern für alle, müsse die neue Devise lauten, Kredite an die Unternehmen geben, damit diese wieder auf Wachstumskurs gehen könnten.

Das Leben in Italien werde wieder schön sein, so wie früher, wenn nur er wieder die Macht übernehme, sagt Berlusconi. Wer hört das nicht gerne? Und wenn die These auch noch von Wirtschaftsexperten jeden Tag bestätigt wird, im Fernsehen, im Berlusconi-Fernsehen? Kann es dann falsch sein, ihn vielleicht, eventuell doch noch einmal zu wählen?

Täglich 72 Liegestütze

Berlusconi hat es doch versprochen - er wird Italien retten. Er muss nur die Macht dazu bekommen. Eigentlich will er sie ja gar nicht. Mein Gott, er ist reich, er könnte seine letzten Jahre doch genießen, am Strand von Sardinien oder auf seiner Yacht, irgendwo in warmen Gewässern.

Hat er nicht mehrfach Monti angeboten, ihm die Macht zu überlassen? Aber der hat abgelehnt. Hat Berlusconi nicht schon vor vielen Monaten einen Nachfolger in seiner Partei auserwählt, auch der könnte es ja machen. Aber der kann es einfach nicht. Muss Berlusconi denn wirklich noch einmal ran? Er reißt sich nicht darum, aber die Menschen riefen nach ihm, bedrängten ihn. Natürlich sei er fit, wie mit Mitte 30. Täglich mache er 72 Liegestütze, sagt Berlusconi. Alles nach Drehbuch.

Tatsächlich ist das alles nüchtern betrachtet ein aberwitzig-albernes Spektakel: Ein von Furcht getriebener alter Mann, "sexbesessen" nennen ihn manche, "verwirrt" erscheint er anderen, geliftet und mit Fremdhaar am Kopf, erzählt haarsträubende Geschichten. Doch in den Seifenopern seiner Fernsehsender werden täglich solche abstrusen Storys präsentiert - und viele Menschen hocken davor, staunen und träumen, statt sich lachend davon zu zappen. Berlusconis Fernsehzuschauer sind seine treuesten Wähler.

Gewinnen wird er die Wahlen nicht. Das scheint aussichtslos. Aber er braucht ja auch nur ein Stück von der Macht. Ihm reicht ein ordentliches Maß an Störpotential, um die eigenen Interessen politisch abzusichern. Im italienischen Vielparteiensystem mit Parlamentariern, die im Laufe einer Wahlperiode gerne die Fronten wechseln, mit Allianzen, die sich bei neuen Fragen immer wieder neu bilden können, hat ein Politiker mit 20 bis 25 Prozent der Stimmen erhebliches Gewicht. Und, wenn die Linke regieren sollte, führt er eben die Rechte an. Dann kann er im Notfall manches blockieren, verschleppen - oder gegen ein Gesetz tauschen, das ihn erneut vor dem Zugriff der Justiz bewahrt.

Das wäre dann der Notfall für Italien, womöglich sogar für ganz Europa.

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insgesamt 165 Beiträge
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1.
CompressorBoy 19.12.2012
Zitat von sysopeidon photographers/ DemotixSilvio Berlusconi läuft wieder zur Hochform auf. Er umschmeichelt die Italiener und erzählt Politikmärchen wie zu besten Zeiten. Das alles wirkt krude, folgt aber einer ausgebufften Strategie, die ihm am Ende einen Erfolg einbringen könnte - und Europa eine neue Krise. http://www.spiegel.de/politik/ausland/krise-in-italien-wie-berlusconi-zurueck-an-die-macht-will-a-873750.html
Verrückter als der ganze Euro-Rettungs-Wahnsinn kann Berlusconi auch nicht sein.
2. Polit-Clown
rgwoelfert 19.12.2012
Hoffentlich bleibt dieser senile Polit-Clown uns allen erspart. Sollten ihn die Italiener wählen, dann sollten sie sehen wie sie ihre Finanzlage selbst geregelt bekommen.
3. Silvio Berlusconi
kdshp 19.12.2012
Zitat von sysopeidon photographers/ DemotixSilvio Berlusconi läuft wieder zur Hochform auf. Er umschmeichelt die Italiener und erzählt Politikmärchen wie zu besten Zeiten. Das alles wirkt krude, folgt aber einer ausgebufften Strategie, die ihm am Ende einen Erfolg einbringen könnte - und Europa eine neue Krise. http://www.spiegel.de/politik/ausland/krise-in-italien-wie-berlusconi-zurueck-an-die-macht-will-a-873750.html
Und WO ist jetzt der unterschied zu unserer bundesregieung bezogen auf "Politikmärchen"? Wie sagte frau merkel (CDU) noch vor ca. 1 jahr "DER bürger darf nicht weiter belastet werden" Und jetzt kommt einding nachdem anderen wo es teurer wird an steuern und abgaben.
4. Italiani !
alotusian 19.12.2012
Wenn ihr diese Pfeife noch einmal wählt, habt ihr euch die Folgen redlich verdient. Mit solchen gestörten Egomanen kann Europa nicht werden, capisci?
5.
totalmayhem 19.12.2012
Everybody Loves A Winner. Der Mann ist KULT und er hat keine Scheu, seiner geringen Meinung von Fr. Merkel Ausdruck zu verleihen. ;)
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Verliebt und verlobt: Berlusconis neue Liebe

Steckbrief Italien
Italien ist die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone. Das Land hat im Gegensatz zu Griechenland zwar eine recht solide Wirtschaft, leidet aber ebenfalls unter einer gigantischen Staatsverschuldung. Die wichtigsten Daten im Überblick:
Wirtschaftsleistung 2011
1589 Milliarden Euro, zum Vergleich:

Deutschland: 2589 Milliarden Euro

Griechenland: 222 Milliarden Euro
Wirtschaftswachstum 2011
+0,7 Prozent, zum Vergleich:

Deutschland: 2,9 Prozent

Euro-Zone: 1,6 Prozent
Wirtschaftswachstum 2012
+0,6 Prozent
Staatsverschuldung
1911 Milliarden Euro, zum Vergleich:

Deutschland: 2133 Milliarden Euro

Griechenland: 351 Milliarden Euro
Staatsverschuldung in Prozent des BIP
120 Prozent. Das ist doppelt so viel wie nach dem europäischen Stabilitätspakt eigentlich erlaubt.
Neuverschuldung 2011
4,0 Prozent. Laut Stabilitätspakt dürften es nur 3,0 Prozent sein.
Arbeitslosenquote
8,3 Prozent. In der Euro-Zone sind es 10,0 Prozent.

Quelle: EU-Kommission

Fotostrecke
Zweimal Italien: Monti versus Berlusconi

Fläche: 301.336 km²

Bevölkerung: 60,783 Mio.

Hauptstadt: Rom

Staatsoberhaupt:
Giorgio Napolitano

Regierungschef: Matteo Renzi

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