Islamisten in Ägypten: Mit Todesverachtung in den Machtkampf

Aus Kairo berichtet

In Ägypten formiert sich eine neue Allianz. Die salafistische Nur-Partei springt plötzlich den gestürzten Muslimbrüdern bei - aus Angst vor dem völligen Machtverlust. Die Strategie lähmt den Erneuerungsprozess, doch die Islamisten könnten damit gewinnen.

Der Arzt hat keine Zeit für Fragen. "50 Tote hatte ich allein heute Morgen. Manche sind hier auf dem Flur gestorben", sagt er. Dann hetzt er weiter. Es gibt viel zu tun. In der Eingangshalle des Nasr-City-Krankenhauses in Kairo liegt noch Stunden nach dem Blutbad vor der Zentrale der Revolutionsgarden am Montag ein knappes Dutzend Verletzte auf blutverschmierten Tragen.

Während die Verwundeten auf Behandlung warten, drängen sich draußen vor der Pforte Dutzende Menschen. An einer Wand hängen die Namen der Verletzten auf handgeschriebenen Zetteln. Wessen Ausweis in Kopie aufgehängt wird, der ist tot.

Wie viele Menschen bei den Zusammenstößen vor dem Offiziersclub der Republikanischen Garde in Kairo umgekommen sind, ist noch immer nicht ganz klar. Zunächst hieß es, es seien mehr als 30, inzwischen liegt die offizielle Anzahl der Todesopfer bei 51. 435 weitere Personen sind demnach verletzt worden.

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Aufruhr in Ägypten: Eskalation vor Militärgelände
Doch es könnten noch mehr sein. Im Krankenhaus bekommt eine Frau vor der Wand mit den Namen einen hysterischen Anfall. Immer wieder schreit sie eine Zahl: "Zweiundachtzig! Zweiundachtzig!" So viele Menschen sind laut der Liste in diesem Krankenhaus als Tote registriert worden.

Neben der Frau sinkt Hussan Edin in die Arme seines Freundes. Dem großen, schweren Mann laufen die Tränen in den Bart. Einen Moment lässt er sich trösten, dann drängt er sich zurück in die Menge. Edin wurde beauftragt zu prüfen, ob unter den Toten auch Bewohner seines Dorfs im Nildelta sind. Er kommt schließlich auf drei, eine Tragödie für den 3200-Einwohner-Ort. Auch von dort waren die Menschen nach Kairo gereist, um sich den Mursi-Unterstützern anzuschließen. Sie haben den Sitzstreik vor der Kaserne bewacht, als die Schüsse fielen. "Die verschiedenen Gemeinden haben sich abgewechselt. Als unser Landkreis dran war, haben sie angegriffen."

"Wir haben nur für Mursi demonstriert, jetzt ist es persönlich"

Zum genauen Hergang des Zwischenfalls gibt es unterschiedliche Versionen. Das Militär gibt an, Bewaffnete hätten den Offiziersclub stürmen wollen. Zuvor hatte es in Kairo Gerüchte gegeben, dass sich Mursi dort aufhalten könnte. Die Muslimbruderschaft spricht dagegen von Angriffen auf friedliche Demonstranten beim Morgengebet. Die Staatsanwaltschaft hat inzwischen Untersuchungen aufgenommen.

Das Blutbad markiert eine weitere Stufe der Eskalation der Staatskrise, in der Ägypten seit dem Sturz von Mohammed Mursi steckt. Die Regierungsbildung wird schwieriger, die Proteste werden nun an Schärfe zunehmen. Auch vor dem Krankenhaus ist das zu spüren. Während Edin spricht, klingelt sein Handy pausenlos. "Das ganze Dorf will kommen", sagt er. "Bisher haben wir nur für Mursi demonstriert. Jetzt ist es persönlich."

Für die Islamisten ist es eine Frage des politischen Überlebens, und die betrifft nicht nur die Muslimbrüder, sondern auch die islamistische Nur-Partei. Diese hatte zunächst Seite an Seite mit den Mursi-Gegnern gestanden, änderte aber plötzlich ihre Strategie. Am Wochenende torpedierte die Nur-Partei erst die geplante Ernennung des Friedensnobelpreisträgers Mohamed ElBaradei zum Premierminister, am Montag zog sie sich dann komplett aus den Verhandlungen über eine neue Regierung zurück. Begründung: die Eskalation der Lage in Kairo.

Die Todesverachtung der Demonstranten

Damit blockiert die Nur-Partei faktisch den Plan des Militärs, denn der verlangt explizit eine Einbindung aller Fraktionen in den Erneuerungsprozess - auch die der Islamisten. Doch was haben die Ultrakonservativen von ihrer Taktik?

  • Es geht um ein Zeichen nach innen. Die Klientel der Nur-Partei erwartet eine deutliche Reaktion auf das vermeintlich brutale Vorgehen der Armee.
  • Es geht um den Machterhalt der Islamisten insgesamt. Denn obwohl die Nur-Partei sich von ihrem einstigen Verbündeten Mursi abgewandt habe, verfolgten Salafisten und Muslimbrüder gemeinsame Ziele, sagt Ayman Hamed von der ägyptischen Zeitung "al-Tahrir". Es sei durchaus denkbar, dass die neuen Machthaber demnächst alle religiösen Parteien verböten. Dann hätte sich die Nur-Partei durch ihre Mithilfe zur Entmachtung Mursis selbst geschadet.

Die Muslimbrüder selbst setzen im Kampf gegen ihre Entmachtung auf ihre Anhänger. Der politische Arm der Muslimbrüder, die Partei "Freiheit und Gerechtigkeit", rief am Montag zu einem landesweiten Aufstand gegen die Armee auf. Die Partei erwarte "einen Aufstand des großen ägyptischen Volkes".

Das Kalkül: Je mehr Menschen für sie demonstrieren, desto vehementer können sie auf ihre Ansprüche pochen. Der Druck ist umso größer, weil die Unterstützer offenbar bereit sind, für ihre Sache zu sterben. Ihre Todesverachtung tragen viele zur Schau. Einige Männer haben weiße Stoffbahnen bei sich: als Leichentücher, in denen sie beerdigt werden können, falls sie im Zuge der Demo sterben sollten. Andere haben sich mit Kugelschreiber ihren Namen und die Telefonnummer ihrer Eltern auf die Arme geschrieben. Für den Fall, dass ihnen etwas zustoßen sollte.

mit Material von dpa

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insgesamt 38 Beiträge
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1.
thinkrice 08.07.2013
Werden eigentlich auch die Muslimbrüder an der Bildung der Übergangsregierung beteiligt? Sollte dies nicht der Fall sein braucht man sich doch nicht wundern, wenn jetzt eine Gewaltspirale entsteht. Ägypten wird, wenn es diesen Weg weiterbeschreitet, in den nächsten Wochen blutige Tage erleben. Man kann nur hoffen, dass es eine Übergangsregierung mit der Beteiligung aller Parteien und Fraktionen gibt. Alles andere, wäre der Freifahrtschein ins Chaos!
2. Beteiligung
AxelSchudak 08.07.2013
Zitat von thinkriceWerden eigentlich auch die Muslimbrüder an der Bildung der Übergangsregierung beteiligt? Sollte dies nicht der Fall sein braucht man sich doch nicht wundern, wenn jetzt eine Gewaltspirale entsteht. Ägypten wird, wenn es diesen Weg weiterbeschreitet, in den nächsten Wochen blutige Tage erleben. Man kann nur hoffen, dass es eine Übergangsregierung mit der Beteiligung aller Parteien und Fraktionen gibt. Alles andere, wäre der Freifahrtschein ins Chaos!
Es gab ein Angebot an die Muslimbrüder sich an den Gesprächen zu beteiligen - das wurde abgelehnt, die Muslimbrüder wollten Mursi zurück und die vollständige Macht.
3. Das ist,
lyseas 08.07.2013
was Polybios meinte mit, dass Religion nur einen Nutzen für den Staat und die Gesellschaft hat, nämlich die Opferbereitschaft des Einzelnen zu erhöhen... *Kopfschüttel*
4. Militaerputsch
Malshandir 08.07.2013
Nun, ob die Nurpartei damit richtig agiert, Weiss ic nicht. Die Muslimbrueder werden sicher verboten. Das ist auch gut so. Natuerlich sind die bereit zu sterben, die Frage ist nur wieviel wirklich am Ende bereit sind, fuer Mursi sich niederschiessen zu lassen. Die Armeesind Saekularistn, fuer die sind die Muslimbrueder fantische Terroristen und man wird keine Skrupel haben, die Anzahl derer massiv zu reduzieren.
5. Dummheit
Malshandir 08.07.2013
Also man darf ja gerne friedlich demonstrieren, aber diese Angriffe, die durchaus glaubhaft sind, fuehren antuerlich zu einer Gegenreaktion.
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