Aus Sevare berichtet Matthias Gebauer
Es ist eine riesige Schlange von Autos, die ganz plötzlich in der kleinen Ortschaft Sevare in Zentral-Mali einfährt, schon das unablässige Hupen verheißt nichts Gutes. "Haut ab, so lange ihr noch könnt", schreit einer der schwitzenden Fahrer aus einem altersschwachen blauen Mercedes. Dann gibt er Gas, die anderen Autos der Kolonne rasen hinter ihm her. Innerhalb von Minuten ist der Staub so dicht, dass man die Hand kaum noch vor den Augen sehen kann. Panik bricht aus, an der Kreuzung versuchen die ratlos herumstehenden Menschen auf die wenigen Minibusse aufzuspringen. Alle wollen plötzlich weg.
Auch die Polizisten in der blau getünchten Hauptwache werden nun - es ist gegen 15 Uhr - plötzlich sehr nervös. Auf den klapprigen Holztischen klingeln permanent ihre Telefone, immer wieder kommen Kollegen hinein und schreien herum. "Wir können nicht mehr für Ihre Sicherheit garantieren", brüllt uns der stämmige Polizeichef an, "die Islamisten sind nur noch einige Dutzend Kilometer entfernt, meine Männer werden Sie nun umgehend an die Stadtgrenze fahren". Von dort aus, so der eindeutige Rat, solle man so schnell wie möglich zurück in die 700 Kilometer entfernte Hauptstadt Bamako fahren.
Was sich wenige Kilometer weiter nördlich ereignet, ist zu diesem Zeitpunkt nur per Telefon zu erfahren. Aufgeschreckte Anwohner berichten von heftigen Kämpfen in der Stadt Konna. "Pick-Ups fahren durch die Straßen, als erstes haben die islamistischen Kämpfer vor einer Kirche gestoppt und mehrere Raketen darauf abgefeuert", sagt eine Bewohnerin. Zuvor habe es heftige Kämpfe mit dem Militär gegeben, nun lägen auf den Straßen Leichen von malischen Soldaten. Die Armee hat zu diesem Zeitpunkt den Kampf bereits aufgegeben, wer noch lebt, flieht vor den vermummten Kämpfern.
Mit den Ereignissen vom Donnerstagnachmittag hat die Krise in Mali einen neuen Höhepunkt erreicht. Zum ersten Mal seit der monatelangen Besetzung des Nordens durch radikal-islamistische Gruppen ziehen deren Kämpfer nun weiter in Richtung Süden. Sie vergrößern damit ihr Einflussgebiet, das schon heute so groß wie Frankreich und Spanien ist. Noch ist die Hauptstadt Bamako weit entfernt von der sich verschiebenden Frontlinie zwischen ihrem Gottes-Staat und dem Rest von Mali. Doch der Donnerstag zeigte deutlich, dass die Armee den Rebellen nicht viel entgegen zu setzen hat.
Dutzende Leichen und viele Verletzte
Die Region, in der bis in die Nacht gekämpft wurde, ist strategisch wichtig. Schaffen es die Rebellen, eine Koalition aus drei Terrorgruppen, auch die Ortschaft Mopti einzunehmen, kontrollieren sie ein weiteres Stück der wichtigen Nationalstraße. Schon jetzt haben sich die Kämpfer in Gao, Timbuktu und Kidal, den größeren Ortschaften des Nordens, mehr oder minder eingebunkert, haben Versorgungslager und Tunnel zur Verteidigung eingerichtet.
Noch am Morgen hatte die Armee versucht, die Lage ganz anders darzustellen. Militärsprecher gingen in der Hauptstadt vor die Presse und berichteten von Erfolgen der eigenen Truppen. Sie wollten sogar Geländegewinne bei einer angeblichen Offensive gegen die Islamisten gemacht haben. Ein General behauptete sogar, man habe eine von den Rebellen eingerichtete Grenzstation zu ihrem Territorium eingenommen. Während er hunderte Kilometer von der Frontlinie entfernt diese Statements abgab, waren in Konna bereits heftige Kämpfe ausgebrochen.
Was sich dort während des Tags abspielte, lässt sich nur erahnen. Ein Arzt aus Sevare berichtete per Telefon, am Abend seien aus der nördlich gelegenen Ortschaft Dutzende Leichen und noch viel mehr Verletzte eingeliefert worden, fast alles Soldaten der malischen Armee. Der örtliche Befehlshaber verschleierte die desolate Lage nicht. "Wir versuchen, die Stadt zu halten", so Kommandant Sekou Drame, "doch wir haben nur einige hundert Männer und kaum schwere Waffen hier". Die Islamisten hingegen kündigten per Twitter an, schon beim Abendgebet in Sevare zu sein, wenn Gott ihnen helfe.
Hoffnungen auf eine Verhandlungslösung scheinen mit dem Vormarsch in Richtung Süden kaum noch angebracht. Schon zu Beginn der Woche, als es die ersten heftigen Kämpfe in Zentralmali gab, wurden die Treffen in Malis Nachbarland Burkina Faso von dieser Woche auf Ende Januar verschoben. Gestärkt durch die Geländegewinne dürfte es aber schwierig werden, die Rebellen zum Nachgeben zu bringen. Dass Dschibril Bassole, Burkina Fasos Außenminister, am Abend zu einer Einhaltung der vereinbarten Waffenruhe aufrief, wirkte da wie pures Wunschdenken.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Mali | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH