Krise in Mali: Islamisten überrennen Grenze zum Süden

Aus Sevare berichtet

Es gibt kaum noch Hoffnungen auf eine friedliche Lösung der Krise in Mali. Denn die Islamisten haben in dem westafrikanischen Land eine Offensive gestartet - ohne nennenswerte Gegenwehr des Militärs. Das Einflussgebiet der Rebellen wird immer größer.

Islamistische Kämpfe in Mali: Die Macht der Rebellen wird immer größer Zur Großansicht
AFP PHOTO / SITE Monitoring Service

Islamistische Kämpfe in Mali: Die Macht der Rebellen wird immer größer

Es ist eine riesige Schlange von Autos, die ganz plötzlich in der kleinen Ortschaft Sevare in Zentral-Mali einfährt, schon das unablässige Hupen verheißt nichts Gutes. "Haut ab, so lange ihr noch könnt", schreit einer der schwitzenden Fahrer aus einem altersschwachen blauen Mercedes. Dann gibt er Gas, die anderen Autos der Kolonne rasen hinter ihm her. Innerhalb von Minuten ist der Staub so dicht, dass man die Hand kaum noch vor den Augen sehen kann. Panik bricht aus, an der Kreuzung versuchen die ratlos herumstehenden Menschen auf die wenigen Minibusse aufzuspringen. Alle wollen plötzlich weg.

Auch die Polizisten in der blau getünchten Hauptwache werden nun - es ist gegen 15 Uhr - plötzlich sehr nervös. Auf den klapprigen Holztischen klingeln permanent ihre Telefone, immer wieder kommen Kollegen hinein und schreien herum. "Wir können nicht mehr für Ihre Sicherheit garantieren", brüllt uns der stämmige Polizeichef an, "die Islamisten sind nur noch einige Dutzend Kilometer entfernt, meine Männer werden Sie nun umgehend an die Stadtgrenze fahren". Von dort aus, so der eindeutige Rat, solle man so schnell wie möglich zurück in die 700 Kilometer entfernte Hauptstadt Bamako fahren.

Was sich wenige Kilometer weiter nördlich ereignet, ist zu diesem Zeitpunkt nur per Telefon zu erfahren. Aufgeschreckte Anwohner berichten von heftigen Kämpfen in der Stadt Konna. "Pick-Ups fahren durch die Straßen, als erstes haben die islamistischen Kämpfer vor einer Kirche gestoppt und mehrere Raketen darauf abgefeuert", sagt eine Bewohnerin. Zuvor habe es heftige Kämpfe mit dem Militär gegeben, nun lägen auf den Straßen Leichen von malischen Soldaten. Die Armee hat zu diesem Zeitpunkt den Kampf bereits aufgegeben, wer noch lebt, flieht vor den vermummten Kämpfern.

Mit den Ereignissen vom Donnerstagnachmittag hat die Krise in Mali einen neuen Höhepunkt erreicht. Zum ersten Mal seit der monatelangen Besetzung des Nordens durch radikal-islamistische Gruppen ziehen deren Kämpfer nun weiter in Richtung Süden. Sie vergrößern damit ihr Einflussgebiet, das schon heute so groß wie Frankreich und Spanien ist. Noch ist die Hauptstadt Bamako weit entfernt von der sich verschiebenden Frontlinie zwischen ihrem Gottes-Staat und dem Rest von Mali. Doch der Donnerstag zeigte deutlich, dass die Armee den Rebellen nicht viel entgegen zu setzen hat.

Dutzende Leichen und viele Verletzte

Die Region, in der bis in die Nacht gekämpft wurde, ist strategisch wichtig. Schaffen es die Rebellen, eine Koalition aus drei Terrorgruppen, auch die Ortschaft Mopti einzunehmen, kontrollieren sie ein weiteres Stück der wichtigen Nationalstraße. Schon jetzt haben sich die Kämpfer in Gao, Timbuktu und Kidal, den größeren Ortschaften des Nordens, mehr oder minder eingebunkert, haben Versorgungslager und Tunnel zur Verteidigung eingerichtet.

Noch am Morgen hatte die Armee versucht, die Lage ganz anders darzustellen. Militärsprecher gingen in der Hauptstadt vor die Presse und berichteten von Erfolgen der eigenen Truppen. Sie wollten sogar Geländegewinne bei einer angeblichen Offensive gegen die Islamisten gemacht haben. Ein General behauptete sogar, man habe eine von den Rebellen eingerichtete Grenzstation zu ihrem Territorium eingenommen. Während er hunderte Kilometer von der Frontlinie entfernt diese Statements abgab, waren in Konna bereits heftige Kämpfe ausgebrochen.

Was sich dort während des Tags abspielte, lässt sich nur erahnen. Ein Arzt aus Sevare berichtete per Telefon, am Abend seien aus der nördlich gelegenen Ortschaft Dutzende Leichen und noch viel mehr Verletzte eingeliefert worden, fast alles Soldaten der malischen Armee. Der örtliche Befehlshaber verschleierte die desolate Lage nicht. "Wir versuchen, die Stadt zu halten", so Kommandant Sekou Drame, "doch wir haben nur einige hundert Männer und kaum schwere Waffen hier". Die Islamisten hingegen kündigten per Twitter an, schon beim Abendgebet in Sevare zu sein, wenn Gott ihnen helfe.

Hoffnungen auf eine Verhandlungslösung scheinen mit dem Vormarsch in Richtung Süden kaum noch angebracht. Schon zu Beginn der Woche, als es die ersten heftigen Kämpfe in Zentralmali gab, wurden die Treffen in Malis Nachbarland Burkina Faso von dieser Woche auf Ende Januar verschoben. Gestärkt durch die Geländegewinne dürfte es aber schwierig werden, die Rebellen zum Nachgeben zu bringen. Dass Dschibril Bassole, Burkina Fasos Außenminister, am Abend zu einer Einhaltung der vereinbarten Waffenruhe aufrief, wirkte da wie pures Wunschdenken.

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insgesamt 62 Beiträge
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1.
Atheist_Crusader 10.01.2013
Klar. Für eine kleine Spende ließen sich sicher ein paar davon überreden. Für einen geringen Aufschlag kriegt man sogar endgültige Lösungen. Da hat Afrika Spitzenkräfte mit einem Know-How und einer Arbeitsethik, die wir hierzulande seit mehr als einem halben Jahrhundert nicht mehr gesehen haben. Weniger Hemmungen, auch da anzupacken wo es (PR-technisch) weh tut und sich nicht an Unkenrufen aus dem Ausland stören. Für ein vergleichsweise geringes Entgelt könnte man da leicht eine Übereinkunft erzielen, die auch unsere eigenen personellen Ressourcen schont und vor Verlust von Humankapital führt. Aber genau deswegen werden wir auch keinen davon einstellen. Wir outsourcen das lieber an französische und amerikanische Subunternehmer und bezahlen das dann am Ende aus der NATO-Kasse. Die liefern zwar gröbere und schlechtere Arbeit als die vielen lokalen Anbieter die sie aus dem Geschäft drängen, aber dafür haben sie die bessere PR und können uns besser davon überzeugen dass uns wirklich etwas an diesen Leuten liegt und unsere Motivation sich nicht bloß wirtschaftliche Fragen und "wir wollen nicht noch mehr gewalttätige Moslems die in der Gegend rumlaufen, Ungläubige umbringen, antikes Zeug in die Luft sprengen und staatliche Strukturen von Vorgestern installieren" beschränkt. Es gibt Tage, da wünscht man sich regelrecht, dass die Bundesregierung tatsächlich der finstere, blutrünstige Imperialistenhaufen wäre, als die sie so gern dargestellt wird. Das wäre wenigstens eine echte Richtung, die man mögen oder hassen könnte. Stattdessen erreichen wir 90% der Opfer zu 500% der Kosten durch pure Stümperei in Verbindung mit als Geschichtsbewusstsein maskierter Realitätsverleugnung.
2.
sbv-wml 10.01.2013
Zitat von sysopAFP PHOTO / SITE Monitoring ServiceEs gibt kaum noch Hoffnungen auf eine friedliche Lösung der Krise in Mali. Denn die Islamisten haben in dem westafrikanischen Land eine Offensive gestartet - ohne nennenswerte Gegenwehr des Militärs. Das Einflussgebiet der Rebellen wird immer größer. http://www.spiegel.de/politik/ausland/krise-in-mali-islamisten-ueberrennen-die-grenze-in-den-sueden-a-876903.html
Da Mali bis 1960 französische Kolonie war, sollte Hollande mal die Legion etrangere in Bewegung setzen. Dann würde der Spuk vermutlich nicht mehr lange dauern.
3. Ich wüsste gerne ein paar Dinge.
cyn 10.01.2013
SPON, bitte finden Sie doch bitte heraus: Wo haben die Islamisten die Waffen her? Wer verkauft ihnen Benzin? Wer gibt ihnen Geld um Benzin zu kaufen. Wer gibt Geld für Munition und Proviant? Wer bildet die Kommandeure aus? Das wüsste ich alles nur zu gerne.
4. zu 4.
materialist 10.01.2013
Der Toyota Pick-Up auf Bild 3 stammt aus Libyen.Die libyschen Neu-Demokraten und Neu-NATO-Kumpel hatten von diesen Dinger mit genau derselben seitl.Bemalung hunderte.Munition und Proviant wird sicherlich durch die Musterdemokratien in Saudi Arabien und Katar finanziert.
5. Stimmt.
n01 10.01.2013
Es fehlt einfach das Durchsetzungsvermögen, der momentan noch größten Streitmacht der Welt. Der Nato. Eigentlich eine gewaltige Armee. Hier werden lieber Gesetze diskutiert über Krümmungsradien von Gurken, die ansonsten nicht in die Eu- Norm passen. Es werden Millionen in Flughäfen ohne Eröffnungsziel gepumpt. Es wird alles mögliche geregelt und hin und her. Aber wer sagt diesen Islamisten einmal nur: Stop! Nun ist es genug. Noch ein Schritt weiter, und Ihr werdet etwas erleben, das Euch die Hosen flattern. Ich denke, dies wäre eine klare Sprache, für Menschen, die es nicht gewohnt sind, Grenzen zu sehen.
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Bevölkerung: 15,370 Mio. Einwohner

Fläche: 1.240.194 km²

Hauptstadt: Bamako

Staatsoberhaupt:
Ibrahim Boubacar Keita

Regierungschef: Moussa Mara

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